Die Schere in meinem Kopf

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Angst ist ein großes Wort. Und ein großes Gefühl. Es gibt diffuse oder gerechtfertigte Ängste und krankhafte Panikzustände. Aber egal, welche Form sie annehmen, diese Ängste sind für die, die sie verspüren vor allem eines: verdammt real. Das gilt für Flüchtlinge, “besorgte Bürger”, Otto-Normalos, Linke, Rechte, Unpolitische, Berliner Großstadthipster, Landeier und man mag es kaum glauben auch für Journalisten.

Verpönte Nabelschau

Selbstreferentielle Nabelschauen sind im Journalismus verpönt. Wenn man sich tagtäglich Horrormeldungen und das Elend aus aller Welt ansieht hat das seine Berechtigung. Es gibt ganz sicher Personen und Gruppen, die in diesem Land noch bedrohter sind als Journalisten. In diesen Tagen z.B. Flüchtlinge, Flüchtlingshelfer und Politiker. Doch so langsam beschleicht mich das Gefühl, dass wir reden müssen. Reden über die Verunsicherung in vielen Redaktionen. Reden über die Angst, die wir Journalisten mittlerweile manchmal mehr, manchmal weniger verspüren. Reden über die diffuse Bedrohung, die schnell sehr real werden kann. Reden über die Schere im Kopf und die Blockade in der Hand, die entstehen kann, wenn Leib und Leben in Gefahr sind.

“Du linke Drecksau”

Die tätlichen Übergriffe auf Journalisten haben in den letzten Monaten mit dem Aufkommen von Pegida&Co. zugenommen, so viel steht fest. In immer kürzer werdenden Abständen bleibt es nicht bei Gewaltandrohungen, an die wir uns längst gewöhnt haben. Alleine in den letzten Tagen wurden Journalisten von der Deutschen Welle, von “Die Welt” und dem “Tagesspiegel” angegriffen. TSP-Kolumnist Helmut Schümann wurde vergangenen Freitag in seinem privaten Wohnumfeld von einem Angreifer mit den Worten “Du linke Drecksau” niedergeschlagen. Schümann hatte sich in seiner Kolumne gegen rechte Hetze gestellt und dafür mit seinem eigenen Sicherheitsgefühl bezahlt.

Kein Mensch würde einen Maler verprügeln, weil das Weiß nicht weiß genug ist

Viel schlimmer als die körperlichen Verletzungen sind in solchen Fällen meistens die psychischen Folgen. Wie soll man das auch einordnen? Die attackierten Journalisten wurden für das Ausüben ihres Jobs angegriffen. Für die allermeisten Menschen hat der Job eine sinnstiftende Funktion und vor allem ist es meist das, was man am besten kann und womit man sein Geld verdient. Dafür niedergeschlagen zu werden muss ein riesiger Schock sein. Wenn es dann auch noch vor der eigenen Haustür passiert dürfte das verheerende Auswirkungen für das so menschliche wie existentielle Sicherheitsgefühl haben. Kein Mensch würde auf die Idee kommen einen Koch zu verprügeln, weil einem das Essen nicht schmeckt oder einen Maler, weil das Weiß nicht weiß genug ist. Warum müssen also Journalisten neben den mittlerweile alltäglichen Gewaltandrohungen, zunehmend mit realen Übergriffen rechnen?

Der rechte Sog

Die Antwort liegt in der Hitzigkeit der Debatte.Wir erleben aktuell beim Thema Flüchtlinge einen ziemlich beispiellosen Alarmismus, der sogar die Grundregeln der öffentlichen Aufmerksamkeitsspanne ausser Kraft setzt. Seit vielen Monaten scheint es nur noch ein Thema zu geben. Und je länger die Debatte dauert, desto unschöner wird sie. Man kann mittlerweile von einem Rechtsruck in der Flüchtlingsdebatte sprechen. Auf diesen Rechtsruck haben einige Politiker, aber auch manche Journalisten und vor allem die rechten Scharfmacher auf den Straßen reagiert. Es ist ein sich verselbstständigender Kreislauf aus realer Überforderung, kalkulierter Hetze, Zerrbildern, dreisten Lügen und deren vermeintlicher Bestätigung in den sozialen Medien, die einen rechten Sog entwickeln. Kein Mensch kann abschätzen, wohin das alles führt, aber eines ist sicher: Rechte, autoritäre und flüchtlingsfeindliche Einstellungen finden zunehmend Anklang oder werden zumindest unverblümter geäußert. Die rechte außerparlamentarische Opposition fühlt sich im Recht, wenn sie “Lügenpresse” schreit und Galgen für Politiker aufstellt. Aus dieser agitatorischen Sicherheit folgt im Extremfall der tätliche Übergriff. In erster Linie auf Flüchtlinge, aber eben auch auf Journalisten, die sich gegen den rechten Mob stellen. Jeder Angriff auf einzelne Flüchtlinge, Journalisten oder Politiker ist eigentlich ein Angriff auf Grundrechte, Freiheiten und die Demokratie als Ganzes. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, aber wer sich in Zukunft neben Menschen stellt, die “Lügenpresse” schreien, Galgen aufstellen oder “Deutschland den Deutschen” grölen macht sich mitverantwortlich für ein Klima, das immer öfter zu Gewalt führt.

Meine Schere im Kopf

Es ist also keine irrationale Angst mehr, wenn sich Journalisten, die über diese Themen berichten unwohl fühlen. Diese Angst ist ziemlich real und wirkt sich auch auf die Berichterstattung aus. Es gibt viele Journalisten, die das weit von sich weisen würden und vielleicht mit einigem Recht darauf verweisen würden, dass sie sich doch nicht von ein paar Idioten unterkriegen lassen würden. Wieder andere machen sich einen Spaß draus und thematisieren rassistische Entgleisungen ihrer Leser öffentlichkeitswirksam, wie z.B. bei “Hate Poetry”. Ich bewundere das, nehme selbst kein Blatt vor den Mund und muss trotzdem sagen, dass ich in schwachen Momenten manchmal Scheren im Kopf mit mir herumtrage. Ich frage mich dann, ob es manche Texte wert sind ein Risiko in Kauf zu nehmen und wie ich reagieren würde, wenn Kollegen betroffen wären, die ich persönlich kenne. Ich frage mich, ob ich genauso schreiben würde, wenn ich eine Familie hätte für deren Sicherheit ich Sorge tragen müsste. Und bewundere die Kollegen, die sich trotzdem nicht unterkriegen lassen und weitermachen.

Was tun?

Was also ist zu tun um dieser Bedrohung entgegenzutreten? Auch mir gefällt inhaltlich und stilistisch einiges nicht, was Kollegen schreiben. Das zu kritisieren ist das Recht der Leser, der Kritiker, aller Menschen. Aber wenn wir die Reihen gegen diejenigen schließen, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer Religion bedrohen, dürfen wir nicht verstummen, wenn es uns selbst betrifft. Auch wenn uns die Schere im Kopf manchmal peinlich ist.

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Martin Heller, webvideoblog.de



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4 KOMMENTARE

  1. “Die rechte außerparlamentarische Opposition fühlt sich im Recht, wenn sie „Lügenpresse“ schreit und Galgen für Politiker aufstellt. Aus dieser agitatorischen Sicherheit folgt im Extremfall der tätliche Übergriff.”

    Ich denke solche Formulierungen sind extrem problematisch und das solltest Du besser reflektieren. Bis jetzt gibt es einen Mann, der einmal einen symbolischen Galgen zu einer Demonstration mitführte. Mit ihm gibt es Videointerviews, die seinen Hintergrund beleuchten. Du verallgemeinerst auf eine polemische Art und Weise. Plötzlich stellt hier die gesamte “rechte Opposition” Galgen auf und ruft “Lügenpresse”. Zugleich führt die Logik bei dir direkt in die Gewalt, auf die gleich Art und Weise hat die Boulevardpresse die Linke früher mit dem RAF Terror getrollt. Es gibt überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Beschimpfung der Presse aus agitatorischer Sicherheit zur Gewalt führt.

    Mir sind Pegida und dergleichen extrem unsympathisch, aber stimmt es, dass die Presse über die “lügt”? Ich denke, ja, Sie beschreibt die Demonstranten mit einer sehr unfairen Sprache. Guten Journalismus erkennt man daran, dass die von ihm besprochenen ihm mehr glauben als den Propagandisten ihrer Seite. Der Pegida-Journalismus ist dagegen immer polarisierend, die Demonstranten ausgrenzend.

    “In erster Linie auf Flüchtlinge, aber eben auch auf Journalisten, die sich gegen den rechten Mob stellen.”

    Es ist nicht Aufgabe eines Journalisten sich gegen etwas zu stellen oder für etwas zu kämpfen. Wenn das Objekt, über das man berichtet, als “Mob” beschimpft wird, dann hat man schon die journalistische Sorgfalt verlassen.

    “Jeder Angriff auf einzelne Flüchtlinge, Journalisten oder Politiker ist eigentlich ein Angriff auf Grundrechte, Freiheiten und die Demokratie als Ganzes. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, aber wer sich in Zukunft neben Menschen stellt, die „Lügenpresse“ schreien, Galgen aufstellen oder „Deutschland den Deutschen“ grölen macht sich mitverantwortlich für ein Klima, das immer öfter zu Gewalt führt.”

    Auf diese Art und Weise wird hier nur ein Feindschema konstruiert. Als Nicht-Anhänger dieser Leute achte ich ihr Recht zu demonstrieren. Wenn Journalisten Menschen als “Mob” beschimpfen, und unfair über sie berichten, und Journalisten sich “gegen sie stellen”, dürfen Journalisten sich nicht wundern als “Lügenpresse” verunglimpft zu werden. Es wäre einfach den Konflikt dadurch zu deeskalieren, dass man mit größter Sorgfalt und Sensibilität berichtet und sich nicht auf das Niveau von Beschimpfungen selbst herab lässt. Denn dem neutralen gegenüber signalisiert eine Presse mit Schaum vor dem Mund, dass an dem Vorwurf gegen sie etwas dran sein könnte.

    • Zum Thema agitatorische Sicherheit: Doch dafür gibt es Hinweise. Wir erleben Angriffe auf Pressevertreter. Ständig und vor allem auf rechten Demos. In sozialen Medien gibt es parallel dazu immer massivere Drohungen gegen Journalisten. Da ist ganz klar ein Zusammenhang erkennbar. Ausserdem habe ich geschrieben: Im Extremfall führt das zur Gewalt. Das ist etwas anderes als zu behaupten es führt direkt zu gewalt, wie du es mir unterstellst. Das wäre Quatsch, deswegen hab ich das nicht getan.

      Zum Thema “die presse”: Mit dieser verallgemeinerung machst du das problem deutlich. es gibt sehr wohl unterschiedliche Berichterstattung über Pegida. Ganz ehrlich: Das finde ich manchmal sogar problematisch, weil das Gewaltpotential nachwievor verharmlost wird. Siehe hundertfache Angriffe auf Flüchtlingsheime, siehe Messerattacke auf Frau Reker, siehe Attacken auf Journalisten. Was wäre los, wenn es derlei Angriffe gäbe, die islamistisch motiviert wären. Es wäre die Hölle los. Im Moment stelle ich diesbezüglich eine Gewöhnung fest, die ich fatal finde. Das ist eine Gefahr für die Demokratie. Es gibt ganz klare hinweise darauf, dass der größte Teil von Pegida und Co. massiv antidemokratisch, ausländerfeindlich und autoritär eingestellt sind. Es ist legitim das ganz klar auszusprechen und zu benennen. Die Aufgabe des Journalismus ist nicht nur zu berichten was passiert, sondern auch das Ganze einzuordnen, auch mit einer Haltung. Erst recht, wenn Menschen bedroht und angegriffen werden.

      Zum Thema Mob: Man kann über diesen begriff streiten,das stimmt. Aber andererseits: Ist es nicht legitim eine Menschenansammlung so zu bezeichnen, die aggressiv gegen Flüchtlinge, Politiker und Journalisten agitiert? Eine Menschenansammlung, die zu einem großen teil Ursache und Wirkung verwechselt und die eine Stimmung befördert, die zu gewalttätigen Exzessen führt?

      Zum thema Feindschema: Das was du hier schreibst ist, so leids mir tut, eine klassische Täter-Opfer Umkehr. Nicht die Angreifer sind demnach Schuld sondern die Presse selbst. Meinst du das ernst? Und ja, ich weiß du bestreitest, dass es einen Zusammenhang zwischen verbalen Ausfällen und tätlichen Angriffen gibt, aber das ist aus meiner Sicht Fakt. Es gibt etliche Hinweise darauf.

      Wir kommen anscheinend nicht auf einen grünen zweig bei dem Thema. Aber ich stimme dir zu, dass man mit Sorgfalt und Sensibilität berichten sollte. Dazu gehört meiner Meinung nach, aber auch ein ganz klares Wort zur richtigen zeit. Wenn immer mehr Journalisten angegriffen werden ist es höchste Zeit zu sagen: Stopp, bis hierhin und nicht weiter.

  2. Ich danke dir, für deine offenen Worte. Ich selbst kam vor ca. 20 Jahren als Kind aus dem Irak. Muss aber sagen, dass die Welle der Liebe und Freundlichkeit, die mir damals und auch heute noch entgegen schwappte, nicht selbstverständlich war. Mir war bewusst, dass ich mich integrieren musste. Ich hoffe den Menschen die den gleichen Weg gehen müssen, wie ich e damals, haben das gleiche einsehen. Alle müssen sich aufeinander einstellen, sich respektieren.

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