Gute Einwanderer vs. Schlechte Einwanderer: Tiger-Mom Amy Chua schießt den Vogel ab! :: Nix zu sehen – Kultur-Curry aus dem Feld

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(COVER UP COCA COLA by Keyvan Heydari)

Amy Chuan zeigt, dass das Sarrazin-Phänomen kein deutsches ist. Menschen und deren Bereitschaft zu Leistung und sozialem Aufstreben nach ihrer Herkunft zu beurteilen ist so was von 20er des letzten Jahrhunderts! Rassismus pur, wird ihr aus vielen Ecken vorgeworfen. Zu recht.
Doch erstmal durchatmen und von vorne erzählen:

Ihren Namen Tiger-Mom erhielt sie durch ihr erstes Buch Die Mutter des Erfolgs. Mit ihrer Null-Spaß-an-Kindheit-Pädagogik sorgte sie für Aufsehen. Kann mir sehr gut vorstellen, dass ihre mediale Präsenz auf ihren guten Yale-Beziehungen zurück zu führen ist. Dennoch scheint sie als Tochter chinesischer Einwanderer mit ihrer chinesischen Erziehungsweise einen Einblick hinter die Kulissen der ‚Overachiever’ der gleich stämmigen Schüler und Studenten in den USA zu gewähren.
Ihr Rezept zum Erfolg ist nach ihrer Meinung, Spielsachen aus den Kinderzimmern verbannen, keine medialen Ablenkungen und hartes Üben und Lernen schon im Kleinkindalter. Klavier, Geige, Ehrgeiz und Disziplin. Wenn das Kind nicht will, wird der Willen gebrochen und das Kind gezwungen. Chua prangert den ‚westlichen Erziehungsstil’ an und behauptet sie würde die Kinder für zu zerbrechlich halten und durch die selbsterfüllende Prophezeiung wäre dies dann die logische Konsequenz. individuelle Förderung des Kindes durch positive Bestärkung und inflationäres Loben statt Kritik und Strafe würden nicht das Maximum der kindlichen Fähigkeiten fördern.

Nun steigt sie gemeinsam mit ihrem Mann Jeb Rubenfeld, beide Juristen an der Uni Yale, auf das öffentliche Parkett und bringen gemeinsam ihr Buch The Triple Package heraus. Hier hebt sich das Paar aus der Froschperspektive – das Familiäre und die Erziehung – auf die Vogelperspektive empor, und versucht Menschen und ihre Leistungsbereitschaft in den Vereinigten Staaten nach ihrer ethnischen Herkunft zu beurteilen.
Die Zeit bringt die Kernaussage des Buches auf den Punkt:

Das Paar behauptet, es gebe acht kulturelle Gruppen in den USA, die wirtschaftlich erfolgreich und allen anderen überlegen seien: Juden, Inder, Chinesen, Iraner, libanesische Amerikaner, Nigerianer, Exilkubaner und Mormonen. Der schlappe Rest hingegen, infiltriert von liberalem Mainstream der sechziger Jahre, werde Amerika in den Abgrund reißen.

Diese acht Gruppen, führen Chua und Rubenfeld aus, hätten drei Eigenschaften gemeinsam: einen Überlegenheitskomplex, also das Gefühl, allen anderen Ethnien oder religiösen Gruppen überlegen zu sein, der jedoch mit der tief sitzenden Unsicherheit einhergehe, nicht gut genug zu sein. Die dritte Eigenschaft sei die Fähigkeit, Impulse kontrollieren zu können, insbesondere den Impuls aufgeben zu wollen, wenn eine Aufgabe zu schwer erscheint.“
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(COVER UP ISRAEL by Keyvan Heydari)

Die Betrachtung ihrer Thesen sehe ich zwiespältig. Zum einen ist die Stimme der deutsche, humanistische Erziehung, die mich in der Schule bis zur Uni begleitet hat. Zum anderen kenne ich diese ‚Sprüche’ tatsächlich aus meiner Familie und von iranischen Freunden, die genau mit den selben Anforderungen aufgewachsen sind.
Der Anspruch in allem was man macht der/die Beste zu sein wird uns in die Wiege gelegt. Der Weg zum Erfolg wird als eine gerade Linie gesehen, jegliche Abweichung bedeutet Ablenkung und Scheitern.

Aber was passiert, wenn diese östliche Pädagogik, die noch die alte, elitäre Hofkultur inne hat, vermischt wird mit der westlich humanistischen?
Als Zeitzeugin und unmittelbar ‚betroffene’ einer ‚Doppelkultur’ oder einer ‚zwischen-den-Stühlen-Kultur’, kann ich sagen; es ist definitiv nicht so einfach, wie es Chua darstellt. Viele zwischenmenschliche und sozialgegebene Feinheiten, die Menschen in ihrer Entscheidung beeinflussen minimiert sie auf eine banale rassistische Erklärung.
Es kann sein, dass eine Vielzahl der Migranten, wie die von ihr angegebenen Kulturen erfolgreicher sind als andere. Doch muss hier auch die Vorraussetzung einzelner Gruppen erwähnt werden.
von der iranischen Gruppe weiß ich, dass eine Vielzahl nach der Revolution nach Amerika ausgewandert sind, weil sie Shah-Anhänger waren. Sie kamen aus gebildeten Familien und hatten bereits das nötige Kapital für einen angenehmen Start in der neuen Umgebung. Meist Anwälte oder Ärzte.
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(COVER UP IRAN by Keyvan Heydari)

Klar ist: Wer hohe Erwartungen hat und diese nicht erreichen kann und das Scheitern als eine Schwäche sieht, fällt sehr tief. Das konnte ich in meiner Umgebung oft beobachten. Denn Erfolgreich zu sein und die eigenen Kinder darauf hin zu erziehen, ist keine mathematische Gleichung, in der man nur einzelne Komponenten einsetzen muss. Den Preis den viele Familien zahlen mussten war sehr hoch.
Als Mutter und Frau mit zwei Kulturen ist mein Konflikt, stets die Balance zwischen übersteigerten leistungsorientierten Erwartungen und das Einbeziehen der individuellen Stärken und Schwächen meiner Kinder zu halten.

Betrachtung der Kultur
Erstaunlich sind die Vielzahl von Prophezeiungen, wie sich Gesellschaft und Kultur im globalen Zeitalter entwickeln wird. Machen wir uns nichts vor: Wir kochen alle mit Wasser und aufs Klo müssen wir auch alle. Nur wie wir das Geschäft verrichten unterscheidet uns. Das ist nichts weiter als unsere kulturelle Erziehung. Vom Primitiven auf das höher angesehene gesellschaftliche Gesprächsstoff ist dies auch übertragbar auf unsere Bildung und unser Streben besser zu sein. Nur bekommt der, der die weniger ‚schmutzigen’ Arbeiten verrichtet mehr Aufmerksamkeit.
Wer sagt, dass ein mexikanischer Einwanderer, der es mit wenig bis nichts  über die Grenze in die Vereinigten Staaten schafft, weniger ehrgeizig ist als ein Yale Student? Übertragen auf unsere aktuelle Debatte in Europa, frage ich mich, ob ein Mensch, der seine Heimat verlässt, in einer Nussschale über das Meer kommt, mit dem Wissen, dass der Tod mit jeder Welle auf ihn wartet, gesellschaftlich als Verlierer gesehen werden sollte oder als Schmarotzer?

Die Bilder wurden uns freundlicherweise von dem großartigen Künstler Keyvan Heydari zur Verfügung gestellt.


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