Max Dax im Gespräch über Beyoncé – Feminismus, 40°C und ihre Albumvermarktung

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Vor einigen Wochen haben wir über den Kioskgang der Electronic Beats berichtet und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Wie sich rausstellte, habe ich mit meinem Bauchgefühl, was die musikalische Empfehlung von Beyoncé anging, daneben gelegen. Irgendwie war mir die Sache, dass Lady Beyoncé in einem Magazin für elektronische Musik empfohlen wird, nicht so richtig koscher. Da kann es schon passieren, dass ich nachdenklich werde.

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Max Dax, Chefredakteur der Electronic Beats, meldete sich in einem Facebook Beitrag zu Wort. Hierzu muss man sagen: Facebook ist ein Dorf!

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Kollege Daniel Köhler, machte mich hierauf aufmerksam und gleich  hatten wir ein paar Fragen an Max Dax parat:

Seit dem Arto Lindsay dir die neue Platte vorgespielt hat, magst du Beyoncé. Wie sah deine Haltung zu ihr davor aus?

Nein, nicht erst seit dieser Platte. Beyoncé war schon immer outstanding. Das deutete sich schon bei Destiny’s Child an und wurde spätestens manifest, als sie mit „Crazy in Love“ alles wegfegte, was sich ihr in den Weg stellte. Dass der Song gar nicht von ihr stammte, sondern von den Chi-Lites, spielt dabei übrigens eine untergeordnete Rolle. Allerhöchstens beweist es, wie sehr wir (weißen) Hörer keine Ahnung haben, wenn wir es mit schwarzer Appropriation zu tun bekommen. Auch für diese Erkenntnis muss man ihr dankbar sein. Ich erzähle aber gerne, wie es dazu kam, dass ich mich in ihre neue Platte verliebt habe. Arto kam in Rio de Janeiro zu mir zum Abendessen, ich kochte auf der Geburtstagsparty meiner Vermieterin für etwa zehn Gäste, darunter Arto. Man erinnert sich bei sehr guten Platten immer, wann man sie zuerst hörte. Während ich die Lachsfilets grillte, schloss Arto seinen iPod an die Anlage an und ließ Beyoncé laufen. Es war vielleicht tropische 40° C heiß, und die Deckenventilatoren mühten sich gegen die drückende Windstille. Ein magischer Moment, denn die Platte besteht fast zur Gänze aus Balladen. Will meinen: Perfekte Musik, wenn es so heiß ist. Vielleicht kein Zufall, denn Beyoncé stammt aus Houston.

Unter welchem Aspekt genau habt ihr beide (Arto & Du) die Platte gehört. Arrangements? Gesang? Produktion?

Genau. Wenn Arto und ich Musik hören, dann hören wir zugleich intensiv wie nebenbei. Wir sind seit fast zwanzig Jahren eng befreundet. Wir haben ganze Nächte Miles Davis, Bob Dylan, Caetano Veloso, Kid Creole, Willie Nelson und Prince gehört. Sogar Michael Jackson. Und in Rio eben Beyoncé. Wenn wir Musik hören, unterhalten wir uns stets über das gerade Gehörte, gleichen uns ab, driften ab, landen bei ganz anderen Themen, eben weil gute Musik gute Gespräche anregt. Bei Denise – so der Name meiner Vermieterin – unterhielten wir uns vor allem über die sensationelle Produktion, die genialen Beats, den Einsatz von Beyoncés fantastischen Stimme und den Umstand, dass sie es in ihren Texten schafft, das Privateste in Songlyrik zu übersetzen. Aber ein Wort zu den Beats: Das ist die ganz große Kunst der Reduktion, des Auffächerns und des Abstrahierens. The RZA sagt, dass Freejazz bedeutet, sich nicht ein einziges Mal zu wiederholen. Nach dieser Definition sind die Beats von Beyoncé Freejazz. Mindestens.  

Zurück in Berlin – in welchen Situationen machst du das Beyoncé Album an? 

Zurück in Berlin werde ich das Album zum ersten Mal auf meiner Anlage in der Küche hören, da ich mir das Album heute erst bei Amoeba Music in Los Angeles für 18,99 $ gekauft habe. Wegen dir. Weil ich deinen Fragen genauer begegnen möchte als du mir mit deinen Schlussfolgerungen begegnet bist. Ich nehme das nicht persönlich, aber: Wenn du Kollegen angreifst, wie du mich in deinem Artikel über den Kioskgang von Electronic Beats, stelle zuvor sicher, dass du deine Argumentation nicht auf Sand baust, auf Vermutungen, auf Architekturen, die du dir ausgedacht hast. Wer schreibt, ist Kollege und hat sich mit Respekt zu begegnen. Aber zurück zu deiner Frage. Es ist klar, in welcher Tradition Beyoncés Platte steht. Bedroom Soul. Völlig genial hat sie ihre Platte auf tausend Ebenen / milles plateaux produziert, dass sie als Soundtrack zum Vögeln bestens geeignet ist, vgl. Guattari/Deleuze, Stichwort: junge Mädchen. Dies ist hochgradig sexuell aufgeladene Musik, die Bässe, die Beats, die BPM – alles passt. Gleichzeitig thematisiert sie in ihren Texten ihre Beziehungsprobleme mit Jay-Z, Feminismus, die Rolle der Frau als Sexobjekt, Mysogenie, Bulimie, Schönheitszwang. Eine faszinierende Schizophrenie. Das feministische Statement ist auch als perfekte Vögelmusik angelegt. In diesem Sinne ist deine Frage eine sehr indiskrete Frage.

Dein Lieblingssong vom aktuellen Beyoncé Album, und warum? 

Ähnlich schon wie bei Erykah Badus Schwesterplatte „Worldwide Underground“ aus dem Jahr 2003 ist es schwer, einen Song herauszuheben, da die Songs ineinander übergehen und einander gegenseitig ausbalancieren. Aber da du fragst, soll es also der Track „Partition“ sein, einfach, weil die abgebremsten Dancehall-Beats so endgeil ausdefiniert sind, zugleich voller Auslassungen. Und dann diese Harmonien. Das ganze Stück ist superdark. Und im Refrain dann Melodien, als wären sie von Lennon/McCartney geschrieben. Die Produktion wiederum: reines Editing, zusammengesetzt aus tausend Schnipseln. Ein Labyrinth aus Sound. Das ist die ganz große Kunst des Songwritings.

Beyoncé hat zu jedem Albumsong ein Video gemacht, und einfach mal gar keine Promo im Vorfeld. Was hat sie verstanden, was andere nicht verstanden haben, wenn es um Vermarktung geht? Was sagt uns das?

Als Niko, der die Brille trug, die Andy Warhol kurz vor seinem Tod getragen hatte, und ich gestern während der Golden Hour durch East Los Angeles und South Pasadena cruisten, durch roughe Gegenden, auf 6-spurigen Freeways, hinein in den Sonnenuntergang, da diskutierten wir die Frage, warum Beyoncé alle Videos zugleich veröffentlicht, statt, wie gelernt, das Produkt zu verknappen und aus der Verknappung Begehr zu schaffen. Und natürlich fragten wir uns, wie sie diese riesige, komplexe Unternehmung hat so lange geheim halten können, dass sie über Nacht die Welt überraschen konnte. Ich finde es super, einfach alles zugleich in den Hörer/Zuschauer zu kippen. Irgendwer muss ja neues Terrain betreten. In der Spex hatten wir damals einen riesen Artikel über Beyoncés Video „Put a Ring on It“, weil sie schon damals die besten Videos der Welt gemacht hat. Die Produktion muss Millionen verschlungen haben. Am Lustigsten ist natürlich das Video zu „Rocket“. Weil es die größte Selbstironie aufweist. Interessanterweise hat Beyoncé hier Regie geführt. „Grown Woman“ ist auch großartig. Aber natürlich haben die Amerikaner einen Dachschaden, indem sie dem Imperativ folgen, dass schlussendlich alles zu perfekter Bling-Surface/Oberfläche werden muss. Aber mit diesem Problem müssen wir uns ja gottseidank nicht herumschlagen. Wir können den Fernseher ja einfach ausschalten.

Danke Max Dax!

Bild Beyoncé:  Verändert, DWNews Recent Celeb Gallery (CC BY 2.0)

1 KOMMENTAR

  1. Arrrgh. Selbstvermarktung und -darstellung bis zum geht nicht mehr… Mag sein, dass Max Dax Beyoncé wirklich toll findet, seine Art allein ist für mich Grund genug, die Electronic Beats trotzdem nicht zu kaufen… „Als Niko, der die Brille trug, die Andy Warhol kurz vor seinem Tod getragen hatte, und ich gestern während der Golden Hour durch East Los Angeles und South Pasadena cruisten, durch roughe Gegenden, auf 6-spurigen Freeways, hinein in den Sonnenuntergang, …“

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