Jan Delay – Friedhof der Kuscheltiere // Eine Geschichte vom Loslassen

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Epilog:

Eigentlich hatte ich vor eine flammende Verteidigungsschrift über das neue Jan Delay Album zu verfassen, wohl wissend, dass der Mann ganz sicher keinen Bedarf an wohlwollenden Sekundanten der eigenen Sache hat.  Ich wollte dennoch musikhistorische Referenzen bemühen, Szenen kontextualisieren, das noch ein bisschen mit der aktuellen Vielfalt in der deutschen Rapszene unterfüttern und das am Ende mit einem herzlichen, wie patzigen,  “Niemand zwingt euch” beschließen. Vielleicht sogar mit einem kecken Smiley am Ende, je nach Uhrzeit. Ich hätte dieses Album als persönlich logische Weiterentwicklung des Herren Delay, den ich zwar kenne, aber nicht so gut, als dass ich wirklich wüsste wohin er gerade musikalisch driftet, definiert und mich nebenbei, in flugs getippten Hypotaxen, über die ewig gestrige Debatte Charts vs. Qualität lustig gemacht, all ihre Anhänger in einen Sack gepackt und mit einem Knüppel…ach, ihr wisst schon. Dann hätte ich mich schön auf meiner musikjournalistischen Kompetenz und Eloquenz ausgeruht, ein paar Retweets eingestrichen, ein paar Tastemaker beleidigt, ein paar befriedet – ein normaler Tag eben.

Random User Comment: “Wacken stinkt! Peinlich! Was will der denn noch alles machen? OMG! Sell Out!”

Genau. So erwartbar wie langweilig. Die eigentliche Frage, die von Jan Delays Album “Hammer und Michel” lediglich wieder aufgeworfen wurde, ist doch die: was erlauben wir, das Publikum, unseren Künstlern? Und vor allem: was nicht?

Hand aufs Herz: wer von euch hatte in seiner Kindheit ein Kuscheltier? Ich meine jetzt nicht irgendein Kuscheltier, sondern das einzig wahre Kuscheltier.  Den Begleiter in schweren Stunden, den Spielkameraden in allen Belangen, natürlich absolut unveräußerlich. U Can’t Touch This! Eben: jeder von uns hatte so ein Kuscheltier. Meins hieß Winnie, und war ein roter Plüschelefant. Und natürlich habe ich ihn über alles geliebt.

Viele der Künstler, die eine lange Karriere vorweisen können, uns also lange begleitet und/oder geprägt haben, sind in unserer Wahrnehmung ebenfalls Kuscheltiere geworden: wir haben sie domestiziert, mit ins Bett genommen, mit ihnen gespielt, wann und wo wir wollten. Sie waren bei uns in lauten, wie in leisen Zeiten, und natürlich waren die eigenen Kuscheltiere stets deutlich cooler als die der Anderen. Die Claims waren da stets klar abgesteckt. Was Winnie in seinem Leben so vor hatte? Nicht relevant, weil ja mein Kuscheltier. Er hatte nur eine Aufgabe – da zu sein, unverändert, am besten für immer.

Random User Comment: “Schuster bleib bei deinen Leisten! Was ist nur aus Eißfeldt geworden?”

Ich gehe schwer davon aus, dass Kollege Delay eher einen Track mit Björk machen würde, als sich selbst als Kuscheltier zu bezeichnen oder gar zu sehen, geschweige denn dessen Funktionsumfang erfüllen zu wollen. Dafür ist Jan Delay viel zu widerborstig und unberechenbar. Und genau dort beginnt das Problem, zumindest für den vermeintlichen Besitzer.

Die in den letzten Tagen oft vorgetragene Schrebergartendefiniton von Kunst, Künstlern und ihren Ideen (lies: früher wollte er doch auch nicht, dass wir seine Lieder singen, et.al.),  hat viel gemein mit unserem Verhältnis zu Kuscheltieren. Und mit Konrad Adenauer, dem Leuchtturm der Konservativen: “Keine Experimente.”

In kurz:  Wenn wir nicht loslassen wollen, dann ist das einzig unser Problem. Ja, Kuscheltiere lassen sich klaglos umklammern. Ja, das ist bequem. Und jetzt stellen wir uns bitte alle mal vor, dass jeder gemochte Künstler sein Tun unserer Bequemlichkeit unterordnet. Philip Poisel, anyone? Ist das dann der akzeptierte Mainstream, den wir alle achselzuckend aber dann eben doch hinnehmen?

Also Jan: her mit dem Speed Calypso Album, der Minnesang-EP oder der Tech-House Single. Was auch immer. Wird eh schon genug gekuschelt in diesem Land. Gerne derbe bleiben. Bitte Danke.

DelaytantenstadlDieser Artikel ist eine Replik auf Daniel Brökerhoffs Beitrag „Jan Delay – Der Bausparvertrag unter den deutschen Musikern

6 KOMMENTARE

  1. Danke. Auch ich finde das neue Lied eher schwach und befürchte, dass die nächsten Jahre eher radiotauglich werden. Dann hören wir eben in der Zeit Moop Mama und freuen uns über die grandiose Dub-Platte, die er 2018 rausbringt.

  2. „Also Jan: her mit dem Speed Calypso Album, der Minnesang-EP oder der Tech-House Single. Was auch immer. Wird eh schon genug gekuschelt in diesem Land. Gerne derbe bleiben. Bitte Danke.“

    Schau, genau das ist ja das (jaja…) Problem hier: Jan ist derjenige, der kuschelt. Mit allem und fast jedem. Derbe wäre das genaue Gegenteil. Über Geschmack will ich gar nicht streiten, aber selbst mit genreübergreifend offenen Ohren ist die neue Single langweilig bis peinlich.

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