Ich bin Mutter – Ich bin Jonny!

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Heute vor einem Jahr wurde Jonny K. auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt, nur weil er helfen wollte. Ein historischer Platz, ein Platz den tagtäglich viele Passanten überqueren und verweilen. Hierunter sind Touristen, Einheimische und Jugendliche, die dort ihre Freizeit verbringen.
In diesem Jahr ist viel passiert und wieder doch nicht. Und in mir bleiben Fragen und Verunsicherung. Fragen als Mutter, die sich mein Mann bereits mit “U8, das Heroin und mein Dilemma” vor über einem Jahr auch gestellt hat: Ist der Speckgürtel für Kinder sicherer als die Innenstadt?
In einem Interview mit Funkhaus Europa, sprach sich heute die Schwester von Jonny K. für mehr Polizeipräsenz und mehr Kameras an öffentlichen Plätzen aus. In diesem Moment habe ich innerlich ihr so was von zugestimmt. Da schlagen sicher einige Datenschützer die Hände über den Kopf zusammen.

Ich versuche es mal zu erklären:
Seit dem ich in Berlin lebe genieße ich die Möglichkeit anonym und ohne große polizeiliche Präsenz mich bewegen zu können. Das gibt mir um so mehr das Gefühl ein mündiger Bürger zu sein. UND ich wußte auch bereits zu beginn, wo ich Nachts hin gehen kann und wo nicht. Neukölln und teile von Kreuzberg gehörten Gangs. Seit dem ist einiges passiert. Neukölln, genauer Kreuz-Kölln wurde allmählich zur Hipster-Meile. Kottbusser Tor ist der zentrale Treffpunkt für die Party-Menschen. Berlin hat die Türen geöffnet und wächst Tag für Tag. Doch die Probleme die eine Metropole hat werden dafür nicht kleiner.

Konstruierte Opfer- und Täterrollen
Jugendgewalt ist sehr lange ein Thema in Berlin, das wissen wir seit Christiane F. und wird es auch bleiben, denn die Probleme sind die gleichen: Armut, familiäre Verwahrlosung, mangelnde Bereitschaft zur Bildung und Arbeitslosigkeit. Dabei ist das Angebot sehr groß und Jugendclubs gibt es einige. Doch auch hier fallen viele durch Hausverbote aus dem Netz der Angebote. Aussenseiter sein. Nicht dazu gehören. Das ist das, was sie vereint. Egal welcher Gruppierung sie angehören. Ausserhalb verschaffen sie sich einen Raum, der ihre eigenen Gesetze verlangt. Es sind Räume in der es zu Schlägerei, Messerstecherei und Überfällen kommen kann. Kontra Polizei und Staatsgewalt. Die Gesellschaft wird als imaginäres Böses konstruiert und als Täter dargestellt, der an ihren Problemen schuld ist. Sie sind Opfer der Gesellschaft. Das Gangsterdasein gehört mittlerweile zu einer Jugendbewegung dazu, die sich vom Mainstream abheben will und dabei haben sie sich ihren eigenen Mainstream und Starkult geschaffen. Männlichkeit verbunden mit körperlicher Gewalt, die die Rangordnung und den Status klärt.
Mit der öffentlichen Argumentation gegen Kameras an öffentlichen Plätzen und weniger polizeiliche Präsenz, spielen intellektuelle Bewegungen diesen Gruppen und deren Mitgliedern eine Freikarte zur wortwörtlichen Bekämpfung des ‘Systems’ zu. Kameras und Polizisten sind zu Symbolfiguren für die allumschwebende Macht, die es zu umgehen und beseitigen gilt. Ich möchte an dieser Stelle nicht missverstanden werden. Meine Argumentation setzt nicht da an was tatsächlich mit Daten und deren Speicherung passiert. Vielmehr geht es darum was passiert wenn Informationen deformiert und zu einer eigenen ideologischen Konstruktion zusammengesetzt und gelebt werden.

Mittlerweile ist die Diskussion in Deutschland politisch verfärbt worden. Je nach Argumentation wird der Mensch in eine bestimmte politische Ecke eingestuft. Das ist für die Sache selbst sehr kontraproduktiv, denn hierbei geht es um mehr als Politik. Wenn es um Kriminalität und Gewalt geht, so kann es tatsächlich Leben retten.
Kameras und Licht an dunklen und öffentlichen Plätzen verschaffen Sicherheit und können an Kriminalitätsbrennpunkten zur Gewaltprävention beitragen. Das möchte ich hier mit meine subjektiven Erfahrung belegen. Denn wenn ich Abends unterwegs bin meide ich dunkle Bereiche und fühle mich bei lichtdurchfluteten Plätzen wesentlich wohler und ich denke hier bei einer Kamera nicht ‘oh! was ist mit meiner Privatsphäre?’.
Ich rede keines Wegs von einer flächendenkenden Überwachung. Es geht darum eine Balance zu finden, nicht nur was die Anzahl der Videokameras angeht, sondern auch das Vermitteln und Verstehen von Sprache und Wissen im Bezug auf Sicherheit, Gesellschaft und Staat. Zeichen und Symbole sollten in öffentlichen Debatten durchbrochen werden. Big Brother verkommt zu einem Dogma und könnte gerade deshalb zur Realität werden! Gesellschaftliche Prozesse sind komplex und folgen dynamischen Prozessen. Es gibt bei Beobachtungen einen kurzen IST-Zustand und keine allgemeingültige Wahrheit.

Für meine Kinder wünsch ich mir einen Raum indem sie sich bewegen können, indem sie frei sind von Vorurteilen und des Aus­ge­lie­fert­seins. sie sollen weder von mir überwacht werden müssen noch von jemand anderem. Dennoch will ich sie in Sicherheit wissen, wenn ich nicht da bin. Ich bin Mutter – Ich bin Jonny!!!

Lesenswert:
Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

Sehenswert:




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2 KOMMENTARE

  1. So sehr ich Deinen Wunsch nach mehr Sicherheit nachvollziehen kann, dieser Gedanke
    “Kameras und Licht an dunklen und öffentlichen Plätzen verschaffen Sicherheit und können an Kriminalitätsbrennpunkten zur Gewaltprävention beitragen.” ist zumindest was die Kameras angeht falsch. Gewalt ist häufig eine Affekttat, Menschen im Affekt achten nicht darauf, wo eine Kamera steht, das kannst Du bei allen gefilmte UBahn-Schubsern und -Prüglern sehen. Von Prävention also keine Spur. Zeigt auch die Forschung.

    Menschen, die eine Straftat vorhaben meiden solche Gebiete, das stimmt, aber das Problem “Kriminaltität” wird dadurch nur verschoben, nicht bekämpft. Also auch nicht die wirklich gute Lösung.

  2. Lieber Daniel,
    Gewalt kann auch organisiert und geplant sein. Viele ziehen mit dem Messer in der Tasche los mit dem Vorsatz irgendwo aufzumischen. Es gibt verschiedene Facetten von Gewalttaten.
    Kriminalität wird es geben, nur frage ich mich, ob es im Fall von Jonny am Alexanderplatz an einem so großen öffentlichen Ort, zu einem solchen Ausmaß gekommen wäre, wenn es vor Ort mehr Polizeipräsenz gegeben hätte.
    Ich frage mich wie die Forschung belegen will, dass Kameras in Sachen Prävention nichts bringen? Selbst wenn dem so wäre, so können aus Gewaltbildern neue Erkenntnisse gewonnen werden, die wiederum bei präventiven Maßnahmen eingesetzt werden können.

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