Hands-On Lab – Live-Remixing mit Traktor – Video, Sounds und Erklärbär

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Am letzten Donnerstag übernahmen Peter und icke die Gestaltung des monatlich stattfindenden Free Hands-on Lab in der NOISY Academy. Ziel des Abends ist es, eine Mischung aus Workshop und Stammtisch zu etablieren. Gar nicht großartig anders als #tassebier, aber mit mehr Fokus auf “Rumnerden.” Wobei der Programmpunkt “Biertrinken” nicht zu kurz kommen sollte. Wir sind schließlich nicht in der Schule.

Buzzword Live-Remixing

Peter und ich hatten uns vorgenommen, für den Workshop ein Beispiel für das, was man “Live-Remixing” nennt, von Grund auf auseinanderzunehmen. Zu diesem Zweck bereiteten wir eine kurze Routine vor, die wir live vorführten. Im Anschluss nahmen wir diese Routine komplett auseinander. Wir erklärten das ausgewählte Rohmaterial, die Struktur des neu entstandenen Stücks und natürlich die verwendeten Methoden und Effekte.
Das Video zeigt den zweiten Durchgang, der am Ende des Abends stattfand. Man merkt meiner Performance deutlich an, dass ich vorher zwei Stunden lang am Erklären war. Meine Konzentration hatte zu dem Zeitpunkt merklich nachgelassen und das hört man auch. Aber auch das gehört zu so einem Workshop. Die Erkenntnis das Life nun mal live ist und man mit Fehlern umgehen lernen muss.

Genug erzählt. Schaut auch das Video an!

Bitte stellt vorher die Qualität auf mindestens 720p, sonst kommen die Details nicht rüber.

 

Und nun, nehmen wir das Ganze auseinander:

Die grundlegende Idee

Die Idee der Routine ist es, ein Mashup aus “So Whatcha Want” von den Beastie Boys und “Electric Fling” von der Rah Band zu bauen, ein eigenes Beatgerüst darunterzulegen und das Ergebnis live zu performen.

Das Ausgangsmaterial

SoWhatchaWant
Beastie Boys – So Whatcha Want (acapella)
(Capitol Records, 1992)

Dazu muss ich nichts sagen, nehme ich an.
Der Vocal-Part unserer Routine.

 

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The Rah Band – Electric Fling
(Ebony Recors, 1978)

Einer meiner absoluten Alltime Favoriten.
Ein Leftfield-Disco-Klassiker und eines der stilprägenden Stücke für die Hippiesause namens Cosmic.
Die extrem infektiöse Melodie, die keiner der Anwesenden jemals wieder vergessen wird, bildet einen der wichtigsten Part unserer Routine. Ausserdem haben wir den Break des Stückes 1:1 für unseren Remix übernommen.

Rodney Hunter - Hunter Files
Rodney Hunter – Work That Body
(G-Stone Recordings, 2004)

Die Wiener Downbeatkultur auf ihrem Höhepunkt und ganz große Samplingkunst. Rodney Hunter ist ein Genie, wenn es darum geht, Samples nicht nach Sample klingen zu lassen.
“Work That Body” steuert den Bass und die Harmonie zu unserem Liveremix bei.
Beides wiederum hat Rodney Hunter von Bill Withers’ “You Got The Stuff” gesampled.

symbiz yeeruh
Symbiz – Yeeruh! (Dengue Dengue Dengue Remix)

Das einzige neuere Stück, das wir verwendeten. Peter extrahierte eine Kickdrum und die Snare aus dem Stück und spielt die ganze Zeit damit herum. Ausserdem: Das “Yeeruh!”-Vocal.
Gibt es nach wie vor als kostenlosen Download.

Double-FM-Sound-of-Amnesia
Double FM – The Sound of Amnesia (Afro-Disiac Version)
(Rhymes Records Rhythm, 1992)

Eine typische Platte für 1992. Und nicht ein Mal besonders gut besonders gut gemacht.
Aber Double FM haben darin “Le Serpent” von Guem et Zaka Percussion gesampled und uns damit die Arbeit abgenommen, aus dem krummen Original einen runden Loop zu schneiden. Sie waren damit weder die Ersten noch werden sie die Letzten gewesen sein, die dieses ikonische Stück Trommelmusik für ihre Zwecke plünderten. Der Beat wurde unzählige Male gesampled. Unter anderem von den Fantastischen Vier für “Die da”.
Das Stück sorgt in unserer Routine für die dicke Bassdrum und natürlich den charakteristischen Percussionroll.

Wheel-Spin

The Reflex – Wheels Spin
(G.A.M.M., 2013)

Ein geradezu unfassbarer Remix des Jazzrock-Klassikers  “Spinning Wheel” von Blood, Sweat & Tears, der schon das legendäre Woodstock-Festival gerockt hat. Ohne die Schnippelkünste von The Reflex hätten wir das Originalstück nicht verwenden können, denn er wurde aus den Mehrspuraufnahmen mit Zugriff auf die einzelnen Instrumentalparts geschnitzt, was uns die Möglichkeit gab, die freigestellten Drums zu benutzen. Sie sorgen für mehr Funk und Abwechslung im Beat.

Hip Hop Finger-Boundaries
Hip Hop Finger – Boundaries
(GiG Records, 1993)

Ein Alltime-Favorit aus der Zeit des Acid-Jazz. Habe ich mein halbes Leben lang immer wieder gespielt. Ich liebe diesen Tune.
Gesampled wird darin der Basslauf von “Stop The Rain” von der Average White Band.
Und genau dieser Basslauf bekommt in unserem Live-Remix die kurze aber tragende Rolle der Bridge vor dem Break.

Schooly D. - P.S.K. What Does It Mean?
Schoolly D. – P.S.K. What Does It Mean?
(Scoolly D. Records, 1985)

Mehr old-school geht kaum noch. Mehr Wiedererkennungswert in einem Beat ebenfalls nicht. Nach wie vor das perfekte Teil, um Aufmerksamkeit zu bekommen, den Charakter eines Stückes vollkommen zu ändern oder einfach die Hütte brennen zu lasssen.

Wir benutzen diesen charakteristischen Beat um zusammen mit dem zerhackten “Whatcha Want”-Vocals einen deutlichen Kontrapunkt zum restlichen Arrangement zu setzen.

Wie haben alle verwendeten Sounds bei hearthis.at für euch bereitgestellt.

Das verwendete Equipment

Keep it simple war unsere Devise. Für die Routine kam ein Laptop mit Traktor zum Einsatz. Als Controller verwendeten wir Jeweils eine Native Instruments Kontrol Z1, X1 und F1. Die zweite X1 ist eigentlich überflüssig. Wir benutzen sie nur um das Remixdeck zu stoppen und zu starten, weil wir Probleme mit dem SYNC aller Decks hatten, wenn das Remix-Deck nicht aus einem definierten Stoppzustand heraus loslief. Für die gesamte Routine verwendeten wir nur ein Remix-Deck und zwei Track-Decks.

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Das Arrangement

Das Arrangement verläuft in etwa so:

01. Intro (Einführung der Beats)
02. Beats & Melodie
03. Beats & Rap (Strophe)
04. Beats & Rap (Chorus)
05. Bridge
06. Breakdown
07. Beats & Melodie & Rap (Chorus)
08. Outro

Die Methoden

– CUE-Punkt-Juggling
– Loops
– Effekte
+ Filter
+ TTFX
+ Beatmasher
+ Delay
+ Gater

Die Basis fast aller Live-Remixes sind CUE-Punkte, also gespeicherte Sprungstellen, um die gewünschten Teile eines Tracks direkt anfahren zu können.
Genauso wichtig sind natürlich Loops. Fast das gesamte verwendete Material lag in Form von Loops vor. Die einzigen Ausnahmen waren das Beastie-Boys-Acapella, dessen erste Hälfte einmal komplett durchläuft und der Breakdown.
Ohne Effekte lässt sich so eine Routine ebenfalls kaum spielen. Wir beschränkten uns auf sehr wenige Basics.
Filter kamen permanent zum Einsatz. Zum einen um störende oder sich sonst doppelnde Frequenzbereiche aus den verwendeten Teilen herauszufiltern. Zum anderen um einzelne Parts langsam ins Geschehen hineinzufiltern, was man besonders im Intro schön hören kann.
Traktors TTFX (“Turntable Effects”) soll einen ähnlichen Effekt erzeugen, wie die Sart/Stop-Taste bzw der Power on/off-Knopf am Plattenspieler. Wir haben ihn etwas zweckentfremdet, indem wir beobachtet haben, wie lange der Effekt braucht, um das Signal in der langsamsten Einstellung “hochzujaulen” und starten ihn so ein, dass genau zum Start des Melodieloops das Signal unverändert wiedergegeben wird. Er dient quasi dazu, die Einführung der Melodie ins Arrangement etwas spannender zu machen.
Um die Melodie zu zerhacken haben wir den Beatmasher benutzt. Ein besonders mit Vocals oder Melodien extrem mächtiger Effekt. Ausserdem sehr gut geeignet, um als Sampler für einen eintaktigen Loop zu dienen.
Der most basic effect von allen, das Delay hatten wir zweifach im Einsatz. Peter benutzt es hautpsächlich für “Yeeruh”s Kick und Snare. Ich nutze es, um noch mehr Spannung und Volumen in Melodie und Vocal zu bekommen. Die Steuerung des Delays erfolgt über ein besonderes Mapping, dazu gleich mehr.
Ein Effekt, der hier auf der Liste steht, aber leider nicht zu hören war, ist der Gater. Normalerweise hilft er mir, um einen mit dem Beatmasher zerschnippselten Loop rhythmisch wegzudrücken. Leider hatte ich während des Workshops den falschen Effekt eingestellt und die Einstellung vor dem zweiten Durchlauf der Routine nicht mehr korrigiert. So hört man im Video zwei hintereinander geschaltete Beatmasher. Das klingt auch nicht schlecht, war aber anders gedacht. Life is live und so…

Das Mapping

Wir verwendeten für unsere Routine bis auf eine Ausnahme die mit den Controllern mitgelieferten Standardmappings.
Ich arbeite gerne mit Delays. Ein kleines Echo Freeze kann einfach jeden Übergang retten.
Weil das so ist, habe ich mir ein Mapping gebastelt, mit dem ich das Delay über den Crossfder am Z1 regle. Da ich prinzipiell keine Crossfader zum Mixen benutze, hatte ich ihn früher immer deaktiviert, um ihn nicht aus Versehen zu betätigen. In meinem Mapping regelt er die Dauer des Delays. Die beiden FILTER ON/OFF-Buttons weisen Den Decks den Delay-Effekt zu. Abgerundet wird das Mapping noch dadurch, dass der “MODE”-Button am Z1 (den ich ebenfalls nicht brauche.) auf den “Freeze”-Mode des Delays gemappt ist. Et voilà, eine sehr intuitive und spielbare Delaysteuerung auf dem Z1, ohne einen Effektslot auf dem X1 dafür zu verbrauchen.

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Fazit

Live-Remixing ist DAS Buzzword in den Traktor-Produktvideos. Es sieht darin kinderleicht aus, das “Future of DJing”. Solche meist wenige Minuten dauernden Routines vorzubereiten ist ein Haufen Arbeit. Insbesondere den Aufwand, den es bedeutet, passende Tracks als Ausgangsmaterial zu finden, sollte man nicht unterschätzen. Wenn man die Sounds erst beieinander hat, folgt der Spaß dafür auf dem Fuß. Dank der Remix-Decks ist es bocksimpel, eine große Menge verschiedener Loops zu speichern und in unterschiedlichen Kombinationen auszuprobieren.
Die hier vorgestellten Methoden und Techniken funktionieren auch mit vollkommen anderem Ausgangsmaterial und zeigen euch den Weg, wie man selbst Live-Remixe konzipiert, vorbereitet und performt.
Aber es muss nicht immer die volle Packung sein. Jede, der hier vorgestellten Methoden kann, für sich genommen, ein DJ-Set aufwerten, ohne dass es gleich zu einer Live-Performance werden muss. Ein Echo Freeze an der richtigen Stelle, ein Percussionloop oder auch ein Bremseffekt vom TTFX können hilfreich sein, ein wenig Pep ins Set zu kriegen. Oder um einen Übergang zu ermöglichen, der sonst nicht ganz so gut geklungen hätte. Es ist weniger kompliziert, als es klingt. Die meisten Digital-DJs nutzen zumindest einige der Techniken ganz selbstverständlich, ohne dass sie, das, was sie tun „Live-Remixing“ nennen würden. Die Grenzen zum klassischen Auflegen sind fließend, der Einsatz von Effekten, Loops und CUEpunkten kann -richtig eingesetzt- jedes DJ-Set aufwerten.

(Die Bilder stammen aus dem Tumblr der Noisy Acdemy)


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