ZehnMalZwei: Interview mit Serdar Somuncu

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Kabarettist, Schauspieler, Musiker, Buchautor, Moderator, Regisseur, Synchronsprecher. Fehlt eigentlich nur noch Bodypainting und das Jodeldiplom. Tausendsassa-esk bewegt sich Serdar Somuncu seit Jahrzehnten durch zig Kunst- und Kulturformen. Mal Raubtier (z.B.”Der Hassprediger”), mal Kätzchen (z.B. sein Pop-Album “Dafür kommt man in den Knast”). Mal Feingeist (z.B. an der Dortmunder Oper), mal Poltergeist (*zu viele Möglichkeiten, bitte selbst einfügen). Und jetzt ein Buch. “Der Adolf in mir” deutet schon im Titel eines der Lebensthemen Serdar Somuncus an und untersucht folgerichtig die kleinen und großen Diktaturen im Innen und Außen. Es erzählt viel über die Motive und Stationen des Hasspredigers und rechnet an der ein oder anderen Stelle mit ein paar Leuten (u.v.a. Bushido, Bernd Lucke und Heinz Buschkowsky) ab. Klar, dass wir da mal in Form einer Interview-Audienz bei seiner Gehässigkeit nachhaken mussten.

1 Eigene Talkshow auf NTV oder Fernsehprediger in den USA?

Fernsehprediger auf NTV.

Du machst die Sendung So!Muncu auf NTV mit Friedrich Küppersbusch gemeinsam. Wie ist das zustande gekommen?

Küppersbusch hat mich gefragt. Wir hatten früher mal eine Talkshow „Vier gewinnt“ gemeinsam gemacht und dann hab ich gesagt: So eine Panel-Show eigentlich nicht nochmal. Wenn dann eine verrückte Talkshow, in der auch alles anders läuft als sonst. Küppersbusch hat sich dann total ins Zeug gelegt und wir haben innerhalb von fünf Wochen dieses Konzept entwickelt. Ich finde, es ist echt super geworden und es wird noch viel besser. Das war erst der Anfang. Es gibt Feinheiten, die noch verbessert werden müssen. Aber so radikal und anarcho war in der letzten Zeit keine Talkshow im deutschen Fernsehen.

Sehr spannend in deinem neuen Buch war das Kapitel, in dem du beschreibst, wie die Hatenight damals entstanden ist. Was brauchst du denn um kreativ zu sein, besonders im Bezug auf die Entwicklung einer Fernsehsendung?

So jemand wie Küppersbusch ist schon wichtig. Also einer, der einem den Rücken freihält und auch inspiriert. Inspiration ist letztendlich die wichtigste Quelle. Aber ich brauche auch manchmal einen Anlass. Im Moment stagniert das Fernsehen auf vielen Ebenen. Viele Protagonisten werden sehr gepusht, auch aus dem Wunsch heraus sich erneuern zu wollen, obwohl sich in Wirklichkeit nicht viel verändert. Das war für mich ein guter Anlass um zu sagen: Lass mal testen, gerade auf NTV, wo jeder sagt: Was soll das? Da ist die Fallhöhe denkbar groß. Das war für mich der Anlass zu sagen: Das mache ich, das finde ich gut.

2 Ist „Der Adolf in mir“ eher Selbsttherapie oder eher Therapie für die Leserschaft?

Selbsttherapie ist es nicht, weil die Dinge, die ich schreibe, schon verarbeitet sind. Es ist vor allem der Wunsch gewesen, abseits von der Frage danach, was ist mit mir passiert durch die Hitler-Lesereise, den Zuschauern mal zu zeigen, welche Prozesse eigentlich in mir stattfinden, bevor so ein Theaterstück oder eine Platte auf den Markt kommt. Das ist wichtig und gut, weil es auch ein paar Dinge erklärt, die sich in den letzten Jahren so angesammelt haben. Warum wird diese Figur wie sie ist? Muss ich Angst haben, dass sie missverstanden wird? Habe ich diese Angst? Wie gehe ich damit um? Dazu gehörte auch, dass ich manchmal Hintergründe geschildert habe, die nicht unbedingt mich betreffen. Also z.B. den Quatsch Comedy Club oder die Niggemeier-Geschichte. Dinge, zu denen ich noch nie was gesagt habe. Oder auch Bushido, was auch zu einem Teil des Buches wurde, was gut ist, weil die Leser dann auch eine zweite Sichtweise haben.

3 Totale Intoleranz oder Rücksicht auf Befindlichkeiten?

Totale Intoleranz ist ja eine Masche, die auf einer fiktiven Ebene von mir propagiert wird, deswegen natürlich: Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten, aber nicht bis zur Selbstverleugnung und Gefälligkeit.

Trotzdem beschreibst du auch im Buch, dass du die Metaebenen und Rollen teilweise nicht mehr kennzeichnest auf der Bühne und dass sich vieles abwechselt und fließende Übergänge entstehen. Welche Rolle spielt denn gezielte Verwirrung in deiner Bühnenkunst?

Das spielt eine große Rolle, weil diese Tradition der Verwirrung in der Mein Kampf-Zeit entstanden ist. Die einzige Waffe gegen diejenigen, die mich nicht haben wollten war es sie zu verunsichern. Das hat sehr gut funktioniert, denn in dieser schwebenden Ebene konnte man sehr viel machen ohne dass die Leute darauf unmittelbar reagieren konnten. Ich habe das später mitgenommen und vor normalem Publikum ausprobiert, weil ich es leid war mit Gleichgesinnten über Gleichgesinntes zu reden. Ich wollte was neues haben. Ich wollte, dass sich was bewegt. Und je mehr ich mich getraut habe mich nicht zu relativieren und mich darauf zu verlassen, dass allein durch den Kontext Theater und Bühne klar ist dass es sich um ein Theaterstück handelt, umso spannender wurde es für mich und auch für das Publikum. Deswegen ist heute ein Punkt erreicht, an dem ich mich kaum noch rechtfertige oder relativiere auf der Bühne. Ich versuche einfach Diktatur zu inszenieren und herauszufinden, was mit den Leuten passiert, wenn man ihnen nicht erklärt, was man macht.

4 Gegen alle Autoritäten oder Marsch durch die Institutionen?

Gegen alle Autoritäten. Der Marsch durch die Institutionen ist keine Option für mich. Das ist absurd und bringt nichts. Wenn man durch Institutionen versucht zu marschieren wird man sowieso nicht das richtige Tempo haben, denn die Institutionen schreiben einem vor in welcher Geschwindigkeit man geht und außerdem ist nie klar, wohin die Reise führt. Ob man dann ein Rad im System ist oder ob man das fünfte Rad am Wagen ist entscheidet die Institution.

Im autobiografischen Teil des Buches beschreibst du auch deine Zeit im Heim im Kleinkindalter. Inwiefern liegt darin der Ursprung deiner Renitenz und deines Misstrauens gegenüber Obrigkeiten und Autoritäten?

Auch darin bestimmt, aber natürlich vor allem durch meine Erziehung. Wir sind in einer Familie groß geworden, in der es immer wichtig war, dass man auch seine Meinung sagt und dass man zu seiner Meinung steht. Werte wie Loyalität, Wahrhaftigkeit, also auch zu dem stehen, was man nicht nur selbst denkt, sondern auch andere in Schutz zu nehmen, die ein Risiko eingehen, war immer total wichtig. Dafür bin ich auch langfristig gesehen immer belohnt worden. Ich bin aber auch oft bestraft worden, das darf man nicht verschweigen.

5 Für alle Schüler: Verpflichtender KZ-Besuch oder verpflichtender Serdar Somuncu-Gig?

Ich würde beides machen. Ich würde jedem empfehlen einmal ein KZ zu besuchen, weil diese Erfahrung live und in Farbe ganz anders ist, als wenn du es inszeniert erlebst. Aber ich würde mich auch freuen, wenn man in meine Vorstellungen kommt, denn beides hat was miteinander zu tun.

Du beschreibst auch deine Begegnungen mit KZ-Häftlingen während der Mein Kampf-Lesereise sehr eindrücklich. Ich habe auch selbst Auschwitz besucht und es war ein einschneidendes Erlebnis. Was ist aus deiner Sicht so lehrreich daran ein KZ zu besuchen?

Es macht eine sehr abstrakte Sache sehr konkret. Etwas, was du immer gehört hast, etwas was mittlerweile stilisiert wird, was in Tausenden von Filmen verarbeitet wird, wird real. Nachweisbar, denn kein Pseudowissenschaftler kann in Frage stellen, dass da ein Lager existierte, in dem Zigtausende Menschen inhaftiert waren und umgebracht wurden. Allein diese Erkenntnis ist schon mal unglaublich wichtig, wenn du ein Bewusstsein haben willst für den Ursprung der nationalsozialistischen Ideologie, aber auch der Grausamkeit ihrer Durchführung. Dass junge Menschen das heute nicht mehr sehen oder es nur noch abgearbeitet wird, wie einer von zwanzig Punkten ist sehr schade, weil man die Chancen nicht erkennt, die darin liegen. Wenn du mal kuckst, was in Europa um uns herum passiert, teilweise in Ländern, die am Genozid beteiligt waren, wie Österreich oder in der Schweiz, wo es Zwangsarbeiter gab, dann siehst du, dass viele nicht klüger geworden sind aus der Vergangenheit. Die agieren eigentlich so, als hätte es diese Vergangenheit nie gegeben. Rassismus, Xenophobie, Homophobie sind Dinge, die immer noch funktionieren. Gerade in Deutschland könnte man sagen: Moment mal, wir blicken jetzt nur mal ganz kurz, nur sechzig, siebzig Jahre zurück, dann sehen wir, was hier abgegangen ist und können sagen: Nein, das wollen wir nicht mehr, sondern lieber ein Paradebeispiel dafür sein, wie Toleranz wirklich funktioniert. Das findet nicht statt. Leider. Ich wünschte mir, es würde mehr stattfinden. Der Anfang ist, dass man einen Blick in den Rückspiegel wirft und ein KZ besucht.

6 Tour-Support für Bushido oder Feature mit Freiwild?

Ist mir beides schnuppe. Freiwild haut mich nicht vom Sockel. Bushido ist durchgekaut. Über ihn habe ich im Buch nochmal ein Kapitel geschrieben, weil ich exemplarisch an ihm darstellen wollte auf welchen Ebenen faschistische Strukturen heutzutage funktionieren. Aber künstlerisch ist das für mich ne Nullnummer und da muss ich keinen Support für leisten.

Du hast nen starken Bezug zu deutschsprachigem Rap. Was interessiert dich da momentan?

Also ich habe gar nicht so einen starken Bezug zu deutschsprachigem Rap. Ich bin da eher wie die Jungfrau zum Kinde zu gekommen.Mittlerweile kann ich schon sagen, das ich ein paar Leute gut finde. Ich finde MC Rene sehr gut, der ein Freund von mir ist und mir als Lehrer auch ein bisschen beisteht. Ich bin ja Musiker und nicht HipHopper. Ich bin eher Instrumentalist als Rapper. Aber gerade das was mir Rene an Attitüde, Skills und im Freestyle gezeigt hat, was er ja perfekt beherrscht, ist für mich sehr groß. Das bewundere ich. Ich finde aber auch viele andere gut, ich verstehe sogar Haftbefehl. Das habe ich am Anfang so ganz weit weg gesehen und dachte: Was ist das für ein Assi? Mittlerweile weiß ich, dass Haftbefehl ein Assi mit Niveau ist. Was er macht ist gut. Das kann er und das bewundere ich. Aber es gibt auch viel Schrott. Diese Möchtegerns und dieser Habitus „Ich bin der größte und dickste“ läuft sich irgendwann tot. Wenn du dann den fünften Xatar gesehen hast und den zwanzigsten Nate, dann sag ich: Ok, ich weiß jetzt, dass du ein toller Hengst bist, formuliers doch noch mal neu. Aber die 257er find ich z.B. sehr witzig, mit denen habe ich auch schon ein Feature gemacht- das sind coole Jungs, mit Wortwitz, sehr spannend.

Was ist mit Rap mit politischen Inhalten? Antilopen Gang oder Fler?

Ja, die sagen mir was. Es gibt ja mittlerweile rechte Rapper, wie Afrob, der CDU-Sympathisant ist. Der macht Werbung für die Leute, die ihn als ersten wieder rausschmeißen würden, wenn sich die Stimmung dreht. Aber die Antilopen Gang find ich auch gut, von denen habe ich mir auch ein paar Sachen angehört. Aber ganz ehrlich: Mich kotzt dieses ganze Gelabere irgendwann an. Ich will lieber Musik statt Sprache. Ich bin zwar selbst jemand, der mit Sprache agiert, aber mir ist im Rap oft zu viel Laberei.

7 Teil der Minderheit sein oder Teil der Mehrheit sein?

Tendenziell eigentlich immer eher Minderheit, aber ich scheue mich auch nicht davor in der Mehrheit zu sein. Wenn ich im Fußballstadion bin, dann bin ich Teil der Mehrheit und das macht großen Spaß.

8 Theater oder Tatort?

Das Eine ist von dem Anderen nicht zu trennen. Du musst Theater gespielt haben um im Tatort spielen zu können. Das habe ich jetzt gemerkt. Es ist nicht leicht im Tatort eine Rolle zu spielen, sich selbst danach zu sehen und das sieht dann aus wie ganz normal. Man denkt immer, dass es so easy wäre. Dann machst du das und denkst: Ja, ist doch nicht so easy. Die Leute mit denen ich da zusammengearbeitet habe, also Wotan Wilke Möhring oder Petra Schmidt-Schaller sind absolute Profis und sprechen so, dass man sich fragt: Reden die gerade privat oder spielen sie gerade? Das ist schon echt großer Spaß, aber auch harte Arbeit. Das lernt man im Theater.

Im Buch beschreibst du die Theater und die Bühne als Ort der Offenbarung und das Spielen als transzendente Erfahrung. Was passiert da auf der Bühne?

Es ist erstmal Lebenszeit. Du lebst zwei Stunden mit fünftausend Menschen zusammen. Das macht man ja nicht oft und wenn du Glück hast, spürst du die sogar. Das Publikum spürt dich auf jeden Fall. Und das ist etwas, was es in der heutigen Zeit immer weniger gibt. Wir isolieren uns immer mehr, wir sitzen vor dem Rechner, du siehst nicht mit wem du sprichst, hast ein Skypetelefonat und der andere sitzt in Brasilien. Wie oft kommt es noch vor, dass du wirklich mit Menschen Kontakt hast, schon gar nicht mit so vielen Menschen. Das finde ich sehr elementar und wichtig. Das ist eine gewachsene Kultur, die es in unserem Land schon seit Jahrzehnten gibt, aber es ist eine Kultur, die auf dem absteigenden Ast ist. Ich fühle mich als ein Repräsentant dieser Kultur und ich vertrete sie mit großer Leidenschaft, weil ich auch an den Wert und die Kraft dieser Arbeit glaube.

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Was auch deutlich wird im Buch ist, dass du den direkten Kontakt auf der Bühne als reine Form der Kunst siehst und das, was zwischen dir und Publikum passiert als Quintessenz betrachtest.

Ja. Wenn du das so machst wie ich das mache, also intuitiv, dann erlebst du eben auch sehr elementare Dinge. Ich entscheide meistens erst kurz vorher, was ich auf der Bühne erzähle. Das ist zum Teil das ganz normale Spektrum des Menschseins, aber hat manchmal auch etwas mystisches. Es ist auch etwas, was funktioniert ohne dass du weißt, warum es funktioniert. Das beschreibe ich in meinem Buch als große Bereicherung, denn ich bin ja nicht immer in der Lage dazu gewesen vor so vielen Menschen zu spielen. Der Weg, den ich gegangen bin war auch nicht immer so klar vorgezeichnet. Ich war lange Zeit mindestens genauso voller Zweifel, wie ich heute überzeugt bin. Dass sich das ergeben hat, dass Leute das verstehen und wir beide hier sitzen und du mir kluge Fragen stellen kannst hat eben auch was mit der Haltung zu tun, die ich mir in den ganzen Jahren erkämpft habe.

9 Redenschreiber für Lucke oder PR für Sigmar Gabriel?

Keins von beiden. Das ist beides grauenhaft. Sigmar Gabriel ist ne Knallcharge und Bernd Lucke ist ein Clown. Da tun die sich nicht viel.

In einem wichtigen Teil des Buches geht es um Leute wie Lucke, Buschkowsky oder Sarrazin. War es dein Anliegen mit denen abzurechnen?

Nein, das hat sich ergeben, denn wenn du dich mit Nationalsozialismus beschäftigst, landest du automatisch auch bei Lucke, Sarrazin und Buschkowsky. Das führt da hin, auch wenn ich nie gesagt habe, dass das identisch ist. Aber es ist in vielen Elementen enthalten und ich will aufzeigen, wie erschreckend es ist, wie wenig Leute sich dessen bewusst sind. Aber auch erschreckend, dass sie sich dessen bewusst sind.

Neukölln ist überall oder Zwickau ist überall?

Ich würde deutlich und ganz klar sagen: Zwickau ist überall, denn ich habe in ganz Deutschland gespielt. Von Ost bist West, von Nord bis Süd und es gab keine Stadt, in der es nicht mindestens eine Mord- oder Bombendrohung gab. Das war erschreckend und es war noch viel erschreckender, wie wenig die anderen davon wussten. Wie oft ich das erzählt habe und die Leute aus allen Wolken gefallen sind, weil sie nicht daran geglaubt haben, dass es in ihrer Stadt oder Region Nazis gibt.

Wohingegen Buschkowsky in „Neukölln ist überall“ ein relativ regionales Problem zu einem gesamtdeutschen hochstilisiert hat.

Ja genau und eben vor allem unvollständig dargestellt hat. Er hat ja nicht dazu gesagt, dass die Zustände in Neukölln entstanden sind, weil die Wohnungsbehörden die Türken dort damals einfach eingepfercht haben. Wenn du in den Siebziger Jahren als Türke in einem deutschen Viertel wohnen wolltest hat das Wohnungsamt dir gesagt: Nö, geht nicht. Meine Eltern haben damals dagegen protestiert und wollten mit Deutschen zusammenwohnen. Da hat dieser Typ gesagt: Nö, da gibt’s ein Viertel, da können sie unter sich bleiben. Wie im Ghetto. Und meine Eltern haben dann gesagt: Wir wollen nicht in einem Ghetto leben, wir wollen da wohnen, wo die Deutschen sind. Und jetzt sagen die, die das gemacht haben: Das sind Parallelgesellschaften. Bitte was? Ihr habt das selber inszeniert. Außerdem kritisiert Buschkowsky letztendlich sich selbst. Er ist ja schließlich verantwortlich für die Politik in Neukölln. Also muss er sich doch selbst hinterfragen, inwiefern er daran beteiligt ist und welche Lösungsmöglichkeiten er hat, anstatt ständig den Leuten zu drohen und Angstszenarien zu erzeugen.

10 Erfolgloser Jazzmusiker, der in Fachkreisen respektiert ist oder umjubelter Popstar, der vom Feuilleton gehasst wird?

Das ist ne gute Frage, die nur schwer zu beantworten ist. Popmusik ist nicht Popmusik und Jazzmusik ist nicht Jazzmusik. Diana Krall ist so eine erfolgreiche Jazzmusikerin, die schon wieder so hygienisch ist, dass ich das abschreckend finde. Ich glaube Jazz ist immer unpopulär, wenn er echter Jazz ist. Deswegen eher das. Aber ich mag auch dieses Popding. Ich finds cool, wenn man bekannt ist, weil man ein guter Musiker ist und viele Leute die Musik mögen. Da hab ich per se nichts dagegen.

Du beschreibst im Buch deinen Übergang von Kabarett zur Musik als ziemlich schwierig. Viele deiner Fans haben das nicht so akzeptiert. Für das Video „Dafür kommt man in den Knast“ bekamst du homophobe Reaktionen.

Ja genau. Da kam dann sowas wie: Wieso ist der geschminkt? Das gibt’s nicht! Der muss schwul sein. Ich habe einen Brief bekommen, das glaubst du nicht. „Serdar, ich bin verzweifelt, alles ist kaputt. Warum schminkst du dich? Bist du schwul?“ Und ich so: „Was ist los, Alter? Wenn ichs wäre, was wäre dann kaputt?“ Es ist unglaublich.

Aber hat das nicht auch was reinigendes, weil du dann diese Fans damit vergraulst?

Ja, auf jeden Fall. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich bin dankbar für jeden, der so etwas schreibt, weil ich dann weiß, wen ich blockieren muss. Da schreiben Leute Sachen, da denkst du: „Never! Ich will nicht, dass du mein Fan bist. Geh weg! Hau ab!“ Besser so, als die anderen Sachen dann gut zu finden und mich zu verklären.

Wirds denn in Zukunft auch wieder mehr Musik von dir geben?

Natürlich wird das weitergehen. Ich lass mich doch nicht von solchen Idioten abschrecken. Ich bin Musiker, das Album hat mir super gefallen und hat mir Spaß gemacht. Es mag nicht jedermanns Geschmack gewesen sein. Aber es war total ehrlich und mit André „Zwieback“ plane ich jetzt schon das nächste Album. Da werden sich dann wieder einige aufregen, ist mir aber scheißegal. Es ist auch widersprüchlich. Wenn du jahrelang „Mein Kampf“ liest fangen die ersten an zu schreiben: „Du machst nur noch den Hitler, kannst du nix anderes? Mach mal was Neues“ Dann machste was neues, dann schreiben die gleichen Leute:“ Wieso hast du was neues gemacht? Bleib doch bei deinen Leisten!“ Und dann machst du Musik, was ja komplett neu ist und dann sagen die: „Nee, das wollen wir nicht!“ Also was soll ich bitte machen? Oder dieses ewige Argument: „Du bist zur Hure der Kommerzsender geworden!“ Das schreibst du mir auf Facebook? Wo hast du mich denn dann gesehen bitte schön? Auf Arte? Das ist widersprüchlich und es kann einen mega nerven.

Hassistische Zusatzfrage: 11 Was ist jetzt eigentlich schlimmer? Dass du es sagst oder dass die anderen lachen?

Dass die anderen lachen. Das ist viel schlimmer, weil ich manchmal Dinge sage, die ich gar nicht so wirklich meine und die Leute lachen. Im Buch gibt’s darüber ein langes Kapitel, indem ich sage: Ich muss mich eigentlich jetzt mehr distanzieren. Das ist schwierig, aber man muss das machen, immer weiter!

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  1. […] Interview mit Serdar Somuncu bei den Blogrebellen +++ Einmal Deutschland für alle!” – Premiere in der Distel am 29.10. +++ “Ausgeschlafen!” – Kabarettwochen in der ufaFabrik: 4.-28.11.2015 +++ “Witze über Flüchtlinge verbieten sich” – Interview mit Humorforscherin (MZ) +++ Neu erschienen: Jochen Malmsheimer: “Gedrängte Wochenübersicht” (Buch, WortArt) | Mathias Tretter: “Selfie” (CD, con anima) | Wilfried Schmickler: “Das Letzte”, Serdar Somuncu: “H2 Universe”, Frank-Markus Barwasser: “Pelzig stellt sich” ( CDs, WortArt) +++ Chansonfest Berlin: 22.-24.10.2015 im Corbo +++ zurück zu Shortcuts September 2015 +++ […]

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