Sugar-DaddySlide
Nilo

@nielow "Nix zu sehen – Kultur-Curry aus dem Feld" Erzählt Geschichten, die ihr begegnen. Aus dem Netz, der Nachbarschaft, aus Berlin, Deutschland oder aus ihrer alten Heimat Iran.

Während traditionelle, journalistische Marken sterben, weil sie keine Ahnung haben, wie sie sich noch finanzieren sollen, starten Konzerne einfach ihre eigenen Magazine – ist ja auch viel praktischer: Da kann man selbst bestimmen, was drin steht. Das neueste Beispiel: Electronic Beats von der Deutschen Telekom.

Die Nachricht hat letzte Woche viele extrem überrascht: DE:Bug kündigt das Ende der Print-Ausgabe an. Das Fachmagazin für elektronische Musik, das im Jahre 1997 ihre erste Ausgabe herausbrachte, macht damit eine für die Branche ziemlich typische Entwicklung mit: Drastisch sinkende Werbeeinnahmen für Printmedien führen zu einem Kampf ums Überleben, den viele verlieren werden und einige schon verloren haben.

Was für die einen ein Problem darstellt, nutzen die anderen als Chance. Immer mehr sogenannter corporate publisher drücken auf den Markt. Ein ziemlich gutes Beispiel dafür liefert heute die Deutsche Telekom: Electronic Beats kommt an den Kiosk. Während also traditionelle Journalismus-Produzenten ihre digitalen Bereiche ausbauen, leistet sich die Deutsche Telekom einen Printtitel. Sie tun dies, weil sie es können.

Nennen wir das Kind beim Namen. Electronic Beats ist und bleibt das Musikmarketingprogramm der Deutschen Telekom. Doch ist damit gleich auszuschließen, dass es sich um ein unvoreingenommenes journalistisches Produkt handelt? Ja – und wir sagen auch, warum.

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Max Dax, seines Zeichens Chefredakteur von Eletronic Beats, ist der Meinung, dass sie mit diesem Produkt Journalisten zeigen, wie es laufen kann und wie Print eine Chance haben könnte, um zu überleben. Das lässt sich leicht sagen, wenn man völlig unabhängig vom Anzeigenmarkt agiert, denn bis auf die Vorgaben der Telekom sind sie keinem finanziellen Druck ausgesetzt.

Theoretisch könnten sie das Magazin kostenfrei zur Verfügung stellen, wie es bei der englischen Version der Fall ist. Aber hier hat man erkannt, dass eine Kostenlos-Metalität eher unsexy ist und dem Image nur schaden könnte und sei es als Umweltsünder in einer Wegwerfgesellschaft darzustehen. Nachhaltigkeit will man sich hier auch auf die Fahne schreiben können. Also ist das gute Stück für 4,50 Euro erhältlich. Eigentlich paradox, denn weggeworfen wird es irgendwann sowieso – aber das nur am Rande.

Journalistische Autonomie in einem Corporate Publishing Format?

Es ist schwer im Zuge eines solchen Produkts von Journalismus zu sprechen. Max Dax selbst sieht bei seiner Arbeit einen Kommunikationsauftrag, den er erfüllen möchte. Gemeinsam mit seinem Herausgeber/ Chefredakteur/ Kunde gleicht er Inhalte ab. Also ist das, was rauskommt, stets ein Kompromiss. Wo diese Kompromisse stattfinden, wird nach außen nicht transparent gemacht.

Ist das noch Journalismus? Blogrebell-Kollege Martin Giesler beschäftigt sich viel mit Journalismus und Corporate Publishing. Er würde auf die Frage mit einem klaren NEIN! antworten. In einem Blogpost bezieht er ganz klar Stellung zu Corporate Publishing:

… Internationale Top-Konzerne bauen Websites, die Geschichten erzählen. Diese Geschichten sind oftmals in ein journalistisches Gewand gekleidet und der Leser kann vermelden: Das habe ich bei Coca Cola gelesen. Branded Content ist aber kein Journalismus. Es ist PR. Die Grenzen drohen zu verwischen…

 

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Form und Inhalt

Hauptsächlich besteht der Inhalt von Eletronic Beats aus persönlichen Empfehlungen und Interviews. Conversation On Essential Issues, so lautet die Subline des Electronic Beats Magazins. Hier verfolgt Max Dax treu seine Line, die Methode des langen Interviews, die er 1992 als Herausgeber und Gründer des Alert Magazins angefangen hat. Im Gegensatz zum konfrontativen Stil soll hier die ausführliche Beleuchtung eines Themas in den Vordergrund gestellt werden. Frei nach Andy Warhols Zeitschrift Interviews.

Zur Erstausgabe wird die Serie Slices, vormals als DVD erhältlich, künftig ausschließlich auf Electronic Beats TV zu sehen sein. Um ein breiteres Publikum zu erreichen, werden YouTube und DailyMotion mit einbezogen. Neben einem Artikel über die kalabrische Tarantella – die einer teilnehmenden Feldstudie ähnelt – über die musikalischen Rituale der Mafia, gibt es persönliche Empfehlungen von Journalisten, Musiker und Produzenten.

Eine Empfehlung ist mir hierbei besonders aufgefallen: Das neue Album von Beyoncé. Beyoncé in einem Kontext von elektronischer Musik? Max Dax sagt, dass sie das Album empfehlen, weil Beyoncé ihnen wirklich gefällt. Was soll man da erwidern. Aber ein komisches Bauchgefühl bleibt: Wie sehr hat hier die freie redaktionelle Entscheidung wohl wirklich eine Rolle gespielt? Es scheint, als gäbe es bei der Auswahl der Künstler und deren Album ein Mitspracherecht des Konzerns.

Optisch kommt das Medium jedenfalls unspektakulär daher. Das Cover der Erstausgabe wird von Alison Goldfrapp geschmückt. Nach dem Editorial folgen vier Doppel-Seiten mit Bildern, die auf saugfähigem Umweltpapier – wie das ganze Heft – gedruckt wurden. Wir erinnern uns: Nachhaltigkeit ist sexy und kommt nicht im Hochglanz daher. Die Bilder aus Brasilien haben das Thema WM 2014. Neben Musik ist Sport ein weiteres Steckenpferd des Konzerns, um die Jugend zu erreichen. Die Rubrik ‚Empfehlungen’ ist dreispaltig gesetzt und ist nicht besonders lesefreundlich. Kurze Zeilen und ungünstige Wort- und Satztrennungen erschweren den Lesefluss. Den Interviews werden zwei Spalten gegönnt, die sich wiederum besser lesen lassen.

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Es lebe das Printmedium?

Klar ist, dass mit der Electonic-Beats-Printausgabe keinerlei relevante Aussage für den journalistischen Markt getroffen werden kann. Dieses Magazin steht außerhalb des Drucks sich auf dem freien Markt beweisen zu müssen.

Ob ein redaktioneller Mehrwert entsteht oder lediglich Imagepflege betrieben wird, würde ich so beantworten wollen: Mit Telekoms Schritt ein Printprodukt herauszubringen, wird lediglich das crossmediale Spektrum ausgeweitet. Sie leisten sich den Luxus eines aussterbenden Mediums und schmücken sich mit pseudo-journalistischen Methoden, um ihre Inhalte besser vermarkten zu können. Zudem möchten sie sich auf gleicher Augenhöhe sehen wie Journalisten. Was etwas absurd ist, denn viele der bereits oben erwähnten Kriterien sprechen dagegen, dass es sich hierbei um ein journalistisches Produkt handelt. Vielmehr werden Geschichten Erzählt, die das Firmenimage transportieren.

Musikjournalisten und Blogger, die sich täglich da draußen behaupten und immer auch ein Stück selbst ausbeuten, um Musiker, die weniger bekannt sind, kompromisslos voranzubringen, werden auf diesem Markt keineswegs eine Zukunft haben. Es sei denn, man sucht sich einen Sugar Daddy wie die Deutsche Telekom und spielt das Spiel mit.

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  1. Marc says:

    Ich mag den letzten Absatz nicht, wahrscheinlich weil da was dran ist und ich selbst betroffen bin.

    Neulich habe ich mir die zweite Ausgabe von „Das Wetter“ gekauft. Kostet 8,50 € und ist jeden Cent wert, allerdings verdienen alle Beteiligten wohl auch noch nichts daran.

  2. Fabien says:

    Ich empfehle auch die Definition des Journalismus ethisch/moralisch nicht zu sehr zu Überhöhen. Rein technisch gesehen ist ein Journalist doch nicht anderes als ein PR Agent (egal für welche Zwecke er nun arbeitet).

    http://de.wikipedia.org/wiki/Journalismus
    „Journalismus bezeichnet die periodische publizistische Arbeit von Journalisten bei der Presse, in Online-Medien oder im Rundfunk mit dem Ziel Öffentlichkeit herzustellen“

    Auch ihr macht überraschend viel Corporate PR, und bekommt nicht einmal Kohle dafür! Spotify, Soundcloud, allerlei DJ Spielzeug, u.s.w.

    …eine kleine Suche zur Erfrischung:
    http://blog.rebellen.info/?s=rbma
    ;)

    Ich kann das ertragen. Nur wer satt und abgesichert ist, kommt überhaupt auf dem Gedanken an etwas schönem oder „gutem“ zum arbeiten.

    Was ich aber überhaupt nicht ertrage, ist die selektive Doppelmoral, die aus dem Artikel strahlt. Im ernst jetzt, wie füllst Du dein Kühlschrank? Hoffentlich nicht Öffentliche Rechtlich oder durch Solidar-Umlagen! Denn Du kritisierst die so ziemlich besten Jobs die deine Zunft der „die sich täglich da draußen behaupten und immer auch ein Stück selbst ausbeuten, um Musiker, die weniger bekannt sind, kompromisslos voranzubringen“ heutzutage überhaupt noch finden kann.

  3. C.S. says:

    Recherche ist nicht so die Stärke dieses Artikels, ist eher der Vermutungsstyle und hätte, wäre, wenn.
    Am Ende sollte der Inhalt und die Qualität zählen und nicht ob ein armer Blogger es geschrieben hat oder ein Schreiber der anständig (von einem Konzern) bezahlt wird. Diese unabhängig Gefasel ist 2014 sowas von durch und Klüngelei findet auch bei euch statt.
    Ob so ein Mag letztlich gefällt und einem das symphatischi ist steht auf einem anderen Blatt.

  4. Gelbe Ananas says:

    Das Hauptproblem von EB ist sicher nicht das Format oder die Frage, was aus jenem folgt, sondern einfach der Umstand, dass es von der ersten bis zur letzten Seite Mist ist. Für „essential“ wird kurzerhand alles erklärt, was dem Chefredakteur so schmeckt. Das können blasiertes Gequatsche der Marke Obrist („…this reminds me of…“), dem eigenen Netzwerk entnommene Bekanntschaften oder auch Nudeln sein. Dax‘ dauernde Kochanalogien nerven übrigens nicht erst seit der Nudelnummer bei Spex. Und was einem bei EB als Popkultur verkauft wird, löst anderswo allenfalls noch hysterisches Kichern aus.

  5. Carsten says:

    „Dieses Magazin steht außerhalb des Drucks sich auf dem freien Markt beweisen zu müssen.“

    Das ist richtig, aber ich verstehe nicht, was daran das Problem sein soll. Wenn das Magazin von einem Label, Vertrieb oder einer Konzertagentur herausgebracht würde, wäre der Verdacht natürlich groß, dass dort vor allem die eigenen Künstler präsentiert werden. Aber die Telekom steht nicht gerade im Verdacht, da irgendwen besonders zu bevorzugen.

    Müsste sich das Magazin genau so am freien Markt behaupten wie viele andere Musikzeitschriften, hätten man dort auch mit jeder Ausgabe die gleichen Gesichter auf dem Cover, wie bei allen anderen. Man muss dann nun mal massenkompatibel sein – tut man das nicht, passiert auf kurz oder lang das, was leider gerade mit der DEBUG passiert ist.

    Alles, was in der Nische passiert, interessiert meist nicht genug Leute, um damit tragfähige Geschäftsmodelle aufzubauen. Da ist es doch nur zu begrüßen, wenn Geld von außen dazugeschossen wird. Dass die Telekom oder Red Bull damit ihr Image aufpolieren – geschenkt.

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