„Hier wohnen keine armen Leute. Das muss für die Flüchtlinge wie ein Schock sein. Und unsere Gebäude verlieren an Wert.“

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Mit Bikini im Garten

Da ist der Winnender Zeitung ein satirisches Meisterstück gelungen, chapeau! Das Lokalblatt veröffentlichte jüngst eine brillante Satire zum Flüchtlingsthema; einen Beitrag, der die Zeitung direkt in die Liga der Titanic und des Postillon katapultiert. Für die wenigen unserer LeserInnen, denen kein Abo der Zeitung vergönnt ist, haben wir uns die Sternstunde des humoristischen Schreibens mal etwas genauer vorgenommen.

Ganz besonders ist der Redaktion schon alleine die Eingliederung des Artikels in die Gesamtpublikation gelungen. Manch einer dürfte den Artikel ernst genommen haben, da er äußerlich kaum aus dem redaktionellen Umfeld hervorsticht. Ebenso hitverdächtig: Die Illustration. Das Bild sieht aus, als seien waschechte Winnender Einwohner auf ihrer Terrasse beim Kaffeklatsch photographiert worden. Darunter liest man sogar – als wäre alles echt – die (natürlich erfundenen) Namen der vermeintlichen Oberklasse-Bedenkenträger.

Ganz toll kommt auch die Überspitzung des schnöden Lokalpressecharme in der Berichterstattung daher. Von Journalist und Redaktion völlig unkommentiert dürfen die vermeintlich real existierenden Einwohner der wohlhabenden Kleinstadt im Speckgürtel Stuttgarts ihre xenophoben Ängste loswerden. Beinahe unbemerkt pirscht sich die satirische Überhöhung in einem ganz besonders gelungenen Absatz in den Artikel:

Auch Ingo Mayer findet die Nähe zu den Eschenweg-Häusern unpassend: „Hier wohnen keine armen Leute. Das muss für die Flüchtlinge wie ein Schock sein. Und unsere Gebäude verlieren an Wert.“

Hut ab, richtig schöner, bissiger Kommentar zur Flüchtlingsproblematik an sich. Ein Hoch auf die Winnender Zeitung und auf Ingo Mayer (wie lustig, dieser verhonepiepelter Name, der auf keinen Fall echt sein kann). Sehr schön, dass diese perfide Argumentation von wegen “können wir uns die vielen Flüchtlinge in Deutschland leisten?”, endlich einmal in die (Schein)Realität überführt wird. Das Problem ist nicht unser mangelnder Wohlstand, sondern schlicht und einfach, dass wir zu viel davon haben. Und: Dass die Flüchtlinge neidisch werden würden, wenn sie aus ihren miefenden Wohncontainern zu uns rüber schauen und Zeugen unserer übertrieben dekadenten Kaffee-und-Kuchen-Orgien auf unseren überdimensionierten Terrassen würden. Da photographieren wir das Ganze lieber und zeigen unser arrogant-widerliches Lächeln als unseren Beitrag zur Flüchtlingskrise in der Lokalzeitung.

Herrlich komisch. Und es geht genau so komödiantisch überhöht weiter. Fast ein wenig zu arg aus der Luft gegriffen – schließlich sind solche Asi-Äußerungen eher aus der Unterschicht der strukturschwachen sächsischen Provinz erwartbar und nicht aus dem “mir könnet fascht alles außer uns in Berlin integriere”-Baden-Württemberg, aber trotzdem hochamüsant:

Andere aus der Runde werfen ein, dass sie befürchten, sich mit so vielen jungen Männern aus anderen Kulturen in ihrer Nachbarschaft nicht mehr frei bewegen zu können. Petra Hirt: „Ich sitze gern im Bikinioberteil im Garten. Aber nicht mehr, wenn ich mir vorstelle, dass ich dabei angeschaut oder gar gefilmt werde. Wenn ich mich das nicht mehr traue, geht es doch um mein Persönlichkeitsrecht.“

Petra Hirt (wieder ein ganz hervorragend ausgewählter Name für eine fiktive superkonservative Schwäbin) im Bikini: Ein göttlicher Anblick, der den alten weißen Männern gegönnt sei, den jungen schwarzen Männern aber auf jeden Fall vorenthalten werden muss. Köstlich! Dank des demographischen Wandels bekommen früher oder später ohnehin auch ZuwandererInnen ihre Brustpartie zu sehen, sogar ohne Bikinioberteil: Es ist ja wohl doch sehr unwahrscheinlich, dass zukünftig alle Altersheime mit ausschließlich volksdeutschenschwäbischem Personalstamm in der Pflege auskommen.

Andrea Keck würde ihre 15-jährige Tochter künftig vom Bus abholen. „Ich will niemandem etwas unterstellen … aber allein das schränkt uns ein.“

Und das ist auch schon der letzte überspitzte Satz des Satire-Meisterstücks: Satire hin, Satire her, fast lehnen sich die Zyniker der Winnender Zeitung hier ein wenig weit aus dem Fenster, würde ich sagen. Ganz eindeutig haben sie sich hier von Donald Trump, dem führenden Oberschicht-Rassisten-Asi aus den USA beeinflussen lassen, als sie die Figur Andrea Keck erfanden und ihr die Worte in den Mund legten:

When Mexico sends its people, they’re not sending their best. They’re sending people that have lots of problems, and they’re bringing those problems with us. They’re bringing drugs. They’re bringing crime. They’re rapists. And some, I assume, are good people.

Fazit: Schön, dass wir in einer Welt leben, in der ein solcher Beitrag eben “nur” Satire ist und kein trauriges Zeugnis real existierender süddeutscher, rechter, dummer, arroganter, ignoranter und empathieloser Verblendung.

Originalartikel aus der Winnender Zeitung (online)


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4 KOMMENTARE

  1. […] die auch nehmen. Dummerweise ist es aber zu eindimensional, die pauschale Nazikeule rauszuholen. Wenn ich mir den Zeitungsartikel der Waiblinger Zeitung mit den „besorgten Bürgern“ dur…, dann ist das auf einer ganz anderen Ebene erschreckend, denn hier spricht der gutsituierte […]

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