Bild: Alexander Verschl
Marinelli

@marinelli ist italienischer Exilbayer in Berlin, Vater, schwerstabhängiger Musikjunkie, seit 1972 auf der Suche nach dem perfekten Mix.

Als neulich die Nachricht die Runde machte, Tobi Schlegl würde seinen Job beim Fernsehen an den Nagel hängen, um zukünftig lieber als Rettungssanitäter zu arbeiten, fiel mir sofort mein alter Kumpel Alexander Verschl ein, der schon vor Jahren fast den selben Schritt ging. Bis auf den Umstand, dass er kein bekannter Fernsehmoderator ist. Wir haben ihn befragt, wie es ihm mit seiner radikalen Entscheidung von damals heute geht und was er Tobi Schlegl raten würde.


Du hast mit 35 Jahren deinem Leben eine krasse Wendung gegeben und wurdest Rettungssanitäter. Was hat dich dazu bewogen, wie kam es zu dieser Entscheidung? Was hast du vorher gemacht?

Beruflich war ich seit je her in der Agenturwelt unterwegs: Marketing, Projektmanagement, Konzeption – ein Schreibtischjob nach dem anderen. Irgendwann hat sich bei mir die Sinnfrage gestellt, ob es wirklich weiterhin mein Lebensinhalt sein soll, in Meetings zu sitzen und in Überstunden und Wochenendarbeit für noch mehr Umsatz beim Kunden zu sorgen. Ich wollte etwas anderes tun, eine erfüllendere Tätigkeit finden – auch wenn ich damit vielleicht weniger Geld verdienen würde. Die Frage, was denn genau diese Tätigkeit sein sollte, wurde dann von zwei Faktoren beeinflusst: zum einen habe ich auf Reddit in die Runde gefragt, was denn die Leute arbeiten, die ihren Job wirklich lieben. Daraufhin haben ein paar Paramedics aus den USA ganz interessante Antworten geliefert. Zum anderen holte ich mir Rat bei einem guten Schulfreund, der die gesamte Rettungsdienstlaufbahn bis hin zum Notarzt bereits hinter sich hatte. So kam es dazu, dass ich mich bei einer Rettungsdienstschule anmeldete.

Wie lief das mit der Ausbildung? Wie lange hat sie gedauert und war sie anspruchsvoll?

Die Ausbildung zum Rettungssanitäter ist sehr überschaubar, in gut 520 Stunden hat man Theorie und Praktika in Klinik und Rettungswagen erledigt, vorausgesetzt man besteht die Prüfungen. Die Ausbildung zum höher qualifizierten Rettungsassistenten mit Staatsexamen und zukünftig dem Notfallsanitäter sind deutlich intensiver – vor allem auch länger und teurer. Ich habe mich gegen eine höhere Qualifikation entschieden, weil ich nicht hauptberuflich im Rettungsdienst tätig sein wollte, sondern nur ein bis drei Schichten pro Woche arbeite. Dennoch ist das Interesse am Thema auch nach Jahren noch riesig: ich bilde mich gerne privat durch Literatur und Fortbildungen weiter.

Denkst Du, die Ausbildung hat Dich ausreichend auf den Berufsalltag im Rettungsdienst vorbereitet?

Ja und nein. Ohne die Basics geht einfach gar nichts – wer nicht weiß, wie welche Rädchen im Körper zusammenspielen, wird nie die Mechanik hinter bestimmten Symptomen, Maßnahmen oder Medikamenten verstehen. Dazu ist die theoretische Ausbildung zwingend erforderlich. Tatsächlich merkt man aber auch schon nach den ersten Realeinsätzen, auf was einen die Schule nicht vorbereiten konnte. Wer Rettungswagen fährt, gerät naturgemäß in Situationen, die einfach nicht vorhersehbar sind, sei es dem Notfall selbst oder den äußeren Umständen geschuldet.

Wie weit unterscheiden sich Realität und Vorstellung?

Tatsächlich sind die wenigsten Einsätze so dramatisch, wie einen Film und Fernsehen vermuten lässt. Andere wiederum sind so skurril und aufregend, dass jeder Drehbuchschreiber lachend den Kopf schütteln würde. Die Mischung macht’s, wie so oft im Leben. Hektisch wird es eigentlich nie – das wäre auch fatal. Ebenso wenig fühlt man sich als Held, eher als Helfer. Manchmal ärgere ich mich trotzdem darüber, wie selbstverständlich unsere Tätigkeit von Patienten oder Angehörigen gesehen wird. Wenn sich zum Beispiel ein Patient nach behobenem Atemstillstand (nach einer Opiat-Überdosis) darüber aufregt, dass sein Hemd zerschnitten wurde, muss man schon mal kurz nachdenken, wie man ihm jetzt in einfachen Worten erklärt, dass er gerade fast tot war und das sein kaputtes T-Shirt vielleicht gar nicht so schlimm ist und nein, er kann jetzt keine Zigarette im Rettungswagen rauchen.

Was ist die größte Herausforderung?

Patienten und Angehörige sind sich selten im Klaren darüber, was der Rettungsdienst eigentlich ist. Man wird in seinen Fähigkeiten und Kompetenzen grundsätzlich unter- oder überschätzt. Für die einen ist man nur das Taxi zur Klinik mit einem Blaulicht auf dem Dach, die anderen erwarten sofortige Heilung durch die “Wunderspritze” vor Ort. Dabei ist die Kernidee, dass der Rettungsdienst bei Notfällen gesundheitliche Schäden abwendet, Patienten stabilisiert und schnellstmöglich einer ärztlichen Behandlung zuführt, meist in einer Klinik oder durch den Notarzt an der Einsatzstelle. Notarzt und Rettungsdienst heilen nicht – wir versuchen eine Arbeitsdiagnose zu stellen, und den Patienten soweit erstzuversorgen, dass er ohne weitere Schäden und lebend in der Klinik ankommt. Schwierig wird es, wenn Patienten eindeutig akut schwer erkrankt oder verletzt sind, und sich dennoch weigern, mit in die Klinik zu fahren.

Welche Fähigkeiten sollte jemand mitbringen, der im Rettungsdienst tätig werden möchte?

Empathie. Neugier und Interesse. Viel Geduld für längere Diskussionen. Neben dem fachlichen Wissen finde ich persönlich das Einfühlungsvermögen am wichtigsten.

Wie geht es dir jetzt damit? hast du die Entscheidung je bereut?

Ich habe noch kein einziges mal meinen Berufswechsel bereut, im Gegenteil: in der Rückbetrachtung wäre ich gerne Mediziner geworden. Ein entscheidender Faktor dabei ist sicherlich auch, dass ich nicht Vollzeit Rettungsdienst fahre, sondern das ganze eine Nebenbeschäftigung aus Interesse heraus darstellt. Kollegen, die diesen Job täglich machen, spüren die Folgen natürlich viel deutlicher – Stress, Schichtdienst, Überstunden, körperliche und psychische Belastung. Ich bekomme davon nur einen Bruchteil ab. Mein übriges Geld verdiene ich als Ausbilder für Erste Hilfe und Dozent für Kindernotfalltrainings, sonst wäre der Job so nicht möglich. Eine Folge meiner Entscheidung für diese Berufswelt ist das Fehlen jeglicher Struktur in meiner Arbeitswoche: jeder Tag ist anders verplant. Das ist manchmal ermüdend, aber ich möchte diese Abwechslung nicht mehr missen. Und wenn ich gefragt werde, antworte ich ohne zu zögern: ja, ich bin glücklicher als zuvor.

Hast du einen Ratschlag für Tobi Schlegl, der ja im Begriff ist, den gleichen Weg zu gehen?

Der gute Tobi wird sich vor guten Ratschlägen bald nicht mehr retten können, daher halte ich mich gerne zurück. So lange es ihm gelingt, sich in den Patienten hinein zu versetzen, wird ihm Vieles gelingen. Und im Zweifel soll er seine Patienten so behandeln, wie gute Freunde oder Familienangehörige: mal tröstend, mal streng, immer ehrlich und -wo angebracht- mit einer Spur Humor.

Wir danken für das Gespräch.

Wenn Alexander nicht als Rettungssanitäter unterwegs ist, bietet er Erste-Hilfe-Kurse und Kindernotfalltrainings an.

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