Zahra’s Paradise – Erschreckende, gezeichnete Zeitgeschichte!

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Aufmerksame Leser des digitalen Flaneurs wissen um meinen großen Respekt für den fast aussichtlosen iranischen Kampf um Emanzipation und zivilgesellschaftlichen Fortschritt. Allen Interessierten kann ich hierzu neben der großartigen Anthologie „Transit Teheran“ auch das Interview, welches ich im letzten Jahr mit dem deutsch-iranischen Zeichner Hamed Eshrat geführt habe ans Herz legen, will man nicht in die verkürzte Argumentationsmuster der Wahrnehmung dieses Konflikts geraten.

Ich will euch heute einen weiteren Comic vorstellen, der neben der eleganten Comicverfilmung von Marjane Satrapis „Persepolis“ und der empfehlenswerten Ergänzung durch Hamed Eshrats „Tipping Point“ (bislang leider nur in französisch veröffentlicht & über den Autor direkt beziehbar) ein weiteres Kapitel gezeichneter iranischer Gegenwartsbewältigung aufschlägt.

Während sich die beiden oben genannten Comic rund um die Ergebnisse von 1979 gruppieren bezieht „Zahra’s Paradise“ sehr aktuell Stellung. Der zeitliche Bezugsrahmen des bislang nur als e-Comic erhältliche Szenarios beginnt am 16. Juni des letzten Jahres, also heute vor exakt 375 Tagen. In unserer schnellstlebigen Zeit natürlich eine Ewigkeit.

Das Datum markiert den vierten Tag nach der umstrittenen Wiederwahl des iranischen Präsidenten und Brandredners. Manche können sich sicherlich noch an die televisierte Revolution & die Twittermobilisierung erinnern. Vieles was danach geschah übersprang die Schwelle der medialen Aufmerkamkeit nicht mehr und wurde an den Rand gedrängt. Abertausende Aktivisten & Demonstraten wurden verhaftet, in der Haft misshandelt, vergewaltigt & gefoltert, nicht wenige zahlten ihren Mut mit ihrem Leben. Der iranische Mullahismus ist nicht bereit sich sein Deutungsmonopol streitg machen zu lassen und schlug erbarmungslos mit der offenen Gewalt eines Polizeistaates und der sublimeren Brutalität von unzähligen Todesurteilen zu.

Titelgeberin des Echtzeitcomics ist die iranisch-kanadische Fotojournalistin Zahra Kazemi, die 2003 bei einer Recherche zu den menschenrechtsverspottenden Haftbedingungen im berüchtigten Folter-/Politknast von Evin (Infos) von Wärtnern der Haftanstalt so schwerwiegend misshandelt (oder präziser gefoltert) wurde, dass sie an den Folgeverletzungen elendig verreckte.

Ja, dieser Comic trägt eine gewaltige politische Sprengkraft in sich, wie die offen ausgesprochenen Forderungen nach menschenrechtskonformer Haft, nach basalen, zivilgesellschaftlichen Zugeständnisse von staatlicher Seite wie Presse- & Versammlungsfreiheit, Geschlechtergleichheit (und vieles mehr) zeigen.

Bislang liegt der digitale Comic in 10 Sprachen übersetzt vor, deutsch ist leider (noch) nicht darunter. Erfreulicherweise aber arabisch, dort wo die bewussten, subversiven Taten vieler Blogger im Kampf um den „digital citizenship“ gerade eine unglaubliche Dynamik erreicht haben. 11 Länder haben bereits Vertragsabschlüsse über eine Publikation in Buchform in der Tasche, somit wird nun Zeitgeschichte nicht mehr geschrieben – sondern gezeichnet.

Gerade in der Kombination aus unterhaltsamer, einfühlsamer Illustration und kühler, geschichtlicher Reportage liegt die große Anschlussfähigkeit dieser medialen Form begründet, Infotainment im allerbesten Sinne.

Das hohe identifikatorische Potential der Bildergeschichte erleichtert den Zugang zu dieser komplexen & nicht selten grausamen Geschichte. Der Exiliraner Amir, ein Journalist, der aus Rücksicht auf die noch im Iran lebende Familie nicht mit vollem Namen genannt werden will und sein zeichnender Kollege schaffen ein polyphones Bild einer Gesellschaft im Umbruch. Ihnen gelingt in der digitalen Adaption der perfekte Spagat – die Vielstimmigkeit der Blogs, Webseiten, Foren, Twittermeldungen wird zu einer stringenten Gesamtheit verdichtet, ein Grund für die unglaubliche Dichte und Glaubwürdigkeit der einzelnen Szenerien.

Die rauen, kontrastreichen, kunstvoll instzenierten Schwarzweissbilder und der schneidende politische Subtext und Ton der Geschichten ist atemberaubend. Ich musste bevor ich mich ans Verfassen dieses Textes machte, auch erst einmal meine Gedanken ordnen. Nichts wird beschönigt, die schnörkellose Darstellung der politischen Gewalttätigkeit, die sich zunehmend brutalisiert, das Kaltstellen der digitalen Opposition durch Hackerattacken, das Unterbinden der Twittermobilisierung durch Störtechnologien, das Klima der Angst in den iranischen Städten, all dies wird hier eindrücklich dargestellt und thematisiert.

Ich bin mir sicher, dass in diesem Falle eines quasi in Echtzeit entstehenden, durch die Vielzahl der digitalen Stimmen gespeisten Comics eine Beurteilung überflüssig ist. Alleine der Antrieb den Mut der iranischen Opposition nicht dem Vergessen preiszugeben, die fortschreitende Brutalisierung der politischen Kultur zu kartographieren und die Folgen einer durch extrem scharfe Polizeimaßnahmen erzwungenen autoritären Gesellschaftstransformation zu illustrieren gilt für mich als ehrenhaft. Wichtiger Comic, der alle herrschaftskritische Macht zu nutzen weiss & den schmalen Rand zwischen Satire, Anklage, Reflexion & Anspruch neu vermisst! Mein Tip – lesen!

www.zahrasparadise.com

1 KOMMENTAR

  1. neulich tolle doku im tv gesehen, natürlich nachts da man tagsüber sowas nicht senden darf, es ging darum warum es im irak trotz „harten sanktionen“ waffen und rohstoffe ich sag mal en masse gibt, das liegt daran das die ausländische und vor allem deutsche wirtschaft einfach einen trick benutzt, man liefert nicht mehr in den irak sondern gleich neben an nach dubai, das sind solche füchse. ob die deutsche politik nun wirklich machtlos ist oder das ganze durch wegschauen unterstützt…. who knows

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