MAdoppelT „Hybrid“ – Ein Mischwesen zwischen Grandesse und Ärgernis

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MAdoppelT’s neues Album macht mir die Rezension echt schwer. Die Eröffnungsnummer „Zurück in die Zukunft“ ist ein wunderbares Stück 70er-Baby-Retrospektive mit massig lässigem Flow, inszenierungsresistenter Ehrlichkeit und viel Druck. Und anhand der ersten Nummer erwartet man – auch aufgrund des einfach tadellosen Beats – ein sehr charmantes Album … aber es soll anders kommen. Ganz anders.

Gleich beim nächsten Song semmelt uns ein übelster angecrunkter Prolletten-Clubsong entgegen, bei dem nur vom Freidrehen & Ärschewackeln geredet wird – also Stangenware. Trotz tightem Beat leider ne herbe Enttäuschung und ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Und ich frag mich, wer zur Hölle kam auf diese seltsame Idee, diesen völlig unpassenden Beat genau hier – also hinter den atmosphärischen Raumöffner – hin zu setzen? Albendramaturgisch irgendwie sehr befremdlich.

Ok, der Lack war etwas runter & die Platte scheppert dann auch etwas gefällig weiter, quasi wie bei der Auslage von einem Späti, alles dabei, eher nix hochwertiges, aber klassische Mitnahmeartikel en gros. Verdammt schade, denn die Beats, die von zwei Großmeistern serviert werden (Brenk & Santo) sind durch die Bank weg sehr sehr gut, MAdoppelT hat literweise Herzblut & schaufelweise Flow, aber er verschwendet diese Gabe bei etwas halbgaren Texten.

Klar, den definitiv nicht billig gefühlsdusseligen & zudem erfrischenden Lovesong „Lied ohne Namen“ muss man ihn erst einmal nachmachen, aber irgendwie fühlt es sich für mich ganz subjektiv derbe nach Häkchenpolitik an, Kiffersong – Haken, Clubsong – Haken, Battletrack usw.

Hätte er aber überhaupt nicht nötig, denn dass er unglaublich krass Emotionen wecken kann & mit direkten Bildern überzeugen kann beweist MAdoppelT bei „Ich wünschte“ als er über die Krebserkrankung eines Kindergartenfreundes spricht. Da konnte ich ihn mehr als nur fühlen. Aber auch „Wünsch dir was“, ein Song dem man ne gewisse Cheesyness zu Beginn auch nicht absprechen kann wächst und wird zu einem charmanten Manifest für das aktive Träumen.

Aber dann kommen diese bedauerlichen und ärgerlichen Ausrutscher, ganz vorne dieser Clubsong, bei dem ich mich echt frage, ob man den positiven Sexismus gar nicht mehr wahrnimmt, wenn ein Mädel nur auf seine Funktion als Bootywackelautomat und Gaffobjekt runter geschrieben wird. Keine Panik, ich bin keiner der Überkorrekten, aber irgendwie waren die Nummern auch bei weniger hellen Köpfen schon ziemlich fremdschämig. Und dann noch (Häkchen) ein „Alle Frauen sind superb-Liedchen“, hinterher – dass man so auch schon besser gehört hat. Klassisches Huren/Heiligen-Dilemma oder wie?

Versteht mich nicht falsch, ich hab so gar kein Interesse an einem Verriss, bin auch einer der fairen Rezensenten, die weder skippen, noch Fremdbeiträge abschmullen, ich mach mir meine eigene Meinung und leider zerreißt es mich bei diesem Prototypen mit Hybridantrieb, er wirkt etwas unausgereift.

Bzw. richtiger wäre das Album klingt unausgegoren, Beats hui, Inhalte etwas flach. Ich kenne auch (muss ich fairerweise sagen) sein bisheriges Schaffen nicht, daher kann ich nicht wirklich beurteilen, ob & wie sehr er sich nun im Gegensatz zu den beiden Vorgängeralben gesteigert hat. Für mich bleibt nur ein ungläubiges Staunen über scheinbar nicht fokussierte Arbeit. Mit jedem einzelnen dieser 10 grandiosen & eigenständigen Beats, dem ordentlichen Bums in der Stimme & dem stimmigen Flow und dem tadellosen Storytellertalent wäre ne richtig geile, tiefschürfende und tighte Platte möglich gewesen.

Aber so haben wir 10 Songs mit einem absolut eindrucksvollen, emotional nachwirkenden Song, ne schicke Retrosause, ein kitschfreies Liebesding, mit „Wünsch dir was“ einen sehr positiven Song ganz ohne Kopf Hoch-Pathossülze & eine schlüssige und selbstkritische Kifferhymne und dann 5 eher verzichtbaren Dingern, die ich beim nächsten, recherchefreien Hören skippen werde. Bei einer EP mit den fünf erstgenannten Songs hätte ich ziemlich laut Yeaaaha geplärrt, so kann ich nur sagen, schade drum!

Aber diesen unglaublich starken, intimen & mutigen Song müsst ihr hören & fühlen, mein Dank geht in diesem Falle an einen wirklich hervorragenden MC, der hier seine offensichtlichen Stärken hat, ich hoffe er besinnt sich auf sie beim nächsten Mal.

Über den Autor:
Markus Dewes ist freier Journalist/Kulturblogger und betreibt den Blog „Der digitale Flaneur

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