Goulash Disko Festival – Ein Rückblick

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Schon vor zwei Jahren stach mir das Goulash Disko Festival beim Versuch, sein Debüt per Crowdfunding zu finanzieren, ins Auge.  Balkan Beats, Global Bass, Reggae, bissl Swing, bissl Funk. Zelebriert nahe einem kleinen Fischerdorf auf der Insel Vis in der Adria. Klang nach einer Art „The Beach“ in weltmusikalisch. Genau mein Ding, nur ein unpassender Termin. War es im Jahr drauf dasselbe Spiel, sollte es heuer endlich mal klappen. Zeitpunkt passt. Noch mehr passt, dass ich als Musikdarbieter dahin passe. Ich fahre also in dreifacher Funktion: Gast, DJ und – wie versprochen – als Reporter.

Ziel ist Pula, die größte Stadt der kroatischen Region Istrien. Genauer: Fort Punta Christo, ein alte Festung nebenan und eine der Spielstätten eines weit größeren Happenings namens Outlook. Dort sollte die Goulash Disko 2015 stattfinden. Und nicht nur die, denn zeitgleich steigt hier das Seasplash, ein Reggeafestival. Dreizehnte Auflage, Headliner: Inner Circle. Beide Festivals laufen zusammen. Ein Ticket, zwei Vergnügen. Doch noch bin ich über tausend Kilometer nördlich und ich habe ein Problem.

Dresden, Donnerstagmorgen. Freundin und Campingkram in meinem treuen, zwanzig Jahre alten Volvo Kombi verstaut und Gas gegeben. Es läuft. Genau bis zur Autobahnauffahrt, dann fällt der Auspuff ab. Klang vorher schon nicht gut, aber nun konkurriert das Gefährt mit den startenden Flugzeugen nebenan. Ungünstige Sache. Leistungstechnisch nachteilig, akustisch belastend und spätestens in Bayern wird uns der Schutzmann einsperren. War da nicht eine Pit-Stop-Bude am Wegesrand? Machen die nicht genau sowas? Im Internet steht, die zocken ab. Bilde einen Satz aus Not, Teufel und Fliegen. Also zurückgerollt und den Jungs vor Ort das Problem geschildert. Fazit nach einer knappen Stunde: Auspuff geschweißt, aus Dankbarkeit 50% Tip auf die verlangten 20 Euro aufgeschlagen und die erste Lektion mitgenommen: Es gibt Wunder. Oder einfach nur nette Leute bei Pit-Stop. #hätteichsonichtgedacht.

1100 Kilometer südwärts

Nun galt es durchzuziehen, die Runningorder verkündete für 1:30 Uhr den von mir sehr geschätzten Uproot Andy. Fünfzehn Stunden bis dahin, das sollte locker zu schaffen sein. Was es auch war, denn bereits gegen halb elf des nächtens erreichten wir das Zielgebiet. Ein Zeitpunkt, der auch kroatische Gefilde in Dunkelheit hüllt, besonders die Dörfer im Stadtrandgebiet, wo wir das Fort suchten. Licht, Lärm, Wegweiser? Lange nicht, dann doch. Erst eine Holzschranke mit Aufpasser, dann ein großer, staubiger Parkplatz direkt am Meer. In der Ferne Bassgewitter und bunte Lichtkegel. Wir sind da und wir haben einen Plan: schnell das Ticket-Bändchen abholen, noch schneller das Zelt aufbauen und dann ganz schnell mit einem ersten Drink auf den Dancefloor. Nu‘ denkste – die Kroaten haben nämlich nicht nur die Krawatte, sondern auch die Bürokratie erfunden. Bändchen gab es schon im zweiten Anlauf, nur nicht für meine Freundin. Dann doch, dafür fehlte der güldene Armreif zum Betreten des Campingareals, abzuholen an einem eigenen Schalter. Dort wiederum erwies sich als nachteilig, dass ich jegliche , für den Müllpfand zu hinterlegende, Barschaft im entfernt abgeparkten Auto deponiert hatte. Irgendwann fügte sich alles und wir hatten einen neuen Plan: Zeltaufbau im ersten Licht des neuen Tages, bis dahin Party.

goulash disko floors
Ein Ticket, zwei Festivals, sieben Bühnen

Es folgte ein Rundgang durch die sechs Floors in der Feste. Das Seasplash dominierte mit großer Bühne, großem Dubfloor und kleinerem Electrosplash-Rondell, alles Open Air. Die Goulash Disko steuerte unter freiem Himmel eine kleinere Bühne bei, bei der die Anlage schwer gegen das Soundsystem des angrenzenden Dubfloors zu kämpfen hatte. Auf halbem Weg zwischen den Floors gab es eine Art Unterstand, genannt „Disko On The Side“ und letztlich noch ein Gewölbe in der Festung, namens „Dubtendo Tunnel“. Plus – tagsüber – den „Treasure Beach“, an dem auch ich auflegen sollte. Erster Eindruck: Leute nett, der größte „Ausländeranteil“ wird von Briten gestellt, geschätzt um die tausend Besucher. Bestimmt kein Gedränge. Bierpreis 15 Kuna (bzw. 15 Token, die festivaleigene Währung), entspricht etwa 2 Euro. Musik allerfeinst. Wir sind angekommen.

Viel Licht und wenig Schatten

Stunden später gab es dann, trotz einiger Biere im Kopf, Ernüchterung beim Zeltaufbau. Was im Vorfeld als „best spot with a lot of shade“ angepriesen wurde, erwies sich als – kroatientypisch – steiniges Gelände, durchsetzt mit einigen Bäumen. Aber unter denen ballten sich bereits die Zelte und an ihnen die Hängematten. Nun muss man wissen, dass das Quecksilber täglich die 40 Grad anzusteuern gedenkt … im Schatten … den wir nicht hatten. Immerhin führten wir ein Sonnensegel mit und den Vorsatz, die gute Laune beizubehalten. Was meiner Freundin, obwohl ganz feine Dame, kurzzeitig misslang. Contenanceabfall in Folge von Übermüdung und Unterzuckerung. Der Groll legte sich jedoch schnell mit einer gepflegten Arschbombe ins Glück … hier das Adriatische Meer. Direkt nebenan beschallte die Treasure Beach Stage Frühaufsteher oder Spätschlafengeher mit Reggaerhythmen. Die Afterhour ging ins Tagesprogramm über und nach meist dublastiger Dauerbeschallung über vier Tage komme ich zu einem Schluss, den ich für unmöglich hielt: ab Zeitpunkt X geht mir diese Variationsarmut im Bass schlicht auf die Eier! Jah Rastafari!

goulash disko camping area
Da jammert der Wohlstandsossi, das Campingareal.

Der neue Tag bringt neben Sets von Nickodemus und Spinforth zwei Überraschungen. Einmal Larry Skg, in London lebender Grieche, der auch ohne Publikum ein musikalisches Feuerwerk abbrennt. Das gehört honoriert, wir eröffnen den Dancefloor im Stile eines Hochzeitspaares. Alone On The Dancefloor, sozusagen. Nach und nach gesellen sich andere hinzu, es geht von Cumbia über Moombahton zu allerlei weiteren Global Bass Hybriden – ein sehr schönes Set, ganz nach meinem Gusto.

Dann ein Abstecher zu Inner Circle. Das Vorurteil erwartete abgehalfterte Reggaeclowns mit einer Handvoll „Bad Boys“, „Girl I Wanna Make You Sweat“ und „Games People Play“ Charthits im Gepäck. Siehe da – Überraschung zwei – es kam anders. Recht fitte Band, weit frischer und publikumsnäher als vermutet. Neben „A La La La Long“ und „ A Na Na A Na Na Na“ Mitgröhlhits, die die Band nicht zu knapp hat und wegen derer scheinbar weit mehr Leute als am Vorabend anwesend waren, gab es auch Intonationen anderer jamaikanischer Gassenhauer, darunter selbst „Tenement Yard“. Immerhin war Jacob Miller himself dereinst Sänger von Inner Circle. Gar nicht mal so übel, ich gelobe demnächst weniger befangen zu sein.

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Der Samstag beginnt wie jeder Tag mit einem Sprung ins Meer. Das hat schon was, wobei die Sanitärsituation besser als bei der Fusion ist. Kein Anstehen, Dixies weitgehend sauber sowie mit Klopapier und die acht Freiluftduschen genügen dem Bedarf der Camper. Gegen vier Uhr nachmittags bin ich mit der Beschallung des Strandbereichs dran. Ein überschaubares Völkchen lungert im umherliegenden Stroh, ich passe mein Set der Zeit, der Temperatur und dem Ambiente an. Nach einem Tempobogen kommt Bewegung in die Anwesenden. Ein stimmiges Ding. Nach mir übernimmt Brigada Rakija aus der Slowakei, die ihren Namen musikalisch umsetzen. Balkan Blasmusik mit Beats und starkem Trinkliedfaktor. Kommt trotz der frühen Stunde erstaunlich gut an. A Propos trinken: an der Bar werden neben dem omnipräsenten Ožujsko Pivo drei gezapfte Craft Sorten, darunter ein IPA ausgeschenkt – was ich löblich finde.

Where The Wachsroses Grow

Folgt der Sonntag und da wird das Goulash nochmal voll aufgekocht. Beim morgendlichen Bad werde ich allerdings von einer Seeanemone geküsst, wahrscheinlich eine Wachsrose (Anemonia sulcata). Klingt harmlos, nesselt jedoch stark. Führt über Blasenbildung bis zu Nekrosen, aufgrund der Tentakelspuren sieht mein Knie nach einiger Zeit aus, als wär ich mit dem Dreirad gestürzt. Anyway … tanzen geht noch und das wird exzessiv praktiziert. Zum Finale geben sich unter anderem nochmals Nickodemus und der abgefeierte Larry SKG die Ehre, dazu die Ghetto Funk Haudegen Spinforth und Waggles, Mr. Al Lindrum und schließlich der großartige Chancha Via Circuito. Im Gegensatz zur Fusion allerdings nur als DJ. Die Liveformation hätte aufgrund der Location vermutlich noch um einiges mystischer gewirkt als ohnehin schon. Dafür trumpft das Jeboton Ansambl in Mannschaftsstärke auf. Ein gutes Dutzend junger Männer, die mit akustischen Instrumenten und vielstimmigem Chorgesang einen ganz eigenen Vibe entfalten. Der Abend ist der würdige Abschluss eines grandiosen Wochenendes.

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Als wir zum Vormittag des Montag unsere Sachen ins Auto verpacken, wird an der Beachbühne noch getanzt. Wir entscheiden uns trotzdem für die Weiterfahrt, mit einer Träne im Knopfloch. Schön war`s. Die Ungezwungenheit hatte was von der Fusion. Nur hippiesker, familiärer, relaxter und ohne Übermacht des gesangsbefreiten 4/4-Beat. Es wurde sich mit Glitzerfarbe beworfen und gefühlt tat es ein Viertel der Damen den Herren gleich. Oben ohne. Erstaunlicherweise wirkte das weder wie ein Holi-Festival, noch wie eine Springbreak-Eskapade. Es wirkte natürlich, es war einfach so. Kann auch daran liegen, dass mich die Stimmung eingelullt hat … aber dafür fährt man schließlich auch zu solch einem Event.

goulash festival party
Insgesamt: super!

Fazit: Viele lobende Adjektive im Text, volle Punktzahl. Kleiner Abzug, ob der Campingbedingungen. Aufgehoben durch einen Bonus für den Mumm, überhaupt so ein Projekt anzugehen. Im nächsten Jahr – wenn es passt – gern wieder. Kann man durchaus empfehlen, was ich hiermit getan haben will.

Bildquellen: privat, Goulash Facebook

4 KOMMENTARE

  1. Schön diesen Trip mal aus einem anderen Blickwinkel mitzubekommen… Ich war von Dienstag bis Dienstag da. Schade, dass wir uns nicht mal auf ein Bierchen getroffen haben. Nun ja egal. Wegen des Zeltplatzes muss ich anmerken, dass es für Künstler noch mehr Möglichkeiten gab als Dein sonniges Plätzchen. Ich campte oberhalb der Mainsplash-Bühne im Artist-Bereich und es war schattig, idyllisch, ruhig und die Aussicht war atemberaubend. Schnell schnell Zelt aufbauen nach der ersten Partynacht war wohl nicht der beste Plan, wa? Und Du hättest den Montag am Beach miterleben sollen, es war einfach grandios. Apropos grandios, hast Du eigentlich den Solar-Stage am Lighthouse entdeckt? Wundert mich, dass das nicht im Artikel auftaucht. Dort herrschte auch diese hippieske Stimmung, aber hoch 10! Was mich noch begeistert hat war der gelebte „Ferienkommunismus“, die Fusion wirbt damit, aber bei Goulash Disko hab ich’s so krass wie nie zuvor erleben dürfen. Die Leutz aus Südosteuropa neigen viel viel mehr zum teilen und helfen! Echt schön! Auch die Dankbarkeit untereinander… Ich werde nächstes Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein, auch wieder als Artist, versuche mit den Karmakanonen aus Kopenhagen dort ein eigenes Stage aufzubauen. Vielleicht trifft man sich ja dann? Spätestens…

  2. […] Ich gebe zu: mir fehlen einige Informationen um die Hype um Jan Böhermann nachzuvollziehen. Ich kann auch Hafti & Co nix abgewinnen. Die Diskussion um den POL1Z1STENS0HN habe ich hingegen verfolgt und diese Kid Gringo Version von „Isch hab Polizei“ finde ich sogar witzig. Wahrscheinlich, weil er es mit „Bad Boys“ von Inner Cirlce gekreuzt hat. Die hatte ich im Sommer zufällig live gesehen, was unterhaltsamer war als erwartet. Mehr dazu hier. […]

  3. […] Ein wunderbares kleines Musikliebhaber-Festival ist das Goulash Disko, das im September zum insgesamt vierten und zum dritten Mal auf der Insel Vis stattfinden wird. Ein guter, alter Bekannter des Festivals ist Dunkelbunt, aber auch DJs aus dem Blogrebellen-Kosmos wie The Carlson Two oder Barrio Katz haben schon dort gespielt und auch schon darüber geschrieben […]

  4. […] Ich gebe zu: mir fehlen einige Informationen um den Hype um Jan Böhmermann nachzuvollziehen. Ich kann auch Hafti & Co nix abgewinnen. Die Diskussion um den POL1Z1STENS0HN habe ich hingegen verfolgt und diese Kid Gringo Version von "Isch hab Polizei" finde ich sogar witzig. Wahrscheinlich, weil er es mit "Bad Boys" von Inner Cirlce gekreuzt hat. Die hatte ich im Sommer zufällig live gesehen, was unterhaltsamer war als erwartet. Mehr dazu hier. […]

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