Deutschrap-Jahresrückblick 2015: Overkill an allen Fronten

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Blogrebellen Deutschrapjahresrückblick 2015: Overkill an allen Fronten

Die Blase glitzert und glänzt, sie wabert, sie ist bis zum Zerplatzen gefüllt: mit zu vielen Releases, noch mehr Videos, sogar noch mehr Video-Interviews, mit Twitter-Memes, einer hyperaktiven Rap-Journaille und mehr Empörungspotenzial als Liebe zur Musik. Geht’s noch? Geht’s noch lange?

Mehr Kunst war selten: K.I.Z. lassen die Welt untergehen, Oldcomer des Jahres Fatoni rasiert rücksichtslos alles und jeden, Dende und Jan Böhmermann verbeugen sich und ausgerechnet die Frischlinge aus der Cloud Rap Fraktion um Crack Ignaz und LGoony überzeugen wahlweise mit programmatischer Inhaltslosigkeit (“Wirf den Teig in die Luft!”, Gustav Klimt) oder mit berechtigter, fundierter Generalkritik am Status des Rap-Spiels (Ultraviolett):

Wie ich schon sagte, im Game sind nur Bitches, ihr denkt nur an Business
Wie hoch die Klicks sind, wie hoch der Profit ist, und sei es mit Fitness
Jeder vergisst es, das ist gar nicht wichtig, es geht nicht um Zahl’n
Es geht um Musik und nicht um Profit, wen jucken die Charts?
Ihr betrügt die eigenen Fans mit Gimmicks, die man irgendwann wegwirft
Ich will, dass jeder Scheiß-Rapper mit Premium-Box sich angesprochen und schlecht fühlt
Ihr setzt Qualität hinter Quantität und Feeling hinter die Technik
Dein angeblich so tolles Album klingt für mich fast wie eine Checklist
Ein Track für den Club, ein Track für die Girls, ein Track für die Jungs
Ein Track an die Hater, ein Track über Jugend, ein Track über … und damit ist Schluss

Und an der Stelle muss ich zugeben, dass ich dieses Jahr meinen Job nicht wirklich gut gemacht hab’. Falls mein Job überhaupt ist, am Ende des Jahres Deutschrapzeugnisse zu verteilen – aber dazu später mehr. Regelrecht hängengeblieben bin ich dieses Jahr eher auf cloudbasierten Dingern wie Yung Hurns “Opernsänger”:

Releases von Zugezogen Maskulin, der Antilopen Gang und KIZ (abgesehen von den Videoreleases) sind hingegen dieses Jahr irgendwie an mir vorbeigegangen. ASD hab ich quasi nicht wahrgenommen (abgesehen von den Videoreleases). Gleiches Spiel mit Chefket – nur die Videos gesehen. Fatoni wäre beinahe an mir vorbeigegangen. Und ich hab’ einen Verdacht, warum. Ist vielleicht alles bisschen viel derzeit, hm?

Dieses Fatoni Album ist wohl das durch und durch beste Album seit vielen Jahren. Innovativer, vielfältiger Sound, große Reimkunst, Inhaltsschwangerschaft. Wer weiß, was mir auf Juses Album entgangen ist. Oder auf den Alben der vorhin erwähnten Künstler. Oder auf MoTrips Album, von dem ich sage und schreibe keinen einzigen Track gehört habe. Oder auf dem allseits hochgelobten Audio88 & Yassin Album. Hiob und Morlock Dilemmas vielversprechendes “Kannibalismus Jetzt” steht noch beinahe ungehört bei mir im Regal. Oder oder oder.

These 1: Zu viele Releases – da kommt doch keiner mit!

Fler hat dieses Jahr drei Alben rausgebracht. Drei. Money Boy veröffentlicht mindestens wöchentlich. Hustensaft Jüngling langweilt sich bei seinen eigenen zu häufigen “Freestyles”.

Ich bin ja Fan von “sich auf ein Album freuen”. Mach ich bei Jay Electronica schon seit einem Jahrzehnt mit wachsender Vorfreude, bei Frank Ocean seit ein paar Jahren. D’Angelo hat nach einer gefühlten Ewigkeit dieses Jahr so richtig schön abgeliefert.

Es hat schon einen Grund, warum kein Migos Album, kein Young Thug Mixtape und kein Miley Cyrus Album aus diesem Jahr flächendeckend als ganz großes Release gefeiert wird – sondern Kendrick Lamars “To Pimp A Butterfly”:

Das Album ist ein abgeschlossenes Ganzes. Niemand könnte Kendrick böse sein, wenn er nie wieder Musik machen würde. Die Chancen, dass er jemals noch mal was “kompletteres” abliefert stehen schlecht. Allein was die beteiligten Musikgenies jeweils individuell zum grandiosen Ganzen beitragen: Wahnsinn. Ist das Kendricks “Thriller”?

Und nein, komplett verstanden hab’ ich das Album noch nicht. Werde ich wohl auch nie. Wird wohl niemand jemals. Aber das ist ja das Schöne daran. Es gibt halt Klassiker der Weltliteratur, die sich gut mehrmals lesen lassen – mit mindestens so vielen Ergebnissen und Gefühlsmixen wie Lesewiederholungen. Genau so verhält es sich mit Alben. Wenn sie nicht im Halbjahres- / Jahresrhythmus dahingerotzt werden.

These 2: Zu viele Videos – zu wenig Durchdachtes

Ein Video, zwilliarden Memes. So geht das.

Wer wundert sich ernsthaft darüber, dass viele Deutschrapvideos auf Youtube bei unter 20.000 Aufrufen rumdümpeln, wenn’s einfach viel zu viele davon gibt? Weniger ist mehr!

These 3: Zu viele Boxen, Zahlen und Chartplatzierungen

Boxen, Verkaufszahlen und Chart-Platzierungen sind irrelevant für Fans – sollte man meinen… Keine Ahnung, wann das angefangen hat, dass Fans sich mit den Verkaufszahlen und Chartplatzierungen ihrer Idole identifizieren…vielleicht als Kollegah und Konsorten vor ein paar Jahren damit angefangen haben, sie als absolute Kategorie des Erfolgs auszurufen? Der eigentliche Skandal ist aber, dass sich (wahrscheinlich überwiegend minderjährige) Fans freiwillig für derart zweifelhafte Motive vor den Karren spannen lassen. 40 Euro für eine Premium Box, alter Vatter, ihr habt doch zu viel Taschengeld?!

These 4: Zu viel Empörung und zu wenig Verständnis für Satire

Die letzten Wochen über hab ich mich echt zeitweise geschämt. Wie kann das bitte sein, dass gerade die marketing-technisch durchoptimiertesten, unauthentischsten Vogelheinis Jan Böhmermann ernsthaft vorwerfen, mit #ichhabpolizei Deutschrap zu schaden? Deutschrap nimmt sich zu ernst…gerade in Genre-Regionen, die man eigentlich schon lange nicht mehr ernst nehmen kann. Weiteres Beispiel gefällig? Bitte sehr:

Olexesh bekommt ein Sido Feature – Bilder und Kommentar auf www.graphizzle.de/olexesh-bekommt-ein-sido-feature/

Posted by Graphizzle novizzle on Sunday, April 5, 2015

Sidos und Olexeshs Reaktion auf den Cartoon von Graphizzle Novizzle findet sich in diesem Video. Direkt nach Minute 1. Jämmerlich. Sido, ey. Sich drüber aufregen, dass die deutsche Medienlandschaft es nicht schafft, ihn immer auf das “Arschfickmann”-Image zu reduzieren, aber dann sowas. Argh. Ärgerlich. Sauärgerlich. Furchtbar. Beschämend. Widerlich. Ekelhaft.

These 5: Zu viel Meta, zu wenig Mehrwert

Ich hatte ja vorhin Zweifel angedeutet, inwiefern es überhaupt meine Aufgabe ist, hier zum Jahresende ein Deutschrapzeugnis auszustellen. Diese Zweifel (inklusive der ggf zu ziehenden Konsequenzen) würde ich mir bei einigen der großen MeinungsmacherInnen in Deutschland in Sachen Deutschrap wünschen. Wer um Himmels Willen hat denn die Zeit dafür, sich diese ganzen Video-Interviews reinzuziehen? Wir scheinen hier in Deutschland ja wohl keine großen Herausforderungen meistern zu müssen, bei der ganzen Zeit, die wir für das Ansehen von Video-Interviews aufwenden können…

Über die letzten Jahre hab’ ich mir immer gerne die Jahresrückblicke angesehen. Dabei waren meistens Staiger oder Falk, dazu ein, zwei Künstler. Mixery Raw Deluxe und Konsorten halt. Dieses Jahr komm’ ich nicht klar. Welcher ist DER Jahresrückblick? Wie viele gibt es denn überhaupt? Und warum reden die in diesem personell so hochkarätig besetzten von hiphop.de (vgl. Video unten) alle durcheinander, so dass das Ding quasi unhörbar wird?

Butter bei die Fische, der Backspin-Rückblick mit Staiger und Falk ist der beste und unterhaltsamste dieses Jahr. Aber dann gibt’s da halt noch drölf andere drumrum…

Videos, Bloggerei, echtes Schreibhandwerk…Juice, Backspin, rap.de, splash-mag, 16bars, hiphop.de, rap-ist, rappers.in, tvstraßensound, mzee.com, rapupdate, rapflash, seit neuestem auch noch diverse große Zeitungen, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen…

Fazit: Das geht nicht mehr lange gut

Da kommt eine böse Marktbereinigung auf uns zu. Bald. Bald kommt die Ebbe, jetzt ist noch…

Einige Ratten (#nofront) verlassen bereits das sinkende Schiff. Visa Vie diversifiziert ihr Portfolio mit ihrer eigenen Youtube-Sendung, in der der Deutschrap-Kosmos nur noch einer unter vielen ist. Well done. Entsprechende Überlegungen rate ich diversen Playern im Game (und erst recht im Meta-Game) an. Schaut euch schon mal um.

Für 2016 prognostiziere ich Touren mit weniger ausverkauften Hallen, weniger herausragende Chartplatzierungen, weniger Aufrufe für Video-Interviews und weniger hochkarätige Veröffentlichungen – weil nämlich: Schnell noch Martkanteile abgreifen, solange die Blase noch nicht geplatzt ist, schnell schnell!

Auf meinem Handy bleiben über den Jahreswechsel hinaus: Kendrick Lamars TPAB (das Album des Jahres), Bimbo Beutlins Pfeifenkrauttape (das Mixtape des Jahres) und Fatonis grandioses Album “Yo, Picasso” (das Deutschrap Album des Jahres), bei dem allein das Cover und der Titel von mehr Mühe und Liebe zeugen, als die meisten DeutschrapkünstlerInnen dieses Jahr in alle ihre Releases insgesamt gesteckt haben dürften.


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5 KOMMENTARE

  1. moah credibil … das erste tape war super, danach kam nur noch in form gegossener pathos … und die form ist leider ein geschlechtsteil… ist ein wenig harsch, aber musik “weniger künstelerisch” angehen hätte, meines erachtens nach, dem album gut getan.
    aber zugezogen maskulin darf man auf album länge durchaus mal nachholen sofern einem was an zeckenrap liegt, diesen aber einfach zu stumpf findet.

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