Adieu Facebook? – Die Mär der digitalen Askese

4

Ist ein Leben wirklich lebenswerter, sobald man das kleine F aus seinem Leben verbannt? Blogrebell Martin, der seit fünf Monaten im Zuckerberg-Exil wohnt, meint: ja. Rebellenkollege Köhler kann da nur den Kopf schütteln. Eine Replik.

Lieber Martin,

vielen Dank für deine Zeilen. Ich habe sie mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Jetzt habe ich Nackenschmerzen und möchte dir berichten weshalb. Es ist ja so:

Wann immer eine Technologie, eine Marke, eine Erfindung die Schwelle von den Early Adoptern zu den Followern überschreitet, zeigt sich dasselbe Phänomen. Besonders kritische Early Adopter wenden sich ab, gehen ins Exil und verteufeln den ehemaligen Nutzen des einst so geliebten Services. Manche gehen sogar so weit sich für ein paar Monate auf eine Berghütte zu verziehen, um dort wieder die verloren geglaubte Lebensqualität der Offlinewelt zu fühlen. Natürlich nicht, ohne darüber ein Buch zu schreiben. So ganz ohne Medienproduktion geht’s ja nun auch nicht. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, und dürfen gerne von weltweiten Langweilern der Kommunikationswissenschaft, Kategorie Proseminar II, eruiert werden. So weit, so Sascha Lobo.

Nun darf und soll und muss jedes Individuum seine eigenen Entscheidungen treffen. Allerdings darf und muss und soll jenes Individuum im Nachgang jener Entscheidung nicht davon ausgehen, sie sei repräsentativ. In der Causa Facebooknutzung heißt das, in diesem unseren Fall, dass sich eben nicht jeder von den – ich zitiere – „ beschissenen Spiele-Abenden“, den „langweiligen Gesprächen“, den „kleinen roten Zahlen“, unter Druck gesetzt, gehetzt oder angestrengt fühlt. Manche, und ich spreche aus Erfahrung, können diese Informationsflut ganz gut handlen, bewerten und sogar sinnstiftend einsetzen.

Sinsistre Beschreibungen wie deine, lieber Martin, ähneln den Erweckungsmomenten der Re-Born Christians aus dem hartevangelikalen Bible Belt, oder den zu Recht geschmähten Predigten militanter Nichtraucher mit Nikotinvergangenheit. Natürlich, und da sind wir uns alle einig, hat Facebook eine Latte von Features und/oder Eigenheiten, die eine rational begründete Abkehr möglich erscheinen lassen: Werbepersuasion, Datenschutz, Katzencontent.

Doch es ist eben nicht zulässig, zu glauben, dass Facebook eine allgemeine Wirkung auf das Sozialleben ausübt. Als wäre es stets die „Droge“, die Schuld hätte, dass ein Individuum lieber 30 Minuten ziellos in Timelines sucht, als vor die Tür zu gehen, um einen Hund zu kraulen/treten/anzubellen – oder was auch immer man als Spaß definiert. Grundsatzkritiken dieser Qualität schüren nichts anderes, als den Glauben an eine Gesellschaft voller digital verseuchter Lemminge, die sich beim Hausbau lieber mit dem Chatfenster als dem Fundament beschäftigen, die zwischenmenschliche Beziehungen höchstens noch in Indien führen können – weil dort die Menschen ja einen roten Punkt auf der Stirn haben – oder mit einem Ball und einer Wiese instinktiv nichts mehr anzufangen wüssten. Und all das nur, weil es einen kostenlosen Internetservice gibt, den sie freiwillig nutzen.

Nein, das glaube ich nicht. Nein, das kann ich so nicht stehen lassen. Es ist stets der Mensch mit seinen Entscheidungsketten, den Diensten, Verhaltensweisen, Süchten, Faszinationen oder Überzeugungen, den Platz im Leben einräumt, den er/sie für angemessen hält.

Disclaimer: natürlich gibt es in der Drogennutzung Szenarien, die das menschliche Handeln komplett vereinnahmen, und somit dieser Theorie widersprechen, aber wir reden hier ja nicht von Crystal Meth oder Krokodil, sondern von Internetdiensten.

Dieses dichotome Weltbild, Gut vs. Böse, Wir vs. Zuckerberg, widerspricht meinem Verständnis von Autonomie und Selbstwert, weil es die Verantwortung für das eigene Handeln in Richtung der amerikanischen Serverfarmen schiebt, und sich nicht selbst auf die Finger klopft.

Lass mich De La Soul zitieren, wenn es darum geht einen Grund für falsches Facebookverhalten zu suchen: „Me, Myself And I“.

Ich freue mich, lieber Martin, dass du dich in deiner Facebook-Askese wohl fühlst und sogar angibst – ich zitiere – „frei“ zu sein. Allerdings muss ich feststellen, dass dieser Dienst wohl immer noch eine massive Wirkung auf dich ausübt. Eine Wirkung, die dich immer noch veranlasst derartige Texte zu schreiben. Es beschäftigt dich, selbst fünf Monate nach deinem medienwirksam breit gestreuten Austritt.

Ich freue mich schon auf den Moment, an dem dir Facebook wirklich egal ist. Dann setzen wir uns gemeinsam auf eine Wiese, nehmen einen Ball, und schauen, was passiert. Und wir werden nicht darüber reden, wie böse Facebook ist oder wie gut ein Leben ohne ist. Weil es schlicht keine Rolle spielt.

Nein, wir werden das tun, was man eben so in freier Wildbahn, als aufgeklärter Mensch tut: wir betrinken uns, streiten über Musik und schauen der Sonne beim Untergehen zu.

Bis dahin,
beste Grüße,

dein Daniel

4 Kommentare

  1. Schön geschrieben!
    Bin vor gut 6 Monaten bei F ausgestiegen. Grund war MEINE Nutzung und der Gedanke, dass es Wichtigeres zu tun gibt.
    War ne gute Entscheidung für mich – ärgere mich aber 1x pro Monat, wenn ein Download-Link nur gegen F-Like gewährt wird.
    Sonst alles Banane

  2. war nie beim kleinen f und hab auch nie was vermisst. aber jedem das seine..interessant ist ja eh, wie lange es das kleine f in dieser Form noch geben wird..

Kommentarfunktion ist geschlossen.