Ist EDM schuld daran, dass die Outkast Reunion Show bei Coachella so abgestunken hat?

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Meister Marinelli hat Anfang der Woche die gesamte Blogrebellentruppe, von EDM-Fanatikern bis zu den Golden-Era-Rap-Opas, auf den Plan gerufen. Stein des Anstoßes: Ein Artikel namens Why It’s EDM’s Fault Outkast Flopped, der erstens einfach mal so behauptet, dass Outkasts Performance eher eine Nullnummer war und zweitens, dass ausgerechnet EDM daran schuld sein soll. Wie bitte?

Zuerst mal ist die Frage: War das tatsächlich ein Flop? Seht euch die Performance gerne auszugsweise an und achtet A) auf die Performance von AndreDreitausend und Big Boi und B) auf die Reaktion des Publikums…sofern man das überhaupt so nennen kann.

It’s a new era for live music, and acts that aren’t going to be bringing the requisite amount of energy to please a crowd filled with thousands of casual fans need to consider their audiences more carefully now than ever before. You can’t expect someone who just staggered away from getting their brain rearranged at an explosive, confetti-filled Zedd performance is going to respond in any meaningful way to lyrical hip hop, unless they’re already a fan.

Source: Why It’s EDM’s Fault Outkast Flopped / EDM

Meine Meinung: Die Performance von Outkast lag im oberen Bereich des Erwartbaren. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Buben seit fast einem Jahrzehnt weder zusammen aufgetreten, noch zusammen auf einer Bühne gestanden sind. Eigentlich war schon ihre elf Jahre alte Speakerboxxx/The Love Below LP das musikalische Pendant zu der Phase einer Ehe, während der sich Mann und Frau einvernehmlich dazu entschließen, lieber doch in getrennten Betten zu schlafen.

“Kreative Differenzen” in der Musik sind die Körpergeräusche und komischen Gerüche des zwischenmenschlichen Beisammenseins. Beide sind von Anfang an vorhanden, werden aber erst mit der Zeit von manchen beteiligten Parteien als nervig wahrgenommen. Nur mal so nebenbei. Aber zurück zum Thema. Es war halt eine mehr von den Fans herbeigesehnte als von den beiden Künstlern wirklich gewollte Wiedervereinigung. Das haben sie sich meiner Meinung nach aber nicht anmerken lassen. Dienst an den Fans. Nett.

Wenn Outkast nicht schuld ist – ist tatsächlich die Elektronische TanzMusik (EDM) schuld? Kommen Leute nicht mehr klar auf klassische Rap Gigs, weil sie von EDM Veranstaltungen mit Feuerwerk, Lasershow, Dubstep-Ohrenpenetration und anderen Mätzchen so abgestumpft sind, dass zwei Rapper in Latzhosen sie einfach nicht mehr vom Hocker hauen? Nope.

Rap-Konzerte sind so und werden immer so bleiben. Und das Publikum weiß das. Ein Kanye West Konzert mit Brillianten-Maske, Leuchtpyramide und EDM-Avancen ist kein Rap-Konzert. Das merkt man unter anderem daran, dass sich dort statt den üblichen Rucksack-Stereotypen überwiegend Nike-Air-Yeezy-tragende Hype-Biester tummeln, die kein Wort der “College Dropout” Phase nachvollziehen können oder wollen, stattdessen aber mit Tränen in den Augen die vor Autotune strotzenden Herzschmerzballaden von 808&Hertbreaks mitweinen. Kanye West hat adäquat zu seinem musikalischen Wandel auch sein Publikum ausgetauscht. Und dieser Publikumtausch ist der Knackpunkt.

Schuld an der ganzen Misere ist nämlich genau der verblendete Vollpfosten, der Outkast erzählt hat, es sei eine gute Idee, das Publikum zu wechseln, aber alles andere beizubehalten. 90/00er Swag, 90/00er Tracks aber 2014er Instakrapfen (Neologismus für Instagram-Fanatiker mit dem IQ eines Krapfen) im Publikum? No Wai.

Wer auch immer für die Wahl von Coachella als Kick-Off-Gig der Reunion-Festival-Tour verantwortlich war: Genau derjenige ist schuld an der Misere. EDM ist raus. Outkast sind raus. Das Publikum ist raus. Es hat nur keiner drauf geachtet, dass das Publikum überhaupt keinen Bock auf Outkast hat. Die wollten ihre Fotos und Vines machen, evtl. noch “Hey ya” im Dubstep-Aggro-Trap Remix (idealerweise mit Young Thug oder Migos als Überraschungsästen) hören und fertig. Oder wie es Tyler The Creator ziemlich treffend ausformuliert hat:

Richtiger Act zur falschen Zeit vor dem falschen Publikum. Simple as that. Zumindest gehe ich davon aus, dass Tyler mit seinem Capslock-Rant so etwas in der Richtung gemeint hat…

Wie, das mit dem Publikum voller Selfie-süchtiger Hipster und Hype-Hinterherrennenden ist zu polemisch und Rants aus Odd Future Kreisen haben zu wenig Beweiskraft? Dann checkt Lie Witness News von Coachella 2013 etwas weiter unten. Aber davor noch eben eine kleine Wette: Wenn wir im Sommer den Mitschnitt des Auftritts von Outkast beim Splash in Ferropolis demjenigen von Coachella gegenüberstellen, wird das noch unterschiedlicher kaum aussehen können.

Beim Splash passen in diesem Fall Publikum und Act wie Faust auf’s Auge. Mittzwanziger und Anfangdreißiger werden dehydriert ihren Hyperventilierungen erliegen. Und Andre3000 und Big Boi werden sich fragen, wie unfähig der Typ aus ihrem Camp eigentlich war, als er ausgerechnet Coachella als Startpunkt für diesen Dienst an den Fans gewählt hat.

Pic via EDM.

Den Artikel hab’ ich probeweise erstmal auf Englisch auf Procrasti-Nation veröffentlicht. An Meinungen (verfasst in allen Sprachen) ist das gesamte Blogrebellenteam aber durchaus interessiert. Kommentare erwünscht! Rein, da unten!


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2 KOMMENTARE

  1. “Just not at a mainstream festival anymore”, schreiben sie doch im letzten Satz des Artikels und das ist durchaus eine Beobachtung, die ich in den letzten 20 Festival-Jahren auch gemacht habe. Die Erwartungshaltung des Publikums hat sich in den letzten Jahren geändert. Richtig Spaß machen nur noch die Genre-Festivals wie Splash! und Co.. Da stimmt der Nenner.

  2. Jupp, absolut. Der Artikelschreiber bei EDM hat an sich Recht. Allerdings hat er halt den Titel des Artikels mediumbedingt (EDM.com) so zurechtgewurstelt, dass er im Endeffekt eine andere Gesamtaussage suggeriert.
    EDM ist ja halt einfach nicht der Sündenbock, eigentlich, sondern wie wir alle wissen, die Fehlplatzierung der Performance ins falsche Festival.

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