Der Deutschrap Jahresrückblick 2014 Part 2: Lyriker, Produzenten und kurze lange Hosen

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Zwei knappe Wochen sind seit dem ersten Teil des most underrated Deutschrap Jahresrückblicks vergangen. In der Zwischenzeit hat Kay One das Kommunikationsmittel für die Erregung öffentlichen Ärgernisses gewechselt: Von TV (Bravo dazu: So krass wird seine TV Show!; Vice: Kay Ones Datingshow ist das Frauenfeindlichste, was seit Langem im Fernsehen gelaufen ist) zurück zur „Musik“ (Focus: Rapper-Krieg geht weiter).

Kay One nimmt sich seine ganze Biographie vor, rappt über ehemalige Weggefährten wie Eko Fresh oder Shindy, die er als Ausbeuter beschreibt, und natürlich immer wieder über Bushido selbst.
Seinen Kontrahenten nennt Kay One dabei durchweg nur „Arafat“: „Die Wahrheit ist: Arafat wollte mich austricksen!“, heißt es zum Beispiel gleich zu Beginn.

Anmerkung: Einen seiner Kontrahenten nennt er Arafat. Den anderen nennt er Bushido. Nicht ein und dieselbe Person. Sondern zwei. Zwei verschiedene.

Jaysus schreibt für Kay One schreibt für Shindy schreibt für Bushido schreibt für Arafat schreibt für Jaysus schreibt für Kay Once schreibt für Shindy schreibt für Bushido. Irgendwie so. Hauptsache die Texte sind vielfältig, kreativ und innovativ.
Jaysus schreibt für Kay One schreibt für Shindy schreibt für Bushido schreibt für Arafat schreibt für Jaysus schreibt für Kay One schreibt für Shindy schreibt für Bushido. Irgendwie so. Hauptsache die Texte sind vielfältig, kreativ und innovativ.

Wenn das Rap-Medium Nummer 1, der Focus, diesen superinteressanten und künstlerisch wertvollen Beef schon so analytisch und sorgfältig aufgearbeitet hat, brauch‘ ich ja hier meinen Senf nicht mehr wirklich dazuzuschmieren. Meine Frage nach dem Stellenwert von Realness in der Bewertung von Rapmusik bleibt aber offen – und bezieht sich (neben Kollegah und Shindy) auch auf Bushido und Kay One.

kay one
Kay One mit seinen total sympathisch wirkenden Kumpels im Video zu „Beautiful“: Zu dritt setzen sie sich in ihrer Freizeit für Flüchtlinge ein, organisieren Jugendausflüge für sozial schwache Kinder in ihrer Gemeinde, aber trinken auch gerne mal ’nen Schnaps. Marc oder Sven oder Carsten oder Danny (links im Bild) dazu: „Bei den Wirtschaftsjunioren Friedrichshafen-Süd war’s mir irgendwie zu kalt und neoliberal. Jetzt mach‘ ich viel mit Kay. Der ist nicht soo fokussiert auf Äußerlichkeiten und voll der super Typ. Er lässt mich an das Gute im Menschen glauben!“

Die Juicesche Bestenliste 2014:

Ebenfalls in den letzten zwei Wochen hat Hafti ein Foto seines derzeitigen Lieblings-Rap-Mediums mit seinen Instagram-Followern geteilt:

#1 #russischroulette #haftbefehl @bazzazian @erfan83 #juice #dankbar

Ein von Haftbefehl (@haftbefehl85) gepostetes Foto am

Die Juice also. Mit Hafti auf Platz 1 und 3 der Jahrescharts. Interessant? Und „Dies Das“ auf Platz 2. Interessant!

dies das dexter
Opan Gangnam Style, whop whop whop whopwhop!

Mit der unfickwitable swag overdose der Zusammenarbeit des schwäbischen Kinderarztes mit Audio88 & Yassin hatten wir uns an anderer Stelle ja schon einmal ausführlich beschäftigt. Aufgespart für den vorliegenden Deutschrap Jahresrückblick habe ich mir alle musikalischen Aspekte. Dazu muss ich jetzt mal das Maul aufreissen – nach geschätzt 100facher Rezeption: Der Track ist über alle Zweifel erhaben. Und wenn jetzt doch jemand den Beat, einzelne Lines oder einzelne MCs auf dem Track für nicht ganz so dolle hält?

Ist OK. Die machen dies, das, einfach so verschiedene Dinge. Da kann auch mal ’n Ding drunter sein, was jetzt nicht sooo 100% ist. Für den einen oder anderen war der Dexter Part ein Stein des Anstoßes. Für mich auch, ich geb’s ja zu. Ja, der hat früher schon gerappt. Trotzdem fällt der (Produzenten-)Part aus dem Rahmen. Der Flow ist irgendwie gewöhnungsbedürftig und hat mich die ersten 10x irgendwie gestört. Bei den nächsten 10 Durchhörvorgängen kam mir alles schon viel geschmeidiger vor.

Ab dem 21. mal Hören machte dann irgendwie alles Sinn. Der Track wäre ohne den Dexter-Part einfach nicht das, was er ist: Völlig berechtigt in den TOP 3 der Juice Jahrescharts und ein herausragender Track der 10er Jahre im Deutschrap.

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Chaftbefehls Ruhm und Ehre

Kauf dir Kohlrabi und koch mit Maggi Maggi Maggi Frisch!
Kauf dir Kohlrabi und misch mit Maggi Maggi Maggi Frisch!

Und Hafti auf 1 und 3? Mit „Russisch Roulette“ auf Platz 1 der Juiceschen Albumcharts? Alle verfügbaren Sterne aller anderen Musik- und Kulturpublikationen für das Album? Klar, das ist ein geiles Album. Aber keine Überraschung.

Misch den Haftbefehl von Anfang 2014 mit seiner „Chabos wissen…“-Hymne und seiner erstaunlich großen Credibility bei beinahe allen TeilnehmerInnen des Deutschrap-Game mit einem Team von exzellenten Profi-Label-Menschen. Raus kommt haaaargenau dieses Album:

  • idealerweise eine kurze Phrase zum Mitspitten in der Hookline (wortwörtlich „line“): „Chabos wissen…“, „Saudi Arabi Money Rich“, „Lass die Affen aus’m Zoo“…
  • ein paar bewährte Azzlackz Slang Einsilber, z.B. „Cho“ (Vorsicht, hat nix mit „easy“ zu tun!)
  • Videos mit hochprofessionell in Szene gesetzten visuellen Provokationen (Überwachungskamerabilder in „Lass die Affen…“, Orthodoxe Juden als Stuntfahrer in „Saudi Arabi…“)
  • beattechnisch keine Experimente wagen…

Ich würde das mit dem besten Album des Jahres ja unterschreiben. Trotzdem möchte ich mich gerne über die absolut 100%ige Vorhersehbarkeit des Gesamtkunstwerks echauffieren. Thema durch. Weiter mit dem allgemeinen, Hafti-unabhängigen Jahresrückblick.

Döll: Lyricist Deluxe

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‚Ne Menge Rauch staut sich auf/
atme ich aus beim Schreiben./
Find‘ aus dem Raum nicht mehr raus/
weil ich rauch‘ beim Schreiben./
Schreib‘ beim Rauchen/
und rauch‘ beim Schreiben./
Jau!/
Ich brauch‘ nur den Raum zum Schreiben!/

Bööööööö, unnormal! Lyriker des Jahres? Döll. Punkt aus, Mickey Maus. Der Mann geht eindeutig als einer der Sieger aus diesem hochgradig präzise recherchiert und selektierten Deutschrap Jahresrückblick hervor. Brauch‘ ich gar nicht viel zu kommentieren…

Döll macht jedes zweite Schaltjahr am Gründonnerstag mal die Augen auf.
Döll macht jedes zweite Schaltjahr am Gründonnerstag mal die Augen auf.

Nächster Brecher: Trinkhallenromantik auf dem exzellenten Gibmafuffi-Tape.

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Ich beweg‘ mich zwischen „Döll, was machst du da?“/
dem Schnapsregal/
und „eigentlich is‘ doch alles egal“./
Also verzeih‘ mir, wenn das was ich sag‘ kein‘ Sinn ergibt./
Ich bin mir selbst meist hinderlich/
und hab es ziemlich verinnerlicht./
Auch wenn ich weiß es wird so nix,/
komm‘ wir zu dir zurück./
Denn wenn du’s wissen willst,/
ich mein‘, wie’s wirklich ist:/
steckt in jedem „ich komm schon klar“/
und „ich wünsch‘ dir Glück“/
’n klein wenig „ich bin am Arsch“/
und „Mein Hirn ’s gefickt“:/

Einen knapp noch geileren Edit des Tracks (ebenfalls von GibmirmalebendenGegenwertvonetwa25EuroinCannabis) gibt’s übrigens auf Dölls eigener Wahnsinns-EP „Weit entfernt“. Für umme. Womit wir wieder am Anfang meines Redeflusses zu Döll wären: Bööööööö, unnormal!

Dem Typen gehört 2015…evtl. zusammen mit…

Mädness

…der mit „Maggo“ 2014 dampfwalzenmäßig aus dem Rap-Vorruhestand zurück bretterte.

doell maggo cheerleader
„Yo yo yo, ich bin Döll und wenn ich nicht gerade mit geschlossenen Augen durch meine eigenen Musikvideos marschiere, chill‘ ich am Feldrand und guck‘ meinem Bruder bei seiner Aufnahmeprüfung für die Cheerleader zu…und ihr seht Supreme auf Viva 2.“
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Auch ganz klar ein Highlight 2014.

Johnny Moto

Johnny Moto kommt aus dem Nichts und kriegt direkt den goldenen Blogrebellen-Otto für die beste Ergebnisseite bei Google Image Search, wenn man nach seinem Namen sucht…ein unendlicher Schatz für kommende Alben- und Single-Cover.

Außerdem ernenne ich ihn mal eben zum Newcomer des Jahres. Weil geil. Und weil Sichtexot-Tufu-Umfeld. Und weil Free Tape für die Heimfahrt über Weihnachten: Moto Tape a.k.a. Driving Home For Christmas. Kantige Beats, 100% Battlerap. Prädikat: Rough, arrogant und gemein, genau wie ich’s mag.

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Kollabos des Jahres

Hier bin ich mir relativ sicher, dass ich unglaublich viele hervorragende multiple Features übersehen bzw. vergessen habe. Egal. Besonders geil und erinnernswert sind die beiden hier:

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2014: Year of the Produzentenalbum

2013 rollt alles an mit Leaders Of The Brew School. Beatbastler mucken auf. 2014 dann drei bockstarke Produzentenalben mit massig relevanten und interessanten Features: Figub Brazlevic, Dramadigs und Dexter. Dexter haben wir hier schon genug „eingebunden“. Folgend ein Highlighttrack von Figubs „Ersatzverkehr“ (mitsamt einer Playlist voller anderer hörens- und sehenswerter Videoauskopplungen aus dem Album) und danach das Dramadigs Video-Albumsnippet:

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An der Stelle sei euch auch noch einmal eben das wortlose Figub Brazlevic Interview über Rucksäcke, Glockenbeats und Heimat ans Herz gelegt:

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Letzter Track im Video? Gerne, könnt ihr haben, hier: Chefket – Geld ist nicht alles.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud zu laden.

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Der Held des Jahres 2014

…ist Brenk Sinatra mit seinem Beatsampler „4 The People“. Nicht wirklich Deutschrap – aber muss in diesem Jahresrückblick erwähnt sein.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von bandcamp.com zu laden.

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16 Beats für 16 (oder mehr) Euro. Der Profit geht an Flüchtlinge. Do they know that Brenk Sinatra is better than christmas?

Local Heroes 2014

Juse Ju ist Deutscher und hat somit ein Geburtsrecht auf Grumpiness. Als Schwabe in Berlin hat er außerdem ein Anrecht auf schlechte Laune aufgrund böser Blicke von Ur-Berlinern. Die bösen Blicke können allerdings auch von den Aktionen herrühren, die er im Grinch-Video auf dem Weihnachtsmarkt abzieht. Keine Ahnung.
Juse Ju ist Deutscher und hat somit ein Geburtsrecht auf Grumpiness. Als Schwabe in Berlin hat er außerdem ein Anrecht auf schlechte Laune wegen böser Blicke von Ur-Berlinern. Die bösen Blicke können allerdings auch von den Aktionen herrühren, die er im Grinch-Video auf dem Weihnachtsmarkt abzieht. Keine Ahnung.

Deutschrap ist ja traditionell so ’n bisschen lokalpatriotisch geprägt. Deshalb gibt’s auch von mir zum Schluss ein paar Highlights durch die rosane Brille der Heimatnostalgie. Disclaimer: Das soll nicht heißen, dass meine Schwaben&Franken-Fraktion qualitativ schlechtere Tracks abliefert, die ich nur aufgrund regionaler Verbundenheit abfeiere. Der Output der Jungs sticht mir halt über die diversen Streams schneller und häufiger ins Auge als andere bestimmt auch saugute Crews aus der Eifel, dem Westerwald oder Thüringen!

Fangen wir mit Kirchheim/Teck an. Straight out of Jugendhaus Linde haben dieses Jahr Marz (Triple S, Schwarz und Stolz) und Juse Ju (Massig Jiggs, Schwabing Boys) solide abgeliefert. Von Marz gibt’s den Pokal für den freshtsten Fussballsong im Weltmeisterjahr: Samstag Halb 4.

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Bei Juse Ju hängen die Spendierhosen auf Halbmast. Das Album „Übertreib nicht deine Rolle“ gibt’s für umme zum Download. Hier im Showroom stell‘ ich mal eben den Weihnachtstrackaus;  zusätzlich noch den zweiten Teil der Vorurteil-Reihe mit der Antilopen Gang:

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Die 52er aus Mittelfranken (wo ich als Gammelstudent durch die Gegend gammelte und studierte) müssen hier auch noch erwähnt sein. 2014 haben sie mal eben drölftausend Rapper aus (überwiegend Süd)Deutschland auf einem Track vereint: „Du wurdest bedient Pt. 2“. Relativ neu und progressiv ist das Ding hier: „Is‘ mir egal“. Is‘ mir hochsympathisch!

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Bonus: Ehrenpreis für die Reanimation der unpopulärsten Beinkleider im Deutschrap-Game

Kein Deutschrap Jahresrückblick ohne Fashion (bekanntermaßen das drölfte Element der HipHop Kultur). Den Preis müssen wir splitten. Zwei Rapper haben auf dem diesjährigen Splash Festival die Modewelt in ihren Grundfesten erschüttert. Abdi und SSIO.

Beide gehen als Ehrenpreisträger für die geilsten Shorts aus dem Festival hervor: Abdi bringt die eng geschnittene 5/8-Shorts in Jeansausführung zurück. SSIO macht sein Fashion Statement mit der etwas lockerer geschnittenen 11/16 Shorts in weiß. Swaaaag.

Da geht sie ABDI Lucy: Full frontal swag attack!
Da geht sie ABDI Lucy: Full frontal swag attack!
Weiße 11/16 Shorts sind nicht nur geil, sondern auch super praktisch. Es sei denn man hantiert viel mit fettig-krümeligen Nahrungsmitteln, mit Pombären zum Beispiel.
Weiße 11/16 Shorts sind nicht nur geil, sondern auch super praktisch. Es sei denn man hantiert viel mit fettig-krümeligen Nahrungsmitteln, mit Pombären zum Beispiel.

Und weil ich den Bogen hier in Sachen Umfang und Vielfalt schon ordentlich überspannt habe, gibt’s nächste Woche noch ’nen dritten Teil. Im dritten Bonusteil dieses Deutschjahresrückblicks geht es dann aber nur noch um einen. Um Jan Böhmermann. Warum? Abwarten.

Ersten Teil verpasst? Hier entlang.

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