Catch me I’m falling

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Es war nur eine Frage der Zeit, dass wir den Konsum der virtuellen Welt öffentlich thematisieren und hinterfragen. Medienkompetenz einer Gesellschaft kann sich nur so entwickeln. Hier ein Beitrag zu diesem Diskurs:

Arbeit und Freizeit verschwimmen für die meisten Menschen aus der ‚Branche‘. Ein ‚Runterkommen‘ wird schwierig und Burnout kann die Folge sein. Ein emotionaler Erschöpfungszustand. Kein Wunder, wenn Emotionen das sind, woran uns das Social Media an  die Eier packt.

Der ‚Like-Button‘ als sozialer Kitt
Das Social Web hat Eigenschaften, die unsere Gefühle stimulieren, die – ja ich benutze mit Absicht dieses Wort – süchtig machen können. Künstliche Erlebnisse auf die Schnelle ohne langes warten. Es ist wie, wenn man belohnt wird, wofür ist in dem Moment egal. Es sind soziale Algorithmen die einfach funktionieren. Gruppen und Gruppenzugehörigkeit zeigen an, welchen Bildungsstand du hast und welche Partei du wählst. Meist wird auf eine Aktion (Veröffentlichung der eigenen Meinung, peinliche Videos) direkt geantwortet. Je mehr ‚Likes‘ und Kommentare, desto mehr fühlt sich das Ego auf die Schultern geklopft. Fein gemacht! Gleich nochmal, aber vorher noch einen Tweet am besten mit #fb damit es ALLE sehen.
Ich spreche aus eigener Erfahrung. Seit mehr als 4 Monaten bin ich nicht mehr auf Facebook aktiv und seit über 2 Monaten habe ich meinen Account löschen lassen (hoffe das ist auch wirklich passiert!) Ja, ich habe FB verlassen –  vergessen wird er es wohl nie.
2 Jahre Facebook haben mir ein Gefühl von Autonomität suggeriert und mich glauben lassen, dass ich was bewegen kann. Das mag in einzelnen kleinen Fällen so sein. Aber es ist nicht nur Facebook, die die Revolution ausmacht oder das Abschalten der Kraftwerke. Vielmehr sind es soziale Tatsachen, wie Demos und die breite Öffentlichkeit, die global für einen stetigen Nachrichtenfluss sorgt.
Auch wenn wir als User meinen, mit unseren Arbeiten und Kommentaren was beitragen zu können, sind es tatsächlich nur vereinzelte Fälle im globalen Fluss der finanziellen Interessen. Unsere digitale Gesellschaft ist stark dem kapitalen Markt unterworfen. Bereitwillig spucken wir unsere Ideen aus und verbreiten sie unter CC. Unsere ‚Abhängigkeit‘ füllt Taschen von Investoren.  Wie ein Mäuschen im Laufrad, immer und überall. Stolz über die kratzfesten mobilen Möglichkeiten und unter dem Deckmantel der Bildung und Kommunikation. Wir sind ja so gebildet, informiert und busy. Haben zu allem eine Meinung und wenn nicht, sind wir dankbar dass  jemand anders eine hat und wir das sehr liken; ein Rausch, ein Fest! Ja, ich war dabei! Woodstock wäre mir lieber gewesen 😉

Der reale Boden statt nur soziales Digital-Netz
Irgendwann stellte ich mir die Frage: Was bedeuten mir tröstliche Worte von meiner Sandkastenliebe auf der anderen Seite des Globus, wenn meine Freundin hier sitzt und direkt für mich da ist, wenn ich sie brauche? Es ist ein nettes Gefühl, wenn man weiß da ist jemand da draußen. Sicher. Aber eine direkte Hilfe ist das nicht.
Ich möchte auch vergessen und nicht immer in meine Vergangenheit katapultiert werden, sobald XY mich kontaktiertet und mich fragt was ich denn so mache und ich zum 1000 sten mal meine Lebensgeschichte wiederkaue. Neue Bekanntschaften werden  meist aus eigennützigen Interessen geschlossen, jeder hat da seine Gründe, meist geht es um Arbeit, Geld oder den sozialen Status zu pflegen.

Seitdem ich FB den Rücken zugekehrt habe, bin ich offener für das Hier und Jetzt! Menschen zu begegnen und ihnen in die Augen zu sehen und mit ihnen ins Gespräch kommen ist was großes. Das ist echt und KEIN Spot für ein koffeeinhaltiges Getränk, die den absatzfördernden Faktor ‚Gefühle‘ entdeckt hat und per Google beweisen will, dass es mehr Gutes als Schlechtes auf der Welt gibt.
Hier habe ich mich gefragt, was das bitte mit dem Getränk zu tun haben soll? Es werden alle Dinge angesprochen, wofür wir empfänglich sind, wie in einem Film: Das Gute gegen das Böse! Kinder, Krieg, Plüsch-Teddies, Hochzeit…Ergoogelte Realität. Pfffff!
Es gibt eine Stelle im Original von Oasis, die ich sehr treffend finde:
…You’re free to be wherever you
Wherever you please
You can shoot the breeze if you want
It always seems to me
You only see what people want you to see…

9 Kommentare

  1. Sehr schöner Beitrag. Zum Thema „Auch wenn wir als User meinen, mit unseren Arbeiten und Kommentaren was beitragen zu können, sind es tatsächlich nur vereinzelte Fälle im globalen Fluss der finanziellen Interessen. (…) Bereitwillig spucken wir unsere Ideen aus und verbreiten sie unter CC.“ werde ich demnächst auch ausführlich posten. Ich hoffe dein Beitrag trägt mit zu einer „Post-Web2.0-Hype“-Diskussion bei und die Community beginnt stärker zur reflektieren was eigentlich wünschenswert ist. Web2.0 und Digitalisierung sind NUR Tools und die alleine führen noch nicht zu einer kritischen Öffentlichkeit oder gar besseren Welt…

  2. „This Web 2.0 dream is Socrates’s nightmare: technology that arms every citizen with the means to be an opinionated artist or writer.“
    (Andrew Keen, Web 2.0 – The second generation of the Internet has arrived. It’s worse than you think.) http://bit.ly/4ToDSO

  3. Alles was irgendwann Erfolg hat oder gut läuft und guten Traffic aufweist wird nun einmal kommerzialisiert. Die Kommentatoren und Bewerter der ersten Stunden haben wirklich etwas bewegt aber wird dies mit der Masse der Beiträge immer unwichtiger….das ist meine Meinung.
    Wir sind ein winzig kleines Molekül in der Gelddruckmaschine Internet, nicht mehr aber auch nicht weniger – denn auch die größten Konstrukte bestehen letztendlich aus vielen kleinen Teilchen…

  4. @David: Das eine tun und das andere nicht sein lassen 😉
    Nur weil sich unsere Autorin Nielow der Facebook-Verführung entzieht heißt das nicht, das die Blogrebellen dieses „Marketing-Instrument“ nicht nutzen.

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