Burka_Islam
Nilo

@nielow "Nix zu sehen – Kultur-Curry aus dem Feld" Erzählt Geschichten, die ihr begegnen. Aus dem Netz, der Nachbarschaft, aus Berlin, Deutschland oder aus ihrer alten Heimat Iran.

Wie kommt ein junges Mädchen dazu, zum Islam zu konvertieren und die Verschleierung so zu zelebrieren? Angetrieben durch die Burkaverbot-Debatte und auf der Suche nach Meinungen im Netz bin ich auf Amina (Name wurde  erfunden) gestoßen. Im Chat erzählte sie, wie sie zum Islam kam und was sie mit der Verhüllung verbindet:

Amina, auf deinen Profilbildern bei Facebook sieht man dich stets mit einem Niqab. Ich würde gerne mit dir über die Entscheidung den Niqab zu tragen und deine Erfahrung damit sprechen. Mir ist bei der ganzen Burkaverbot Debatte aufgefallen, dass es keine Stimmen von Frauen gibt, die das für sich entschieden haben.

Doch die gibt es durch aus. Manchmal werden sie sogar ins Fernsehen eingeladen. Oder hier in Facebook hat jemand, eine ganze Seite gegründet, in der wir uns alle ein Bild darüber machen konnten. Mit einem kleinen Text, der unsere Entscheidung beschreibt.

Wieso fällt es den Menschen in Europa oder Deutschland so schwer zu glauben, dass diese Art der Verschleierung freiwillig ist?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass es teilweise an den Medien liegt und teilweise an dem Kleidungsstück selbst. Die Medien haben nicht nur die Burka oder den Niqab, sondern auch das Kopftuch ziemlich in den Schatten gestellt. Denn meist verbinden die Bürger diese Kleidung mit Terrorismus. Andererseits ist es nicht die westliche Denkweise sich zurückhalten zu wollen, oder sich sehr fromm verhalten zu wollen, die Leute im Westen zeigen sich offen und denken dabei nicht an Moral oder Ähnliches. Das gehört zur westlichen Kultur. Genauso können manche nicht glauben, dass man auch im Sommer bei 37°C damit überleben kann. Meist denken sie das wäre in Deutschland nicht möglich, aber wenn man ihnen erklärt das fast alle Frauen (sogar Männer) in wärmeren Regionen wie z.B. in der Wüste oder wärmeren Regionen wie Saudi Arabien so rumlaufen, dann legt sich das auch schnell wieder.

Ist Moral nicht etwas, was sich von Kultur zu Kultur unterscheidet?

Selbstverständlich unterscheidet sich die Moral von Ort zu Ort. Das ist auch kein Problem, solange niemand anderen oder sich deswegen wehtut, beleidigt oder aufgrund von Vorurteilen ausgrenzt.

Was ist mit den Negativbeispielen in Saudi Arabien oder Afghanistan? Es gibt zahlreiche Bücher, die über das Leid der Frauen berichten, die aus den konservativen Familien kommen.Was unterscheidet eine Frau hier in Europa von diesen Frauen, die gezwungen werden, sich komplett in der Öffentlichkeit zu bedecken?

Der Unterschied ist, dass sie frei entscheiden kann, was sie trägt. Doch ob sie wirklich freier ist das ist die eigentliche Frage. Es gibt durchaus einige, die es nicht sind, das will ich nicht abstreiten. Doch ich denke, dass sich auch viele Frauen in Europa einem Gewissen gesellschaftlichen oder auch einen von den Medien ausgehenden Druck aussetzen. Nehmen wir alleine nur das Nacheifern der Figuren der Models. Meistens sind diese sogar viel zu dünn. Das Hinterherrennen der Mode. Ja ich denke es existiert in Europa der Zwang für andere schön sein zu wollen. Dafür nehmen die Frauen in kauf, sich am Ende des Tages mit kaputten Füßen ins Bett zu werfen oder ewig Narben ihrer Brustvergrößerung durchs Leben zu tragen.

Darf ich fragen, wann und wie du es für dich entschieden hast den Niqab zu tragen?

Den Niqab trage ich persönlich nicht, obwohl ich ihn ab und zu mal getragen habe, als ich mit Freundinnen unterwegs war und ich bin ziemlich nah dran sozusagen. Ich trage den Hijab, Khimar, auch größere Kopftücher oder Gewänder. Ich würde es liebend gerne tragen, nur da ich konvertiert bin und meine Eltern schon einiges toleriert haben möchte ich sie damit nicht unbedingt belasten. Mein Mann, obwohl er sogar auch sehr konservativ ist, ist sogar der Meinung,dass ich es nicht anziehen sollte, da er Angst um mich hat wenn ich mal alleine unterwegs bin. Aber ich habe sehr viele Freundinnen die das tragen. Aber ich hätte kein Problem damit, es gleich noch anzuziehen. Die Sache ist, ich fühle mich damit einfach noch beschützter. Ich habe ziemlich blaue Augen und bin auch nicht von schlechten Eltern, wenn mich manche Jungs bzw. Männer sehen falle ich schon auf. Manche starren mir dann hinterher. Ich würde meine Schönheit vollkommen für mich und meinen Mann haben. Ich weiß nicht ich finde das hat was Wertvolles.

Wie sehr schützt dich so ein Gewand? Ich meine, ich habe schon von Männer gehört und auch mitbekommen, dass sie einen gewissen Reiz verspüren, wenn eine Frau sich verschleiert. Ist damit das eigentliche Vorhaben „schlechte Gedanken“ zu vermeiden hinfällig? Und zweite Frage: Besteht unter den Frauen nicht trotzdem eine Art Konkurrenz oder sich zeigen wollen. Selbst wenn Männer nicht hinschauen und Frauen unter sich sind, konnte ich beobachten, dass Make-up, Kleidung oder Schmuck wichtig ist für die Frauen.

Vor der Mehrheit der Männer schützt das, sie haben keinen Gewand- und Verschleierungsfetisch. Sag ich jetzt mal so. Ich werde von der Männerwelt einfach in Ruhe gelassen. Die meisten kommen mir mit Respekt entgegen und müssen sich erst mit meinem Charakter auseinandersetzen, anstatt mit meinem Aussehen. Und ich sehe keinen Konkurrenzkampf zwischen uns Frauen, wenn wir mal einen Mädchenabend haben. Neid gehört nicht zum Islam und ist auch verboten. Wir sollen mit uns zufrieden sein, wie Gott und geschaffen hat. Doch unter Mädels kann es immer mal eine geben, die eine andere hübscher findet als sich, das ist aber auch ohne Kopftuch so. Frauen liegt so etwas vielleicht auch in den Adern. Deswegen raten manche Gelehrten, sich auch vor anderen Mädels nicht zu sehr aufzuhübschen. Doch darin liegt kein Verbot es ist eine Empfehlung.

Burka

Wie kam es, dass du konvertiert bist?

Ich habe schon immer an Gott geglaubt, aber halt nicht religiös. Sogar als Kind habe ich mich gefragt, was ich hier eigentlich so mache auf der Welt. Warum bin ich hier? Wie komme ich überhaupt hier hin? Und wo gehe ich hin? Dann habe ich ziemlich frühreif mein Jugendleben durchlebt und das ziemlich Wild, wenn ich das Mal so sagen darf. Eines Tages saß ich auf einer Party, habe die ganzen kotzenden, streitenden, feiernden und betrügerischen Leute angesehen, und da ist es mir einfach klar geworden: DAS KANN NICHT MEIN SINN DES LEBENS für ca. 90 Jahre sein! Da muss es doch noch irgendwas geben. Dieses hoch komplexe Leben muss doch einen Sinn haben. Drauf habe ich mich mit allen möglichen Religionen beschäftigt, die man so kennt. Die konnten mich alle so schnell nicht überzeugen. Zu guter Letzt fehlte mir noch der Islam.
Ich hatte viele Vorurteile z.B. durch 9/11, aber vor allem aufgrund der Medien. Dann habe ich mir irgendwann gedacht: Du redest mit den Leuten, denkst sehr schlecht über den Islam, jeder erzählt dir was anderes, du musst jetzt einfach mal selbst herausfinden, was es damit auf sich hat. Dann habe ich mich sozusagen wortwörtlich -tagelang- in meinem Zimmer eingeschlossen und den Koran gelesen, ich habe mir im inneren gesagt, du machst dein Herz jetzt frei von den Vorurteilen. Du liest einfach. Ich hatte zu dem Zeitpunkt sozusagen gar nicht die Absicht zu konvertieren. Und dann sind durchs Lesen (ich kam gar nicht mehr davon los) ALLE Vorurteile weggegangen. Ich habe angefangen zu verstehen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Dann habe ich mich noch eine ganze Weile intensiv damit beschäftigt und schließlich gab es diesen Moment, in dem ich dachte: Okay. Bevor ich morgen sterbe, oder die nächste Zeit und das die Wahrheit ist, muss ich sie angenommen haben. Somit bin ich am nächsten Tag in die Moschee und bin konvertiert.

Wie haben deine Eltern reagiert? Sie sind ja gebürtige Deutsche.

Mein Vater war etwas geschockt, meine Mutter ist total locker damit umgegangen. Aber nach ein paar Diskussionen mit meinem Daddy, natürlich auch über das Kopftuch, hat er sich Gott sei Dank beruhigt und akzeptiert es. Ich würde sagen das Verhältnis zu meinen Eltern, ist nach dem ich zum Islam übergetreten bin besser als je zuvor.

Und wie alt warst du da?

Ende 15, Anfang 16

Wow, dann hast du dir ja sehr früh Gedanken gemacht. Hast du deinen Mann in deiner Gemeinde kennengelernt?

Den kannte ich noch aus der Schulzeit waren schon mal zusammen. Naajaaa und dann habe ich ihn zufällig getroffen nach meiner Konvertierung. Ich habe ihm das halt erzählt und irgendwie waren noch Gefühle da dann haben wir uns mit 16 verlobt und mit 18 haben wir geheiratet. Bin jetzt 19.

Wohnt ihr zusammen und plant ihr Kinder zu bekommen? Kann man so was überhaupt planen?

Ja mit 17 bin ich mit ihm zusammengezogen.. na klar wir planen.. aber erst in ein, zwei Jahren, wenn er seine Bildung beendet hat.

Danke für das Gespräch Amina

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  1. Mina Ray says:

    Da fehlen eindeutig Infos, trage selbst Niqab. Ansonsten tolles Interview :)
    Hoffe durch das kurze Gespräch sind wir euch ein wenig näher gekommen und wünsche mir das ihr uns besser versteht!
    In Liebe <3

  2. Achmed says:

    Also die Schlaueste ist Sie nicht, über den Islam weiss Sie so viel wie sie der Iman wissen lässt.. Weiss sie auch, dass sie dem Tod anheimfällt, wenn es ihr gefällt, diesen Glauben zu verlassen, aus welchem Grund auch immer?

    • Muck says:

      sämtliche von Dir verehten Heiligen zuvor die Hand geschüttelt haben.
      Sag ich jetzt nicht, daß dies der schlauste aller meiner Kommis war,
      aber eine gewisse Gerissenheit wohnt der verborgenen Drohung (die ja eigentlich keine ist, sondern nur eine geschickt geäußerte Tatsache) schon inne…
      Wie auch immer: Toll find ich, wenn jemand ~ aus welchen Gründen auch immer ~ frei genug ist, an oder auszuziehen, was auch immer beliebt.
      & so richtig schick fänd` ich, wenn diese seltsamen Gewänder, über die sich so viele Menschen aufregen, auch `mal in anderen Farben als dem langweiligen Schwarz in den Medien zu sehen wären.

      PS.: Hi Nielow…
      Pipi Langstrumpf is` i~wie anders`. ;)

  3. Kengkohr says:

    Niemand sage, dass Blogs nicht Journalismus seien!

    Danke für dieses Abbild einer Innensicht. Am Ende bleibt mir trotzdem nur @holgi beizupflichten: „Wer bereit ist, den einen Scheiss zu glauben, der glaubt auch jeden anderen Scheiss.“

    Das Zitat „Ich habe schon immer an Gott geglaubt, aber halt nicht religiös.“ ist ein ziemlich gutes Signal: Eltern; bringt euren Kindern das Denken, nicht das Glauben, bei!

  4. frank says:

    Sorry @nielow – aber ich bin etwas fassungslos, das du im Interview nicht einmal dieses vorsintflutliche Männer-und-Frauenbild hinter dem Niqab weiter hinterfragt hast. Eine Frau, die wie ein Phantom herumläuft um moralisch besonders rein zu sein – geht’s noch? Nicht das Prüderie und angstbesetzte Vorstellungen von Männern / Frauen ein ausschließliches Problem im Islam sind. Auch das Christentum hat eine Geschichte der Verteufelung des weiblichen Körpers, der Abwertung der „sündhaften Sexualität“ hinter sich. Heute sind wir aber gottseidank weiter. Sogar in den hintersten Katholiken-Kaffs haben solche Moralvorstellungen ausgedient. Ich finde solche Phänomene wie Niqab – egal ob freiwillig oder unfreiwillig- einfach traurig. (btw: Er ist in vielen islamischen Ländern auch verboten). Und diese Vermummung kann man auch nicht gegen andere vermeintliche Zwänge wie Modelmaße u Erwartungen an Selbstoptimierung, die in Schönheits-OPs münden, ausspielen. Das sind zwei paar Schuhe mit ganz verschiedenen Motivationen. Aber wahrscheinlich gilt das in Hipster-Berlin als „liberal“ wenn man auch solche archaischen Geschlechter-Vorstellungen nicht weiter hinterfragt. Eigener Standpunkt könnte ja engstirnig sein. Und das ist ja das uncoolste überhaupt.

  5. Chris Heil says:

    Nee, sorry, ihr kennt mich als Antifaschist. Sagen muss ich trotzdem: Diese Bild mit Turnschuhen und der Super-Kamera…plus Schleier. Das wirkt einfach nur noch behämmert. Ein Mensch der – aus welchen Gründen auch immer – so rumläuft, laufen muss, den kann ich – selbst unter Versammlung aller humanistischen Gene die ich finden kann – nicht ernst nehmen. Für mich wirkt das behindert. Im wörtlichsten aller Sinne. Ich werde in der Kommunikation behindert, wenn ich mit solchen Leuten reden muss/soll, und ein Interview kann ich dann auch nicht lesen, ohne dauernd an ihre Macke zu denken.

    Ich kann keinem Kulturkreis was verbieten, ich kann aber auch nicht Toleranz fordern, wenn ich selbst das Gesicht eines Menschen nicht sehen kann.
    Das widerspricht jeglicher Logik einer humanistischen Kommunikation auf „Augenhöhe“. Schleier übern Kopp…kann man ja machen; aber wer es wagt sich öffentlich zu äußern, der hat gefälligst auch ein Gesicht dazu; – oder ich höre eben nicht zu; und viele anderen sicher auch nicht.

    Das ist ein nur Aspekt des „großen Diskurses“, ich möchte explizit hier stehen haben, dass ich mit allen Menschen jeglicher Colör über jedes Thema sprechen kann und möchte. Ohne Augen aber nicht. Daher weiß ich auch nicht was sie oben sagt, und trolle hier nur meine Meinung zum Vollschleier rein (was in der Tat der einzige muslimische Kulturauswuchs ist, dem ich kein Verständnis entgegen bringen kann (- mal abgesehen von jährlich gesteinigten Kindern bei der Umgehung der Kaaba)

    Aus atheistischer Sicht: Die Konvertierung von einem zum anderen Übel ist für mich genau so unverständlich, wie Männer, die ne Schleierfrau gern haben.

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