Warum Haftbefehls Video zu „Lass die Affen aus dem Zoo“ nicht den Untergang des Abendlandes bedeutet

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Haftis neues Video spaltet Schädel und die Gemüter – auch in der Mehrgenerationenredaktion der Blogrebellen. Darf der das? Muss denn das?

Für’s Protokoll:

13.11. 15:04
Haftbefehl veröffentlicht über seine Facebook Fanpage den Link zum Video „Lass die Affen aus dem Zoo“.

13.11. 15:07
Mein lieber Freund Stefan Geld aus der Medien- & Werbebranche teilt das Video mit den Worten(?):
„Üüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüühhhhhüüüüüüüüffff“

13.11. 16:13
Der Deutschrapstudienrat Falk Schacht teilt das Video mit den Worten:

Neues Brett Video und Song von Hafti. Evtl. sollten wir wirklich alle Schimpansen mal bewaffnen. Schlechter als wir Menschen können sie es gar nicht machen.

Als Hafti-Fan klicke ich natürlich auf das ziemlich nichtssagende Video-Thumbnail und sehe mir das Video von vorne bis hinten an. Und bin verstört. Oder gestört?

haftbefehl affen aus dem zoo

Was mich stört, ist die komplette Kongruenz von visuell reizvoll dargestellter Gewalt mit den durchaus gewaltverherrlichenden Aussagen in Haftis mitreißend vorgetragenen Versen.

Aus der Verstörung folgt Verwirrung. Die Verwirrung bezieht sich auch auf die unreflektiert scheinende Aussage von Falk Schacht, „Brett Video und Song von Hafti“. Brett Song? Klar, ganz klar. Aber Brett Video?

Vorsichtshalber verlautbare ich meine Irritation statt in den Kommentaren zu Haftis Videopost vorerst lieber im Videopost von Stefan Geld:

moment moment moment. musikalisch eins a. aber weder visuell noch verbal kann ich auch nur einen hauch ironie erkennen. oder hab‘ ich was verpasst? find‘ ich tatsächlich sehr, sehr hart. wenn ich schon keine kritische haltung dem beschriebenen gegenüber raushören kann, wie sollen das dann 16jährige schaffen? von denen guckt doch keiner die 40minüten promo-stotter-interviews in denen hafti das dann ab und zu kritisch hinterfragt?!

Genau so hiphop-kulturell verunsichert, wie ich gestern schlafen gehe, stehe ich heute morgen auf. Bei Kaffee und Cerealien-Müsli-Apfel-Mix konfrontiere ich meine Frau mit meinen Nervenleiden und bitte sie, das Video auf sich wirken zu lassen. Meine Frau ist nicht so „deep im game“ wie ich. Dementsprechend hoffe ich auf neue Einsichten durch ihre externe Draufsicht auf das Thema. Ihre Meinung? Geiler Track, aber schon hart. Hm. Da haben sich zwei gefunden. Eine Lösung meiner verknoteten Synapsen entspringt dem kurzen Gespräch aber nicht.

Ich marschier‘ auf Maloche. Mach‘ mir Sorgen um „die Jugend“ (fuck, bin ich alt) – und um die Unbeteiligten, die in öffentlichen Verkehrsmitteln unfreiwillig Szenen aus dem nicht einmal 24 Stunden alten Video nachspielen müssen (Rolle: „Verprügelter 1“). Nicht falsch verstehen, ich bin The-Wire-Verehrer, liebe Der Pate, höre seit meiner Jugend Gangsta Rap und spiele ab und an „Gewaltspiele“. Warum jetzt so pingelig?

Ohne Titel

Nun ja. Spiel‘ ich GTA 1 oder 2 und überfahre massig Pixelmännchen, fällt es mir auch mit krass ausgeprägter Fantasie sehr schwer, Parallelen zur Realität zu finden. Auch bei GTA 4 und 5 gelingt es mir problemlos, Distanz zu wahren. Aber da ist diese eine Sequenz in GTA 5, in der man als Spieler einen Gefangen brutalst quälen muss. Muss? Ja, denn sonst geht das Spiel schlicht und einfach nicht weiter.

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Man MUSS sich als Spieler für eines der zur Auswahl stehenden, perversen Werkzeuge entscheiden, die Quälerei dann selbst mit Knopfdruck bestätigen und bekommt über die Vibrationen seines Controllers quasi das Leiden des Gefangenen direkt mit. An der Stelle wurde mir regelrecht schlecht. Die (ironische) Distanz ist plötzlich weg und alles ist auf einmal schrecklich real.

Nach dem Frühstück erlöst Daniel Köhler mich schließlich aus meinem metaphysischen Leiden. Nach 19 Stunden geht mir im FB-Dialog mit ihm endlich ein Licht auf. Damit dieses Licht auch Anderen den Weg zur Wahrheit erleuchten möge, hier die Stimme der Vernunft im O-Ton, gerichtet an Deutschland:

Haaaaalllloo Deutschland! Na, biste wieder irritiert? Von so viel Gewalt? Von so wenig ironischer Distanz? Und das in einem Musikvideo von einem Rapper mit Migrationshintergrund? Oh mein Gott, die Welt geht unter. Mindestens.

Interessanterweise ist es ja nicht so, dass dir diese Bilder neu sind. Du kennst sie von Youtube, aus den RTL II-News vom Handy deiner Kumpels, die mal verschämt, mal stolz herumgezeigt werden. Du hast sie schon damals nicht gut gefunden. Und deshalb bist du gegen eine Ästhetisierung dieser Bilder und, viel wichtiger, der Welt die dahinter steckt.

Dass es diese Welt gibt ist allen klar. Aber bitte, lieber Gott (oder wer auch immer), lass sie doch nicht so gut aussehen.

Interessanterweise finden derartige Kanonisierungen – also: Was geht und was nicht – stets in einem weitestgehend gebildeten, weißen und saturierten Umfeld statt. Diese Welt, in der die Kinder Thorben heißen, bioorganische Bauklötze lecken und nicht selten ebenjene staunen, wenn eine andere Welt nicht an die Wohnungstür klopft, sondern sie gleich direkt eintritt.

Natürlich muss sich Aykut Anhan die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung gefallen lassen. Allerdings muss er sie ja nicht bejahen, oder? Muss er sich als Minderheit tatsächlich der Comfort Zone der Mehrheit anpassen? Es sind immer die selben Fragen. Es sind die immer die selben Antworten: Ja, Nein, Weißnich, Oh, Katze!

Was allerdings einem Teil der Gesellschaft bedrohlich vorkommt ist für den anderen Teil der Gesellschaft einer dieser Songs, der als Ventil funktionieren kann. Ein Ventil für all jene, die sich abgehängt, verloren, vergessen und deshalb stinkwütend fühlen. All jene, denen die Gesellschaft das Menschsein abspricht. Lasst die Affen aus dem Zoo. Das ist die eigentliche Botschaft des Songs. Auch wenn sie im Kern eine tieftraurige ist.

Was bleibt also übrig: ein inhaltlich wie visuelles unglaublich kohärentes Video, voller Wucht und Authentizität. Ein künstlerischer Reiz, der schlicht nicht unkommentiert bleiben kann und wird. Ein Musikvideo, wie es Aggro Berlin nicht besser hinbekommen hätte.

Natürlich gibt es auch hierfür Vorbilder, natürlich sind weder Bildsprache noch Sujet die Neuerfindung des Rads. Doch in einer derart radikalen Konsequenz und Spregkraft hat es das in Deutschland seit langer Zeit nicht mehr gegeben. Unter kunstdiskursiven Aspekten kann man das ausschließlich gutheißen. Der Rest ist Interpretation. Und somit nicht mehr Haftbefehls Aufgabe.

Preach!

Meine 2 Eurocents dazu? Diese GTA-5-Foltersequenz hat Spieler irritiert, durchgeschüttelt und aufgewühlt. Dass die Macher des Spiels damit eine Debatte über die moralischen Aspekte von Folter initiieren wollten, darf bezweifelt werden. Ist übrigens auch nicht in dem Maße passiert, wie ich es mir gewünscht hätte.

Das hier besprochene Video von Baba Haft hat manche seiner Fans und wohl die meisten seiner Kritiker (bzw. opportunistische Meinstreammeinungsmacher) irritiert, durchgeschüttelt und aufgewühlt. Und zwar mehr, als wenn durch eine Text-Bild-Schere oder ironische Untertöne darauf hingewiesen worden wäre, „dass das alles aber eigentlich nicht OK ist, gelle?„.

Das Video hat jetzt schon (24 Stunden nach Veröffentlichung) dafür gesorgt, dass eine sonst häufig kleingeredete und ignorierte Lebenswirklichkeit ungetrübt im Licht der Öffentlichkeit stattfindet. Das schafft Nährboden für einen öffentlichen Diskurs.

Haftis Video zu „Lass die Affen aus dem Zoo“ bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes. Es führt uns (brutal ehrlich) jene dem Untergang geweiht scheinenden Milieus vor Augen, denen wir Abendländler (Regierung, Integrationskasper, Kultusministerium, Kirchen, Grünen-Wähler, ich? du?) seit Jahren den Rücken zugekehrt haben. Das Ergebnis dieser feigen Ignorier-Strategie in Rapvideoform ist nicht leicht zu verdauen.

Fraglich bleibt, ob die Falk Schachts und Daniel Köhlers dieser Welt die Debatte entscheidend mit gestalten werden, oder ob die (der gezeigten Lebenswirklichkeit völlig fremden) Irritierten am Ende bestimmen, was außerhalb der HipHop-Welt davon übrig bleibt. Letzteres scheint mir traurigerweise wahrscheinlicher. Die Affen rütteln resigniert an ihren Gitterstäben, während sich MacBook-Blogger und Krawattenträger in sicherer Entfernung über ihre furchtbar gewaltverherrlichenden Videos die Mäuler zerreißen. Eine Welt, zwei Parallelen.

Einen möglichen Fortgang der Empörungswelle beschreibt Daniel Köhler hier: Im Skandalkompass zu Haftis neuem Video.

12 KOMMENTARE

  1. […] Die letzte sehr spannende Berührung mit Gewalt als Audio, hatte ich mit dem Lied Lass die Affen aus’m Zoo von dem Offenbacher Rapper Haftbefehl. Was dort textlich passiert, musikalisch reinwuchtet wowt1 mich stark. Mit dem Video konnte ich mich anfangs nicht anfreunden, weil mir jeder Tritt, jeder Biss der dort visualisiert wird, selbst weh zu tun scheinte. Einstellungen kann man ändern. Ich habe viel darüber nachgedacht und viele Klicks im Internet hinterlassen, um für mich zu verstehen was dort passiert und was daran Kunst sein könnte/ist. Einen sehr lesenswerten Artikel habe ich bei den blogrebellen gefunden, den ich an dieser Stelle nicht verstecken möchte. Hier kommst Du direkt zu dem Beitrag! […]

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Ich habe mit diesem Video viel gekämpft, wahrscheinlich mehr, als Gewaltszenen zu sehen sind.
    Deine Wörter treffen die Diskussion zu diesem Thema auf den Punkt.
    Ich war so frei und habe Euch und den Artikel in einem meiner Beiträge erwähnt!

    Gute Zeit & Liebe Grüße,
    Umut

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