Vinyl is back? Von wegen: Vinyl ist und war überbewertet!

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Vinyl-Only

Immer wieder kann man es lesen: Vinyl ist nicht tot. Vinyl erfreut sich steigender Beliebtheit. Ja, Vinyl wird die CD sogar überleben. Alle drei Aussagen stimmen im Prinzip auch. Wenn aber die Analogeuphoriker sich dann zu Aussagen wie „Vinyl kommt zurück“ oder „Renaissance der Schallplatte“ hinreissen lassen, ist da sehr viel Wunsch und sehr wenig Realismus Vater des Gedanken.

In der Tat, die aktuellen Steigerungsraten bei den Verkäufen des schwarzen Golds wirken zunächst ziemlich imposant. Wenn man sich aber mal die Zahlen im Vergleich mit der Hochzeit der Vinylverkäufe Mitte der 70er ansieht, ist man doch etwas ernüchtert. Die aktuellen Zahlen sind im Vergleich dazu eher so völlig unbedeutend.

Vinyl-sales

Noch klarer wird es, wenn man auch die Verkaufszahlen anderer Tonträger mit aufs Bild packt.

Twelve-Year-Technology-Cycle1

Dann stellt sich nämlich heraus, dass Vinyl einfach keine Rolle spielt und -was mir auch bisher so nicht bewusst war- eine wesentlich kleinere Rolle spielte, als man vermuten würde. Guckt euch mal die Kurve zwischen 1984 und 1991 an. Während der gesamten Zeit, zu der DJs relevant waren, also ca ab Ende der 70er, befand sich die Schallplatte schon über ihrem Zenit. Noch bevor die CD-Absätze richtig explodierten, war die Schallplatte schon jahrelang auf einem hart absteigendem Ast. Und selbst in ihrer Blütezeit Mitte der 70er-Jahre erreicht sie maximal die Hälfte der Werte, die die CD auf ihrem Höhepunkt zwischen 1999 und 2002 erzielte.

(Quellen: Die Zahlen und Diagramme habe ich von hier und da. || Das Bild ist ein Poster von Christopher David Ryan, das man hier beziehen kann.)

11 Kommentare

  1. Interessant an der Grafik finde ich ja, dass die Verkäufe insgesamt stetig gestiegen sind (was wohl an der größeren Weltbevölkerung, mehr verfügbarem Einkommen, mehr Konsum, und so einigen anderen Sachen liegen dürfte) . Mit jedem neuen Medium war der Peak höher, als bei dem Medium davor. Bei dem ganzen Rumgeheule der Musikindustrie, liest sich die Grafik für den Laien und auf den ersten Blick doch insgesamt recht positiv.

    Was die Vinyl angeht, würde ich nur anmerken wollen, dass die Grafik nur bis 2007 bzw. stellenweise bis 2009) geht. Da fehlen dann immer noch 4-6 Jahre Entwicklung. Aus meiner eigenen kleinen Bubble betrachtet, waren gerade die letzten 5 Jahre die Zeit, in der ich angefangen hab, Vinyl zu kaufen. Und das nicht, um damit aufzulegen, sondern um sie zu Hause zu hören, und zu sammeln.

    Die P2P-Zeit war, was meine Wertschätzung von Musik angeht, so ungefähr der Nullwert: möglichst viel für Umme runterladen. Auf Netzwerkpartys ganze Festplatten kopieren. Keine Songs oder Alben, sondern Diskografien saugen.

    Mit der Wiederentdeckung der Vinyl ging meine persönliche Wertschätzungs-Kurve aber steil nach oben. Und je nachdem worum es geht, zahle ich lieber 50,- EUR für ’ne Second Hand LP als 8,99 EUR für das Album bei iTunes.

    Worauf ich hinaus will: als die Platte rauskam, hat jeder Platten gekauft – einfach weil es kein anderes Medium für Musik gab. Danach waren es sicher überwiegend die DJs, die Platten gekauft haben. Aber mittlerweile sind es – aus meiner Sicht – eher die Musikliebhaber und -sammler, die Vinyl kaufen.
    Dank der ganzen neuen Technik setzen doch gerade die DJs immer mehr auf MP3, und die dazu gehörigen Controller. Is ja auch praktischer (und trotzdem noch teuer genug).

    Ich hab auch den Eindruck, dass sau viele Labels jetzt wieder verstärkt auf Vinyl setzen (gerade was Hip-Hop und Beatmucke angeht). Als ENTBS damals Huss & Hodn auf Vinyl realisieren wollten, mussten die erst Vorbestellungen und Kohle sammeln. Mittlerweile kommt mindestens jedes zweite Beat- und Hip-Hop-Album auch – oder sogar ausschließlich – auf Vinyl raus. Kram wie die Fenster zum Hof, Torchs Blauer Samt, Toni L Features, etc. pp. kommt nochmal auf Vinyl. Creutzfeld & Jakob wird Second Hand bei Vinyl Digital verkauft, Fleur Earth macht alles auf Vinyl, Suff Daddy wird Re-Released, weil die Nachfrage so groß ist… und das sind ja größtenteils keine Billoplatten, sondern 180g Sachen, Picture Discs, farbiges Vinyl, Doppel-Gatefolds, etc. Das ist halt was zum liebhaben und in’s Regal stellen. Und die Leute kaufen’s.

    Insofern: ich glaube schon, dass der Trend in Sachen Vinyl in letzter Zeit ganz kräftig nach oben geht. Und dass genau die letzten 5 Jahre, die in der Grafik fehlen, interessant wären, und diesen Trend deutlicher machen würden.
    Dass das tatsächlich mal so viel wird, dass es auch nur annähernd an die CD-Verkäufe heranreicht, glaube ich auch nicht. Dafür (nämlich für die breite Masse) sind die Downloads zuständig. Die haben die CD ja scheinbar sowieso schon überholt. Aber daran, dass die Vinyl noch eine ganze Weile unter uns bleiben wird, und für Labels wie für Künstler ein lohnenswerter Bereich sind, glaube ich fest.

  2. @alohastone:

    die Grafik, bei der es nur um Vinyl geht, hat aktuellere Zahlen als die anderen beiden. Die geht bis 2013. Da sieht man auch deutlich, dass bei allem nach oben zeigenden Trend, es einfach nicht reicht, um zahlenmäßig relevant zu sein, oder zu werden.

    Dass die Tonträgerindustrie immer gelogen hat, war uns doch lange klar.
    Die waren halt vom CD-Peak verwöhnt. Der hatte aber viel damit zu tun, dass damals massenhaft Vinyl innerhalb von Sammlungen durch CDs ersetzt wurde. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber damals war eben die CD der gehypte Tonträger…

    Zum Rest deiner Einlassungen: Deswegen habe ich den Artikel ja geschrieben. Gefühlt nimmt Vinyl unglaublich an Bedeutung zu. Das ist auch mein Eindruck. Die Zahlen sagen ganz klar, dass es sich hier um eine Filterblase handelt.

    Es ist übrigens auch völlig egal, ob sich die Vinylverkäufe noch länger jedes Jahr verdoppeln, denn die Steigerungsraten für files liegen darüber.

  3. Was die Filterbubble angeht, gebe ich dir völlig Recht. Natürlich kommt uns, als Leute, die

    a) auf eine Art Musik stehen, die sich gerade jetzt wieder auf Vinyl gut verkauft, und
    b) ihren musikalischen Input aus Kreisen beziehen, die selbst was für Vinyl und eben diese Art von Musik übrig haben

    diese Entwicklung viel krasser vor, als dem Otto-Normal-Verbraucher. Und genau so sind wir uns einig, dass die Verkaufszahlen für Vinyl nie auch nur annähernd an die der CD, und erst recht nicht an die der digitalen Downloads herankommen werden. Die Zeit, als Vinyl Massenmedium war, ist vorbei, und kommt auch nicht wieder. Aber die Zahlen sind gut genug, dass selbst Major Labels mittlerweile Sachen auf Vinyl rausbringen, und die Saturns dieser Welt in jeder Filiale eine kleine Vinyl-Ecke einrichten.

    Wiegesagt, als Massenmedium wird das nie wieder die Relevanz erreichen. Aber in bestimmten Bubbles funktioniert es eben nicht nur immer noch, sondern wieder umso mehr als Medium.

    Wenn man das alles auf nackte Zahlen und die gesamte Musikindustrie reduziert, wird der Trend natürlich vernachlässigbar. Klar werden sich die Kids das neue Miley Cyrus Album nicht auf Vinyl kaufen. Und eine Bravo Hits würde auf Vinyl ebenso wenig funktionieren (wenn sie denn in Zeiten von iTunes überhaupt noch funktioniert).

    Aber ich finde halt, dass man gerade bei so einer Herzens- und Gefühlsangelegenheit wie Musik eben nicht alles auf nackte Zahlen reduzieren sollte. Ich finde, Geschichten wie diese erklären gut, woher der Trend zurück zur Vinyl kommt, und warum das Format – selbst bei gewissen Mainstreamprodukten wie Daft Punk, Major Lazer oder Passenger – gut funktionieren kann.

    Natürlich bringen die Vinylverkäufe in dem Bereich sicher nichtmal 10%, bestimmt nicht mal 1% des Umsatzes ein. Aber wenn man da 1.000 Stück produziert, gehen auch 1.000 weg. Das wäre vor dem neuen Trend nicht so gewesen.

    In anderen Bubbles verschiebt sich das Verhältnis stärker, dessen bin ich mir sicher. Da machen die Platten den Großteil des Gewinns aus. Dann kommen noch ein paar Verkäufe über Bandcamp & Co., und die CD (wenn sie denn überhaupt kommt) macht den Rest.

    Also insofern: auf die gesamte Musikindustrie bezogen hast du völlig Recht, und der Artikel ist absolut legitim und Augen öffnend. Aber sobald man mit der Lupe rangeht, und den Mainstream mal ausklammert, verschiebt sich das Verhältnis. Wäre sicher interessant, da mal Leute wie HHV, Vinyl Digital, MPM und Co. zu interviewen. Auch wenn ich ein bisschen bezweifle, dass die halbwegs konkrete Zahlen rausgeben.

  4. ich sehe das grundsätzlich wie du. Ich mag nur nicht, wenn ziemlich kleine Filterbubbles sich eine Relevanz herbeihalluzinieren, die sie nicht haben.
    Da sind nackte Zahlen dann schon ein gutes Korrektiv.

    Ich bin ja auch kein Vinylhasser (auch wenn das manchmal so klingen dürfte), ich mag nur die Vinylsnobs nicht, die andere aufgrund minderwertiger Medien abwerten.
    Für die ist der Artikel. 🙂

  5. Dann ist das der Punkt an dem wir auseinandergehen: du nutzt die nackten Zahlen gerne als Korrektiv – ich lass‘ die rosarote Brille lieber auf, und freu mich dass meine Bubble die Platte so lieb hat 🙂

    Worin wir uns dann aber wieder einig sind, ist, dass Abwertung anderer gar nix kann.

  6. Alohastone, erlaube mir einige von Dir aufgestellte Behauptungen widersprechen.

    Wenn Du sagst:
    „Aber wenn man da 1.000 Stück produziert, gehen auch 1.000 weg. Das wäre vor dem neuen Trend nicht so gewesen.“
    Dann kann ich Dir klar Antworten, dass dies einfach nicht der Praxis entspricht. Ganz im Gegenteil, es wird immer schwieriger selbst sehr gute Platten (i.e. solche die sich über anderen Medien bewährt haben) überhaupt noch über Produktionskosten wegzubekommen.

    1000 Verkäufe entsprechen heutzutage einem unglaublichem Erfolg. Beachte, dass 2011 keiner der absoluten Superstars mehr als 30.000 Kopien verkaufen konnte! Für Indie Artists kannst du diese 30.000 gut durch Faktor 1000 Teilen, dann landest du bei einer realistischen, durchschnittlichen Verkaufszahl. Ja! 30 Verkäufe.

    Dann sagst Du:
    „[…] Da machen die Platten den Großteil des Gewinns aus“

    Mal abgesehen davon, dass es mir ein Rätsel ist, wie man ohne nennenswerten Umsatz denn den „Großteil des Gewinns“ ausmachen kann, musst Du auch hier die enormen Produktionskosten und Risiken solch einer Produktion beachten. Sie liegen viel, viel, VIEL höher als jede CD oder Digitale Distribution. Entsprechend liegt der Gewinn bestenfalls genau auf der Null wenn alles gut weggeht. In der Regel zahlt das Label bzw der Künstler ordentlich drauf. Im CD und Digitalbereich wiederum lassen sich mit etwas Vorsicht herzhafte Margen um die 80% rausholen. Bei einem verkauften Digital-Album bekommt der Artist in aller Regel auch wirklich 3-4€ überwiesen. Von einem Vinylverkauf hat er abgesehen eines Altar-Bonus‘ nicht viel.

    Kurz, ich stimme Dir durchaus zu, aber vergesse das mit dem Gewinn und Vinyl einfach mal komplett. 🙂

    Schönes Produkt, keine Frage. Ich kann mir aber intelligentere Dinge vorstellen als gepresste Abfallprodukte der Erdölindustrie zu vergöttern und Musik in schmutzigen Fabriken „herstellen“ zu lassen. Vinyl ist alles anderes als umweltfreunlich, es steht für die ekelhafte Industrialisierung von Kunst, und nicht zuletzt für die so oft kritisierten, super niedrigen Artist-Shares.

  7. Wenn man den gesamten Markt im Auge hat, ist Vinyl sicher überbewertet. Das Medium ist und bleibt etwas für Liebhaber, die mehr als Musik haben möchten. Allein das Gefühl, die 7inch aus der Sammlung zu ziehen, sie aus der Papierhülle zu nehmen, nochmal zwischen den Fingern zu drehen, auf den Plattenteller zu legen und die Nadel runterzufahren. Bis zum ersten gespielten Ton baut sich da schon so eine Spannung auf, die ich zumindest mit einer Mp3-Datei nicht spüre.

    Natürlich nimmt Vinyl Platz weg und ist – wie Fabien schreibt – nicht gerade umweltfreundlich. Um die Umweltbilanz auszugleichen, fahre ich täglich Fahrrad.

  8. Ich würde nicht sagen, dass Vinly überbewertet ist. Auch wenn es heute schwieriger zu finden ist, kann man durchaus an mancher Stelle Vinyl kaufen und ich ergreife diese Gelegenheit immer gern.

  9. Abverkäufe und Marktanteile sind mir vollkommen egal. „Überbewertet“ bezieht sich dann hier wohl auch nur auf die wirtschaftliche Seite?
    Die CD ist schließlich das grauenvollste und unzuverlässigste Medium der Musikgeschichte – die versprochene Preissenkung seitens der Musikindustrie ist ja auch nie eingetreten.
    Da hab ich noch eher Verständnis für Downloads usw.

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