U8, das Heroin und mein Dilemma

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Das Amen-Projekt eines UDK Studenten machte die letzten Wochen zurecht die große Runde durch viele Blogs und alle Kanäle. Für seine Bachelor Arbeit entwarf der Student Plakate im Amen-Style und platzierte diese an die dazugehörigen Orte in Berlin. Eine tolle und schöne Idee, die nun auch die BLÖD-Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe in den Regionalteil packte.

Das tolle – aber auch schlimme – an dieser Aktion ist der Wahrheitsgehalt der Aussagen auf den Plakaten. Schon lange wollte ich etwas dazu schreiben, fand aber nicht die Zeit. Nun aber könnte der Anlass nicht passender sein.

Ich bringe fast jeden morgen unseren großen Nachwuchsrebellen zur Schule. Dafür müssen wir vom Moritzplatz nach Mitte mit der besagten U8 fahren und bekommen den Drogenhandel hautnah mit.
Schon früh morgens um 7:30 Uhr lungern die Dealer, meist eine Gruppe von 5-10 Leuten, auf dem Bahnsteig herum und geben sich nicht einmal die Mühe ihre Geschäfte auch nur ansatzweise geheim zu halten. Wenn sie nicht am Moritzplatz herum hängen, fahren sie eine Station weiter zur Heinrich-Heine-Straße und steigen dort wieder aus. Dort wartet dann die nächste Kundschaft auf ihren Stoff. Ist der Checker mit dem Stoff gerade am anderen Bahnhof, wird die Kundschaft von dessen Entourage einfach mit zurück zur nächsten Station genommen. Das ganze Spiel ist so offensichtlich, dass es jedem auffallen sollte, der zwei mal diese Strecke gefahren ist.

Bevor ich Kinder hatte war mir so etwas relativ wurscht, heute muss ich allerdings ehrlich zugeben, dass mir das tierisch auf den Sack geht! Meinem Sohn ist der Handel zum Glück noch nicht aufgefallen und ich musste ihm das noch nicht erklären. Trotzdem steht jetzt schon fest, dass mein Sohn in absehbarer Zeit definitiv nicht alleine diese Fahrt auf sich nehmen wird.

Tja und nun sitze ich “Oberrebell” hier, schreibe diese Zeilen und frage mich, ob ich nun wirklich so spießig geworden bin wie ich mich gerade fühle. Muss man so etwas akzeptieren wenn man in Kreuzberg wohnt? Schaut man da einfach weg? Bekomme ich den Gentrifizierungs-Knüppel um die Ohren geschlagen, wenn ich mir wünsche, dass das aufhört? Oder muss man mit Kindern dann doch einfach Kreuzberg verlassen und in den Speckgürtel ziehen? Ich weiß es nicht.

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13 KOMMENTARE

  1. Ich glaube die Spießigkeit liegt nicht in der Art und Weise wie man das findet, denn Drogenhandel muss man ja auch als Rebell oder Bohèmien nicht gut finden. Den Spießer unterscheidet vom aufgeklärten Menschen, dass er das “Gesocks” einfach weghaben will und nicht auf die Idee kommt sinnvolle Konzepte (Fixstuben, kontrollierte Abgabe, Methadon, Stadtteilarbeit wat wees ick) zu unterstützen. Wegschauen, wegziehen und beklagen hilft keinem weiter, aber wo ein Problem ist da gilt es Stellung zu beziehen. Außerdem gibt es interessante Studien zur städteplanerischen Begünstigung von “Verwahrlosung” im öffentlichen Raum. Manche Plätze sind einfach schon strukturell so angelegt, dass sie bestimmte Szenen begünstigen. Z.b. sind (bzw. waren) der Neumarkt in Köln und der Hermannplatz in Berlin typisch verdächtige Orte und lassen deutliche strukturell-architektonische Ähnlichkeiten (Stichwort: Niemandsland) erkennen… Also Entlastung für dich pEtEr: Toll finden muss man das nicht, der Unterschied liegt in der Reaktion: Ignoranz und Obrigkeitsgeschreie oder Einmischen und sinnvolle Projekte pushen?

  2. “Den Spießer unterscheidet vom aufgeklärten Menschen, dass er das “Gesocks” einfach weghaben will und nicht auf die Idee kommt sinnvolle Konzepte (Fixstuben, kontrollierte Abgabe, Methadon, Stadtteilarbeit wat wees ick) zu unterstützen.”

    Alles gesagt.

  3. Also für sinnvolle Angebote an die USER (Fixerstuben, etc.) zu sein und GEGEN die agressive Präsenz der Dealer im öffentlichen Raum, wäre dann spießig und verachtenswert?

  4. Wo keine Abhängige da keine Dealer. Alte konservative Rhetorik nur von den “Kriminellen” zu sprechen und damit das ganze Problem als ein strafrechtliches vom Tisch zu fegen. Ist so einfacher, der Schweinsbraten schmeckt wieder und man kann der ganzen verhassten “Gutmenschen-Debatte” aus dem Weg gehen.

  5. fixstuben und spritzenautomaten gab es alles mal..dann kamen die leute mit ihren kindern und wollten das “weghaben”.da gabs sogar ne bürgerinitiative.jezze hängen die junkies wieder in häusern rum und setzen sich da ihren schuss.deinen sohn,peter bereitest du am besten darauf vor,indem du mit ihm darüber sprichst und ihn vllt darauf aufmerksam machst und es ihm erklärst.in berührung kommt er damit sowieso irgendwann.

  6. Aus dem Auge aus dem Sinn? Das ist ein Gesellschaftspropblem, das man durch Verdrängung nicht löst.
    Gehe mit den Kommentaren mit, lieber Aufklärung für Deine Kids als dass sie das später irgenwie selber mitmachen.
    Oder?

  7. Selbstverständlich werde ich mit meinen Kids darüber sprechen, versteht sich von selbst. Ich weiß nur nicht, ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt dafür ist.

    Ansonsten kann ich mich den Kommentatoren anschließen, den betroffen Abhängigen muss mit erwähnten Mitteln geholfen werden.

    @Barbnerdy: Ob meine Kids das später selbst machen hängt, wie du dir sicher vorstellen kannst, leider nur begrenzt in meinen Händen. Aufklärung, ein liebevoller Umgang, Geborgenheit etc. verringern das Risiko aber sicher enorm. Außerdem frage ich mich gerade, ob du mit “Aus dem Auge aus dem Sinn?” mich meintest? Ich hoffe ich habe in meinem Beitrag nicht den Eindruck erweckt, dass das mein Lösungsansatz ist/wäre. Ich schrieb lediglich “ich wünsche mir, dass das aufhört”. Und damit meinte ich diesen Handel in den Bahnhöfen.

  8. Drogenabhängigkeit ist etwas was ich nicht lösen kann und werde. Das ist eine tief verankerte kulturelle Sache. Wie die Gesellschaft dazu steht ist immer Zeit gebunden.

    Ich werde meinem Kind jetzt auch nix von Heroin und Drogen erzählen, damit überfordere ich ihn und das kann ganz schön nach hinten losgehen.
    Ich kann ihm aber eine Umgebung bieten in der er unbeschwert und frei in der Natur aufwachsen kann und sich ausprobieren kann. Nur so kann ein gesundes Selbstbewusstsein entstehen. Höhlen bauen auf Bäume klettern und sich das Knie aufschlagen. Damit müssen Kinder umgehen lernen und nicht mit Dealern.

    Wenn es Eltern gab, die die Fixerstuben und Automaten ‘weg haben’ wollten, so frage ich mich, ob das eine optimale Lösung war?

    Aufklärung allein hilft leider auch nicht, denn mittlerweile wissen wir ja alle auch, dass ungeschützter Sex das AIDS-Risiko erhöht und trotzdem benutzen sehr viele Jugendliche (und auch Erwachsene) keine Kondome. Das Alkohol schädlich ist wissen wir auch, trotzdem freuen sich die Jugendlichen wenn sie Flatrate-Saufen können bis der Krankenwagen kommt.

    Kurz: Wir denken, dass wir soviel ändern können und haben so viele Lösungen, aber werden das Problem nur verschieben bis die nächste Generation kommt.

  9. @Sub-Kid: Hast du da zufällig ne Studie oder einen Autor parat?

    Ich würde Heroin für Schwerabhängige (blödes Wort, kann mir nicht vorstellen dass man von Heroin nur leicht abhängig sein kann) auf Rezept rausgeben. Ist gesünder für die Menschen selbst und negative Effekte, wie der von dir beschriebene, Beschaffungskriminalität etc. wären auch größtenetils gelöst. Um so was umzusetzen, hätten wir aber alle in die Politik gemusst, sprich CDU, FDP, Linke, Grüne, SPD oder Piraten.

    Ne direkte Lösung habe ich auch nicht. Halt versuchen deine Kids selbstbewusst zu erziehen. Aufs Land würde ich auch erstmal nicht gehen. Da gibt es zwar weniger offene Drogenszenen, dafür wird dann alles hinter verschlossenen Türen konsumiert. Und gerade Crystal ist hauptsächlich auf dem Land in den USA, Sachsen, Bayern verbreitet …

  10. Ehrlicher Post, der die richtigen Fragen stellt. In die Situation kommt vermutlich jeder irgendwann mal, sei es als Vater/Mutter, Immobilienbesitzer o.ä. (halt die klassische “68er zu Vorstandsvorsitzendem”-Genese).

    Und jepp, entweder Flucht (Umzug, Speckgürtel) oder Flucht nach vorn (Engagement, Respekt).

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