… and justice for all? Als ich den Glauben in die Justiz verlor

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Diese Geschichte ist mir wirklich passiert. Genauso, wie ich sie erzähle. Die Namen sind allerdings frei erfunden – zum Schutz der persönlichen Privatsphäre, aber eigentlich nur, weil ich sie vergessen habe.

Als ich das Büro der Gerichtshelferin betrete ist es viertel vor neun, ich bin zu früh. Verständlich. Mein erster Termin bei Gericht und ich bin etwas aufgeregt.
Nicht, weil ich als Angeklagte hier bin. Es ist mein erster richtiger Auftrag als Gerichtsdolmetscherin.
In der Innentasche meiner Jacke spüre ich den Brief, die Vorladung knistern. Streng genommen kenne ich nur die Sprachkombination – Spanisch-Deutsch steht auf der Vorladung, auch der Name des Angeklagten, Humberto del Valle Solares. Was ihm vorgeworfen wird weiß ich nicht.

Ich stelle mich der Gerichtshelferin vor, sie protokolliert mein Erscheinen mit der exakten Uhrzeit. Dann schickt sie mich wieder raus, und ich setze mich auf eine der Bänke draußen im Gang. Die Decke ist unfassbar hoch, der Wahnsinn, das sind bestimmt 2,50m bis nach oben. Schon beim Reingehen ins Gebäude hatte ich das Gefühl, von der Größe völlig erschlagen zu werden.

Zwei Menschen kommen den Gang entlang, ein Mann und eine Frau. Die Frau kommt direkt auf mich zu und fragt, ob ich die Dolmetscherin wäre. Der Mann neben ihr ist Humberto, für den ich dolmetschen soll. Kubaner und etwas schwer zu verstehen, aber eine sehr angenehme Erscheinung. Er ist mir sofort sympathisch, und das liegt nicht nur an der großen Angst, die ich in seinen Augen sehen kann und die mein Mitgefühl weckt. Ich spüre sofort, dass er ein guter Mensch ist. Ich frage die Frau, ob es erlaubt ist, sich vor der Verhandlung mit dem Angeklagten zu unterhalten und sie bejaht.
Also unterhalten wir uns, die Sympathie wird nach wenigen Sätzen bestätigt. Humberto erzählt mir, dass er im Supermarkt beim Klauen erwischt wurde. Eine Packung Salami und ein Bier wollte er mitgehen lassen – weil er Hunger hatte (und Durst), und die 50 Euro, die er als Asylbewerber monatlich bekommt, längst alle waren. Er erzählt noch ein bisschen, warum er Kuba verlassen musste – kurz vor seiner Universitätsprofessur musste er das Weite suchen, da er sich regimekritisch geäußert hatte. Entweder weg oder 15 Jahre in den Bau. Frau und Kind ließ er zurück, da er sie „bald“ nachkommen lassen wollte.

Bevor Humberto weitererzählen kann, werden wir um Punkt neun zur Verhandlung in den Gerichtssaal gerufen. Ich merke Humberto an, dass ich im Moment der einzige Mensch bin, dem er vertraut, und in seinem Blick sehe ich noch so viel mehr – die Monate der Ungewissheit, den Schmerz über das Fehlen seiner Familie, die Angst davor, was nun passiert… Sein Blick ist ein einziger Hilfeschrei.

Der Saal ist so groß, dass man gar nicht anders kann, als sich klein und mickrig zu fühlen. Die Richterin kommt herein und ich finde sie auf Anhieb unangenehm.
Als erstes werde ich gefragt, ob ich für Spanisch vereidigt bin. Als ich verneine, belehrt sie mich, dass sie mich vereidigen müsse, und ob ich denn lieber die religiöse oder die weltliche Formel nachsprechen möchte. Also hebe ich die rechte Hand und schwöre, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen (und OHNE Gottes Hilfe) übertragen, nichts auslassen und nichts hinzufügen werde.

Danach verliest sie die Anklage und der Rest ist schnell erzählt. Sie ist kalt, unnachgiebig und bezichtigt Humberto, neben dem Diebstahl, auch noch der Undankbarkeit, schließlich werde er ja in diesem Land nur „geduldet“ und was ihm denn einfiele, zu stehlen. Mir steigen noch während ich dies schreibe die Tränen der Wut in die Augen, und das ganze ist jetzt bestimmt zehn Jahre her.
Da sitzt ein Mensch neben mir, der vor lauter Gedemütigtsein gar nicht weiß, wohin mit sich, während ich ihm ein Taschentuch gebe, weil er Rotz und Wasser heult. Und diese dämliche (ich möchte gern das F-Wort benutzen, das manche auch mit V schreiben, aber ich werde es lassen) Kuh spricht von „dulden“. Gibt es ein schlimmer besetztes Wort, als das, wenn man von einem Menschen spricht? In diesem Wort steckt soviel Negatives. „Wir ertragen Dich bloß.“ „Du hast Glück, dass Du hier sein darfst.“
Als müsste er sich für seine Existenz entschuldigen.
Dann verurteilt sie ihn zu einem Bußgeld von 250 Euro, das er nun von den 50 Euro monatlich in Raten abstottern darf. Ich glaube, es ist genau dieser Moment, als ich den Glauben in die Justiz verliere.

Es will mir bis heute nicht in den Kopf, wie man Menschen so behandeln kann. Der ist in diese Welt hineingeboren, wie wir alle, und hat die gleiche Daseinsberechtigung (und zwar unter menschenwürdigen Bedingungen) wie wir alle. Auch wenn er nicht in seinem Land ist.

Ich habe selten einen besseren Stundenlohn bekommen (46 Euro/Stunde cash auf die Hand).
Trotzdem habe ich den Job nicht lange gemacht.

Manchmal denke ich noch an Humberto, und was aus ihm wohl geworden ist. Was das wohl mit ihm gemacht hat, dass man ihn behandelt hat, wie einen Schwerverbrecher. Ob er daran zerbrochen oder gewachsen ist. Hat er seine Familie wiedergetroffen?
Ich wünsche es ihm aus tiefstem Herzen.

1 KOMMENTAR

  1. Hast du ihn an deinem satten Stundenlohn von 46/Stunde Cash auf die Hand teilhaben lassen oder ihm was zu essen gekauft? Ich mein in 5 Stunden hättest du ja seine ganze Strafe abgestottert und nicht wie er in min. 5 Monaten?

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