10 Dinge, die ich an Deutschland liebe

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Wenn man so vor sich hinbloggt, muss man sich schon einiges anhören. Man sei ein manischer Teenager, eine untervögelte Feministin, ein politisch korrekter Korinthenkacker, ein verblendeter Gutmensch, eine schlauscheißende Möchtegernjournalistin, ein Deutschlandhasser. Letzteres trifft mich doch besonders, weil das gar nicht wahr ist, ey.

Ganz im Gegenteil, ich liebe Deutschland. Also ich hasse natürlich graue, deutsche Nieseltage wie den heutigen, und Deutschland mit mehr Sonne und weniger Stress wäre mein Lieblingsdeutschland, aber alles in allem finde ich Deutschland ziemlich toll. Und das nicht erst, seit Angela Merkel ihre Mundwinkel liften hat lassen und Menschen in Notsituationen plötzlich ein freundliches Gesicht zeigt. Smiley.

Nein, ich liebe Deutschland seit mehr als 27 Jahren. Seit ich zufällig aus der richtigen Gebärmutter geplumpst bin. Deshalb hier meine Hommage an dich, Deutschland, du süßer Fratz. 10 Dinge, die ich an dir liebe.

Du bist so ehrlich und direkt

Wenn man in Deutschland nein sagt, heißt das nein. Und wenn du nein meinst, sagst du weder “danke” noch “wie nett von dir”. Sonst musst du die drei Liter Apfelschorle austrinken, die du nachgeschenkt bekommst, oder die fünf Kilo Schweinshaxe essen, die man dir auf den Teller wuchtet. Wenn du kacke aussiehst, dann sagt dir auch niemand “Oh my goooosh, my dear, you look so fancy today!” Das Maximum deutschen Euphemismus’ ist: “Passt schon.” Und ein Kompliment wäre zum Beispiel: “In der Hose sieht dein Arsch nicht so groß aus wie in der von gestern.” Was ich daran liebe? Kommunikation ist so herrlich unkompliziert!

Du verzichtest auf überflüssiges Gesabbel

Auch, was den Smalltalk betrifft. Ich bin schon immer vollkommen verwirrt, wenn mich fremde Menschen fragen, wie’s mir geht, will mich reflexartig hinsetzen und anfangen, mich über meinen körperlichen und seelischen Zustand auszutauschen. Umso komischer fühle ich mich, wenn ich gezwungen werde, ein falsches Lächeln aufzusetzen und mit Fistelstimme zu piepsen “Fiiiiine, how are yoooouuu?” oder mich geschlagene 20 Minuten nach dem Befinden der Frau, der Kinder, der Großeltern, des Hauses, des Fernsehers und des Viehs zu erkundigen.

Du machst keine leeren Versprechungen

Wenn dir dein Auge herausfault, weil sich fiese Bakterien in deine Hornhaut gefressen haben, dann sagt dir kein Arzt in Deutschland: “Hakuna matata, it gonna be fine, don’t worry. Just take this Aspirin, it good.” Nein, es heißt: “Oh, junge Dame, das sieht übel aus, der Ulcus hat schon fast die Hornhaut perforiert. Ob wir das wieder hinkriegen, kann ich Ihnen nicht versprechen. Aber Sie haben ja noch ein Auge.” Und keiner behauptet: “Of course, I’m gonna repair this, get you that, bring you there, do everything for you!” Ohne jemals etwas davon zu tun. Statt dessen sagt man: “Naja, so einfach is das nich, ich werd sehen, was ich tun kann. Aber erhoff dir mal nich zu viel.” Egal ob Auge, Auto, Aufenthaltsgenehmigung, sonstiges. Man sieht eben, was man tun kann. Selbst in der Liebe!

Du bist unbestechlich

Schonmal versucht, in Deutschland jemanden zu bestechen? Den Knöllchenverteiler, die Dame vom Amt, den Fahrkartenkontrolleur, den Türsteher, den Briefträger? Ein bisschen Trinkgeld für einen kleinen Gefallen? Nein? Im günstigsten Fall durchbohren dich nur die eisigen Blicke dieser Menschen, entsetzt von so viel dreister Immoralität. Im schlimmsten Fall hast du eine Anzeige am Hals. Schonmal in anderen, fernen Ländern versucht, niemanden zu bestechen? Ja? Im günstigsten Fall kommst du nicht rein, nicht weit, nicht durch und manchmal kommt noch nicht mal dein Brief an. Im allerschlimmsten Fall ist dein ganzes Land bestochen, von der Putzfrau bis zum Präsidenten. Dann hast du runde Ecken und eine korrupte Regierung!

Du erschießt mich nicht in einer Verkehrskontrolle

In Deutschland geht’s in Sachen Waffen- und Polizeigewalt ja ziemlich harmlos zu. Mich verfolgen aber noch immer diese schrecklichen Bilder: Ich war etwa sieben Jahre alt und wuchs in einer schönen, ruhigen Straße auf. Ihr wisst schon, eine mit sauberen Gärten, Hunden, Kindern und so. Eines Tages zerstörte ein schreckliches Ereignis diese Kleinstadt-Idylle – ein tollwütiger Marder war an unserem Gartenteich aufgetaucht, schwarz, behaart, aggressiv. Ein mittelmäßig aufgeregter Anruf bei der Polizei genügte, um ein Sondereinsatzkommando von vier übergewichtigen Kleinstadt-Polizisten auf den Plan zu rufen. Mit Hilfe eines Kartoffelkorbs und meiner kreischenden Mutter wurde das Tier in die Enge getrieben und überwältigt. Soweit ich mich entsinne, erschoss einer der übergewichtigen Kleinstadt-Polizisten den Marder mit einem spektakulären Move, von hinten. Vielleicht hat meine kindliche Psyche das aber auch überdramatisiert, und eigentlich kam nur der Typ vom Veterinäramt mit seiner Spritze. Ja. Mehr kann ich zum Thema Waffen- und Polizeigewalt auch gar nicht sagen, jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung. Ich glaube, da haben wir in Deutschland doch noch ziemliches Glück.

Du hast eine tolle Infrastruktur, ein gutes Gesundheitswesen und dein soziales Netz ist auch schön

Zum Thema Infrastruktur: Wenn die Bahn nicht gerade streikt, kommst du in Deutschland ziemlich schnell und sicher von A nach B. Das lernst du erst zu richtig zu schätzen, wenn du mit 36 Personen, einem Huhn und zwei Ziegen in einem Mini-Bus über Sandpisten bretterst, die Schlaglöcher haben wie Meteoritenkrater. Genauso toll findest du Strom, wenn der allabendlich und zwischendurch mal abgedreht wird. Zum Thema Gesundheitswesen: Mein Auge ist mir nicht rausgefault. Ich lag 14 Tage in einem deutschen Krankenhaus. Und die Kosten beliefen sich auf null Euro. Für das bisschen Aspirin und “hakuna matata” musste ich im Ausland schon mehr bezahlen, als sich die meisten Einheimischen leisten können. Ja, und wenn ich mal meinen Job als schlauscheißende Möchtegernjournalistin verliere, bekomme ich im Monat mehr Geld, als andere in einem halben Jahr verdienen.

Bei dir darf ich nackt sein

Deutschland ist so schön entspannt, wenn es um Brustwarzen, Schwängel und unbeschwerte Entblößtheit geht. Ohne diese Freikörperkultur gäbe es nicht so zweideutige Witze zum Lianen-See (das ist so ein FKK-See hier in der Nähe, mit einem tollen Seil zum ins-Wasser-Schwingen), ich hätte meinen Prof noch nie nackt in der Sauna gesehen (wäre bei meiner Abschlussprüfung nicht so entkrampft gewesen) und müsste mich sowieso ständig empören. Am schönsten ist doch, dass mit dem Alter und nachlassenden Bindegewebe die Exhibitionsfreudigkeit zunimmt. Fühle ich mich mal wieder von Perfektionswahn der Medien total unter Druck gesetzt, gönne ich mir einen therapeutischen Trip zum Lianen-See. Herrlich.

Du hast eine harte Schale, aber einen weichen Kern

Erstmal bist du ziemlich schüchtern und ängstlich, Deutschland, und machst dann einen auf cool und herzlos. Aber hat man dich erstmal geknackt, bist du butterweich und liebenswürdig. Zu Fremden, zu neuen Bekanntschaften, zu Schwaben, ja, selbst zu Kleinstadt-Menschen, die nicht wissen, wohin der Bus fährt. Da raunzt du erstmal “Det fragen se mich, wo se hin sollen, det müssen se schon selber wissen!”, um mir im nächsten Moment ein Bonbon an den Kopf zu werfen. Selbiges mit Flüchtlingen. Ist ausbaufähig, aber wir fangen ja grade erst an.

Du hast Humor, also, manchmal

Keinen plumpen, keinen slapstickhaften, keinen dödeligen Humor, nein. Dein Humor ist fein, durchdacht und oft ein bisschen schwarz. Manchmal ist er so fein, dass man ihn gar nicht mehr wahrnehmen kann. Meine erste bewusste Begegnung damit: Die Fleischereifachverkäuferin drückt mir ein Stück Gelbwurst in die Hand und sagt: “Gell, du willst auch mal was mit Tieren machen?” Wobei wir beim Thema wären…

Mettwurst, Fleischwurst, Currywurst, Sauerkraut, Bier und Brot!

Muss man dazu noch viel sagen? Lecker! (Wobei ich anmerken muss, dass ich gar keine Wurst esse. Ihr wisst schon, die Begegnung mit der Fleischereifachverkäuferin. Aber die Erinnerung an den Geschmack ist grandios!)

Zum Schluss – Loriot

So, das wären dann meine 10 Dinge, die ich an Deutschland liebe. Oder nein, noch nicht ganz! Ich liebe auch die deutsche Sprache. Mit ihren überlangen Kopulativkomposita und so. Und ich liebe Loriot. Was also könnte diesen Text besser abschließen als dieses Loriotsche Meisterstück:

https://youtu.be/mwwiheaVz00

 

 

 

 


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4 KOMMENTARE

  1. Mit der Liste stimme ich nur zu. Vielleicht jetzt eine die das Gegenteil zeigt, bzw. 10 Dinge die man an Deutschland hassen kann? 🙂
    Gruß
    Wolfgang

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