PA Sports – Korrekt, aber unkorrekt

0

Mir sprach der Musiker „PA Sports“ aus dem Herzen, als er in einem Interview seinen Hass auf Nationalismus und religiöse Dummheit quasi ins Mikrofon spuckte. Ich gehöre aber zu denen, die das Video auf Facebook nur mit Einschränkung geteilt haben. Meine war: „Menschen mit Behinderungen können zwar nichts dafür, aber es ist doch ziemlich korrekt, was er hier sagt!“. Das wirkt vielleicht ein bisschen wie ein Schwächlings-Move, nicht Fisch noch Fleisch. Aber das Richtige ist es dennoch.

“Schwul”, “behindert”, “in den Arsch gefickt”

Denn so eine Botschaft von so einer Person ist ungeheuer wichtig, gerade jetzt wo die Welt in Dummheit zu versinken oder zu explodieren scheint. Aber diese Art zu sprechen ist keine gute Sache. Warum ist „behindert“ ein Schimpfwort? Und warum ist es etwas Schlechtes, „in den Arsch gefickt“ zu werden? Das soll viel Spaß machen, wie man hört! Aber ich kenne die Antwort ja selbst: Wenn ich mich mal wieder über die Anhänger von AfD oder Pegida aufrege, dann brülle ich denen (meist in Richtung meines Bildschirms) auch „behinderte Arschgesichter“ zu. Das ist meine Sprache, ungefiltert und unzensiert. Öffentlich und in Ruhe würde ich eine solche Sprache aber nicht benutzen. Ich würde permanent Ärger mit meinen Freunden und Bekannten bekommen. Und sie hätten ja Recht: Ich hasse zwar auch Nationalismus, aber ich hasse ganz genau so auch das lächerlich machen von Menschen mit Behinderungen. Ich HASSE es, wenn Leute die schwul oder lesbisch sind, beleidigt werden, indem man „schwul“ als beleidigendes Wort benutzt. Zumal überall auf der Welt Homosexuelle erniedrigt, bedrängt, oft sogar getötet werden. Schon klar, dass man das im Kopf meist selbst nicht als Beleidigung realisiert. Man sitzt nicht zu Hause und brütet darüber, wie man das nächste mal Schwule oder Menschen mit Behinderungen oder Frauen oder „Ausländer“ beleidigen könnte. Es ist eben oft Teil unserer Sprache und Teil unseres Ichs. Aber in der Tiefe unseres Ichs lebt vieles unerkannt; auch das Treten nach Unten. Wenn man Diskriminierungen wirklich hasst, dann sollte man auch bereit sein, das Normale, also auch die eigene Sprache und das eigene Denken in Frage zu stellen. Man muss absichtlich ent-beleidigen. Das hat etwas mit Respekt zu tun. Den zeigt PA Sports nämlich auch nicht, wenn er Facebookkommentare postet, wo er behauptet, viele Rapper, die einen auf Hetero machten, seien in Wirklichkeit schwul. Er beeilt sich dann zwar gleich zu erklären, dass er nicht das schwul sein verachtet, sondern das nicht zu sich stehen. Das wäre ja schön aber er da er nicht von einem anderen Planeten stammt, weiß er auch, dass „schwul“ eine weit verbreitete Abwertung ist. Darum ergänzten seine Fans den Kommentar auch mit hämischen Überlegungen, wer denn nun alles dazu gehöre: Massiv sei homo, Farid Bang auch, Sido sei besonders schwul und Bushido ist überhaupt der Gaylord.

Gleichzeitig verstehe ich (obwohl ich für sie bin) aber auch den Widerwillen gegenüber der „political correctness“. Denn die eigene Sprache ist erst einmal die eigene Sprache. Das Gefühl, dass einem Worte, die einem zutiefst eigen sind,in Frage gestellt werden, zu etwas Bösem gemacht werden, kann sich krass ungerecht anfühlen. Und wenn man das Gefühl hat, dass man auf der großen Leiter sowieso schon weiter unten steht, fühlt sich das noch schlimmer an. Wenn noch nicht einmal nur was ich sage nicht richtig ist, sondern wie ich es sage. Das führt erst einmal dazu, dass ich gar nichts mehr sagen kann. Es verschließt mir den Mund. Und diese Kritik kommt immer „von Oben“. Das geht gar nicht anders. Sie besagt nicht nur, dass die Kritisierenden klüger und gebildeter sind als du, sondern dass sie auch noch bessere Menschen sind.

Distinktionsgewinne

Und dieses Gefühl ist nicht eingebildet: Nach Pierre Bourdieu, einem enorm klugen, leider verstorbenen französischen Soziologen, wird der Habitus als die eigene Art zu Sprechen, der eigene Geschmack und wie man sich gibt, weitgehend von der eigenen Position innerhalb der Gesellschaft bestimmt. Nicht im Sinne einer Programmierung, sondern im Sinne einer Grundposition, von der aus man sich erst verhalten kann. Und da unsere Gesellschaften von Oben nach Unten gebaut sind, und weiter unten sein demütigend und scheiße ist, neigen wir dazu, meist ohne dass wir es merken, uns selbst aufwerten zu wollen. Manche tun das, indem sie versuchen zu zeigen, was für kluge Bücher sie lesen und welche Filme sie gucken. Und wer weit unten steht, und für den die Chance, weiter nach oben zu kommen nicht in Sicht ist, nimmt schnell eine Leck-mich-Haltung ein. Dazu gehört vor allem, dass man sich solchen Einordnungen verweigert. Das ist verständlich. Aber wirklich verweigern kann man sich dem kaum, weil die Hierarchien uns tief in den Knochen stecken, oft ohne dass wir es merken. Darum baut man sich neue Möglichkeiten, um sich abzusetzen und zu etwas Besserem zu machen. Die einzige Möglichkeit sich davon teilweise frei zu machen, ist dass man sich diese Mechanismen bewusst macht. Andere runterzumachen, sie als „Idioten“ (übrigens auch eine behindertenfeindliche Sprache) zu bezeichnen, oder sie „scheiße“ zu finden, weil sie keine politisch korrekte Sprache benutzen, enthält immer auch eine Selbstverbesserung durch die Abwertung des Anderen. Bourdieu nennt das „Distinktionsgewinne“. Das sollten sich Verteidiger der „political-correcntess“ klar machen. Allerdings sind die meisten dieser Verteidiger auch für solche Gedanken offen, das ist wieder das Beindruckende an ihnen.

Um es zusammenzufassen: Ja, eine Sprache, wie sie PA Sports in dem Interview benutzt hat, ist diskriminierend und sollte in Frage gestellt werden. Zumindest wenn einem ernst ist, dass die Welt ein gerechter Ort sein sollte. Gleichzeitig ist das rundherause Ablehnen von Menschen, die eine solche Sprache benutzen, und auch das „von Oben herab“ korrigieren deren Sprache keine gute Sache, denn es verfällt schnell selbst in einen Tritt nach Unten.

Was die Lösung ist?

Keine Ahnung. Sich diese Mechanismen bewusst machen. Sich klar werden, dass beides wahr ist und dann eben, wenn eine solche Sprache auftaucht, darüber reden, ohne dabei zu sehr von Oben herab zu kommen. Etwas Besseres fällt mir nicht ein.


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here