Der “Fackel-Chaot”, der Fotograf und der journalistische Kodex

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Friedrichshain Liebigstr

Bei der Jagd auf die Berliner Autofackler hat die Polizei in der Nacht zum Montag einen 23-jährigen Berliner festgenommen. Zivilfahnder hatten den mutmaßlichen Autobrandstifter “in unmittelbarer Nähe von brennenden Fahrzeugen” angetroffen. Das Springer-Blatt “B.Z.” druckte am Tag darauf ein ungepixeltes Foto des Mannes sowie detaillierte Angaben über seine Eltern. Der Vater des Verdächtigen ist ein Berliner Kommunalpolitiker, das Blatt druckte Vorname, Alter, Partei sowie ein Foto des Vaters und nannte auch den Bezirk, in dem er im Parlament sitzt. (Quelle: taz, Berliner Polizei)

Am Tag nach der Festnahme durchsuchte ein Großaufgebot der Berliner Polizei die selbstverwalteten Hausprojekte Liebigstr. 14 und Liebigstr. 34, in dem der Beschuldigte wohnt. Ein Bericht über diese Durchsuchung auf Indymedia führte zu einer heftigen Diskussion über diese Razzia, als auch über das Foto des Festgenommenen. Dem vermeintlichen Fotografen Andreas Markus wurden schwere Vorwürfe gemacht und er wurde als Nazi beschimpft. (Mittlerweile wurden diese Hass-Tiraden gelöscht.) Das Foto der Festnahme stammt von SpreePicture, einer Berliner Agentur, die sich auf Bilder von brennenden Autos und Sondereinsätze der Polizei spezialisiert hat. In einem schlecht recherchiertem Blogbeitrag wurde Andreas Markus zudem als der Mann, der hinter Spreeblick steckt, verkauft und mit Bild diskreditiert.

Im Mai dieses Jahre befragte ich Andreas Markus zu seiner Arbeit als Fotograf in Berlin und zu seiner Sicht der Aktivitäten rund um den 1. Mai in Berlin.
Arbeitet Andreas Markus für SpreePicture und hat er das Foto wirklich geschossen? Ich habe nachgefragt:

pEtEr: Andreas, stammt das Foto von dir? Was hast du in der besagten Nacht gemacht?
Andreas: Nein. Wie Ämter nun mal so sind musste ich sehr früh raus und bin an besagtem Abend deshalb zeitig ins Bett.

pEtEr: Arbeitest du für SpreePicture?
Andreas: Die Zusammenarbeit mit Spreepicture beendete ich Dezember 2008, dafür gab es viele Gründe.

pEtEr: Verpixelst du Gesichter von mutmaßlichen Tätern bevor du deine Bilder verkaufst?
Andreas: Solange ein vermeindlicher Strafttäter nicht auf frischer Tat erwischt worden ist gilt die Unschuldsvermutung. Eine Person ungepixelt abzubilden käme einer Vorverurteilung gleich und verstößt massiv gegen die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen. Stellt das Gericht nun die Unschuld der Person fest, ist der Ruf trotzdem ruiniert. Der Schaden, der damit angerichtet werden kann ist immens, nicht nur für den Betroffenen, sondern wie in dem Fall von Tobi, auch für die Eltern.

pEtEr: Werden Fotos vor der Weitergabe an Agenturen und Redaktionen grundsätzlich unkenntlich gemacht, oder ist das die Ausnahme?
Andreas: Beobachtet die Polizei Täter bei einem Einbruch oder ein Zeuge kann die vermeindlichen Täter zu 100% wiedererkennen, stellt das eine andere Situation da. In diesem Fall kann ich auch ungepixelte Fotos versenden und die Entscheidung trifft die Redaktion.

pEtEr: Gibt es noch etwas, das du zu den Vorwürfen gegen sagen möchtest?
Andreas: Ich finde es ziemlich schade, dass die Leute, die bei Indy posten, nicht richtig recherchiert haben. Dann wäre ihnen aufgefallen, dass nur bis Dez.2008 Fotos von Spreepicture auf meiner Flickr-Seite zu sehen sind.
Die Leute, die mich als Nazi beschimpfen und in die Welt hinaus schreien ich hätte die Bilder von Tobi gemacht, sind kein bisschen besser als die Leute, die Tobi ungepixelt zu den Redaktionen gestellt haben.

pEtEr: Vielen Dank.

Foto: XB-Liebig, Rigaer Ecke Liebigstraße, Berlin/Friedrichshain (cc) von streunna


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1 KOMMENTAR

  1. der beitrag wurde berichtigt, bzw. es gab ein update dazu, in dem nochmal eindeutig erwähnt wird, das markus nicht verwickelt ist und auch nicht mehr für spreepicture arbeitet. der beitrag war alt und gab den damaligen wissenstand wieder.

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