Eine kleine Geschichte vom Rand

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(Photo by Servus07074)

Fête de la Musique 2012, Berlin, Blogrebellen Stage.
Ganz langsam breitet sich ein Grinsen in meinem Gesicht aus. Die Tanzfläche ist gut gefüllt, Robert Koch rockt ordentlich, im Publikum und bei der Crew nur zufriedene Gesichter. Ich weiß wieder, warum ich mir das alles antue. Und hey schau mal, da vorne an der Bühne macht sich gerade einer nackig. Das gibt super Photos!

Dann bewegt sich der Mann Richtung Spree und das Grinsen verläßt mich wieder. Das kleine Kind in mir, das sich eben noch über die volle Tanzfläche freute wie ein Schnitzel, hat Sendepause.
Unter dem Applaus der Umstehenden macht der Mann genau das, was ich mir dachte: Er springt ins Wasser. Er schwimmt ein wenig herum, bis er merkt, daß er aus eigener Kraft den guten Meter Höhe, der ihn vom Ufer trennt nicht überwinden kann. Die Umstehenden feiern den Mann noch immer. Ich sehe die Panik in seinen Augen und mir wird kalt.

Mechanisch greift eine Hand zum Telefon, aber bevor ich die 112 wählen kann, springen zwei der Umstehenden über die Brüstung und ziehen den Mann mit vereinten Kräften aus dem Wasser.
Nochmal gut gegangen.

Ungefähr 10 Minuten später sehe ich den Mann wieder. Er steht seitlich an der Bühne, schaut aufs Wasser und schwankt langsam vor und zurück, wie es stark Betrunkene tun. Ich gehe zu ihm und merke, daß er gerade dabei ist, in hohem Bogen in die Spree zu pinkeln. Er zittert am ganzen Körper. Als er fertig ist, spreche ich ihn an: “Hey, alles okay mit Dir? Kann ich Dir irgendwie helfen?” Er schaut mich an, sein Blick ist glasig. “Nein. Ich gehe jetzt auch besser nach Hause.” Ich so: “Gute Idee, Du holst Dir sonst den Tod. Bist ja immer noch pitschnass.” Er anwortet mir: “Ja, aber im Gegensatz zu Dir habe ich keine 600 Kilometer nach Hause.” Äh, was bitte? Ich zeige spreeaufwärts. “Ich glaube, da irrst Du Dich. Ich wohne nur einen Kilometer da lang.” “Ja, aber Du kommst nicht von hier, Du bist kein richtiger Berliner.”

Mit diesen Worten läßt er mich stehen und ich bleibe mit dem ersten Gedanken, der mir durch den Kopf schiesst, alleine. “Hätten sie Dich halt einfach ersaufen lassen, Du Depp.” lautet er und ich schäme mich für diesen Satz, noch ehe ich ihn zu Ende gedacht habe.
Während ich den Satz hinschreibe, schäme ich mich wieder. Der Mann hat mich wahrscheinlich schon lange vergessen.

[Edit: Ein paar Typos und einen Halbsatz entfernt.]



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5 KOMMENTARE

  1. Was für ein Arschloch!

    Ich hab auch mal mitgeholfen, einen ausm Wasser zu ziehen, der sich hinterher nicht mehr bedankt hat. Aber wenigstens musten wir uns nicht beschimpfen lassen.

  2. Sachlich war ja schon immer urdeutsch. Manche Leute sollten sich echt zuhause verwalten und uns anderen in Ruhe lassen. Mannmannmann!

    Wobei… Als italienischer Exilbayer hast du ihn ja eigentlich schwer provoziert. Schäm dich!

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