Martin

Hi, ich bin Journalist & Blogger und schreibe hier vor allem darüber, wie das Digitale die Gesellschaft verändert. Manchmal droppe ich aber auch einfach nur übelste Basslines oder Einhörner, die Fallschirm springen.

VICE ist ein journalistisches Powerhouse, das gar nicht genug ernst genommen werden kann. Was einst als Gonzo-Subkultur-Magazin in Kanada gestartet ist, ist heute ein multinational operierender Medienplayer mit diversen Online-Magazinen, TV-Shows, Dokus und neuerdings auch einem eigenen News-Kanal auf YouTube (+780.000 Abonennten) sowie einer News Website. Das Unternehmen soll mittlerweile einen hohen dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag wert sein.

Journalistischer Scoop für VICE

Mit der Doku „The Islamic State“ hat VICE nun international für Aufsehen gesorgt, weil sie es geschafft haben, einen Journalisten bei der Terrororganisation IS zu embedden. Die fünfteilige Doku zeigt extrem spannende Innenaufnahmen der ultra-gewaltbereiten Gruppe IS und nimmt den Zuschauer mit in eine Welt, die wir uns hier im säkularisierten Wohlstands-Europa nicht einmal in Ansätzen vorstellen können:

The Islamic State, a hardline Sunni jihadist group that formerly had ties to al Qaeda, has conquered large swathes of Iraq and Syria.

Previously known as the Islamic State of Iraq and Syria (ISIS), the group has announced its intention to reestablish the caliphate and has declared its leader, the shadowy Abu Bakr al-Baghdadi, as the caliph.

The lightning advances the Islamic State made across Syria and Iraq in June shocked the world. But it’s not just the group’s military victories that have garnered attention — it’s also the pace with which its members have begun to carve out a viable state.

Flush with cash and US weapons seized during its advances in Iraq, the Islamic State’s expansion shows no sign of slowing down. In the first week of August alone, Islamic State fighters have taken over new areas in northern Iraq, encroaching on Kurdish territory and sending Christians and other minorities fleeing as reports of massacres emerged.

propaganda is

Doku zwischen Propaganda und Journalismus

Die Doku ist voller Gewalt und intergriert auch Propaganda-Videos der IS, ohne eine weitere Einordnung vorzunehmen. VICE setzt auf den Intellekt der Zuschauer und darauf, dass sich die Bilder selbst entlarven. Das funktioniert aber nur bedingt, feiern doch die jeweiligen Gruppierungen häufig die VICE-Dokus für das Zurschaustellen ihrer eigenen Belange.

VICE ist unerschrocken und garantiert frei von Politiker-Blabla. Weder auf der Homepage von Vice News noch in der Doku The Islamic State kommt auch nur ein westlicher Politiker zu Wort. Es handelt sich bei der Doku vielmehr um eine sehr dichte Beobachtung der IS, wie sie lebt, agiert und herrscht. Es kommt aber eben auch keine Gegenseite zu Wort. Journalistische Ausgewogenheit funktioniert in der Regel anders.

Die Protagonisten der Doku

Da gibt es den Pressesprecher, der den VICE-Reporter mit in eine Gefahrenzone nimmt und kurz darauf selbst zur Waffe greift.

presseoffizier IS

Da gibt es den Hisbah-Sitten-Polizisten, der den VICE-Reporter mit auf Patrouille nimmt und mit einem dämonischen Grinsen die Werte des Kalifats vertritt und Gefangene dazu veranlasst, vor laufender Kamera Reue zu zeigen. VICE hält drauf. Auch dann, wenn klar ist, dass die Gefangenen dem Tode geweiht sind.

hisbah

Da gibt es die zahlreichen Kinder, die von den Menschenfängern der IS beim Baden indoktriniert werden und sich vor laufender Kamera dazu bekennen müssen, dass sie später auch einmal große Krieger werden wollen und alle Ungläubigen umbringen wollen.

IS Kind

Da gibt es die Krieger, die aus aller Herren Ländern anscheinend zur IS kommen, um ein Kalifat zu errichten.

krieger IS

Und da gibt es den Richter, der mit welcher Ausbildung und Befugnis auch immer über all das richtet, was die Sharia vorschreibt.

Richter IS

Kritik an VICE

Dass VICE Journalismus anders interpretiert, stößt immer wieder auf Kritik und ist auch für mich ein problematisches Feld. Häufig lässt sich VICE bestimmte Reportagen sponsern und es wird für den Zuschauer nicht ersichtlich, welche redaktionellen Entscheidungen dem Money-Flow untergeordnet wurden. Zudem lässt VICE viel zu häufig Parteinahme erkennen und ist in der Darstellung nicht ausgeglichen.

Auch in der Doku The Islamic State kommen keinen Gegner der IS zu Wort. Auch ist nicht klar, ob der Reporter sich auch nur annähernd aussuchen durfte, was gefilmt wird. Zudem werden weder Frauen interviewt noch das Leid von Abertausenden von Flüchtlingen thematisiert.

Kriegsbilder auf Dubstep geschnitten

Fakt ist aber, dass VICE dort Journalismus macht, wo andere Medienunternehmen nicht mehr hingucken. Egal ob es um Prostitution, Drogen, Gewalt oder kriegerische Auseinandersetzungen geht, VICE ist mit irgendeinem wahnsinnigen Reporter garantiert vor Ort, kümmert sich um Themen, die der Mainstream nicht bedient. Und genau das hat Konsequenzen.

VICE liefert Bilder, Eindrücke und Geschichten aus Krisenregionen, die Mainstream-Journalisten aus guten Gründen nicht betreten. Häufig handelt es sich um grenzwertige Einsätze, für die das Stammhaus keine Sicherheit garantieren kann. Während also Mainstream-Medien von Hoteldächern aus berichten, befinden sich VICE-Reporter genau da, wo es knallt. Solange keiner der Reporter zu Schaden kommt, funktioniert das Modell und weckt bei der Zielgruppe (jung, männlich, urban) neue Konsumbedürfnisse: Kriegsbilder auf Dubstep geschnitten gehören halt noch nicht zum Reportoire des heute journals – auch aus guten Gründen.

Das alles kann einen erschüttern und verstören – aber genau so ist die Welt. Und warum sollte man sie nicht auch so zeigen, wie sie ist.

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  1. fALk says:

    „Zudem lässt VICE viel zu häufig Parteinahme erkennen und ist in der Darstellung nicht ausgeglichen.“ Ich glaube das ist Teil des Gonzo Jouralismus und ich denke das ist auch nicht unbedingt schlecht. Irgendwo stand mal das es keinen unparteiischen Journalismus gibt – schon gar nicht mit Bildern. Ich würde mich dem uneingeschränkt anschliessen. Schon die Auswahl eines Themas ist ein Parteiname. Denke auch das die westlichen „Qualitätsmedien“ schon lange nicht mehr unparteiisch dokumentieren und mehr und mehr Propaganda einfliesst. Glaube auch, daß es sobald es sich um „linke“ Medien handelt da immer und sofort die „ist nicht ausgeglichen“ Karte gezogen wird während vermeintlich „neutrale“ Medien mehr und mehr den Recht(s)staat rechtfertigen wenn auch manchmal nur durch die Auswahl der Themen eben. Aus dem Sudan hört man so gut wie gar nix während die Ukraine jeden Tag Schlagzeilen macht – würde behaupten wollen nach einem Gespräch mit jemand der bei Ärzte ohne Grenzen arbeitet das (Süd)Sudan definitiv höhere Aufmerksamkeit bekommen sollte…

    • Martin says:

      Hey Falk, ich kann viele Deiner Punkte nachvollziehen. Ob es richtig ist, die andere Seite nicht zu hören, kann ich nicht vollends beantworten. Vom Bauchgefühl her würde ich meinen, dass es für den Erkenntnisgewinnung sehr reizvoll sein kann, nur eine Seite zu zeigen. Von der klassischen journalistischen Redlichkeit her, sollten aber natürlich jeweils beide Seiten zu Wort kommen. Gerade für Leute, die sich nicht mit den jeweiligen Themen gut auskennen, ist sonst eine substantielle Beurteilung der Geschehnisse fast unmöglich. Ich sehe aber VICE nicht unbedingt in der Pflicht, das komplette Bild zu zeichnen – vielmehr verstehe ich ihr Angebot als radikalen Zusatz zum Mainstream.

      • Pun says:

        Nun, vice zeigt in einer Doku vielleicht nicht die Gegenseite, aber genauso findet man auf deren Homepage – und in den Verlinkungen in den Youtube-IS-Doku-Videos, tiefe Einblicke in die Peshmerga und die kurdischen Gebiete.
        Ich denke es hat viel mit dem tiefen Misstrauen breiter Bevölkerungsteile gegen die traditionellen Medien zu tun.

  2. Fabien says:

    Interessanter Artikel!

    Nach einigem Grübeln hat mich dieser Satz am meisten aufgehalten:
    „Von der klassischen journalistischen Redlichkeit her, sollten aber natürlich jeweils beide Seiten zu Wort kommen.“

    Aus meiner Sicht ist es ein Fehler, die „Journalistische Redlichkeit“ wichtiger zu nehmen als die Ereignisse selbst. An sich ein ohnehin sehr dehnbarer begriff, in der Praxis gerne genutzt um u.A. Religionskritik effektiv abzuwürgen. Redlichkeit ist in der Praxis nicht anderes als ein Filter.

    Selten gibt es nur zwei Seiten (die Welt ist nun mal eine Kugel, das Konzept „Seite“ ist von Beginn an deplaziert). Und genau daran scheitert der Versuch journalistisch Verantwortlicher eine selbst definierte „balancierte Fairness“ zu erstellen. Selten hat der Journalist einen echten, besseren Durchblick. Logisch betrachtet kann er auch nicht wissen welche Lücken er hat (wie jeder andere auch). Es ist bereits manipulativ „Seiten“ überhaupt zu zu definieren (oder schlimmer und leider die Regel: Seiten zu zeichnen).

    Daher halte ich es für sinnvoll zielgerichtet und in schmerzhafter tiefe zu berichten, dabei aber die Vielfalt zu wahren. „Journalistisch Redlichkeit“ ist nur ein besseres Wort für Manipulation (ob der Journalist sich dessen nicht bewusst oder nicht, spielt keine Rolle).

    „Verantwortungsvoller“ Journalismus, und der Glaube an dessen Konzept der Überparteilichkeit ist IMHO der gefährlichste Flaschenhals unserer Zeit (wie schon vor 100 Jahren, und davor auch, und davor sowieso…).

  3. t.kyat says:

    die wertungsfreie berichterstattung von vice hat damit zu tun, dass sie ihre repoter nicht in gefahr bringen wollen. ich glaub kaum, dass die IS, die reporter so nah kämen ließen, wenn sie schlecht über die IS schreiben würden.

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