Deutschrap 2014: Klatsch, Tratsch und unfassbar gute Musik

4

2014 ging unglaublich viel im Deutschrapbereich. Musikalisch und Gossip-technisch. Um ein kleines bisschen Gossip und die üblichen Verdächtigen kommen wir im ersten Teil des Jahresrückblicks nicht drumrum. Im zweiten Teil: Mehr Videos, mehr Rap, weniger Klatsch & Tratsch! Versprochen! Ach so, ja, mehr Swag natürlich auch!

Deutschrap 2014: Klatsch, Tratsch und die üblichen Verdächtigen

Musikalisch liefern Shindy und Kollegah laut diverser Fachmenschen technisch perfekte Rap-Alben ab. Beide habe ich mir nicht angehört; die Videos zu den Single-Auskopplungen relativ schnell weggezappt. Nicht mein Vibe…Glaubwürdigkeitszweifel bezüglich der Künstlerpersönlichkeiten trüben mein Hörerlebnis zu krass ein. Seit wann ist “Realness” eigentlich kein Kriterium mehr?

Was Haftis “Russisch Roulette” 2014 für eine Rolle spielt, zeigt sich wohl erst 2015. Diskussionen & Vorschussloorbeeren gab’s schon genug…evtl. mehr in Platz 2.

bitte spitte animiertes gif eko savas
Eko und Savas im Video zu “Bitte spitte” anno 1787, ungefähr

Savas feiert sein Comeback mit “Märtyrer”. Mein Kool-Savas-Shirt aus Optik Records Zeiten bleibt im Schrank hängen, das Album habe ich bis dato nicht gehört. Zu verstörend war das Xavas-Album und die erklärenden Äußerungen zu dem umstrittenen Bonustrack, die alles irgendwie eher schlimmer machten.

Reizen würde mich das Album – auch wenn mich im Grunde nur interessiert, ob der King Of Rap der Versuchung widerstehen konnte, “Märtyrer” auf “Mehrtürer” zu reimen. Remember “Bitte spitte”?

"Till Ab Joe"
“Till Ab Joe”. Nie verstanden, immer mitgerappt. Wie “Dunne“…

A propos, Eko droppt am gleichen Tag sein Album. Beide bezichtigen sich zum ersten mal seit dem einzigen echten Beef in der Deutschrapgeschichte in Interviews nicht gegenseitig diverser Unehrenhaftigkeiten. Irgendwie schön. Jetzt wo ich das so schreibe, sollte man sich die beiden Alben vielleicht doch mal noch reinziehen?!

Im Bereich Gossip macht sich Fler das Jahr 2014 über gefühlt alle drei Wochen zum Obst. Nach seinen extrem streitbaren Aussagen über Rechte und Pflichten der Kinder von gebürtig Deutschen und der Kinder von nach Deutschland Immigrierten wendet ihm sogar Staiger den Rücken zu:

Nun hast du sie also doch gezogen, die dumpfe Nationalismus-Karte und damit alles bestätigt, was man dir in den letzten Jahren unterstellt hat. Ich hoffe du weinst dann nicht wieder rum, wenn die NPD auch diese Aussagen in einem ihrer nächsten Wahlkampfanschreiben benutzt, denn leider passen sie bei denen nur allzugut ins Konzept. Offensichtlich passen deine Worte aber auch noch anderen Leuten ins Konzept, was die Reaktionen auf Deinen Post deutlich machen. Da deutschtümelt es ganz ordentlich und zwischen all der Kritik gibt es ja auch jede Menge Stimmen, die sagen: „Endlich sagt’s mal einer. Recht hat er, der Fler. Das mit den Ausländern stinkt mir schon lange.“

fler schwulendfeindlichkeit in raptexten
Liebling, wir haben ein Riesenbaby…in unsere Dikussionsrunde eingeladen. Da trink ich drauf!

Einige Wochen vor dem Vorfall ziehe ich mir die Backspin-Gesprächsrunde zum Thema “Schwulenfeindlichkeit in Raptexten” mit Falk und Tobi Schlegl rein: Wichtiges Thema, richtige Teilnehmer. Bis auf einen: Fler. Ständig weicht er vom Thema ab, stammelt zusammenhangslos seine Philosophie in die hilflos zusehende Runde von Sprachbegabten und gibt nicht wirklich eine gute Figur ab. Seine Standpunkte zum sensiblen Umgang mit Worten wie “Schwuchtel” sind etwa so wertvoll und zeitgemäß, wie seine Thesen zu “Deutschen” und “Ausländern”, siehe oben.

Schlenker zum Chimperator-Camp. Das #hangster-Album wird nicht der erhoffte Erfolg, trotz vieler Hitkandidaten und aufregenden Konzepten. Das Hafti&Cro Video ist und bleibt für mich persönlich trotzdem irgendwie ein Hit. Zieh’ ich mir gerne immer wieder rein…auch wenn ich irgendwie dachte, da kommt zusätzlich zu dem Making-Of-Teaser-Video noch was richtig Offizielles.

Damit wären wir mit Cro bei meinen letzten 2 Cents im Mainstream-Bereich.

cro chick bad gif
Cros Album “Melodie” ist so erfolgreich wie eine von einer Top-Werbeagentur monatelang gründlich geplante Werbekampagne im Auftrag eines internationalen Konzerns. Leider auch genauso authentisch.

Kann ich nix mit anfangen. Nicht falsch verstehen. Ich find’ das geil, dass durch Cros Sophomore-Album aus diesem Jahr jetzt NOCH mehr Rap im Radio läuft.

Der Flow, die Aussagen der Texte und die Beats sind aber leider sooo butterweich, dass Sami Slimanis bestens gepflegte Gesichtshaut dagegen wirkt wie Schmirgelpapier. Rap für die Youtube-Stars-Generation halt.

Muss man akzeptieren, aber nicht hören. Whatever.

reimemonster ferris und afrob
Sag mal hast du Interesse (an Rap und fette Bässe)/
Afrob und der Ferris ist die richtige Adresse/
(Haben Spaß dabei) Mikrofon-Check (eins, zwei)/
Unsere Augen haben rotes Licht, stehen immer auf stand by/
Alle Leute kommt seid ihr mit?/
Afrob, Ferris MC ist der neue Hit/
Wir machen’s vor ihr macht es nach das ist der erste Schritt/
Zusammen rockt die Action spüre diesen Augenblick/

Ich bin jetzt 29 und damit als Zielgruppe kaum noch relevant. Aber von meiner Sorte gibt’s mehr. Leute, die Curses “10 Rapgesetze” mitrappen können. Leute, die sich mindestens jährlich Taktloss’ einstündiges Supreme-Konzert aufs Neue reinziehen. Leute die im Urlaub alte Royalbunker-Shirts rocken und fest daran glauben, dass der Max Herre aus der Privatfernsehen-Musik-Jury ein anderer ist, als der aus dem Schoß der Kolchose.

Für diese vergessene Zielgruppe ist dieser zweiteilige Jahresrückblick: Extrem unrepräsentativ, aber ehrlich und gespickt mit Gänsehauttracks. Deutschrap 2014 ist gleichauf mit – oder besser als – Deutschrap Ende der 90er. Nur besser versteckt.

Deutschrap 2014: Musik (endlich!)

Marteria – Kids (2 Finger an den Kopf)

marteria kids
Keiner will mehr ballern, treffen um zu reden
Keiner macht mehr Malle, alle fahren nach Schweden

Damit wären wir beim ersten von zwei Beiträgen hier, die hochoffiziell schon 2013 im Dezember “passiert” sind. Ist aber egal. 27.000.000 Views für das Video – bestimmt nicht alle aus 2013 – sprechen für die Güte, Eingängigkeit und Poppigkeit des Produkts. Mit diesem Track tritt Marten durchaus souverän in die Cro-Sphäre ein – allerdings nur temporär. Später im Jahr zeigt er seine Vielseitigkeit u.a. mit dem krass unterbewerteten “Mein Rostock”. Der Mann hat eins der dicksten und vielseitigsten Portfolios im Geschäft – ohne dabei wie Jan Delay ständig das Genre komplett zu wechseln.

Chefket – Guter Tag (Mixtape)

Volltreffer. Das ist kein Mixtape, das ist ein Album-Of-The-Year-Kandidat. Cok Güzel, ja?! Und alle so:
7988a9547b9d1a8c716d51c889f28f50

Das Tape zum Reinhören gibt’s hier auf Soundcloud. Als Anspielempfehlung hier mal eben “Was Ich Nicht Bin” – das ganze Ding ist aber unglaublich hörenswert. Thementracks, Boom Bap Beats, lustige Skits. Seit wann wird denn eigentlich kaum noch Wert auf Skits gelegt? Gönn’ dir, nur 5 Ocken, aber viel mehr wert.

Und ganz kurz noch eben die visuelle Hommage an The Pharcyde:

Döll – Mehr Von Dir

Keine Ahnung warum: Döll ist mir erst dieses Jahr mit diesem Figub Brazlevic Remix so richtig aufgefallen. Was ist das bitte für ein gefühlvolles Gedicht, vorgetragen in locker-flockig-dringlichem Flow? Einmal auf meinem Radar eingeschlagen, war “Mehr Von Dir” nicht das letzte Highlight im Jahr 2014 aus der Feder von Young Döll…

Hiob & Morlockk Dilemma – Delirium Tremens

Im Januar wird es mit dem Video zu “Delirium Tremens” düster in Rapdeutschland. Hiob und Morlockk Dilemma ziehen die Stimmung runter:

Unsere Nächte sind Filme, die Tage nebelverhangen
Vom Himmel schüttet es Asche, die Straßen stehen in Flammen
Besser du lehnst dich zurück und beißt die Zähne zusamm’
Wir fahr’n die Limo zum Jahrmarkt und danach gegen die Wand

scary gif mirror
Yoyoyo, wir sind Hiob und Morlockk Dilemma und ihr seht Fett MTV – Check it out!

Fun Fact: Ich hab’ Angst davor, das Album zu hören. Evtl. nächsten Frühling an einem sonnigen Tag mit Vogelzwitschern. Sonst verkrafte ich das nicht. Powerful Stuff. Frei nach Fisherman’s Friends: Sind sie zu dope, bist du zu schwach.

So Kinders. Das war’s mit Teil 1 des Deutschrap Jahresrückblicks. In Teil 2 erwartet euch mehr Döll, Dies&Das, Retrogott, local heroes, Mixtapes u.v.m. Ich bin schon ganz wuschig drauf!


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

4 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.