Busfahrer, Beförderungsbedingungen und andere Bodenlosigkeiten

12

Grundsätzlich bin ich ja kein Morgenmuffel…

Man muss halt früh aufstehen und sich irgendwie tageslichttauglich frisch machen für das Hamsterrad. Man muss das halt so machen. Das ist zwar voll zum Kotzen, aber das muss halt so. Deal with it!

Das ist so in etwa die schicksalsergebene, mantraartig wiederholte Autosuggestion, mit der ich mir morgens die Gesamtscheiße schön zu reden versuche. Wenn man so will die bedingungslose Kapitulation vor der Realität. Denn ganz ehrlich – und vermutlich bin ich damit nicht ganz allein – daran ist rein gar nichts Schönes. Mein Gesicht sieht morgens scheiße und zerknittert aus, ich rieche morgens aus dem Mund, morgens ist es kalt und dunkel, die anderen sehen auch scheiße und zerknittert aus und riechen irgendwie noch viel schlimmer aus dem Mund. Manchmal riechen die auch unterm Arm oder gar aus dem Schritt, aber das ist ein anderes Thema.

Es gibt Dinge, die den Morgen erträglicher machen. Sex gehört dazu. Oder Zigaretten. Oder Sex und Zigaretten. Viel wichtiger als morgendlicher Sex und Zigaretten ist allerdings Kaffee – da stimmt Ihr mir sicherlich zu. Kaffee ist sehr wichtig! Ohnehin ist die gesellschaftliche Funktion von Kaffee für das Funktionieren von Gesellschaft eigentlich kaum zu überschätzen. Er ist die Grundlage für die 110-prozentige Top-Performance, die wir jeden Werktag auf der Arbeit abliefern. Na gut, ich will ehrlich sein: 150 Prozent!

Das Schweinesystem weiß das nur allzu gut, deswegen stellen die nämlich auch überall Kaffeetankstellen hin, wo man auf jedem Zwischenstopp des Leistungsmarathons die Performancedroge „to-go“ bekommt. Kleiner Tipp: Wer mal richtig das System ficken will, setzt sich mit einem Kaffee to-go einfach mal hin. Empört Euch!

Auch die Kaffeeindustrie weiß sehr wohl um die Wichtigkeit von Kaffee für das Funktionieren westlicher Zivilisationen und karrt das braune Bohnengold aus ziemlich weit entfernten Ländern in großen Containern auf noch viel größeren Containerschiffen zu uns. Die Kaffeeplantagenarbeiter kotzen jeden Morgen noch viel mehr als ich – aber nicht wegen Mundgeruch. Die haben andere Probleme. Im Prinzip ist Kaffeeproduktion und -distribution ein weltweites Netzwerk der Beschaffungskriminalität. Aber was soll’s, er schmeckt und wirkt. Und diese Länder sind echt ziemlich weit weg.

Meine Arbeitstelle hingegen ist nicht so weit weg. Genau genommen zirka 10 Minuten mit dem Fahrrad. Es lässt sich nur so schwerlich Kaffee trinken auf so einem schicken Single-Speed-Bike. Daher nehme ich häufig die Bahn, aber lieber den Bus, der ist schneller. Menschen in Bussen sind ja auch so ein ganz spezielles Kapitel, in dem auch wieder zerknitterte Gesichter und diverse Gerüche vorkommen. Ersparen wir uns weitere Ausführungen. Ihr kennt das: Da bräuchte es ganz spontan wieder mal die Kettensäge im Handtaschenformat, um eine Schneise in die Scheiße zu schlagen.

Doch ich bin nicht so. Eigentlich bin ich ein ganz vorbildlicher öffentlicher Fahrgast. Ich rücke nach hinten durch, mache unaufgefordert Platz für alte Menschen, helfe kinderwagengeplagten Müttern beim Einsteigen und rassistisch daher brabbelnden Feierabendnazi-Opas notfalls auch gerne beherzt beim Aussteigen. Zahle brav meine 4,30 Euro für ein „Tagesticket Zone 1“ und freue mich, dass ich für das bisschen Geld sogar was Glitzerndes auf dem Papier bekomme. Es funkelt, mutet absolut wertig an und verheißt zeit- wie grenzenlose Mobilität in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Zone 1. Die anderen Zonen kenne ich nicht, aber da wird es ähnlich sein, dieses Gefühl von „Fuck yeah, ich könnte jetzt überall hinfahren!“.

Verstärkt wird dieses morgendliche Gefühl von? Richtig: Kaffee! Ein Tagesticket Zone 1 in der linken, einen Becher Kaffee in der rechten Hand – ich meine, was soll einen da noch stoppen? Heute machte ich eine niederschmetternde Erfahrung und wurde gestoppt. Vom Busfahrer der Linie 700. Eine Schmach sondergleichen!

Da stieg ich also ein, posaunte ihm ein freundlich-offensives „Guten Morgen!“ entgegen und bewegte pflichtbewusst die linke Hand in Richtung seiner Busfahreraugen. Dieser hatte aber keine Augen für das funkelnde Stück Papier, vermutlich hatte er das schon zu häufig gesehen und es hatte mit der Zeit für ihn an Faszination verloren. Aber das ist nur eine Vermutung. Stattdessen schaute er streng und entschlossen auf meine rechte Hand. „Mit dem Becher bleiben Sie schön draußen“, sagte er unfreundlich aber bestimmt. Es traf mich wie ein Hammerschlag, ich begann zu stammeln: „Sie machen wohl Witze, Herr Busfahrer!? Dieser Bus, dieser Kaffee und ich – das ist seit Monaten eine intakte Dreierbeziehung. Das können Sie nicht machen!“

Seine Reaktion war deutsch, wie sie deutscher nicht sein könnte: „Das steht so in den Beförderungsbedingungen, können Sie gerne nachlesen. Punkt.“ Diese Prinzipientreue, diese Obrigkeitshörigkeit, das uneingeschränkte Gehorsam innerhalb hierarchischer Befehlsketten und Regularien wie zum Beispiel den Beförderungsbedingungen: Für diese Tugenden beneidet man uns weltweit, mit diesen Eigenschaften gewinnt man Kriege.

Ich überlegte noch, ob ich zum Gegenangriff ausholen sollte. Ob in den Beförderungsbedingungen auch was von stinkenden Mettbrötchen, lautstarker akustischer Belästigung durch schlechte Kopfhörer und noch schlechterer Musik stünde. Ob die Beförderungsbedingungen denn eigentlich das Mitführen gemeingefährlicher BILD-Zeitungen erlauben. Ob er schon mal über seine persönlichen Beförderungsbedingungen in seinem sympathischen Unternehmen nachgedacht hätte. Die Liste der plausiblen Gegenfragen schien mir unendlich, doch ich erkannte meine Ausweglosigkeit, beließ es bei einem mimosenhaften „Mit Ihnen fahre ich nie wieder“ und stieg aus. Der Kaffee hatte noch nicht gewirkt. 150-prozentiger Widerstand war einfach noch nicht möglich.

Eins ist jedoch sicher: Beim nächsten Mal gelten meine Beförderungsbedingungen und ich befördere meinen Becher Kaffee schnurstracks an die Windschutzscheibe dieses Arschlochs.

Versprochen!

12 KOMMENTARE

  1. Jaja… Die Obrigkeitshörigkeit gehört zu den guten alten deutschen tugenden wie Ordnung, Sauberkeit und Judenhass.

    Ich hasse solche Menschen!

  2. Und sollte sich jemand getrauen MIT dem Becher in den Bus zu steigen, dann kommen die Beförderungsbedingungen und teilen mal kräftig Haue aus. Jawollja! MussjaallesseineOrdnunghabenundsoweiterundsofort.

    Wer Kämpfer ist, der läuft halt dann in Zukunft und spuckt vorbeifahrende Busse an (oder sonst irgend was) und wer lieber nen ruhigen schiebt, nimmt halt nen Beutel mit und trägt den Becher damit in den Bus und packt den Becher dann aufm Platz aus (ganz fiese Typen machen dann mit Absicht Kaffeeflecken auf die Sitze).
    Es muss halt einfach alles und jedes geregelt sein hier in good old G. Nur nicht zuviel das eigene Hirn bemühen, das strengt nur an!

  3. Für wahr sehr lustig geschrieben. Ich verstehe Deinen Ärger, wenngleich ich die Haltung der Verkehrsbetriebe bzgl. heißer Getränke im Bus ebenso verstehe.

    Hier ein Beispiel: Weil ich mal Zeuge war, als ein Busfahrer aufgrund eines rücksichtlosen Vollpfostens, der einfach mitten auf der Straße wendete, massiv bremsen musste und ein Typ in Fahrtrichtung sitzend samt seines Bechers heißen Kaffees auf sein Gegenüber gekippt wurde. Das Gegenüber fand die heiße Dusche nicht sehr lustig.

    Und nicht jeder steht auf Kaffeeduft, der aus morgendlichen Müffelkehlen strömt, der ist nämlich doppelt ekelig, vor allem für Teetrinker! 🙂

  4. Danke, freut mich, dass es Euch gefallen hat!

    Die Linie 700 fährt übrigens glücklicherweise nur in Hannover. Ich gehe davon aus, dass die Berliner Busfahrer voll gut drauf sind 😉

  5. Boah ich dachte, ich bin der Einzige dem es so geht. Die Geschichte mit dem Busfahrer kenn ich doch irgendwoher. 🙂 Ach ja, von mir. So „nett“ wurde ich auch schon mal, wegen einem Becher Kaffee, herausbefördert. Noch heftiger finde ich das aber wenn man mitten in der Nacht am Arsch der Welt ist, mit dem Bus eigentlich nur noch nach Hause fahren will aber nicht einsteigen darf, weil der „gute“ Busfahrer ja keine 20€ wechseln kann. Das war ein Erlebnis, das sag ich dir! Ich stande bei -20° 2 Stunden draußen und habe auf meinen Kumpel gewartet. Vom Personenbeförderungsgesetz wollte der „nette“ Busfahrer übrigens nix wissen. Gruß Uwe

  6. s, m, l & xxl for coffee in a world with me.
    Posted on 8. Juni 2011

    Ich arbeite gerade. Während andere ihren Rausch ausschlafen, bin ich im videoschnitt, poste den neuen Club der Stadt im Netz und schreibe parallel Partytipps fürs nächste Wochenende. Im Redaktionsfersneher läuft Jetix. Is ja sonst keiner da… 🙂 Heute morgen stand ich auf dem Bahnsteig und überwand mich, doch einen Kaffee beim Stand zwischen den Gleisen zu erwerben. Nun, ich bin kein Freund der Kamps & Crobags dieser Welt….

    http://www.ontai.de/archives/71

  7. bei aller liebe zu deinem blog – mit diesem beitrag machst du dich lächerlich!

    du bist ganz einfach im unrecht!

    ich hab jedenfalls keinen bock bei ner vollbremsung mein gesicht verbrüht zu bekommen nur weil so ein W#### nicht fünf minuten früher aufstehen kann, um seinen kaffe vor der busfahrt zu trinken. da bin echt froh, wenn ein busfahrer drauf achtet!

    manmanman… so agrro wegen einer bagatelle

  8. Alter das wäre Dir in Berlin-Kreuzberg nicht passiert. Erst mal fahren wir hier alle U-Bahn und außerdem hätte das den Busfahrt einen Dreck interessiert… weil er sich auch schon zigmal eine eingefangen hätte.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.