Loudness War: Pegel-Unterschiede
Loudness War: Pegel-Unterschiede
Marinelli

@marinelli ist italienischer Exilbayer in Berlin, Vater, schwerstabhängiger Musikjunkie, seit 1972 auf der Suche nach dem perfekten Mix.

Streaming-Dienste wie Spotify oder iTunes Radio sind ja bei Musikschaffenden nicht unbedingt so super beliebt. Jetzt bahnt sich allerdings eine Entwicklung an, von der sich mit Fug und Recht behaupten lässt, dass sie das Zeug hat, zukünftig als Wendepunkt beim Thema Klangqualität gesehen zu werden.

Seit dem Siegeszug der digital gespeicherten Musik wird der sogennante „Loudness-War“ ausgefochten. Das liegt daran, dass lauter klingende Musik zunächst auch als besser empfunden wird. Da der tatsächlich erreichbare Pegel aber begrenzt ist, wird versucht, die Musik immer lauter klingen zu lassen. Wie man das erreicht? Man komprimiert die Musik, indem man die lautesten Impulse mittels eines sogenannten Kompressors leiser macht. Man dämpft quasi die Spitzen. Das resultierende Signal kann nun insgesamt höher gepegelt werden und klingt lauter und durchsetzungsfähiger. So weit, alles prima. Leider geht auch einiges an Natürlichkeit und Druck verloren, wenn die Dynamik der Musik so beschnitten wird. Ausserdem strengt gnadenlos komprimierte Musik die Ohren an. Dieses kurze Video zeigt das sehr schön:

Man kann das auch am Artikelbild gut sehen. Der maximale Laustärkepegel ist bei beiden Aufnahmen etwa gleich, wird aber bei der oberen nur von sehr wenigen, und kurzen Impulsen erreicht. Die Folge: Die untere Aufnahme klingt lauter, weil der Durchschnittspegel (das, was man „Lautheit“ nennt) höher ist.

Hier noch ein schönes Beispiel. Der Vergleich zwischen Nirvanas „Smells like teen Spirit“ im Original und wie es in etwa klingen würde, würde es heute veröffentlicht werden.

Bisher haben sich Radiosender am Peak Level orientiert, also ihre Sendewege so eingestellt, dass die jeweils lautesten Stellen der gespielten Musik gleich laut sind. In so einer Umgebung klingt stärker komprimierte Musik mit weniger steilen Lautstärkesprüngen lauter als nicht so stark komprimierte, setzt sich besser durch und verkauft sich -zumindest in der Theorie- auch besser. In der Praxis -also wenn das alle machen- führt das leider zum Loudness War, das heisst, jeder versucht noch lauter zu klingen als die anderen. Die Folge: Irgendwann klingt die Musik nur noch komplett kaputt und unnatürlich, siehe oben.

Das Ende des Loudness War?

Loudness War: Pegel-Unterschiede
Loudness War: Pegel-Unterschiede
Jetzt scheinen sich sowohl Spotify als auch iTunes Radio der Fortführung dieses Krieges auf Kosten unserer Ohren zu verweigern, denn sie gehen einen neuen Weg.
Zunächst mal wird der Sendepegel ein Stück abgesenkt, um noch Reserven nach oben zu haben. Der zweite Schritt ist aber der wichtigere:
Spotifiy und iTunes nutzen einen Algorithmus, der die subjektiv empfundenen Lautheiten der gespielten Stücke angleicht und dass bei insgesamt so niedrigem Pegel, dass noch Luft für kurze und laute Impulse bleibt.

Stark und schwach komprimierte Musik klingen dabei subjektiv gleich laut, aber die schwach komprimierte Musik hat wesentlich lautere Impulse und klingt damit dynamischer, druckvoller.
Es wird nun also unmöglich, mittels höherer Kompression lauter als zu klingen, als die anderen Tunes im Radio. Die Folge davon: Je heftiger komprimiert wird, desto schlechter klingt das Signal, wie man an diesem wunderbaren Vergleich mit drei unterschiedlich komprimierten, aber in selber Durchschnittslautstärke abgespielten Aufnahmen von Michael Jacksons „Thriller“ hören kann.

Der Clou an der Geschichte: Spotifys Lautstärkeangleichung lässt sich -wie im Video- an und abschalten. iTunes Radio wird sein „Sound Check“ genanntes System fest und nicht abschaltbar integrieren. Bob Katz, einer der Koryphäen weltweit, wenn es um Mastering geht schreibt dazu folgendes:

Katz’s discoveries show that current squashed and smashed pop releases are being attenuated more than 7 dB in order to make their loudness equal to that of more-conservatively mastered releases. In other words, true peak levels of current pop songs are as low as -7.8 dB below full scale! “There is so much available peak headroom now in iTunes Radio that anyone who wants to master their songs with more conservative levels and prefers higher peak-to-loudness ratios will produce music with immediate loudness and sound quality advantages, compared to what’s being played out there now. The cream will soon rise to the top. The music will sound better, even a bit louder, and will attract more listeners. iTunes Radio is already so popular that it will end the loudness race by force majeure. This development is a great opportunity for producers to explain and demonstrate to their clients how to make their songs sound better on iTunes Radio and everywhere else

Und er erklärt deswegen den Loudness War für beendet, denn mit Spotifys und Apples Marktmacht im Rücken, wird sich hoffentlich schnell herumsprechen, dass „lauter“ eben nicht gleich „besser“ ist. Ein guter Tag für die Musik und für unsere Ohren.

Miles Davis hat ein Mal gesagt „Music exists in the spaces between the notes“. Bei der meisten heute veröffentlichten Musik gibt es aber keinen Platz mehr zwischen den Noten…

(PS: Wer nicht die in iTunes integrierte Normalisierungsfunktion nutzt, sondern zB iVolume, das auf dem Replay-Gain-Algorithmus beruht, hat damit schon ein System im Einsatz, das genauso funktioniert wie Apples Sound Check.)

share on twitter
NICHTS VERPASSEN - FOLGE UNS!
           
  1. Alex Vogt says:

    Ehre gebührt aber in dem Fall nicht Apple und Spotify, sondern der European Broadcast Union (EBU).

    Der Standard zur Normalisierung von Audiopegeln auf Basis der subjektiven Lautstärke (statt dem „Peak Program Meter“ PPM) nennt sich EBU R-128 und ist schon seit Jahren bei öff. rechtlichen Rundfunksendern im Einsatz (Und, glaube ich, inzwischen sogar Pflicht?).

    Ich will es nicht schlecht machen, es ist ein großartiger Schritt, aber vieles aus dem Hause Apple is halt doch nur alter Wein aus neuen Schläuchen.. ;) Hier gibts alle Infos zu EBU R-128: http://tech.ebu.ch/loudness

  2. G says:

    Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum wahrscheinlich undifferenziertesten und am nachlässigsten zusammengeklatschten Beitrag zu diesem Thema. Dieser „Artikel“, bestehend geradezu ausschließlich aus hörensagen-Halbwahrheiten und ungenauen und unvollständigen Beschreibungen, die zudem vor zehn Jahren schon nicht aktuell oder präzise waren, ist ein grausiges Beispiel der Redaktionskultur in einer Zeit, in der Jeder halt Redakteur ist.

    Zum eigentlichen Thema:

    1. Der „Loudness War“, auf den sich hier bezogen wird, ist lange vorbei.
    2. Apple zeigt sich einmal mehr von der besten Seite- selbstherrlich, doktrinierend, arrogant und bevormundend- und erntet Jubel.
    Die Streckenweise geradezu paranoid wirkende Normierungswut und der Kontrollwahn des Apple-Konzerns erreichen wieder neue Scheußlichkeiten – diesmal unter vermeintlich audiophiler Flagge – während man nun mitentscheiden möchte, wie denn bitteschön das Hören von Musik stattzufinden hat. Tatsächlich wird entschieden, es sei für die Allgemeinheit positiv, lautstärkentechnisch dynamischere Musik zu hören und es sei generell positiv, diese zu fördern. Dies zieht nach sich, dass diese Musik in ihrer Wiedergabelautstärke faktisch so eingestellt werden muss, dass die Peaks relativ deutlich durchschlagen, um auch die leiseren Elemente wahrnehmen zu können. Es wird angenommen, dies sei die einzig richtige Art, Musik abzuspielen und zu genießen, unabhängig von Genre, Situation, Nebengeräuschen, Zielgruppe, Wiedergabegerät, Stimmung, Geschmack, Uhrzeit und Ort. Weiterhin möchte man durch das feste Installieren eines Level-adjusters gerne mitentscheiden bzw. erzwingen, wie denn fortan Musik zu produzieren ist. Eine große Geste der Machtsucht; ein Signal, das den Musikschaffenden unterstellt, sie wüssten selbst nicht, was sie täten und eine geradezu ironische Manifestation in diesem Sinne, wenn man bedenkt, dass die Reglementation „Probleme“ der Natur zu beheben sucht, von der Apple selbst ein Katalysator im größten Sinne ist und dies immer mehr wird.
    3. Musik ist nicht einfach nur „laut“, um lautER zu sein als andere Musik. Musik ist „laut“, um in ihrer Ganzheit überhaupt transportierbar und handhabbar zu sein. Musik nimmt generell die Form und das Vehikel an, das zu ihrem Zweck und ihrer Zeit gemäß von ihren Kreateuren als nötig erachtet wird bzw. wurde. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Musik als solches zu tun sondern mit der Art, wie wir mit Musik umgehen und umgingen, was in unserer Kulturgesellschaft und all den Absurditäten, die diese hervorgebracht hat, begründet liegt. Musik, die in den siebziger Jahren gemixt und gemastert wurde, bedeutete beim Mixing und Mastering in den Vorstellungen der Engineers und Musiker VÖLLIG andere Realitäten als Musik, die in den Neunzigern kreiert wurde und die Reihe kann fortgesetzt werden. Macht man sich das klar, erscheint die „Gleichmachung“ der subjektiv empfundenen loudness zweier Stücke aus komplett unterschiedlichen Epochen und Kulturrealitäten als nicht viel mehr als der Optimod im FM-Formatradio, eine wiederum artifizielle Gleichmachung, die dem Glattbügeln als Moderation in der unnatürlichsten Art und Weise dienlich ist und der Differenz nicht Platz lässt. Vielmehr noch wird versucht, den kranken Realitätseindruck zu generieren, alle Musik sei aus vergleichbarem Material geschnitzt, sei direkt und ohne Brüche aneinanderreihbar, sei mit allem auf Augenhöhe.
    Wie bereits erwähnt ist die Lautheit nicht lediglich eine Form der Wettbewerbsfähigkeit, sie ist im Sinne der Humankommunikation in den entsprechend die wirkliche Lebensrealität darstellenden Gegebenheiten eine faktische Notwendigkeit innerhalb der Komplexität der popkulturellen Zusammenhänge, ist man auf den effektiven Transport des eigenen Contents aus. Musikprodukte würden längst die dem besser entsprechende Form angenommen haben, wäre es anders. Wir reden nicht über Musik, wie wir vielleicht noch vor 30 Jahren von Musik redeten. Wir haben es – speziell was die Umgebungen angeht, in der die Kritik ständig am „lautesten“ klingt, nämlich in der Popmusik im weitesten Sinn – mit hochkomplexen, sozio- und kulturdynamischen Phänomenen in unzähligen Ebenen zu tun. Niemand, der auch nur einen Hauch von kultureller Sensibilität hat, braucht hier mit Dezibel und loudness anfangen, es geht so einfach nicht. Die Musik hat ernste Probleme und diese Probleme sind Probleme unserer Kulturgesellschaft und dem, was wir als freie Marktwirtschaft bezeichnen, was aber vielleicht besser Korporationismus genannt werden sollte. Es fällt immer leichter, stumpfe, technisch halbgare oder nostalgisch anmutende Lösungen anzubringen, wenn die echten, verwobenen Strukturprobleme sich als geradezu unhandhabbar darstellen.
    4. Der „Loudness War“, wie er bis in dieses Jahrtausend hinein stattgefunden hat, basierte auf einer „Brickwall“ als „Schlachtfeld“ und auch „Spielfeld“, dem CDDA-Standard als einzige Regel, er basierte auf 0DBFS, auf 16 Bits, die alle ‚high‘ sind. Das ist ein auf sehr strengen technischen Standards begründetes Limit und durch das Ausbleiben anderer, höher auflösender Systeme auf breiter Basis ist dieses Limit weiterhin das technische Limit per se. Mit der festen Implementation einer artifiziellen Modifikation der Wiedergabelautstärke durch einen Streamingservice treffen wir auf ein Limit, das nicht mehr technisch begründet ist sondern als ein willentlich eingeschaltetes Zwischenstück, als ein klassisches Machtinstrument und Manipulationselement auftritt. Dies ist keineswegs ausschließlich ein den lautstärketechnisch dynamischeren, „musikalischeren“ Stücken dienendes Werkzeug der Fairness, sondern nicht weit von Zensur und Contentmanagement in Form von Bevormundung über die eigene Hörerfahrung und Lebensrealität entfernt.
    5. Außerdem geraten wir hiermit durch das Vorstellen einer frischen, neuen Mechanik des Limitierens auch wieder an ein neues „Schlachtfeld“, ein neues Regelbuch für den Wettbewerb-to-be. Wer zynisch ist, kann argumentieren, ein neuer loudness war sei faktisch eingeleitet. Wer romantisch ist, nennt den neuen Wettbewerb lieber sound-good-war. Leider, vielleicht zum Glück ist kein „war“ dieser Art jemals „by force majeure“ beendbar, er reglementiert sich selbst. Wer in den letzten zehn Jahren wirklich Musik gehört hat, hat das auch gemerkt, aber Bob Katz ist zu viel mit Metering beschäftigt.
    6. Musik klang nie besser als Heute.

  3. John says:

    @G:
    Ach herrlich. Apple bashing auf höchstem niveau. Dass man mit der Argumentation dann alle Radiosender gleich mit an den Pranger stellen müsste, die sich an Lautstärkebegrenzungen fernab des technisch möglichen halten, hast du aber gerade mal kurz übersehen? Dein Kommentar scheint mir nicht sonderlich differenzierter als der ursprüngliche Artikel, über den du dich beklagst….

  4. ambee says:

    Einfach den letzten Kommentar ingnorieren, ich bin schon viele Jahre u.A. in der Audiobranche tätig und finde deinen Artikel gut und verständlich geschrieben, so dass auch Personen, die mit dem Thema bisher nicht vertraut waren, die Thematik überschauen und verstehen können.

    Mit Bob Katz hast du ja schon die ultimative Instanz in Sachen Mastering und Lautheit zitiert, da kann ein noch so großer Besserwisser nicht gegen anstinken :-)

    @Alex Vogt: EBU R128 ist eine reine Rundfunk-Norm, für den normalen Musikkonsum halte ich sie für deutlich übertrieben. Sie ist seit August 2012 im deutschen Fernsehen eingeführt worden (bei den ÖR seit Januar 2012), jedoch vermute ich dass sich vor allem die privaten nicht an diese freiwillige Vereinbarung halten. Ich wollte da schon länger mal eine Messung anstrengen, vielleicht komme ich bald mal dazu…
    Auf die Musikbranche hat R128 nur begrenzte Wirkung, da über das TV-Programm seit Abschaffung des Musikfernsehens kaum noch Musik konsumiert wird. Im Radiobereich hätte dies viel größere Auswirkungen, jedoch wehren diese sich noch vehement, zudem wäre R128 wie ich bereits sagte für Musikkonsum zu viel des guten, hier müsste man sich auf eine musikgerechte Radionorm einigen.
    Bereits viele Jahre vor der EBU ist das Thema Loudness in der Audio-Branche ein Thema, beispielsweise gibt es von bereits genanntem Bob Katz die K-Skala: https://en.wikipedia.org/wiki/K-system
    Bei R128 wird das Audiomaterial nach K-Bewertung gemessen, diese hat jedoch nichts mit dem K-System von Katz zu tun, kann mit diesem jedoch verglichen werden.

    Ich für meinen Teil bearbeite schon seit Jahren meine mobilem Musikdateien mit einer Software namens MP3Gain, die non-destruktiv Audiodateien nach ihrer Lautheit misst und entsprechend im Pegel anpasst. http://mp3gain.sourceforge.net/

  5. Fabien says:

    Eine fundierte Diskussion fernab von Katz’s hysterischer Pressemeldung findet man hier:
    http://www.gearslutz.com/board/mastering-forum/877227-bob-katz-declares-loudness-war-won.html

    1. Es geht nicht um Limiting. Es geht um stupide „RMS“ Normalisierung, die durchaus Ihre eigenen Problem entwickeln kann, gerade bei Ambient oder Klassik Stücken.

    2. Das ganze betrifft nur Radio und nicht den I-Tunes Store. Letzterer wird mit Sicherheit niemals den EDU Richtlinien folgen, gerade Mainstream Künstler würden Apple schnell die Hölle heiss machen.

  6. Micha says:

    Ich hab gerade mal testweise Audacity mitlaufen lassen und mich zufaellig durch meine Spotify Playlisten geklickt. Ist schon extrem, wie das teilweise aussieht. Einige Sachen, bspw. Foo Fighters, sind uebelst laut und oben wie mit dem Lineal abgeschnitten. Andere, besonders aeltere Sachen (bspw. Fleetwood Mac oder so) haben dagen eine super dynamische Kurve. Und klingen auch dementsprechend ganz anders. Hab erst letztens meine Anlage etwas aufgeruestet und wieder gemerkt, wie schlecht schlecht abgemischte Musik klingen kann. Dass Spotify oder iTunes daran was aendern halte ich fuer unwahrscheinlich – erinnert sich jemand an das eine Metallica Album, das auf dem CD Release _total_ uebersteuert war und auf dem Guitar Hero release (sic!) viel besser abgemischt wurde? Da gabs diverse Kommentare von Metallica, dass die Band (Management?) das genau so uebersteuert laut haben wollte! Damits im Auto richtig knallt, war wohl die Aussage. *facepalm* Was will man da machen?

  7. Alex Vogt says:

    @ambee – Das R128 >Messverfahren< lässt sich BESTENS für Musik einsetzen. Eine konformes Mastering auf -23 LUfs wäre dann schon SEHR leise, das ist in der Tat nicht der beste Standard. Aber wenn es nur darum geht, einen Richtwert zu bekommen funktioniert es super. Sogar (und vor allem!) bei sehr basslastigem Sound wie z.B. Reggae/Dub, Jungle und Drum&Bass…

kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *