Julius

Dieser Artikel wurde von Julius erschaffen, der sonst üblicherweise bei VRU Berlin irgendwas macht.

Die Blogrebellen haben also Geburtstag und ich denke an die Zeit vor dieser ganzen Interweb-Geschichte nach. Ich erinnere mich, dass wir als Kinder auf die Straße gerannt sind, wenn es draußen gekracht hat oder wir beeindruckt waren, wenn uns der Onkel Kartentricks gezeigt hat. Heute ist man nicht mal mehr beeindruckt, wenn ein zweiköpfiger Affe in einem Cocktailkleid Rachmaninow auf einem Flügel vorträgt. Alles ist boring, lame, old oder fake.


Illustration: © 2010 NeuroPeach

Ein einfacher Versuchsaufbau: wir setzten uns Kopfhörer auf, drehen die Lautstärke bis zum Maximum auf und drücken dann Play. Unser Trommelfell wird wohl sofort zerfetzt werden und sich um die Hirnrinde wickeln. Stellt man die Lautstärke jedoch gering ein und steigert diese langsam über die Dauer des Hörens, dann gewöhnt man sich. Nimmt man irgendwann die Kopfhörer ab, so ist man taub. Das ist ungefähr der Effekt den ich bei vielen meiner Artgenossen bemerke.

Aber bevor ich pauschal ein Urteil ausspreche, muss ich bedenken, dass ich mich selbst nicht davon ausnehmen kann. Kam der sogenannte Input vor einigen Jahren noch ausschließlich aus Zeitschriften, die teuer exportiert wurden, Piratenradios und Sendungen, die so spät nachts liefen, dass man manchmal vorher einschlief, so kommt der heutige Informationsstrom aus einer Standleitung. Es gibt Feedreader, Online-TV, Kino Te Oh, Pinnwände, Statusmeldungen, Wolken, Cluster und Streams, die uns unter Dauerfeuer genommen haben. Gekidnapped von iPhone und Flatrate-Paketen, lassen wir uns treiben und das Auge bleibt nur noch an den besonders WTFigen Bildern hängen.

Aber das Schlimmste daran ist, dass nicht mal mehr nachhaltige Wirkung durch den bizarrsten Content entsteht. Wer kann sich denn noch erinnern, warum er gestern drei Minuten am Stück lachen musste. Und wenn man durch einen Freund über Skype daran erinnert wird, heißt es dann: aaaaaalt, kenn’ ich schon. Als ob alles eine Halbwertszeit hätte, wie eben jene radioaktiven Atome, nur eben um ein vielfaches kürzer.

Das geht sogar soweit, dass die Musik, die einen interessiert, nicht älter als einen Monat sein darf, im besten Falle ist sie aber noch gar nicht erschienen. Da bekommt der Begriff „alter Hut“ ganz neue Dimensionen und man muss sich ernsthaft fragen, ob man noch angesagt ist, wenn man etwas gut findet, was sich solange wie eine Tankfüllung hält. Wann setzt eigentlich wieder der gesunde Menschenverstand ein, der einem sagt, dass eventuell auch Dinge mit Bestand tatsächlich auch gut sein können? Ja, ich gehe sogar soweit, dass sie sehr gut sein können!

Ich möchte mich auch nicht als Kulturpessimist oder gar wertkonservativer Wutbürger aufspielen. Und außerdem hab ich gar nicht die Zeit dafür, mein Feedreader hat schon wieder 1021 ungelesene Nachrichten und gerade klingelt mein iPhone. So long, ich muss mal weiterklicken, ist alles so schön bunt gerade…

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  1. millejano says:

    Endlich mal jemand der mir ein wenig aus dem Herzen spricht,

    laß dir gesagt sein, man kann was dagegen tun, einfach mal aktiv offline bleiben. Ist schwer aber, man mags kaum glauben, man stirbt nicht wenn man nicht alle 300 und mehr neue Nachrichten bei Facebook ließt und manchmal lebt es sich dadurch echt leichter.

    Bei der Musik kann ich dich jedoch nicht verstehen, gibt es doch sooo vieeeel geilen alten Scheiß im Sinne von ‘die alten Sachen fand ich ja ganz gut, die neuen nicht’!

    Um mit Huxleys Worten zu enden: ‘Der Mensch von heute hat nur ein einziges wirklich neues Laster erfunden: die Geschwindigkeit.’

  2. Julius says:

    Da muss du mich wohl missverstanden haben. Ich kritisiere ja genau diese Haltung. Mir ist es doch herzlich egal, wie alt Musik ist. Ich entsorge doch nicht meine Plattensammlung, weil sie älter als ein Monat ist. Also insofern sind wir doch wieder einer Meinung. So long!

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