Von der anstehenden Eskalation im Görlitzer Park

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Im Grunde könnte es mir egal sein. Meine Kifferzeiten habe ich lange hinter mir gelassen und außer an Wochenenden, und das meist auch nur nachts, bin ich nicht mehr so oft in Kreuzberg 36 unterwegs. Dazu kommt, dass mein äußeres Erscheinen, eher auf Dealer als Konsument tippen lässt. Das hält mir auch in anderen Situationen viel Ärger vom Hals. Aber zum Beispiel auch, wenn sich auf meiner Schloßstrasse in Steglitz Passanten mit Patenschaften für blinde Kriegswaisen das Gewissen erleichtern wollen.

Was im Görlitzer Park passiert ist ähnlich penetrant und hängt in gewisser Weise auch mit blinden Kriegswaisen zusammen, auch wenn nur sehr  indirekt. Hier werden keine Patenschaften oder Abonnements verkauft sondern Gras. Und das ist auch gut so, um es mit dem bekannten Berliner Bonmot zu sagen. Bisher zumindest.

Bisher gab es ein unausgesprochenes, und dennoch sehr reelles Gleichgewicht rund um den Görlitzer Park, der mitten in Kreuzbergs von Touristen und Anwohnern beliebtem Herzen liegt. Hier schliefen rumänische Familien, dort sitzen die Trommel-Hippies, weiter drinnen im Park die Barbequefreunde und im Sommer feiern die Berliner hier aus irgendwelchen Gründen spätestens alle vier bis sechs Wochen Volksfeste mit zeitgenössischer Elektromusik und tun so als wäre das kein Karneval. Fasching ist nämlich nur was für Ruhrpotter.

Und mitten drin, am Wasserlauf, saßen schon immer traditionell die Grasdealer. Praktisch für alle Kiffer, die es nicht mehr zu den Öffnungszeiten ihrer Hausdealer schaffen, oder schnell auf dem Weg noch einen durchziehen wollen. Ab und an macht die Polizei dann Geländeübungstage und verhaftet ein paar Dealer, um dem Innensenator ein paar Zahlen zu Erfolg und Fortschritt im Kampf gegen die Drogen für den Jahresbericht zu liefern. Beschäftigungsmaßnahme für die Einheiten der Berliner Polizei. Bisher zumindest.

Doch die Stimmung kippt. Man muss sich nur mit den Streetworkern unterhalten, die seit Jahren einen sehr klaren und unvoreingenommenen Blick auf dieses Quartier haben müssen, um ihre Arbeit richtig verrichten zu können. Die Stimmung ist aggressiver als früher.

Fast scheint es, als hätten die Dealer Quoten zu erfüllen. So wie die Patenschaften-Abo-Pusher, so wie die Polizei. Passanten werden direkt angesprochen. Andauernd. An jeder Ecke. Mehrmals hintereinander. Früher brauchte man nur den fragenden, suchenden Blick aufzusetzen und aus irgendeinem Busch kam ein Händler, um einem zu überhöhten Preisen auf Verhandlungsbasis gestrecktes oder wahnsinnig tolles Gras anzubieten. Heute muss man mit Kopfhörern und den Kopf tief in der Kapuze versteckt durch den Park und die anliegenden Straßen eilen, um nicht ständig penetriert zu werden.

Heute werden Mütter mit Kinderwagen bedrängt was zu kaufen, und wer nichts will, dem wird auch mal der Kinderwagen umgestoßen, wie mir ein Streetworker erzählt. Heute finden Kinder Kokain im Sandkasten und es ist nur Glück, das bisher keines dieser Kinder das weiße Pulver für lecker Brausepulver gehalten hat und wir den ersten Drogentoten unter 12 Jahren zu beklagen haben.

Der Verkauf von weichen Drogen in staatlich kontrollierten Cafés wird keinerlei Abhilfe schaffen. Der Verkauf wird nur für Anwohner zugänglich sein und höchstens den Hausdealern, die im heimischen Wohnzimmer ihr Unternehmen betreiben, geringfügige Umsatzeinbrüche bescheren. Den Touristen und Besuchern bleibt der Zutritt verwehrt. Aber die werden dann bereits vor der Tür abgefangen werden und den Parkdealern genug Gründe liefern ihr Geschäftsmodell unverändert progressiv weiter zu betreiben.

Und während Indymedia.org sich wünscht, dass Liesert‘s Falkensteiner Kneipe, die schwarzen Menschen partout Hausverbot erteilt hat, nicht mehr das 50. Jubiläum erlebt, bricht das Gleichgewicht aus leben und leben lassen in sich zusammen. Einer Kneipe, die sich 48 erfolgreiche Jahre in einem der liberalsten und weltoffensten Gegenden der Welt behaupten konnte. Während der linke Untergrund, der lieber nicht sehen will, warum jemand, der als Nazi in Kreuzberg keine sechs Monate bestehen würde, zu solch einer Maßnahme greift, anstatt dafür zu sorgen, dass Liesert’s zum 50. Jubiläum zusammen mit allen Kreuzbergen feiert.

Ich bin für Bewegungsfreiheit, für alle Menschen. Ich find’s scheiße und zutiefst falsch, dass Liesert’s denkt, damit irgendwas erreichen zu können. Ich hoffe, dass Liesert’s noch weitere 48 Jahre besteht in Kreuzberg.  Aber ich bin gegen positiven Rassismus. Nur weil jemand einer Minderheit angehört verdient er nicht Narrenfreiheit. Nur weil einer aus einem Bürgerkriegsland kommt, schützt es ihn nicht davor ein Arschloch zu sein. Auch Bürgerkriegsflüchtlinge können skrupellose Wichser sein. Und beinahe wirkt es, als hätten einige ehemalige Kindersoldaten sich vorgenommen mit erlernten Guerillataktiken einen neuen Krieg um Vormacht und Hoheitsrechte auszufechten.

Bisher waren die Dealer vom Görli genau so friedlich, wie ihre Kunden. Bisher. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis aggressive Dealer den falschen Kinderwagen umstoßen, bis das erste Kind an einer Überdosis Brausekoks stirbt. Und bis dahin kann man nur hoffen, dass ein Deutscher Lehrer der erste ist, der ausrastet und ein Messer zieht, um seine Familie zu verteidigen, zu beschützen oder zu rächen. Denn wenn das ein türkisch oder arabisch Stämmiger sein sollte, werden wir in der Jungen Freiheit, der Bild und im AfD-Newsletter wieder zu lesen bekommen, die Ausländer stechen sich gegenseitig in Kreuzberg ab und die letzte deutsche Kneipe räumt kriminellen Kanaken das Feld im altehrwürdigen Arbeiterbezirk in Berlins Randwesten.

Ich erwarte einen heißen Sommer. Ich sage, es wird gehörig knallen. Ich sage der 1. Mai wird nicht der gewalttätigste Tag des Jahres 2014 in Kreuzberg. Hoffentlich finden die Gemüter Abkühlung und genug Platz, um sich im Großstadtdschungel aus dem Weg zu gehen. Möge Jah, Allah, Gott oder wie sie es immer nennen möchten den Kreuzbergern den rechten Pfad weisen.

Foto von Pisa73 (CC BY-NC-ND 2.0)

5 KOMMENTARE

  1. Bitte, nur eine Bitte an dieser Stelle … ich sehe es ja genauso das alle Seiten ausreichend beleuchtet werden und die auch wieder und wieder quer und von unten oben bedacht werden, sprich bitte keine falsche Rücksichten und auch keine platten Plattitüden, Klischees und oder irgendwelche Mittelalter Nazi „Rassen“ Ressentiments ! Nur, warum um Himmels oder besser Erdenswillen erwähnt kein einziger von diesen oder jenen schreibenden Menschen das zu so einer Situation immer ZWEI gehören – nämlich Anbietende und Abnehmende. Ich habe bis heute – immerhin dieses komische 2014 – noch nie jemanden sagen hören: „ja, ist auch faszinierend oder beängstigend, dass soviele Menschen hier Ihren Stuff kaufen! “ Sonst wären nämlich wohl kaum soviele Anbietende vor Ort, scheint sich ja zu rentieren oder wie? Immer nur die schlimmen Dealer, man man man, wie hängengeblieben ist denn diese Betrachtung bitte – macht Jagd auf Konsumenten, knüppelt sie zusammen, beschimpft sie und belagert sie mit Wannen. Wie auch immer, ich gehe davon aus dass Ihr diesen Kommentar eher so und so nicht veröffentlicht, nur mir geht diese einseitige Hetze so auf den Senkel! Ich lebbe hier und mich hat noch nie einer dieser Verkäufer, Anbieter oder wie Ihr sie auch immer betiteln wollt – einigen Wir Uns auf Menschen – etwas angetan..im Gegenteil, sie grüßen, helfen meinem Sohn den Ball vom Baum zu holen oder sind einfach nur vor Ort – da sie wie jeder weiß nichts anderes tun können als ihr Leben hier zu fristen in der Hoffnung das es eines Tages einen menschlichen Status für sie gibt. Ich hoffe ihr kommt nie in diese Lage und wenn, dann denkt an meine Worte. Peace, Gleichheit und Würde für alle. Amen.

  2. @david star, ich stimme dir vollkommen zu!
    Es werden eben nur die wenigen negativen ausnahmen genannt oder in den zeitungen berichtet!
    Keiner kann sich wirklich objektiv eine meinung bilden und ich versuche grundsätzlich an das gute im menschen zu glauben und versuche nichts negatives voraus zu setzten …

  3. Am Anfang mochte ich den Artikel; denn er beschrieb den Görli genauso, wie ich die Hasenheide heute empfinde: Alle machen ihr Ding, niemand stört sich daran und das ist gut so. Ich hoffe, die Hasenheide bleibt so, wie sie ist. Auch mochte ich den Teil, wo erwähnt wird, dass ein weißer Familienvater sicherlich für das „Verteidigen“ seiner Familie gelobt würde, wohingegen bei einem Familienvater of Color gesagt werden würde: „Die Ausländer schlagen sich die Köpfe ein“. Das ist wahr und verdient Beachtung. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass dies zu folgender Einteilung führt: Immigrant_innen of Color und weiße Immigrant_innen sind gute Immigrant_innen, Schwarze Immigrant_innen sind aber böse. Sicherlich war das nicht intendiert, aber wenn man den Gedanken zu Ende denkt, kommt man eben genau da hin. Die anderen Immigrant_innen sind nicht für das rassistische Gedankengut gegenüber muslimischen oder türkisch-deutschen Menschen oder die sehr wahrscheinlich rassistische Reaktion der Medien auf das hypothetische Zukunftsszenario „Vater of Color legt sich mit Schwarzem Dealer an“, verantwortlich.
    Nun wohne ich nicht am Görli, aber nehme an, dass die Situation dort „früher“ mit der in der Hasenheide heute vergleichbar ist. Und ich wundere mich schon heute (!), warum die Leute (wenn sie sich denn mal über das Dealen aufregen) sich immerzu auf die Schwarzen Dealer konzentrieren, auf die angeblichen ehemaligen „Kindersoldaten“ (auch dieses hartnäckige Gerücht hält sich scheinbar sehr gut!). Aus Gesprächen weiß ich, dass viele der Schwarzen Dealer in der Hasenheide einen (deutschen) Universitätsabschluss haben und aufgrund von strukturellem Rassismus keinen Job gefunden haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch – ganz egal wo er/sie herkommt, aufgewachsen ist etc. – sich denkt: „Wenn ich groß bin, werde ich mal Dealer!“. Denn auch wenn die Polizei zumeist eher milde ist und da auch den einen oder anderen Euro an den Drogendeals mitverdient, ist es nicht angenehm, einen Job zu machen, bei dem immer das Risiko besteht, hinter Gittern zu landen oder abgeschoben zu werden. Hinzu kommt: Auch den Dealern ist klar, dass Dealen nicht gerade hoch angesehen ist und da jeder Mensch mit einer Portion Stolz ausgestattet ist, muss wohl einiges passieren, bevor man sich sagt „Nun ja, dann muss ich wohl dealen und das Stigma hinnehmen“. Vor einem Jahr wollte ich einen Dokufilm über einige der Schwarzen Grasdealer in der Hasenheide machen, hatte ein paar Gespräche und im Endeffekt wurde daraus aber nichts, weil die Männer besorgt waren, dass ein solcher Film – auch, wenn er die Menschen zeigt und nicht „die bösen Dealer“ – anderen, erfolgreichen Schwarze Menschen schadet, da die Menschen dann wieder Schwarz mit Dealer gleichsetzen würden. Die Schwarzen Dealer in der Hasenheide denken also sehr wohl darüber nach, was ihr „Job“ ihnen selbst und anderen Schwarzen Menschen in gewisser Weise antut. Niemand sucht sich das Dealen aus, wie man sich einen „normalen“ Job aussucht. Niemand. So weit zum Rahmenwerk. Davon abgesehen ist es natürlich Quatsch, zu sagen, dass jemand, weil er oder sie Schwarz ist sicherlich eine gute Person sei. Aber das sagt auch niemand! Was die Menschen allerdings sagen ist: Warum wird auf die Problematik rassistisch reagiert (mit Pauschalhausverboten gegen Schwarze Menschen), anstatt sich tatsächlich mit der Problematik des Dealens und dem Drogenkonsum an sich auseinanderzusetzen? Immer dann, wenn Schwarze Menschen anscheinend für ein Problem verantwortlich sind, wird die „Rassenkeule“ geschwungen. Was ist mit den anderen 50%? Was ist mit den weißen deutschen und den arabisch-deutschen Dealern, die nicht nur Gras verkaufen, sondern das „harte Zeug“? Warum regt sich da kein Mensch darüber auf? Am Kotti wird doch auch kein Hausverbot gegen alle weißen Leute ausgesprochen, obwohl alle, die dort fixen und ihre Spritzen rumliegen lassen, weiß sind? Warum werden Delikte, wenn sie von weißen Menschen ausgehen, als Einzeltaten abgehandelt, aber Delikte, die von Schwarzen Menschen ausgehen, führen immer gleich zu einer Art Sippenhaft? Wenn man sich Statistiken anschaut, dann sind es vornehmlich weiße Männer, die Frauen vergewaltigen und Kinder missbrauchen – aber kein Mensch würde jemals auf die Idee kommen, und sagen, dass die Mehrheit der weißen Männer Vergewaltiger und Kinderschänder sind. Es stimmt also was nicht, mit unserer Logik und so lange die Logik in der Argumentation nicht stimmt, kann auch der Umgang mit dem Problem nur ein falscher sein. Die Menschen, die gegen Liesert protestieren sagen nicht – wie ihnen leider vorgeworfen wird – dass alle Schwarzen Dealer gute Menschen sind, sie wehren sich einfach nur gegen die Annahme, dass alle Schwarzen Menschen, die sich in Kreuzberg 36 aufhalten, dort wohnen und ihr Leben leben wollen, Dealer sind. Die Sache wäre ganz anders gelaufen, wenn Liesert gesagt hätte „Ich erteile allen Dealern Hausverbot“. Das hat er aber nicht gesagt. Und das ist jetzt sein Problem. Dumme, rassistische Aussagen haben eben Konsequenzen, genau so, wie es früher oder später Konsequenzen hat, wenn man mit Drogen dealt. Und zum Schluss noch ein Gedankenspiel, das vielleicht hinkt, aber möglicherweise doch auch zum Denken anregt: In Schweden werden nicht die Prostituierten bestraft, sondern die Freier. Wenn das Bedürfnis, etwas zu ahnden also so groß ist, warum kommt dann die Polizei immer nur dann, wenn der Park ehe unbevölkert ist und gerade keine Drogenkund_innen da sind? Da stimmt doch was nicht….Zufall kann das nicht sein!

  4. danke für eure einwände.

    ich habe auch keine lösung für das ganze. und ja, ich habe das aus einer bestimmten perspektive geschildert. damit wollte ich NICHT andere perspektiven als weniger wichtig abtun.

    ich hoffe, dass mein beitrag die diskussion um dieses thema weiter belebt.

    ich wünschte, die dealer würden mit ihrem leben das machen, was sie sich vorgestellt haben und nicht gezwungen sein ihr leben damit zu bestreiten am rande der illegalität zu fristen.

    und schluß endlich hoffe ich, dass wir alle gemeinsam als bewohner dieser stadt zu einer lösung kommen.

  5. Ich muss ganz ehrlich sagen dass ich diese Aufregung um das ganze Thema nicht verstehe. Ich wohne seit Jahren in der Nähe des Görli, früher war es dort schöner, ja, das liegt meines Erachtens jedoch nicht daran dass es damals weniger Dealer sondern generell weniger Menschen im Park gab. Diese ganzen Horrorstorys von umgeworfenen Kinderwagen und so weiter kommen mir ebenfalls komisch vor; es gibt hunderte von Leuten die im Görli dealen (nicht gleichzeitig, aber nichtdestoweniger hunderte) wenn nicht nen paar von denen antisoziale Arschlöcher wären würde irgendwas mit der Verteilung antisozialer Arschlöcher unter Dealern nicht stimmen… Des weiteren kann ich mir auch nicht vorstellen das irgendein Dealer so blöd ist und seinen Stuff vor´m Amphitheater oder am Hügel (->Sandkasten) versteckt, wird, wenn die Story überhaupt stimmt, wohl eher irgend nem Partypeople beim frühmorgendlichen verstrahlten Parkspaziergang (haven´t we all been there?) aus der Tasche gefallen sein. Dies ist auf jedem Fall plausibler. Aber egal, hauptsache die „Schwarzen die ja eh alle gestörte Exkindersoldaten sind und jeden total unverschämt ansprechen (sic)“ sind schuld.
    Wirklich, ich verstehe das Problem nicht. Ich kann mich auf jeden Fall daran erinnern dass der Görli mal ein wesentlich härteres Pflaster war als jetzt. Ich verstehe das es das gutbürgerliche Empfinden einiger Menschen verletzt mehrmals offen Gras zum Kauf angeboten zu bekommen, aber deswegen gleich den iminenten Ausbruck des Volkszorns zu befürchten scheint mir eher die Projektion der unbewussten Wünsche einer solchen Bürgerseele als als eine reale Gefahr zu sein.

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