Bushidos vs. Kay One. Oder: Agendasetting für Lemminge

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Bushido-Kay-One

Elf Minuten lang macht Anis Ferchichi reinen Tisch mit Kenneth Glöckler. Die Reaktionen darauf sind absehbar: Jubel hier, Fremdscham da, Vorwürfe hier, Achselzucken da. Doch die richtige Reaktion fehlt noch – die Ignoranz.
Zuerst die Fakten: vier Millionen Views innerhalb eines Wochenendes sind tatsächlich ein starkes Statement. Zumal wir es hier mit einem ellenlangen Video zu tun haben, und nicht mit einem 20 Sekunden Clip, in dem eine Katze mit einem Deckenrotor spielt, und was für Scheiße die Viecher halt sonst so machen.

Nein, es ist ein intensives Inhaltsgewitter, bildstark und provokant. Und natürlich ist es wieder die komplette Inszenierung des deutschen Mittelstandsalbtraums: der kriminelle Rapper, mit kriminellen Hintergründen, rappt kriminell böse über versaute Wahrheiten und Straftatbestände. Hallo, das Modell Aggro hat angerufen, es möchte seine Deutungshoheit über Deutschrap wieder zurück.

Und genau dort liegt das Problem. Wenn wir dieses Video analysieren, dann lasst uns nicht darüber reden, ob Anis Ferchichi mit seinen Beleidigungen und Morddrohungen zu weit gegangen ist. Das wäre ein zensorisches Verhalten, präventiv und somit in keiner Weise zulässig. Wenn es nicht deinen Geschmack trifft – so be it. Lass uns nicht darüber reden, ob Kay One Fellatio an irgendwem performt hat, oder ob er eine kleine, undankbare Figur des Showgeschäfts ist. Damit wäre er ja nun auch beileibe nicht der Einzige in diesem Lande.

Lasst uns nicht darüber reden, dass sich Facebook- und Google-Deutschland in seinen Kommentare als der Haufen Scheiße entpuppt, den Misanthropen tagtäglich geißeln, und letzten Endes auch Recht behalten. Es ist im Übrigen auch keine intellektuelle Glanzleistung, das Ganze als Publicity Stunt zu enttarnen, an dem unglaublich viele Player – von RTL bis Stern – profitieren. Willkommen in der modernen Welt, wir nennen es Medienrealität.

Wenn wir über die Wirkung des Videos sprechen wollen, dann lasst uns doch bitte nur eine Sache festhalten: es ist komplett irrelevant. Die beeindruckenden Zahlen des Videos, der Kommentare, der Tweeets sind alles, nur kein Indikator von echter Relevanz. Natürlich schwimmt Bushido gerade wieder auf der selbst gesetzten Agendawelle, gefolgt von Millionen Lemmingen, die diesen eitlen Hahnenkampf morgen, oder gerne auch erst kommende Woche, vergessen haben werden.

Branchenbreak: als Rapfan kann ich nicht umhin, mich von diesem Video sehr gut unterhalten zu lassen. Es ist hart, authentisch, enthält Wahrheiten, der Beat nervt nicht, es ist ein kompletter Alleingang. Aus einer rapimmanenten Bewertungssicht ist das ein mehr als amtlicher Disstrack, vergleichbar mit den großen Schlachten zwischen Eko und Savas, oder – wer die Gigantomanie mag – zwischen Jay Z und Nas. Im Hip Hop hat das schon alles seine Berechtigung. Und das ist auch gut so.

Dummerweise planiert in solchen Moment ein Mann, dessen Methoden und Selbstverständnis immer noch in den Aggro-Jahren stehen geblieben sind, medial die Leistungen einer kompletten Szene, der Deutschrap-Szene. Dieses Szene hat sich in den letzten Jahren mühsam wie erfolgreich von den desaströsen Jahren der Aggro Berlin-Herrschaft emanzipiert. Sie hat neue Märkte erschlossen, ist vielseitig und stark wie vielleicht nie zuvor, und hat dabei nichts mit dem stumpfen Türsteher-Swag Jahre zuvor zu tun. Bushido ist der letzte verbliebene deutsche Rapper, der allen Kritikern im Mainstream wieder genug Futter gibt, um die alten, längst veralteten Denkmuster zu bedienen: Deutschrapper, gefährlich, stumpf, grenzüberschreitend.

Bushido muss darauf keine Rücksicht nehmen, er war schon immer ein Einzelkämpfer. Das ist sein gutes Recht, aber auch unser Glück. Denn das Modell Bushido ist, Klickzahlen hin oder her, ein Auslaufmodell, abgehängt von den vielseitigen Protagonisten der aktuellen Szene.

Casper, Marteria, Gerard, OK Kid, Haftbefehl, Cro, Die Orsons, Megaloh, Weekend, Alligatoah – nur eine kleine Liste von Künstlern, die dem Deutschrap täglich einen viel größeren Gefallen tun, und dabei auch noch spannender sind, als Bushido es aktuell zu leisten vermag. Weshalb also auf Bushido und seine Befindlichkeiten hören?

Stell dir vor, du möchtest einen Wagen kaufen. Der Autohändler zeigt dir die unterschiedlichsten Modelle, alle sind auf ihre Art und Weise super und passen zu dir. Und dann steht ganz hinten im Eck der alte Jeep, rostig und anachronistisch sprithungrig. Den gibt’s halt auch noch.

Lasst mich raten, welcher Wagen als erster aus dem Spiel ist. Eben.

Foto via meinrap.de

2 KOMMENTARE

  1. In vielen Punkten einer Meinung. Aber, wenn man schon den Gesamtkontext betrachtet, darf man bei aller Fremdscham nicht vergessen, dass die breite und qualitiativ hohe Raplandschaft 2013 auch ohne Aggro Berlin und Bushido in der Form nicht denkbar wäre. Genau so nicht ohne die Klasse von 95, Kolchose, Royal Bunker oder Selfmade. Just sayin‘. Darüber hinaus sollte man Bushido als das betrachten, was er darstellt: weitestgehend inhaltlose Unterhaltung. Demgemäß sollte man ihn auch nicht wichtiger behandeln, als Actionfilm oder Ballerspiel…

    Auch thematisiert in diesem Zusammenhang hinsichtlich der „Morddrohungen“ gegen Politiker: http://www.youtube.com/watch?v=9TGVR3e077s

  2. Ich kann das echt nicht einschätzen. Ich meine es ist schon klar, dass Bushido eng mit dem Abou Chaker klann zusammen hängt. Und das die wirklich richtig friedlich sind wird wohl auch keiner behaupten. Kay One ist aber sicherlicher ich auch nicht das Gelbe vom Ei. Ich denke beide sprechen durch aus die Wahrheit aus. Ist die Frage, ob Kay wirklich Angst hatte oder nur dachte, dass er ohne Bushido mehr Geld machen würde…

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