Wir glücklichen Technik-Sklaven!

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Mit acht Jahren saß ich das erste Mal vor einem Computer. Wie das Ding heißt, was es kann und wo es herkommt, hat mich damals noch herzlich wenig interessiert. Die Hauptsache war, dass das Ding Pacman, Sokoban und Space Invaders konnte. Das konnte es. Was als Faszination für den Computer begann, findet sich heute in einer selbst gewählten Gefangenschaft wieder.

Nein, dies wird nicht das Bekennerschreiben eines Nerds. Dies ist eine kleine Geschichte von immer mehr frei gewählter Gefangenschaft, denn Ihr wisst schon: Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit. Auch ich bin so ein Sklave. Ich lasse mich auf ein repressives System ein, das mir so perfekt die Illusion bietet, ich sei der kreative Mittelpunkt der Erde, dass ich überhaupt nicht mehr durchschaue, wie stark ich mich in ein Koresett habe reinpressen lassen, das am Ende nur noch Mittelstrahl bei raus kommt.

Als mein Vater den ersten 286er nach Hause brachte, hatte ich mitnichten die Weitsicht zu erkennen, wie sehr der Personal Computer die Welt verändern würde. Dabei waren es genau die 80er Jahre, die den Siegeszug des PC einleiten würde. Was war das damals für ein Spaß: DOS-Befehle lernen, Englisch lernen, in Spielen wie Sim City in die Quelldateien reingehen und andere Farben einstellen oder Soundkarten einbauen, ausbauen, einbauen, ausbauen. Meine PC-Kinderschule war von Trial and Error geprägt. Nicht nur die natürlich.

Alles super, solange wir es so machen, wie Du willst!
Mit 14, 15 Jahren kannte ich mich so gut mit Rechnern aus, dass ich für Freunde, Bekannte und Verwandte nicht nur Programme, sondern Heimnetzwerke installierte. Das alles lernte man nebenbei, weil man sich mit dem Computer, den man benutzen wollte, einfach auskennen musste. Das ist heute anders. Heute braucht niemand mehr das Innenleben eines Rechners zu kapieren. Heute finden sicherlich 80 Prozent der Laptop-Nutzer bestimmte Quellverzeichnisse nicht mehr. Warum auch? Es läuft doch alles so schön.

Egal ob Grafik-Designer, Oma oder Agrarwissenschaftler – nahezu alle meine Bekannten haben sich mit größter Freunde, manche gar mit Pathos, in das geschlossene System von Apple einweisen lassen. Während die anderen Anbieter jahrelang darüber nur staunen konnten, ziehen sie jetzt nach und verwandeln sich auch zunehmend in gated communities, die nur den größten Tüftlern unter uns noch Einblicke in die Außenwelt gewähren. Apple aber ist der Klassenbeste. Kein anderes System schafft es eine solche Einheit aus Software und Hardware zu schmieden, um damit dem Nutzer grenzenlose Möglichkeiten zu versprechen – solange alles so läuft, wie sie es sich vorstellen.

Jeder Walkman konnte das!
Und tatsächlich: Es gibt nahezu nichts Vergleichbares am Markt, was durch Design und Funktion so sehr besticht. Auch dieser Text entsteht auf einem niegenagelneuen Retina-MacBook. Und eben dieses MacBook ist auch der Anlass für diesen Text. Vor nicht einmal vier Wochen habe ich mir zum zweiten Mal in meinem Leben einen Laptop von Apple zugelegt. Die Gründe dafür lagen für mich auf der Hand. Doch gestern Abend habe ich derart genau meine kreativen Grenzen aufgezeigt bekommen, dass ich mich heute frage, wie man sich eigentlich so das Handwerk legen lassen kann.

Wer einen Rechner für schlappe 1.500 Tacken kauft, kann doch eigentlich davon ausgehen, dass die Tonbuchse sowohl als Ausgang (Kopfhörer, Stereoanlage) wie auch als Eingang (Aufnahme, etc.) funktioniert. Klar hatte ich mich zunächst auch gewundert, dass das Gerät nur noch eine Buchse aufweist. Aber mit Blick auf die Systemeinstellungen wurde mir klar: Hey, das MacBook hat ein integriertes Mikrofon. Da wird das sicherlich eine kombinierte Audiobuchse sein. Vergiss es! Ich kann an meinen beschissenen 1.500 Euro Rechner kein externes Kabel anschließen, um etwas aufzunehmen, ein Mikrofon anzustöpseln oder etwas zu streamen. Das konnte jeder Walkman!

Ab an die Kette von Milliarden Dollar Konzernen!
Dies ist nur ein total simples Beispiel dafür, wie Apple den Nutzer einschränkt, mit den Produkten selbstbestimmt das zu machen, was einem beliebt. Ein Blick hinter die Kulissen? Ausgeschlossen. Ein Blick unter die Haube? Ende der Garantie! Was will uns Apple damit eigentlich sagen? Wo will Apple damit eigentlich hin? Wenn die völlig überteuerten Geräte von Haus aus extra noch einmal mit einer teuren Garantieverlängerung ausgestattet werden kann, sollte uns das nicht eigentlich zu denken geben? Nein. Wir kaufen fröhlich weiter. Photoshop läuft doch prima. Final Cut funzt auch. Ins Internet komme ich sowieso. Da sind Überraschungen kein Thema.

Für den Luxus von Bequemlichkeit legen wir uns gern an die Kette von Großunternehmen. Egal ob es sich dabei um die geschlossene Gesellschaft bei Facebook handelt, das sich immer stärker abschottende Internet in Gänze oder eben die ganzen iSelbstschuld-Produkte von Apple. Wir sind Technik-Sklaven und sonnen uns in unserer fröhlichen Glitzerwelt aus Bausteinen, die uns zum Spielen bereitgelegt werden. In unseren noch nie so schön schimmernden Käfigen aus Retina und Betriebssystem, die so heißen, wie deutsche Panzer. Auch ich bin so ein Sklave. Und soll lieber konsumieren, als kreieren.



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4 KOMMENTARE

  1. “Ich kann an meinen beschissenen 1.500 Euro Rechner kein externes Kabel anschließen, um etwas aufzunehmen, ein Mikrofon anzustöpseln oder etwas zu streamen. Das konnte jeder Walkman!”

    Wenn man sich ein wenig mit HCI (Human-Computer-Interaction) beschaeftigt, findet man sehr schnell viele Beispiele von nuetzlichen Features, die Systeme frueher konnten und die “Computer” von heute nicht mehr.
    Z.B. konnte das NLS 1960 (!) schon Textverarbeitung, Praesentationen und Videokonferenzen gleichzeitig.
    http://en.wikipedia.org/wiki/NLS_(computer_system)

  2. dann befrei dich von deinen ketten und gib die kiste zurück!
    ich ärger mich auch oft darüber, dass mein linux spinnt und ich jeden scheiss einstellen muss… aber ich KANN es einstellen und muss nicht zur geniusbar gehen.

  3. hach ja…286er…damit hab ich auch angefangen…mit monochrom monitor…ich glaube ich habe gerade die antwort zu der frage gefunden, warum meine pc-rechner heute immer komplett offen rumstehen…

    wer erinnert sich noch an 4DOS? .exe in rot und .com in blau …helau!

  4. Bin ja auch so ein Apfel-Sklave. Allerdings experimentiere ich immer öfter mit Linux herum, und wenn die Jungs von Bitwig (http://www.bitwig.com/bitwig-studio) im Sommer aus dem Strumpf kommen sollten und Audio mehr funzt, dann werde ich noch ernster über einen Wechsel nachdenken … Grüße!

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