Was machen wir jetzt mit denen? Warum Flüchtlingshilfe mehr ist als ein Refugees-Welcome-Sticker

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Flüchtlingswelle. Masseneinwanderung. Parallelgesellschaft. Subkultur. Selbstjustiz. Scharia. Zwangsheirat. Ehrenmord. Extremismus. Mafiöse Strukturen. Kriminalität. Ist das die Wordcloud irgendeines braunen Siffblattes à la “Compact” oder “PI-News”? Oder ist das etwa das, was in meiner eigenen Seele an Panik-Material zum Thema “Fremde” schlummert? Ich muss zugeben, es ist letzteres. Und ich muss zugeben, dass ich mir manchmal, in unkontrollierten Augenblicken, Gedanken über solche Dinge mache. Ängstliche Gedanken.

Ich glaube, die machen sich viele andere Menschen auch. Noch nicht einmal diejenigen, die gröhlend ihren braunen Dreck und ihren Brandbeschleuniger vor Flüchtlingsunterkünften auskübeln, sondern die, die jetzt Flüchtlinge an Hauptbahnhöfen beklatschen, ihnen Kuscheltiere in die Hände drücken oder ihren Altkleidersack an der Erstaufnahmestelle abladen. Sind wir – trotz Refugees-Welcome-Sticker und Pace-Flagge – etwa alle ein bisschen Nazi?

Die Angst vor “Überfremdung”, vor “Integrationsverweigerung”, vor “Parallelgesellschaften” ist weit verbreitet. Warum? Es gibt sie. Die Zwangsheiraten, die Ehrenmorde. Die Friedensrichter, die Scharia. Die Unterdrückung der Frau, die häusliche Gewalt. Den Judenhass, den Extremismus. Es gibt Schüler, die keine Lehrerinnen respektieren und Schülerinnen, die nicht ins Schwimmbad dürfen. Es gibt Muslime, die Christen schlagen und Frauen, die sich von ihrem Mann versklaven lassen. Es gibt sie. In Berlin, in Köln, in Villingen-Schwenningen. Muss man das akzeptieren? Muss “die deutsche Gesellschaft” so tolerant sein?

Nein, muss sie nicht. Wir haben uns für unser Grundgesetz entschieden. Für Gleichberechtigung. Für Gewaltlosigkeit. Für Religions- und Meinungsfreiheit. Alles, was dagegen verstößt, ist keine Kultur. Es ist ein Verbrechen. Das muss jedem, der in Deutschland lebt, bewusst sein.

Und gerade deshalb dürfen wir uns nicht verleiten lassen, gegen Ausländer, gegen Flüchtlinge, gegen Fremde zu sein. Weil wir die Menschen an dem, was wir für eine fortschrittliche Gesellschaftsordnung halten, teilhaben lassen wollen und müssen. Es gilt, nicht zu pauschalisieren. Und es gilt, zu integrieren. Aber Integration ist mehr als ein paar syrische Bürgerkriegsflüchtlinge mit Schokolade zu bewerfen (“ziel bloß an den Albanern, diesen Wirtschaftsflüchtlingen, vorbei”) und danach beruhigten Gutmenschen-Gewissens nach Hause zu gehen. Integration heißt vor allem, wirklich viel Herzblut, Schweiß, Tränen und vor allem Geld in die Arbeit mit den Ankommenden zu stecken. Weil wir’s können.

Dass in den 60er Jahren kaum eine Anstrengung in die Integration von Ankommenden gesteckt wurde, das spürt selbst mein alter Herr (Hauptschullehrer) in seinen fünften Klassen. Wenn Schüler dort sitzen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen. Türkische Einwanderer der dritten Generation. Dabei ist die deutsche Sprache der Schlüssel. Zu Bildung, zu einem soliden Abschluss, zu Arbeit und Wohlstand und dazu, dass später niemand sagt: “Schau, diese faulen, kriminellen Türken/Serben/Araber/K****** immer. Wollen sich einfach nicht integrieren.” Ist es nicht so, dass  auf der anderen Seite oft noch viel mehr Angst vor dem Fremden herrscht? Die gilt es, abzubauen und zu überwinden. Und das geht nicht mit Teddybär und Eipeipei.

Ein eindrückliches Beispiel dazu aus unten stehender Doku: Ein muslimischer Vater möchte seine Tochter nicht auf eine Klassenfahrt schicken. “Ich verstehe, dass das ein Problem ist, aber ich bin Vater. Ich bin Vater und muss an ihre Sicherheit denken”, erklärt er. “Ich habe davon gehört, wie sie Dreizehnjährige auf eine Klassenfahrt mitgenommen haben, da sind viele von ihnen schwanger geworden. Weil es keine Grenze in Deutschland gibt.” Dieser gute Mann ist kein Extremist, kein Fanatiker, kein Verrückter. Es hat sich wahrscheinlich einfach noch niemand die Mühe gemacht, ihm zu beweisen, dass die deutsche Realität nicht das ist, was man bei RTL2 im Nachmittagsprogramm zu sehen bekommt. Wie soll er’s erkennen, wenn keiner Zeit und Geld für ein bisschen Orientierung in diesem doch ganz schön seltsamen, fremden Land opfert?

Womit wir bei meinem Herzensthema wären: Schön und gut, dass so viele sich jetzt mit Flüchtlingen solidarisieren und gegen die braune Kacke ankämpfen. Ich habe allerdings große Angst, dass in sechs Monaten Flüchtlinge nicht mehr ganz so emotionalisierend, knuffig und imagefördernd sind und sie wieder durch Catcontent oder irgend eine neue Krise abgelöst werden. Dann stehen die da. Und ich, als Sprachmittlerin für selbige, auch. Es wird jetzt schon gespart, was das Zeug hält. Kein Material, kein anständiger Lehrplan, provisorische Räume, beschissene Bezahlung.

Das sind meine Probleme, die ich eben einfach in Kauf nehme. Weil ich jung und frisch bin und die Kohle nicht so dringend brauche. Was andere Dozenten mit diesen Umständen anstellen, sei mal wohlweißlich verschwiegen. Dabei ist gerade ein Sprachkurs doch die Eintrittskarte in ein Land. Hier muss man motivieren, hier muss man Türen öffnen, hier muss man Lust auf die neue Kultur machen. Und: Hier muss man klar machen, was in Deutschland geht und was nicht. Dass man hier zur Paartherapie geht, statt seine Frau zu schlagen. Dass man niemanden absticht, weil er deine Mutter beleidigt. Und dass hier nicht reihenweise Mädchen schwanger werden, wenn sie ins Schullandheim fahren. Um das wirklich kompetent hinzubekommen, dazu fehlt den meisten Dozenten und Lehrern die Ausbildung und die Anleitung, denn dafür fehlt das Geld. Also wird sich eben durchgewurschtelt.

Um in so einem Wurschtel-Integrationskurs einen Platz zu bekommen, dafür muss man als Einwanderer dann auch noch saumäßiges Glück (oder Geld) haben. Nur ein anerkannter Flüchtling hat überhaupt ein Recht darauf, den Kurs gefördert zu kriegen, also nicht einmal 20 % der Ankommenden. Die anderen, die möglicherweise Monate und Jahre auf ihren Duldung oder Abschiebung warten müssen, die – nunja, warten eben. Ohne Deutsch. Ohne die Möglichkeit, sich irgendwie einzugliedern. Ohne Integration. Viel Spaß dabei, und bitte keine Subkulturen bilden oder so, das sehen wir hier in Deutschland nicht so gern, ne?

Also, was ist die Lösung? Immer noch Geld. Und man komme mir hier nicht mit armen Rentnern und flaschensammelnden Obdachlosen. Die Flüchtlinge haben bis jetzt weniger als 10 Milliarden gekostet, für die Bankenrettung konnte man mal schnell 480 Milliarden locker machen. War ‘ne schlimme Zeit, damals, als man jeden Tag von Brandanschlägen auf Bankgebäude hörte. Oder, ach, war ja gar nix. Die besorgten Bürger waren noch ganz unbesorgt.

So, zu guter Letzt würde ich euch noch gerne diese Doku von Zoom ans Herz legen. Die blickt auch zum großen Vorbild Kanada mit seinem tollen Punktesystem und der regulierten Einwanderung. Bin ich voll dagegen. Wie arrogant, Menschen nach einem so groben Maßstab zu messen und sich vor der Verantwortung für globale Prozesse und globales Leid zu drücken.

Was ich gut finde: Dass man auch in Kanada, im Pegida-Lieblings-Land mit dieser superduper rigorosen Einwanderungspolitik und der persönlichen Betreuung für Migranten, sieht, dass “Integration” nicht “Assimilation” heißt. Dass es dennoch Orte gibt, die eher an Bombay oder Shanghai erinnern als an Toronto und Vancouver. Dass man keinen Einwanderer dazu zwingen kann, Schweinshaxe zu essen, Bier zu trinken, das Kopftuch abzusetzen und anständige Klamotten zu tragen (probiert das mal bei Malle-Auswanderern). Dass es gut ist, wenn verschiedene Kulturen zusammenleben und auch verschieden bleiben dürfen. Dass wir, im schlimmsten Fall, Fremdheit einfach aushalten müssen. Denn “deutsch ist, wer Deutsch spricht”. Sagen 96,8 % aller Deutschen. Und kriminell ist, wer sich nicht an das deutsche Grundgesetz hält. Genau das ist die Grenze der Toleranz. Was gibt’s da noch zu diskutieren?

 

https://youtu.be/UVOSUuuJIoc

Beitragsbild: “Kosovo Refugees” von UN Photo/R LeMoyne (CC BY-NC-ND 2.0)


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6 KOMMENTARE

  1. Zur Integration gehören immer zwei. Integration bedeutet, dass die Lebensweise und die Kultur der Einwanderer in das Deutsche System integriert werden. Es bedeutet, dass man einen Weg findet Islam und Kopftücher und Demokratie, Gleichberechtigung und Humanität mit einander kompatibel zu machen. Es beutetet nicht, dass man von den Einwanderern fordert, dass sie ihre Gewohnheiten und Sitten komplett ablegen und sich die Deutschen Sitten überziehen. Das wird es niemals geben.
    Deshalb sind es nicht nur die Einwanderer die sich integrieren müssen, auch die Deutschen müssen sie integrieren. Wenn sich da einer von beiden verweigert, dann entsteht genau das, was sie im ersten Abschnitt beschrieben haben.

  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Finanzmarktstabilisierungsfonds
    Nein, der Staat hat keine 480 Milliarden Euro zur Rettung der Banken locker gemacht.
    Er hat für 400 Milliarden gebürgt, das bedeutet er hat versprochen die Schulden der betroffenen Banken zu bezahlen, falls es zu Pleite kommt.
    Tatsächlich locker gemacht wurden 20 Milliarden, in dem Sinn das sie im Staatshaushalt dafür reserviert wurden (also doppelt soviel wie die Flüchtlinge bislang kosten).

    Außerdem hat der Staat sich per Gesetz dazu ermächtigt bis zu 80 Milliarden Euro Kredite aufzunehmen mit denen er Anteile an Banken und Industrieunternehmen kaufen kann, wenn sie in Schwierigkeiten stecken. Dafür müssen die betroffenen Banken und Unternehmen auch Zinsen oder Dividenden an den Staat zahlen (und zwar mehr, als der Staat selber dafür Zinsen zahlt).

    Von den 480 Milliarden wurden gerade mal 30 Milliarden eingesetzt, das meiste für Commerzbank und Hypo Real Estate , die dafür bis zu 9% Zinsen zahlen dürfen.
    Natürlich wäre es besser gewesen wenn man die beiden Banken hätte Pleite gehen lassen. Die Angestellten hätten ihren Job verloren, und die Anleger ihr Geld, und der Insolvenzverwalter hätte versucht mit aller Macht ausstehende Schulden der beiden Banken einzutreiben (Zwangsversteigerung wenn möglich).
    Wer weis, wenn die einen den Job, die anderen die Spareinlagen und die anderen das Haus verlieren hätte es vielleicht wirklich brennende Banken in Deutschland gegeben. Gab’s in anderen Ländern auch, da sind dann Menschen in ihren Büros verbrannt.

    Aber eigentlich ist das Flüchtlingsthema zu wichtig, um es mit Bankenkritik auf Wutbürgerniveau zu vermischen…

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