Google Glass – Die gelebte Science Fiction

3

nielowglass

Gesellschaftliche Verantwortung vs. Wissen und Möglichkeiten

„Es wird Zeit, dass wir in Deutschland ein größeres Bewusstsein für Datenschutz und Privatsphäre entwickeln.“
(Martin Martone)

Ist es ein Bewusstsein für Datenschutz was wir entwickeln müssen? Ich werde an dieser Stelle mit einem klaren NEIN antworten.
Leben wir nicht in einer Zeit, in der Proteste und öffentliche Diskussionen geradezu einen inflationären Charakter annehmen?
Petitionen, Aufrufe zu Demos, offene Gruppen, geheime Gruppen… all diese Möglichkeiten nehmen den Platz der elitären Salonkultur ein und verschaffen jedem, der Ahnung hat (oder auch nicht)  die Möglichkeit zu Wort zu kommen.

Wir Menschen neigen dazu unsere Phantasien zu feiern, solange sie nicht real sind. Stehen wir davor, dass das was vor 30 Jahren Sci-Fi war, jetzt gelebt werden kann, machen wir uns ein wenig ins Hemd, denn die Geschichte Europas und insbesondere die von Deutschland, haben uns schon längst hellhörig werden lassen.

Big Brother sitz wie ein dicker Klops im Hals, denn wir vor Angst sicher auch hervor beschwören werden.
Was wollte uns George Orwell mit seinem dyspotischen Roman sagen? Zunächst ist klar, dass er Kind seiner Zeit war und nur das wieder gegeben hat was er gesehen und erlebt hat.
Zum anderem warnt er vor Totalitarismus.

Martin geht in seinem Artikel von einer passiven, entmachteten Position aus. (In Kreuzberg sagen wir dazu ‘Opfaz’) Aber ist das wirklich so? Müssen wir immer bevor irgendwas passiert und wir noch keine Erfahrungen gesammelt haben, beschützt werden? Verbote aussprechen, da wo es noch nichts zu verbieten gibt? Nimmt man damit nicht eine Extremhaltung ein ohne jemals eine Erfahrung gemacht zu haben? In meinen Augen ist das Gefährlich! Denn der Totalitarismus funktioniert, wenn der Mensch sich passiv und extrem verhält.

Mehr Marketing wenig Produkt?

Die Metapher ‘Gläserner Mensch’ soll simpel und schnell es auf den Punkt bringen, wenn es um die Intention der Datenschützer geht. Menschen auf Grund ihrer gespeicherten Daten durchleuchten können. Gloogle haut hier natürlich mit der Bezeichnung ihres Produkts voll in die Kerbe: Google Glass. Es ist als ob die Macher und die/der Vermarkter sagen wollen: Ja! Es ist soweit und ihr sollt euch jetzt Gedanken machen. Und warum? Weil wir es können!

Sachwarmintelligenz ist hierbei ein Begriff, der sicher angebracht ist. Im Falle von Google Glass wird das Produkt entwickelt und bevor es noch auf den Markt kommt kommunizieren Menschen über Möglichkeiten und Verantwortung. Zudem konnte man in einem gewissen Zeitraum mit dem #ifihadglass an einem Vorentscheid teilnehmen, um eine Möglichkeit zu erhalten so ein Glass zu erhalten. Hier ist schnell klar die Menge ist Limitiert und Daten rund um den Glass werden schon im voraus gesammelt. Eine super Möglichkeit um die gesammelten Daten in die Marketingstrategie einfließen zu lassen. Ob das Produkt hält was es verspricht, weiß i.Mo. Niemand. Wir glauben mal was wir im Imagevideo des Unternehmens sehen. Der Samen der Imagination ist gesetzt, und wir glauben daran, dass die Technik so reibungslos funktioniert, wie dargestellt, dass sich schon Datenschützer zur Wort melden, um über Rechte zu sprechen.
Dazu nur: Zusehen und lernen! Dieses Spiel kann nur ein Unternehmen Spielen, welches eine große öffentliche Aufmerksamkeit erhält und es zu nutzen weiß.

Was ist mit dem Produkt selbst? Vielleicht wird es sich in unserem Alltag so nützlich erweisen, wie Siri. Ganz ehrlich; wie oft nutzt und wann nutzt ihr es?

Nick Francis hat in seinem Artikel Google Glass is ridiculous aufgezeigt, warum er nicht denkt, dass das Produkt nichts taugt:

„…I can easily tell you why I’ll never buy Glass (aside from the likely $1,500 price tag) ? Talking to a computer is seldom the most efficient or comfortable way to use one. I use Siri maybe once a week. I can only imagine my morning commute on the bus, with 15 different people talking to the screen on their head just trying to check email. I much prefer taking out my phone and pointing to my email. I don’t have to use Glass to know practical, day-to-day use will be a bad experience.“

Wir reflektieren aus der Vergangenheit, gestalten unsere Gegenwart und kommunizieren mit der Zukunft.

Wissen und Erkenntnis liegt nicht in einem toten Medium oder den gespeicherten Daten. Erst wenn sich der Mensch damit befasst und reflektiert wird es zur gelebten Wirklichkeit. Daraus lassen sich wiederum neue Objekte und Werkzeuge kreieren, die das Leben wieder beeinflussen. Quelle und Initiator ist und bleibt der Mensch.

Zunächst sind wir soweit, weil wir es geschafft haben das Wissen, welches uns zur Verfügung steht zu nutzen und unsere Science Fiction aus der Vergangenheit zu leben. Dieses kulturelle (populäre) Gedächtnis, gibt dem Individuum im Hier und Jetzt die Möglichkeit zu handeln oder auch nicht. Die gesellschaftliche Auswirkung und Verantwortung die daraus entsteht, liegt wiederum bei uns. Genau das hat Martin in seinem Beitrag angesprochen. Und da bin ich völlig bei ihm, wenn es darum geht uns zu überlegen, was passiert mit meinen Daten und mein Wissen?
Big Brother könnte genauso real werden wie das mit dem Glass. Dennoch existieren noch andere Zukunftsmodelle, wie z.Bsp. Star Wars – ja genau – die uns aufzeigen, dass es eine Balance geben muss zwischen den Machtverhältnissen und dass es etwas gibt, was wie eine allumfassenden Macht (etwas was über unserem Bewusstsein heraus existiert) uns umgibt und in einer Symbiose mit unserem Denken und Handeln das Leben formt und gestaltet.

Fazit
Mit Google Glass setzen wir da an dem Punkt an, der uns wieder mal zeigt, dass es um Möglichkeit vs. Verantwortung geht (siehe Genforschung). Dabei spielt Ethik in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Aber wenn Daten unverfälscht und nicht manipuliert werden, wie es mächtige Menschen in der Geschichtsschreibung gemacht haben, so haben wir mit dem Glass eine Möglichkeit den kommenden Generationen etwas zu hinterlassen woraus sie sich ein viel genaueres Bild über unser hier und jetzt, ihre Vergangenheit quasi zu machen. Vorraussetzung das Produkt hält was es verspricht!


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

3 KOMMENTARE

  1. Spannend, danke für den Artikel. Die technologische Entwicklung hat längst die Rezeptionsfähigkeit der Massen überholt (vielleicht war das schon immer so). Ich glaube, dass überhaupt noch niemand überblickt, was diese technologische Entwicklung mit sich bringt. Unser visueller Sinn ist nicht dafür konstruiert, eine überlagerte visuelle Welt wahrzunehmen und die Infos zu verarbeiten. Das berühmte Multitasking wird wieder aktuell. Letztlich wird sich wahrscheinlich am signifikantesten die Kommunikation verändern. Schon heute ärgere ich mich oft, dass die Leute in der Kneipe ständig diese blöden Blechbüchsen zücken und smsen… Aber das bemerkt man wenigstens noch. Bei der Google-Brille bekomme ich als Gegenüber ja gar nicht mehr mit, in welcher Welt sich mein Gesprächspartner gerade bewegt …
    Nenn mich alt, aber mir graut davor, dass das Ding mehr als nur eine teure Spielerei wird …
    Beste Grüße, Martin

  2. Lieber Martin,
    schön, dass du dir den Artikel durchgelesen hast. 🙂 Ich verstehe auch deine Ängste, dennoch bin ich viel zu neugierig um an diesen Punkt stehen zu bleiben: “Unser visueller Sinn ist nicht dafür konstruiert, eine überlagerte visuelle Welt wahrzunehmen und die Infos zu verarbeiten.” Unser visuelle Sinn und auch andere Sinne sind kognitive Wahrnehmungen, die sich über Millionen von Jahren entwickelt und der Umgebung angepasst haben. Ich muss sagen, ich weigere mich davon auszugehen, dass ein Punkt erreicht worden ist, an dem dies nun ein Ende hat.
    “Bei der Google-Brille bekomme ich als Gegenüber ja gar nicht mehr mit, in welcher Welt sich mein Gesprächspartner gerade bewegt …” Vor einigen Tagen habe ich wieder einen Artikel von Norbert Bolz aus dem Jahre 1993 entdeckt: “Wer hat Angst vor dem Cyberspace?” Sehr zu empfehlen. Es geht um die Angst der humanistisch gebildeten, mathematische Analphabeten zu sein. ‘Mathematik statt Romantik!’
    Das Pendeln in den Welten, sieht er als eine Erfüllung ‘eines alten Menschheitstraums; in andere möglichen Welten wirklich zu sein.’ Und ‘kollektive Halluzinationen sind so alt wie die Kultur…’ (Um einige seine Thesen zu nennen)
    Wie gesagt sehr interessanter Artikel. Ob und wie Menschen miteinander kommunizieren – wenn denn Google Glass ein Erfolg sein sollte – wird sich aus einer Notwendigkeit heraus kristallisieren, denn Kommunikation ist lebendig. Ob erst eine apokalyptische Stimmung oder Zustand einkehrt, um ein neues Bewusstsein zu schaffen ist reine Spekulation.
    Ich möchte nicht den Anschein erwecken, dass ich alles was Google oder Amazon etc. tun persönlich für super empfinde, dennoch komme nicht drumherum kulturelle Ereignisse und Verläufe aus eine ‘Vogelperspektive’ zu betrachten.

    Links:
    http://www.geo.de/GEO/natur/tierwelt/das-gehirn-evolution-des-gehirns-57363.html

    http://volltext.online-merkur.de/?m=v&link=/daten/www.online-merkur.de/mr_1993_09_0897-0904.pdf&session=DB5502FEE5D65A83AC7750910DE7564C

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.