Über Challenges und die Eventisierung des Lebens

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Sonntagabend, 23:15 Uhr. Gerade ist die Wahl in Sachsen über die Bühne gegangen. Zwar wird zur Sekunde noch auf das amtliche Endergebnis gewartet, aber so viel steht fest: CDU drin, AfD auch, vielleicht sogar die NPD, der Anteil derjenigen, die nicht gewählt haben, liegt bei 51,5 Prozent!

Mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten hatte also keine Bock darauf, von seinem Stimmrecht gebrauch zu machen. Mehr als die Hälfte. Bei der Ice Bucket Challenge haben laut Facebook allein bis zum 18.Februar 2.4 Millionen User mitgemacht und Videos hochgeladen – von den Massen an Menschen, die zum Thema im Facebookschen Sinne interagiert haben, ganz zu schweigen.

Abstruser Vergleich? Vielleicht. Oder aber beide Phänomene sind gute Zeugen für den aktuellen Zeitgeist. Eine Zeit, die von Kriegen, Leid und Elend auf der einen Seite und von unfassbarer Eitelkeit und Priorisierung unserer Bedürfnisse auf der anderen Seite geprägt ist.

Für die meisten Facebook-User kommt es überhaupt nicht in Betracht, sich über die Hintergründe der ALS-Organisation Gedanken zu machen. Da hätte man erfahren können, wie immens hoch die Gehälter der Top-Funktionäre sind oder wie kompromisslos Tiere für Versuche herhalten müssen.

Heute aber scheint alles nur in dem einen Augenblick Relevanz zu haben. Zwar wird dem gemeinen Internet-User immer wieder eingetrichtert, dass das Internet nichts vergisst, aber je häufiger diese Rufe ertönen, desto weniger Bedeutung scheinen sie für unser tägliches Handeln zu haben.

Wir sind wandelnde Patchwork-Identitäten, die in sich so inkosistent sind, dass sie keiner noch so wenig gewitzten rhetorischen Überprüfung auch nur im Ansatz standhalten könnten. Ice Bucket Challenge? Like. Vegan? Like. Alles für den Augenblick – Andy Warhol deluxe.

Wer sich bei der Schnellball-artigen Ice Bucket Challenge für 32 Likes als Gutmensch präsentiert, der muss sich nicht längerfristig mit etwas wirklich auseinandersetzen. Die Arbeit ist vollbracht. Aber genau diese Eventisierung all unserer Lebensbereiche, Challenge hier, Challenge da, bewirkt eine Entsolidarisierung sondergleichen.

Warum sollten mich Deine Probleme längerfristig interessieren, wenn ich doch mit drei Klicks Dein Anliegen unterstützen kann. Crowdfunding, here we go. Bei der Freiheit statt Angst Demo waren genau wie viele Leute auf der Straße? Genau. Einfach raus aus Facebook? Genau.

Egal ob Flüchtlinge, Umwelt, Tiere oder die Einsamkeit der Dame aus der zweiten Etage – wir kommen nicht auf die Idee, uns zu engagieren. Weil es uns egal ist. Egal ob Wirtschaft, Politik oder Medien – sie alle leben es vor: Wir alle wollen nur noch gefallen.

13.500 Tweets habe ich mittlerweile getwittert. Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich die Zahl gestern entdeckte. 13.500 mal 140 Zeichen entsprechen 1.89 Millionen Zeichen. Ein normaler Artikel hat um die 3.500 Zeichen – folglich hätte ich 540 Artikel schreiben können mit dem von mir in die Welt hinausgeblasenen – viel zu häufig selbstreferentiellen – Mumpitz.

Habe ich aber nicht getan. Die Ablenkungsmaschine war stärker. Die spieltheoretischen Mechanismen von Twitter haben voll gegriffen. Eigentlich finde ich, dass ich ein ganz reflektiertes Kerlchen bin. Aber wenn ich mir vor Augen führe, mit was für einem Schwachsinn ich meine Zeit vergeude, anstatt Dinge anzupacken, wird mir zwischendurch ganz anders. Huch, ein Artikel, der zu einem Artikel führt, führt zu einem Artikel, zu einem Video, zu einem Tweet, zu einem Aggregator, zu einem Forum, zu einem Artikel.

Das neoliberale Mantra hat alle Lebensbereiche voll erwischt – zuweilen ohne das wir auch nur eine Ahnung davon haben. Das ganze Leben ist ein Event und Du kannst alles erreichen. Du musst nur die Challenge annehmen: Heute vegan, morgen ALS besiegen und übermorgen Superstar.

Wer sich nicht mehr die Mühe macht, Dinge zu durchdringen, der darf sich auch nicht darüber beschweren, wenn er mit Müll vollgedröhnt wird. Wenn wir Medienkonsumenten alle die extrem spannenden Reportagen klicken würden, dann würden die Inhalte-Anbieter dieser Welt vielleicht auch mehr davon anbieten. Tun wir aber nicht. Wir klicken gern auf Trash. Angebot, Nachfrage. Das ist nicht gerade neu.

Menschen sind faul. Und Menschen sind an ihrem eigenen maximalen Vorteil interessiert. So die gängige Annahme aus der Wirtschaft. Meistens fällt mir nicht viel ein, was dem widersprechen würde. Geil, eine iWatch.

Wir hecheln und hecheln von Bedürfnis zu Bedürfnis und vergessen dabei Inne zu halten. Jeder, der dazu auffordert, ein wenig das Tempo rauszunehmen, wird gleich als Zukunftsskeptiker oder Esoteriker abgestempelt. Wachstum, alles muss wachsen. Immer schneller. Likes, Portmonnaie, BIP. Wir befinden uns in einer Spirale, die kein Ende zu haben scheint. Dabei sind die Enden überall längst erkennbar: Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung, Artensterben, Zivilisationskrankheiten (sic!).

Und dennoch gibt es eine Macht, die stärker ist, als all das zu erkennen. Irgendetwas katalysiert die Verdrängung in uns. Aber wenn das ganze Leben als Event stilisiert wird, wer wollte da schon aussteigen. Party on, Wayne.

*Ja, diesem Artikel fehlt es vorne und hinten an Belegen.
**Ja, dieser Artikel ist aus einer Laune heraus innerhalb von zehn Minuten entstanden.



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