Wo gehör ich hin? Vielleicht können mir das die Steine sagen

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Kennt ihr diese kleinen Fläschchen, in denen die Leute ihren Sand aus dem Urlaub mitbringen? Vielleicht gehört ihr ja selbst zu der Gattung „Souvenir-Jäger“ der besonderen Art. Ich muss zugeben, dass ich da auch seit meiner letzten Iran-Reise dazu gehöre. Zwar keinen feinkörnigen Sand, sondern größere Steine und trockene Erde. Ich kann auch erklären warum: Meine Kindheitserinnerungen spielen sich meist in den staubigen Hügeln zwischen Berberritzen-Sträucher im Norden von Teheran ab. Ich erkunde mit meinem Bruder und meinen Cousins die trockene Landschaft. Hie und da lassen sich ein paar kleine Plastik-Soldaten durch spektakuläre Sprengungen in die Luft jagen. Ameisen werden in der kleinen, von Steinen abgegrenzten Arena zu Kämpfe gezwungen. Es ist Krieg. Das Damavant-Gebirge gibt uns an seinem kleinen Zeh Platz für unsere Kindheit.

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Nach 28 Jahren wieder zurück zu dieser Erde und den Steinen, verspüre ich nur das Gefühl dieses Mal etwas von meiner Erde mit zu nehmen. Denn als ich das letzte Mal das Land verließ, nahm ich so viel wie für einen Urlaub mit, nicht wissend, dass dieser Urlaub ein Abschied bedeutet.

Eine Tüte mit Steinen und trockener Erde liegen seit Monaten in meiner Wohnung rum. Ich finde keinen Platz dafür. Ich schaue sie mir an und versuche die einzelnen Gedanken und Erinnerungen, die dabei aufblinken, festzuhalten. Es fällt mir schwer. Ich Hab diese Steine aus ihrem Umfeld heraus geholt, über mich selbst im Flugzeug bei dem Gedanken ‚Geröll‘ im Koffer zu haben gelacht. Jetzt liegt es da. Völlig aus dem Kontext entrissen. Niemand weiß hier wie groß, stolz und erhaben der Berg ist, von dem es stammt. Was es schon alles gesehen hat. Eine Plastiktüte mit Geröll und nur ich besitze den Schlüssel zu dessen Bedeutung.

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Jeden Tag ziehen Menschen von ihrem Zuhause los; ihren Kindern versprechen sie oft einen besseren Ort, an dem das Leben leichter ist, sie ihre eigenen Fahrräder haben werden, neue Freunde und einen Supermarkt mit vollen Regalen. Es ist Krieg. Rollende Steine lösen sich von ihrem großen, stolzen Berg, völlig aus dem Kontext gerissen. Wer einen Schlüssel in der Fremde hat, der deren Bedeutung zum Vorschein bringt, hat gewonnen. Es gibt aber sehr viele, die so fein wie Staub und mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Es wird sehr lange dauern, bis sie einen Halt finden. Der Unterschied ist groß zu den Nutz-Steinen, die man sich geholt hat, um das Haus aufzubauen. Diesen Staub will man nicht sehen.

Aus dem Exil besingen wir den großen Berg und die Erinnerung an seine Größe und seine Beständigkeit.

(Gänsehaut-Moment: Googoosh war sichtlich nicht gefasst darauf, dass das Publikum bei dem Lied Koh (Berg) so laut und deutlich mitsingt)


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