ZehnMalZwei: Interview mit den Electro Swing Revolution-Machern

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Lindy Hop-Tanzkurs, Hula-Hoop-Reifen, Electro Swing. Die DJs Justin Fidèle a.k.a. Wolfram von Dobschütz und Louie Prima a.k.a. Johannes Heretsch haben in ihrem DJ-Leben ganz sicher schon so einiges gesehen, aber ihre seit über drei Jahren bestehende Electro Swing Revolution-Partyreihe(Nächster Event am 7.November im Astra) ist vermutlich schon etwas Besonderes. Jeden ersten Samstag im Monat versammeln sich im Berliner Astra Electro Swing-Liebhaber und feiern eine Party, die so oder so ähnlich auch vor knapp neunzig Jahren stattgefunden haben könnte. Einige der Besucher sehen so aus, als ob sie gerade aus einer Zeitmaschine gestiegen sind und feiern zu den Melodien der Golden Era of Swing, verbunden mit Clubmusik aus dem Hier und Jetzt. Wir sind mit den beiden Machern der ESR, die auch als Compiler tätig sind, in die Electro Swing-Welt abgetaucht.

1 1927 oder 2017?

Louie Prima: Auf jeden Fall 2017. Das wird die Zeit sein, die mich musikalisch besonders interessiert. Vor allem die Frage: Gibt es da noch Electro Swing und wie klingt der? 1927 war hingegen die Zeit, in der der Swing erwachsen wurde. Aus der Zeit stammen auch viele Klassiker, die von Produzenten und DJs neuaufgelebt werden lassen. Insofern ist das Jahr 1927 der Beginn einer musikalischen Revolution, nämlich des Swings.

Justin Fidèle: Beim Electro Swing geht es ja darum, den Musik und den Style aus dem Jahr 1927 in das Jahr 2017 zu transportieren und entsprechend mit zeitgenössischer, moderner Musik anzureichern. Insofern fußt ja doch alles auf der alten Swingmusik. Electro Swing ist ja deswegen so spannend, weil es die alte Musik in die Clubs von heute und morgen bringt.

2 London oder Moskau?

Louie Prima: London, weil uns mit Londoner Veranstaltern Freundschaften verbinden. Chris Tofu vom Electro Swing Club und Nick Hollywood von White Mink sind zwei Gallionsfiguren des Electro Swing und sind für uns sehr wichtige Wegbereiter und Vorbilder.

Justin Fidèle: Man weiß aber nicht, ob Moskau im Electro Swing noch kommt. Als wir in Russland auf Tour waren, haben wir gesehen, dass ein grundsätzliches Interesse an Electro Swing da ist und einfach nur eine breitere Öffentlichkeit braucht, um sich zu entwickeln.

Ihr wart ja für fünf Gigs in Russland unterwegs letztes Jahr. Was waren denn vor Ort eure Eindrücke?

Justin Fidèle: Zunächst mal: Das Publikum war mit der Musik noch nicht vertraut. Wenn, dann nur ganz am Rande. Viele haben es sehr gut aufgenommen und waren dankbar dafür. Ansonsten ist die russische Clubmusik sehr von Europop, Techno oder Chartremix beeinflusst.

Louie Prima: Mich persönlich hat die Isolation und die spürbare Präsenz der Staatsmacht und Diktaktur sehr betroffen gemacht. Ich komme selbst aus dem Osten und habe bemerkt, dass die Leute dort massiv leiden, besonders sensible Künstler, die sich nicht frei und spontan ausdrücken dürfen. Alles wird reglementiert und schwer gemacht. Mich persönlich hat das sehr traurig gemacht, weil man immer wieder dieses Thema hat, egal welche Stadt du besucht hast.

Justin Fidèle: Wir waren dort zur Hochzeit der Krimkrise, als sie so richtig hochkochte. Der Anlass der Reise war eigentlich auch das Festival „Europäische Tage“, was dann auch vorher vom Außenminister abgesagt wurde. Da merkte man schon deutlich die politische Ausrichtung und dass sich da die Fronten verhärten oder wieder neu bilden.

3 Caravan Palace oder Parov Stelar?

Louie Prima: Caravan Palace finde ich faszinierend, weil sie tatsächlich das musikalisch umsetzen, was ich als außerirdisch empfinde. Sie schaffen es musikalisch, beim Hören ein Bild im Kopf zu schaffen. Technisch, aber auch melodisch. Die Musik entsteht durch eine Atmosphäre, durch eine unglaublich geniale kraftvolle Produktion. Sie entwickeln sich fantastisch weiter und leisten ihren alten Fans nicht den Gefallen, dass sie nur melodisch, poppig und swingig bleiben. Eigentlich sind sie schon einen Schritt weiter.

Justin Fidèle: Caravan Palace ist glaube ich die beste Liveband, die ich kenne. Das sind alles Vollblutmusiker, die auf der Bühne alle ihre eigene Rolle haben. Während Parov Stelar einfach durch seine genial produzierten Remixes und Tracks eine größere Bekanntheit erreicht hat, die mittlerweile auch bei jedem Boulevardmagazin im Hintergrund läuft und auch dadurch Konzerthallen füllt. Bei unseren Partys wird Parov Stelar natürlich am meisten nachgefragt.

Louie Prima: Ganz klar ist auch, dass Parov Stelar eher der Popmusiker ist, der gefällige Konzepte macht und die Erwartungen der Leute erfüllen will. Während Caravan Palace wesentlich mutiger und experimenteller sind.

4 Radio oder TV?

Justin Fidèle: Aus dem Bauch heraus würde ich jetzt Radio sagen, aber ich kanns nicht konkret begründen. Swing ist am Anfang über das Radio übertragen worden und das Fernsehen hat dem keine wesentlichen Aspekte hinzugefügt. Die Mission der Electro Swing Revolution ist es, den Electro Swing bekannter zu machen. Das beschränkt sich nicht nur auf Berlin, wo wir ja selbst vor Ort sind und die Partys machen. Unser ESR-Radio wird zwischen Sibirien, Timbuktu, Australien und San Francisco gehört, Es macht großen Spaß das Hörerfeedback aus der ganzen Welt zu bekommen. Fernsehsender haben wir aktuell noch nicht geplant.

Louie Prima: Wir glauben, dass die Feedbacks aus den verschiedenen Weltregionen zeigen, dass das, was wir machen, scheinbar wichtig ist und sich deutlich unterscheidet. Wenn uns Leute aus Sibirien, dem Senegal oder Las Vegas schreiben, wie wichtig ihnen der Sender als Begleiter ist, dann zeigt uns das auch: Diese Musik hat etwas. Umso erstaunlicher, dass es kaum große Radiostationen gibt, die Electro Swing einen Rahmen geben.

Justin Fidèle: Wir haben vor einer Weile eine Mail aus Serbien bekommen, wo eine ganze Firma den ganzen Tag über unseren Radiosender hört, weil sie sich dadurch motivieren können, ihren Job zu machen, der ansonsten wahrscheinlich nicht so toll ist. Die feiern das da, und macht deren Tag schöner, und das macht unseren Tag schöner.

5 Burning Man oder Fusion Festival?

Justin Fidèle: Für mich klar Burning Man. Ich bin vor ein paar Wochen zurückgekommen und es war ne unglaubliche Erfahrung. Ich hab mich mit ein paar amerikanischen DJ-Kollegen bemüht, den Electro Swing unters Volk zu bringen. Ich denke, wir waren auch recht erfolgreich, weil die Musik ansonsten relativ eintönig in Richtung Deep House und Techhouse war. Das ist recht dankbar aufgenommen worden. Das Burning Man zeichnet sich dadurch aus, dass ziemlich viele Leute hinfahren, die sich selbst kreativ verwirklichen wollen und dadurch auch total offen sind für jegliche neuen Einflüsse von aussen.

Louie Prima: Wer weiß, vielleicht spielen wir mal auf dem Fusion Festival, und das kann dann auch spannend sein.

Justin Fidèle: Es gibt ja auch eine Menge Elctro Swing-Künstler und DJs, die auf der Fusion spielen. Es ist eher verwunderlich, dass es noch keine reine ElectroSwing-Bühne gibt, sondern dass die eher so versprenkelt spielen.


6 Electro Blues oder Balkan Beats?

Louie Prima: Erstmal Balkan Beats. Der Gypsy Swing ist ja der große Bruder des Swings. Django Reinhardt ist eine Ikone des Swings. Ich bemühe mich in meinen Sets auch immer die Querverbindungen mit dem Balkan und Gypsy Swing zu bringen und das passt auch wunderbar. Das zeigt auch, wie breit der Swing auch als europäische Musikrichtung existiert, die ihre regionalen Färbungen sehr schön darstellt. Es gibt ja auch mediterranen Swing aus Italien und Griechenland. Es gibt den französischen Swing und den Balkan-Swing, wie auch den nordisch geprägten Swing, z.b. von Movits aus Schweden, die SwingHop machen. Wir finden es sehr spannend, wie sich in Europa die einzelnen Strömungen entwickeln und tatsächlich auch zu einer Vielfalt führen.

Justin Fidèle: Electro Blues ist eine neue Strömung, die vor allem aus England kommt. Es gibt da einige Produzenten, die spannende Sachen machen, die auch im Vintage Beat Kontext insgesamt sehr gut passen. Mir persönlich scheint fraglich, ob der musikalische Gehalt davon ausreichend ist, um eine richtige Strömung wie im Electro Swing zu etablieren. Dafür ist es vielleicht nicht tanzbar und abwechslungsreich genug, um damit ganze Abende zu füllen.

Louie Prima: Ich würde beide unter dem Begriff Retro-Fiction zusammenfassen. Beide umfassen alte Elemente und Strömungen mit neuen Elementen und machen sie clubfähig. Es ist spannend zu sehen, ob Electro Blues und Balkan Beats im Jahr 2020 vielleicht einen anderen Stellenwert haben, weil sich DeepHouse ausgenudelt hat und die Leute auch etwas Neues möchten. Das wird sich zeigen.

7 Tanzkurs oder Freestyle?

Justin Fidèle: Erst Tanzkurs, dann Freestyle. Wir freuen uns, dass die Tanzkurse bei unseren Partys so super angenommen werden und sich total etabliert haben. Das ist ein netter Starter für die Party, die Leute kommen auch untereinander schon mal in Kontakt und lernen da ein paar Tanzschritte. Inwieweit man die danach bei der Party anwendet, bleibt jedem selbst überlassen, aber der Tanzkurs spielt ne feste Rolle.

Louie Prima: Vor allem dank des charismatischen Tanzlehrers Marco Dietz und seiner Truppe von Swing Patrol, die wirklich ausgezeichnete Tanzlehrer sind. Swing Patrol ist von Anfang an dabeigewesen, und wir sind sehr froh, dass wir sie dabei haben.


8 Electro Swing in England oder Electro Swing in Deutschland?

Louie Prima: DJs aus England, die bei uns auftreten, schaffen es in der Regel, circa zwanzig Minuten braven Electro Swing aufzulegen, dann kommt der Virus durch. Nämlich der wobblige, DrumnBass-lastige Electro Swing. Das ist in England völlig ok und ist auch deren Dialektik im Electro Swing, aber wir sind da eher etwas anderer Meinung und zurückhaltender.

Justin Fidèle: Wir merken es auch an den Reaktionen des Publikum. Ich fand es auffällig beim Glastonbury Festival, wo eigentlich die ganze Shangri La-Area insgesamt Vintage-Remix geprägt ist. Aber ich war als DJ der totale Exot, weil ich halt nicht die DrumnBass-Variante von Electro Swing gespielt habe. Alle anderen haben sehr viel Wobble- und Glitch-lastiger gespielt. Das war auch schon ein bisschen anstrengend auf Dauer.

Louie Prima: Auch die Schweiz und Österreich sind, was den Electro Swing angeht, nicht zu vernachlässigen. In Wien existiert eine sehr aktive Partyszene mit mindestens zwei Veranstaltungsreihen. Auch in Zürich, Basel und Chur in der Schweiz gibt es Electro Swing-Partys. Von der Herangehensweise sind die Partys in der Schweiz und Österreich uns eher ähnlich.

9 Bart oder Baker?

Justin Fidèle: Bart&Baker funktionieren eigentlich nur zusammen als Ikonen und Grandseigneurs des Electro Swing. Der eine ist ohne den anderen kaum denkbar. Von der Kleidung, der Erscheinung und dem ganzen Stil gehören die einfach zusammen.

Louie Prima: Bart&Baker sind ausserdem sehr liebenswerte Menschen, die auch warmherzig, gastfreundschaftlich und sehr hilfsbereit sind. Ob das bei Trackrecherche oder der Vermittlung von spannenden Kontakten ist, sind sie sehr großzügig. Ausserdem sind sie unermüdliche Produzenten in den unterschiedlichsten Bereichen z.B. auch DeepHouse, Vocal House oder im Popbereich. Es vergeht keine Woche, ohne dass man von denen was Neues hört.

Justin Fidèle: Bart&Baker waren der Headliner bei unserer ersten Party, und wir freuen uns, dass sie uns nach wie vor sehr unterstützen.

Louie Prima: Auf der neuen Bart&Baker Compilation ist ein neuer Song von Wolfgang Lohr und mir drauf. Und auch auf unseren Samplern sind sie immer wieder vertreten. Das ist eine sehr produktive Zusammenarbeit.

Eure Zusammenarbeit mit B&B scheint ja auch exemplarisch für die kurzen Wege im Electro Swing zu stehen. Die Kontakte laufen ja oft auf einer persönlichen Ebene ab.

Justin Fidèle: Bookingagenturen haben es im Electro Swing eher schwer, weil eben jeder jeden kennt, und deswegen funktioniert viel über den Austausch von DJs aus verschiedenen Partyreihen. Das machts sehr angenehm, was den persönlichen Kontakt angeht und klappt in der Durchführung ganz reibungslos und ist nicht so ein Haifischbecken, wie man es aus anderen Bereichen hört. Handshake-Deals funktionieren, und das macht den Job sehr angenehm.

10 Schellack oder CDs?

Justin Fidèle: Traktor! Ich beschäftige mich auch mit der technischen Seite, weils mich auch persönlich sehr interessiert. Ich experimentiere mit verschiedenen Controllern. Letztendlich ist es aber doch nur das Transportmittel, um die Musik rüberzubringen. Für mich geht’s darum gute Musik zu spielen. Und ob man da jetzt das Grammophon rauskramt oder ob man vom Rechner oder CDs spielt, ist den Gästen eigentlich auch egal, solange die Musik gut ist.

Louie Prima: Ich gehöre zur Minderheit der CD-DJs und das liegt einfach daran, dass ich gerne haptisch arbeite und die CD Mappen vor mir habe. Das hat etwas sportliches und sehr wachmachendes. Für mich geht’s auch darum, gute Musik zu liefern und die Leute glücklich zu machen. Das wollen wir bei Electro Swing Revolution bringen. Eben eine Alternative zur öden Clubkultur, die auch leider in Berlin gar nicht so aufregend ist, wie das immer von aussen wirkt.

Justin Fidèle: Ich finde, wir sollten als neues Ziel ausrufen, dass die Leute nicht mehr ins Berghain, sondern ins Astra und in den Frannz Club kommen sollten. Unsere Türpolitik ist auch einfacher zu handeln.

Was ist denn in den nächsten Monaten geplant im Astra?

Justin Fidèle: Am 7.11. haben wir die Jenova Collective-DJs aus Leeds am Start und Jazzotron aus Belgrad.

Louie Prima: Jazzotron ist schon lange ein Wunschkandidat von uns und gehört zu den großen Electro Swing-Produzenten.

Justin Fidèle: Jenova Collective kennt man auch als Band. Das sind sehr junge Hüpfer. Kaum einer volljährig, zumindest optisch betrachtet(lacht). Aber wir waren alle sehr erstaunt, was für eine großartige Liveband die sind, als sie 2014 bei uns im Astra spielten. Da haben sie echt die Bühne abgerissen. Und im November gibt’s auch erstmals ne Stepdance-Liveshow im Astra.

Louie Prima: Im Dezember spielen Gülbahar Kültür, DJ Punyesh und Marinelli bei uns. Und wir feiern die Record Release Party zu unserer Electro Swing Revolution Vol. 6-Compilation.

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Disclaimer: Der Interviewer ist nicht nur Blogrebell, sondern als Teil der Carlson Two auch Resident bei der Electro Swing Revolution.

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