Sven Swift

Nas hat Hip Hop bereits 2006 für tot erklärt, und er war zu diesem Zeitpunkt nicht der erste. Tatsächlich lässt sich die Anzahl wirklich großartiger Rap Alben seit Anfang des zweiten Jahrtausends an beiden Händen abzählen. Das Golden Age ist lange vorbei und außer Kanye Wests’ als Hip Hop Album getarnte Multimedia Operette „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ wird dann wohl auch 2010 nichts in Erinnerung bleiben. Bevor ich zu meinem eigentlichen Artikel komme, müssen zur Ehrrettung des klassischen Hip Hop Formates daher zwei Veröffentlichungen mit roher, futuristischer Rapmusik genannt sein. Niemand sollte in 2010 die selbstbetitelte EP des Wolf Gang (Bild) Nesthäkchens Earl Sweatshirt verpasst haben, genau so wenig wie das Posse Tape des Green Llama Kollektives „Llamaville“. Check auch Earls krasses „Horrorcore“ Video „EARL“. Zwei Crews aus L.A., von denen in 2011 zu hören sein wird. Period.

Während sich Nas’ Prophetenspruch für das neue Jahrzehnt zu bewahrheiten scheint, wenn es um die Relevanz, kommerzielle Verwertbarkeit und das Zukunftspotential von Rap geht, so erfährt Hip Hop in seiner instrumentalen, elektronischen Variante eine ungeahnte Frischzellenkur. Ironischerweise war es Anfang 2010 Dibiase (Video), Produzent und Mastermind der Green Llama Bewegung, dem auffiel, dass der MC verschwindet und immer häufiger Produzenten in den Vordergrund treten. Kein neuer Trend, bedenkt man die Tatsache das Beatschmiede wie J-Dilla, Madlib, Dabrye und Flying Lotus aber auch Timberland, die Neptunes oder natürlich Dr. Dre lange etabliert sind. Das Verschwinden des MCs, however, ist wohl die neue Entwicklung…

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=J4EYI0Xc8xI[/youtube]

Dibiase selbst hat neben dem Llama Tape eine vielbeachtete (und kontrovers diskutierte) LP mit unbehauenen, elektronisch-kratzenden und tief in der Rap-Historie verwurzelten Beats veröffentlicht („Machines Hate Me“). Der Produzent aus L.A. ist damit Teil des Alpha Pup Labels, das mit Releases von Take, Nosaj Thing und Daedalus in letztem Jahr zentral für die Kalifornische „Beatscene“ war. Das wichtigste Album für instrumentalen Hip Hop stammt (wieder) von Flying Lotus (Bild). Sein „Cosmogramma“ schließt an „Los Angeles“ von 2008 an, übertrifft und erweitert dessen Form aber um Längen. „Cosmogramma“ ist kein einfaches Album, aber ein Werk, dem man in zehn Jahren noch Referenz erweisen wird.

Flying Lotus betreibt zudem das Brainfeeder Label. Hier haben Lorn und der fiese Gaslamp Killer in 2010 debütiert, zudem konnte Brainfeeder den umtriebigen Künstler und Produzenten Teebs (Bild 1) signen. Dessen Tapes bereichern die Szene schon seit zwei Jahren mit ihren ätherischen, verwaschenen Beats, die an eine tropische Variante des 2010er Hypes „Chillwave“ (aka Glo-Fi aka Witch House aka whatever) denken lassen. Gemeint ist damit eine meist düstere, von viel Gitarre und Synthesizer und verhallten Vocals getragene Popmusik, die zwar rau und lo-fi daherkommt, typischerweise aber sehr melodiös ist. Die Crystal Castles, Neon Indian oder Small Black können als erste check names herhalten. Mit Tory Y Moi und dem großartigen BATHS (Bild 2, Album „Cerulean“ auf Anticon) hat die Szene außerdem Überschneidungen mit Rapmusik.

Generell lässt sich feststellen, dass viele junge Hip Hop Produzenten einen diffusen, dreckigen Sound entwickeln, der Elemente aus Ambient, Lo-fi und experimenteller Musik mit Rap, düsterem Dubstep und IDM zusammenbringt. Neben Teebs muss hier vor allem S.F. Wunderkind Shlohmo (Bild) genannt werden, der nach seinem 2009er Tape „Shlo-Fi“ zwei Veröffentlichungen mit dem Friends of Friends Label verbuchen konnte. Sein klaustrophobisch verdichteter Sound aus vielen Klangschichten und massivem side chain wird bereits als Genre definierend beschrieben. Shlohmo entstammt der Wedidit Crew, der auch die Bayarea Hoffnungsträger Jonwayne, LandLord, eLan und Juj angehören. Letzterer hatte mit „Slack“ ein fantastisches Tape, das sich frei herunterladen lässt. LandLord aka Groundislava sind von Friends of Friends gesignet worden, eLan wird von Modeselektor protegiert und Jonwayne könnte bei Stones Throw oder Leaving Records unterschrieben haben, die Szene rätselt.

Leaving Records und Non Projects sind zwei weitere Westküsten Labels, die Musik veröffentlichen, die Hip Hop in Richtung Ambient und Musique Concrète und Avantgarde Pop entwickeln. Die Highlights in 2010 waren sicher Dem Hunger, yuk. und dak auf Leaving Records, so wie die Ana Caravelle LP „Basic Climb“ für Non Projects. Haltet ein Auge auf die „International“ EP von Leaving Records Chef und Alpha Pup Gehaltsempfänger matthewdavid, die im Frühling auf Brainfeeder erscheint! Hat Jemand Filz geschrien? OK. Der Klick auf das Bild bringt euch zu davids‘ XLR8R Podcast.

Auch wenn es nicht allen gefällt – Los Angeles dominiert die Szene für thinking mans’ Hip Hop überdeutlich. Aber auch auf dem Europäischen Kontinent tut sich was. Obwohl auch die USA zunehmend mit spannenden Beiträgen zum Thema auffallen, bleibt das Vereinigte Königreich auch 2010 Mutterland von Dubstep, dessen Rhythmus Signatur und Klangästhetik fast immer auch eine Rolle im Sound der oben besprochenen Hip Hop Künstler spielt. Dubstep hat sich dabei zu einem schillernden Chamäleon entwickelt, unter dessen Namen wobble-wobble Party Tracks genauso wie minimale Techno Hybriden oder atmosphärische Gitarrenpop Werke zusammengefasst werden. Die Spanne von Slugabed zu Spatial zu Forest Swords ist weit, um nur die wenigsten der in 2010 geglänzten Namen zu nennen.

Nicht verpasst haben sollte man außerdem die LP „Crooks and Lovers“ von Mt. Kimbie, die in die letzte Kategorie fallen und häufig als Referenz zum Begriff „Post Dubstep“ (bitte kotzen Sie jetzt) herangezogen werden. Während sich Dubstep auf dem Weg aus der wobble-Falle also in Teilen der Popmusik zuwendet, greift die wichtigste Popgruppe von 2009 (bzw. überhaupt), The XX, vermehrt auf Elemente des Dubstep zurück und gebiert aus Feinsinn, 80er Düsterwave und dezenter Elektronik etwas Zeitloses. Bassist Jamie XX (Bild) wird in 2011 zudem mit seiner Dubstep Interpretation des Gil Scott-Heron Albums „I’m New Here“ glänzen – eine spannende Entwicklung!

Die Szene für instrumentalen Hip Hop und Dubstep in Detuschland ist klein, aber fein. Zum Ende des Jahres hat Neu-Londoner fLako seine langerwartete Debut EP „Mini Tollbooth“ veröffentlicht. Die 12“ ist auf Project Mooncircle herausgekommen, dass selbe Label, das schon früh in 2010 mit Robot Kochs’ (Bild) zweiter Langrille aufgefallen war. Der Passauer Swede:art debütiert nach seinem Beattape von 2009 und der Teilnahme an der Red Bull Music Academy in London mit „Emotional Colors“ auf Tokyo Dawn Records. Comfort Fit veröffentlicht mit Tokyo Dawn ein neues Album und schiebt seine „Private Primate“ EP hinterher. Dexter und Suff Daddy verfeinern Ihren stärker an Jazz und Boom Bap angelehnten Style mit LP Releases für Melting Pot Music. Das Frankfurter DJ Wunderkind B-Ju markiert das Revier mit seiner „Dog Day“ EP und einer 12“ auf Dirty Bird.

Die aufregendste Entwicklung findet 2010 aber weder in den Staaten, noch in Großbritannien statt. Anfang 2010 veröffentlicht Error Broadcast die Debut EP „Lucid Freaks“ des Moskauer Produzenten Pixelord (im Bild rechts). Zusammen mit der zugehörigen Remix LP tritt auf einmal eine Riege frischer Musiker an, die Regeln von Hip Hop, Dubstep, IDM, Ambient und Pop neu zu definieren. Democrazy, OL, Miracle Libido und vor allem DZA treffen auf „Lucid Freaks pt. 2 – The Remixes“ zum ersten mal auf eine breitere Öffentlichkeit. Kurz danach erscheint das Beattape „Five-Finger Discount“ des Red Bull Academy-Absolventen DZA (im Bild links), welches bis tief in das Herz der US Amerikanischen Beatscene vordringt.

dzapixelord

Die Kompilation „Fly Russia“ als Gemeinschaftsprojekt von Gimme5 und Error Broadcast im Sommer 2010 bringt die Russische Szene auf den Punkt. LA Weekly und Pitchfork bringen umfangreiche Feature Artikel, und die Welle an Blogsupport ist überwältigend. Neben den oben genannten, erhalten die Produzenten Moa Pillar, 813 und die Wols Crew besondere Aufmerksamkeit. „Fly Russia“ kommt in der Bonus Version mit einem neuen Track des mysteriösen Lapti (Bild), ODB und J. Dilla der Russischen beatscene in einer Person. Von Lapti ist in 2011 einiges zu erwarten, haben doch Leaving Records und Gimme5 bereits Releases angedeutet.

Schon 2010 hat OL zwei weitere Veröffentlichungen nachgelegt („Random Phase“ und „Kurivolo“), die Debut EP von 813 ist erschienen und DZA hat über das Schottische Black Acre Label eine 12“ herausgebracht. Pixelord dockt mit seiner „Love Is“ EP an das Amerikanische Car Crash Set Label an, während das Democrazy Duo (hmot und Damscray) aller Orten mit dopen Remixen in Erscheinung tritt und die Szene ansonsten durch den Gimme5 Blog bereichern. Project Mooncircle spendiert dem Russischem Produzenten Pavel Dovgal eine Vinyl Veröffentlichung und stellt für die „Finest Ego“ Serie eine eigene Kompilation zusammen. Das dem Wols-Umfeld entsprungene FUSElab Label feiert seinen Relaunch Ende 2010 mit dem Sampler „Re-Jumble“, die zwar Produzenten aus ganz Europa zusammenstellt, aber einen deutlichen Russland Fokus hat. Besonders Slow (Bild) muss hier hervorgehoben werden. Genau wie Pixelord hat Slow (aka Feldmaus) seine Wurzeln in experimentellem Ambient, wendet sein Wissen um räumliche Tiefe und Texturen aber kongenial auf Beatmusik an. Es scheint, als hätte im Osten Jemand ein Wespennest angestochen. Ich bin gespannt, was 2011 bringt. Cheerio!

NICHTS VERPASSEN - FOLGE UNS!
Follow us on Flipboard              
  1. o. says:

    Hehe: „der fiese Gaslamp Killer“ ;-)

    Sehr sehr schöner Artikel über diese neuen höchst erfreulichen Entwicklungen im (instrumentalen) Hiphop. sowas würd ich gerne regelmäßig in einer Musikzeitschrift lesen, ohne den anderen Lil wayne und Bushido-Mist. Naja, egal. Danke jedenfalls schon mal. Ich ergänze mal, dass es letztes Jahr noch Ninja Tune´s Eskmo und das ein oder andere von Glitch Mob oder „We are Splatinum“ gab, was das Ohr erfreute !

  2. djc says:

    sehr feiner artikel. das einzigste was mich ein wenig aufhorchen lies, war der anfang, in dem gesagt wird aus 2010 wird man nichts in erinnerung behalten was rapmusik anbelangt … hmmm, was ist mit the left, gangrene, iron lyon, smiley the ghetto child, dna, damu the fudgemunk, son kas, alternate reality, the lost children of babylon, das fest…. und so weiter und sofort. natuerlich sind diese kuenstler nicht im mainstream angekommen, aber ich denke die aussage, dass 2010 nichts an guter hip hop musik haengen bleiben wird, ist so nicht ganz richtig. blessings.

  3. Edii says:

    Man was für ein Text. Das dauert ne Weile bis man da komplett durch ist. Hätte mir am Ende nochmal eine Übersicht zu den besten Links gewünscht. So bin ich immer wieder hängen geblieben. Hab den Link geklickt und bin dann wieder zurück. Dennoch starkes Teil. Stimme auch zu, dass es sogar für nen guten Zeitschriften Artikel reicht. Die Juice oder Backspin hätten bestimmt Interesse ;-)

  4. pEtEr Withoutfield says:

    @o. & @edii: Zeitschriften? Ihr meint Holzmedien?
    Natürlich würde dieser Beitrag einer Print-Zeitschrift sehr gut stehen. Aber ich finde, er ist schon im richtigen Medium veröffentlicht worden!! :D
    Thumbs up for Sven Swift!

  5. soriba says:

    ich find das richtig geil. das ja quasi mein persönliches musik jahr nochmal inner retrospective. und trotzdem is da noch so viel neues für mich dabei. riesenbeitrag. thx thx thx. an dieser stelle will ich nochmal eine lanze für die funkverteidiger brechen, die mich letztes jahr auch überraschten. und um nochmal auf die russische beatscene zurückzukommen watch out for jinna morocha, junges mädchen die mit gordon g. für die idee hinter dem großartigen mooncircle sampler „the moon comes closer“ steht. ich denke da werden wie letztes jahr wieder einige interessante mixe kommen. …..aber wie gesagt ein top text. gruß bojwolf flowjob

kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.