Alles nur Spinner: Der ultrabraune Wochenrückblick

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Blogrebellen. Rezipienten. Leser. Was war das für eine Woche. Mir ist ganz braun vor Augen.

Erst sticht ein voll zurechnungsfähiger Irrer die Kölner Oberbürgermeisterin nieder, um das deutsche Volk zu schützen.

Dann sitzt einer, den man durchaus für irre halten könnte, in einer Talkshow. Auch er will das deutsche Volk schützen. So demonstriert er die „tiefe Liebe zu seiner Heimat“ mit einem Deutschlandfähnchen auf der Armlehne, spricht wirr von Angsträumen deutscher Frauen und sorgt sich so sehr um die deutsche Zukunft, dass er mit zitternder Stimme ins Goebbelsche Tremolo verfällt. Den Irren mit dem Messer findet er natürlich verachtenswert, aber ein bisschen Öl ins Feuer gießt er trotzdem gern. Als introvertierter Eisklotz kann man die Hitze der Zündelnden gut vertragen. Und sie zündeln gern. Erfurter, Thüringer, Deutsche.

Dann steht einer, den man wohl zurecht für wirr und irre hält, vor dem Volk, das seinen ersten Geburtstag feiert. Er erklärt, Politiker würden als „Gauleiter“ die „Umvolkung“ Deutschlands vorantreiben, „Invasoren“ sich von ihren „Scheißkartoffeln“ das Luxusleben finanzieren lassen, und erwähnt, inflationär, allerlei Arschlöcher, inklusive seines eigenen. Das deutsche Volk intoniert „Volksverräter“, „Ziegenherde“, „Ööööööööööh“ und vergisst dabei glatt 30 Minuten, dem vulgären Hetzer das Mikro abzudrehen. Konnte ja niemand ahnen, dass Ausländer so hervorragende Nazis abgeben.

Drei Dinge hatte ich in der letzten Woche gehofft:

Dass nach dem Attentat auf Reker endlich auch von rechtem Terror gesprochen würde.

Dass die AfD sich nach Höckes Auftritt komplett unwählbar gemacht hätte.

Und dass Pirincci nach seiner Rede bekannt gäbe, es wäre alles nur ein Riesenarschlochscherz gewesen. Er habe Pegida nur vorführen wollen. Es sei doch offensichtlich eine Persiflage auf die Rhetorik dumpfer, faschistoider Brandstifter gewesen. Wie könne man diese satirischen Übertreibungen nur ernst nehmen. Unfassbar. Armes Deutschland. Pegida hat sich demontiert.

Aber nichts davon geschieht. Und ich denke: Was sind das bloß für Spinner. Das kann doch alles, verdammt nochmal, nicht wahr sein.

Dann denke ich, mit einem Stechen in der Brust und Übelkeit im Bauch, an einen Satz, den meine Oma einmal sagte. „Oma, wie konnten die Nazis denn an die Macht kommen?“, fragte ich, und sie antwortete: „Erst dachten wir, das sind doch nur ein paar Spinner, und dann waren sie plötzlich überall.“ NSDAP? Pegida? Gar nicht so unähnlich.

Ich muss zugeben, Hohn und Spott trösten mich nicht mehr. Mir bleibt der Witz im Hals stecken. Sind es wirklich nur ein paar Spinner? Oder sind sie plötzlich überall? Wer bei einer Rede Pirinccis bei den widerwärtigsten Worten gröhlt, bei der Verharmlosung des Holocausts – egal in welchem Kontext – jubelt, wer Flüchtlingen einen Galgen baut und sich für das Versagen vieler einen einzigen, schwachen Sündenbock sucht, bei dem ist es mit der Menschlichkeit, mit der Empathie, mit einem Mindestmaß an Reflexionsvermögen und Aufgeklärtheit nicht weit her.

Vernünftige Lösungen braucht man nicht. Nur Deutschlandfähnchen, Partystimmung und ein wenig Hass.

Und man sieht einmal wieder: Auch heute noch schaffen es die populistischen Führer, auf der Klaviatur der niedersten, völkischen Bedürfnisse zu spielen. Pathos. Dreiklang. Goebbelsches Tremolo. Die Tasten klimpern ohne Widerstand.

Die Hoffnung bleibt: Sie sind nicht das Volk. Wir lassen uns nicht von Pathos lenken, sondern von Ethos, Logos und ein wenig Herz. Wir schaffen das.

Apropos „wir schaffen das“ – auch dieser Pathos ist mir nicht genehm, nicht von unserer Kanzlerin. Wir schaffen das nicht, wenn die Politik nicht vernünftig handelt. Dazu gab es dieser Tage einen mutigen Kommentar von Tübingens Oberbürgermeister, der anspricht, was ich selbst spüre: Dass mit Luft und Liebe kein Flüchtling menschenwürdig untergebracht und integriert werden kann. Mehr Vernunft und Ehrlichkeit wünsche ich mir also, von allen Seiten. Von Politikern. Spinnern. Gutmenschen. Und wenn wir’s gemeinsam geschafft haben, könnt ihr, von mir aus, auch euer Deutschlandfähnchen schwenken.

Foto von Jürgen Telkmann (CC BY-NC 2.0)


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