Die Rebellions Utopie

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Ich könnte euch in die Kitty Hölle verbannen oder euch auf die wundersame Dinge im Atlas Obscura aufmerksam machen aber eigentlich würd ich gerne hier so sein wie auf meinem Blog irgendwie – da ich mich hier irgendwie gleich wie zu Hause fühle. Und da zu Hause re:blogge ich nicht mehr, da schreib ich meist aus der Seele was mich so bewegt und so soll das jetzt hier auch sein.

Da ja ein Geburtstag ansteht und ein solcher auch immer irgendwie Erinnerungen weckt verbinde ich eine Erinnerung mit einem Gedanken der mir irgendwie sehr am Herz liegt der aber auch die Stadt beinhaltet deren Kind dieses Blog irgendwie ist.

Für mich ist dieses Fleckchen Erde der Ort wo Kultur der Zukunft geboren wird. Es gibt hier eine Spannung die Dinge ermöglicht die ich in so solchem Ausmaß woanders nicht beobachten konnte bisher. Vielleicht ist es der aufgehobenen Teilung zu verdanken und einer Schicht Leute die hier waren als es keine Regeln gab, in dem Moment als die Zukunft als ungeschrieben galt sich innerhalb einer Generation so viel tat. Aber von vorne.

Eine Geschichte die an einem grauen Novembertag beginnt. An einem der vielen Ost Berliner Wohnhäuser – alt, kaputt, grau-beige, putz ab irgendwo an einer grossen Strasse – nähe Jannowitzbrücke. Ich bin mit jemanden unterwegs dem ich viel zu verdanken habe. Er schleift mich mit meinen jungen Jahren durch die Stadt, stellt mir Leute vor die ich später wieder treffen würde, schleust mich in Clubs in denen ich später spielen sollte, weiht mich in eine Kultur ein, die zu diesem Zeitpunkt und bis heute wohl einzigartig in Ausmass und Ausprägung ist.

Wir gehen durch die marode Eingangstor auf dem Hof und ein ebenso mit Patina, Staub und Spinnenweben überzogenes Treppenhaus hinauf. Es gibt in solchen Lokalitäten immer so einen Geruch – kalte feuchte Luft, leicht modrig. Das Haus scheint komplett verlassen nur wenn man ganz genau hinhört nimmt man einen langsamen 4/4tel Beat war der sich aus einem der vielen Türen hinauswagt. Eine große Holztür öffnet sich – dahinter ein Vorhang durch den man sich durchkämpft.

In der leeren, simpel aber einfallsreich dekorierten Wohnung – viel rotes Plüsch ist mir irgendwie in Erinnerung geblieben – gibt es eine entspannte Bar mit sehr freundlich lächelndem Mädchen dahinter, mir wird ein Jägermeister in die Hand gedrückt. In einem anderen Zimmer gibt es hinter einem durchsichtigem Vorhang Kissen auf dem Boden – mehrere Grüppchen unterhalten sich angeregt im schummrigen Licht. In einem weiteren Raum – von dem ich an diesem Abend wenig mitbekommen sollte – spielt ein DJ – Leute tanzen entspannt vor sich hin. Irgendwie komme ich in den Raum mit den Kissen und werde sofort in Gespräche verwickelt – Gespräche über Kunst, Musik – über das Leben – es ist toll. Ich kenne zwei drei Leute von denen die da sitzen – sie sind die ersten Menschen die ich kennenlernte die Visuals in Klubs machten.

Nach ein paar Stunden bekomme ich eine Liste in die Hand gedrückt „Hirschbar Klubmitglied“ (oder sowas in der Art) steht oben drauf. Name und Adresse gewünscht – ich unterschreibe. Alle lächeln sich an – irgendwie brauchte man das nicht als Gemeinschaftsgefühl – das war bereits da, nur durch eine aktive Anwesenheit tat man seinen Teil zum ganzen – war Teil des Ganzen. Ich höre zu – Projekte, Träume, Taten. Am Ende des Abends beschliesse ich mehr zu geben für das alles um das was da so unbegreiflich in der Luft liegt zu unterstützen.

Ein paar Wochen später bekomme ich eine Briefmarke hinter Plastik mit einer Nummer drauf und zwei drei mal im Jahr einen liebevoll gestalteten Flyer. Sie begleiten mich über die Jahre – die Flyer, die Briefmarke, und die liebevollen Menschen der Hirschbar die sich selbst aufgeopfert haben um eine Kultur am leben zu halten die mir und vielen anderen etwas gegeben hat – Lebensfreude jenseits von Grenzen. Sie hatten nicht viel davon ausser der eigenen Freude. Ich glaube sie haben es nie bereut.

Es ist natürlich nicht nur die Hirschbar und es ist auch nicht die reine Klubkultur und ich brauchte auch nie wirklich „Klubmitglied“ werden um dabei zu sein, es ist irgendwie eine Kultur von Menschen die sehen das es geht mit Optimismus und ohne Regeln Grenzen Gesetze, das man einfach nur so glücklich sein kann und trotzdem erschafft und neu gestaltet – sich weiterentwickelt – gemeinsam und alleine aber auf jeden Fall offen und sich gegenseitig unterstützend und Information austauschend, weiterentwickelnd. Eine wundervolle Utopie die man leben kann auch im hier und jetzt.

Danke allen Rebellen die diesen Traum auch im digitalen aufrecht erhalten.

Happy Birthday.

Und weil ich nicht so ganz ohne Content – quasi als Geburtstagsgeschenk – hier weggehen möchte – gibts eine kleine aber feine Doku – so Zeitdokument quasi tief aus unserem Archiv ausgegraben – über die letzte (vorletzte?) Hirschbar Party im Jahr 2000 – erst und einmalig im Netz.

8 Kommentare

  1. Ich habe meine marke leider im Zuge eines Portemonnaie Verlustes mit versiebt. hatte auch so ne coole nummer 😀 war nen großer röhrender Hirsch drauf. Aber die Erinnerung bleibt.

  2. Ich bin echt baff!
    Besonders die „Utopie“ spricht mir aus der Seele. Ob nun digital oder im realen Leben, wenn man das überhaupt noch unterscheiden kann. Ich durfte in letzter Zeit immer wieder feststellen, das die Menschen, die man nur aus dem Netz kannte und schätzte, im „echten Leben“ mindestens genau so knorke sind. Offen sein, gemeinsam sein unterstützen, Information austauschen, weiterentwickeln – darauf kommt es an.
    Und die Hirschbar-Doku schau ich mir noch mal in Ruhe an.
    Vielen Dank!

  3. Da geht man anno 95 in einen Club, in dem sich nun ein Tanzstudio befindet, um Laserboris zu assistieren, und erhielt, ehe man es sich versah, vom Tagwerk eine Club Karte gereicht. Dies war das Ticket für einen Lebensabschnitt, der verknüpft ist mit den besten Erinnerungen. Auf diesem Bröllin Hirschfestspiele Festival, dass ich auf 2001 verorte, war es eine große Freude mit AeoX und 9teen diesen Sonntagsfloor auf dem Vorplatz dieses alten Ritterguts gerockt zu haben. Yaj, war det allet toll, damals … Danke für die Bilder, fALk!

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