Deutschrap Jahresrückblick Teil 3: Jan Böhmermann und die Show-Band-Prognose

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deutschrap jahresrückblick jan böhmermann

Ja, Jan Böhmermann. Ich fang’ mal auf ‘nem anderen, für Rap nicht ganz uninteressanten Kontinent an: Amerika. Da streiten sich zwei Küsten darum, wer denn jetzt eigentlich HipHop erfunden, respektive großgemacht hat. Rap hatte dort bis vor kurzem trotzdem keine wirklich starke Lobby.

Weil Rap von den einschlägigen Medien und Preisverleihungen seit jeher eher wenig beachtet wird, gibt’s die BET Awards, wobei BET für Black Entertainment Television steht. Keine Mainstream-Awards für Rapkunst? Damit gibt sich nicht nur Kanye West nicht zufrieden:

Später erklärt sich Kanye übrigens dann noch der Presse. Stichhaltige Argumente:

I haven’t seen [the Justice vs. Simian video]. Possibly it could have been quite good, but no way better than Touch the Sky. That is complete bullshit. I paid a million. Obviously it’s not all about the money, but the response it got transcended everything, it really made great TV. It took a month to film; I stood on a mountain; I flew a helicopter over Vegas. I did it to be the king of all videos and I wanted to walk home with that award.

Kanye is not amused.
Kanye is not amused.

Natürlich ist Kanye nicht der aller kredibilste Aufreger zu dem Thema, schlicht und einfach, weil er sich ständig über alles aufregt.

Das über alles erhabene Beispiel ist aber wohl der beinahe ein Jahr alte Grammy für das beste Rap Album. Der ging nämlich an Macklemore, statt an Kendrick Lamar für sein Meisterwerk “Good Kid, M.A.A.D City”. Ridiculous.

Einer, der mal so ganz nebenbei echte Rapmusik einer unglaublich breiten Öffentlichkeit näherbringt, ist Lieblingsschwiegersohn Jimmy Fallon. Seine Show-Band und late-night-typisch folgerichtig auch bevorzugte Sketchpartner-Gruppe seit fünf Jahren? The Roots.

The Roots of all…contemporary funny bits

Die unangefochten beste HipHop-Liveband der Welt ist also allzeit am Set präsent. Aber das ist nicht alles. Jimmy tanzt mit Will Smith die Evolution des HipHopTanzes durch und rapt sich mit Justin Timberlake durch die Rapgeschichte.

Ey! EY! Guck, guck, schau her! Ey! Ich breake jetzt gleich, warte kurz, der Takt, warte, gleich mach' ich, warte kurz...
Ey! EY! Guck, guck, schau her! Ey! Ich breake jetzt gleich, warte kurz, der Takt, warte, gleich mach’ ich, warte kurz…

Bis Jimmy Fallon um die Ecke kam, war das Late Night Game in den USA ein über Jahrzehnte tradiertes System mit weißen, alten Männern im Mittelpunkt. Rap fand zwar seit jeher statt – fiel aber aus dem Rahmen und wirkte einfach “awkward” (für den Kontext hier wurde das Wort glaub’ ich erfunden). Tatsächlich sind die beiden Jimmys (der Kimmel könnte auch noch als jung und teils hiphopzugewandt durchgehen) immer noch die einzigen beiden Ausnahmen.

Akward: Rap meets alte, weiße Männer

Als Anschauungsobjekt für das “Aus dem Rahmen Fallen” taugt die Anmoderation von David Letterman hier hervorragend:

Tyler the Creator wird als “popular young performer” betitelt. Technischer und unbeteiligter ließe sich der Mann nicht bezeichnen. Wäre Tyler kein Rapper, hätte der Odd-FUture-Chef trotz des kaum versteckten Desinteresses wohl wenigstens “talented” statt “popular” zugewiesen bekommen. Weiter geht’s nach ein paar leidenschaftslos vorgelesenen Eckdaten zu Odd Future und zum promotenden Album “Wolf” mit “Earl Sweatshirt”…den Letterman mimisch sehr genau wissen lässt, wie sehr er seine Kunst und seine Person respektiert. Nicht.

"EARL SWEATSHIRT". Ist aber halt auch 'n geiler Name!
“EARL SWEATSHIRT”. Ist aber halt auch ‘n geiler Name!

Einer der Jimmys – oder eben auch Jan Böhmermann – würde seiner Zielgruppe (um Jahre jünger als die Zielgruppe der alten, weißen Männer) unter Umständen einen auf dem Künstlernamen basierenden Wortwitz auch nicht vorenthalten. Aber halt nicht nur. Da würde zumindest so’n bisschen Respekt und/oder Begeisterung mitschwingen. Die Anmoderation wäre nicht so neutral-technisch-steif und es gäbe keine so dermaßen offensichtliche “awkward” Diskrepanz zwischen Zielgruppe, Host und Performer.

Jan Böhmermann needs the internet like a desert needs the rain

So. Und da sind wir jetzt bei Jan Böhmermann. Der Mann hat eine ganze Menge verstanden. Der Mann weiß um die Vergänglichkeit des Mediums Fernsehen. Der Mann weiß um die Internetaffinität der aktuell (oder bald) werberelevanten und dementsprechend zu bespaßenden Zielgruppe. Deshalb kommt seine Sendung auch zu allererst im Internetz und dann im Fernsehen…übrigens zusätzlich noch mit einem Teaser am Sendetag tagsüber auf Facebook und Twitter.

In der Blogrebellenredaktion sind wir uns regelmäßig unsicher, inwiefern wir neue Böhmi-Ergüsse mit Lichtgeschwindigkeit über den Blog in die Welt verbreiten sollen…oder ob dieser Böhmermann nicht sowieso dauernd so geile Scheiße liefert, dass unsere LeserInnen den Mann ohnehin auf allen Kanälen abonniert und somit präsent haben.

Jan Böhmermann: Immer am zahn der Zeit...oder eben am Zahn der Zeit der anderen 80ies Babies, die ihre körperliche Erregung beim Anblick von Triceroratopsen kaum verbergen können.
Jan Böhmermann: Immer am Zahn der Zeit…oder eben am Zahn der Zeit der anderen 80ies Babies, die ihre körperliche Erregung beim Anblick von Triceroratopsen kaum verbergen können.

Diese spürbare und gelebte Internetaffinität ist ein Grund für Böhmis Relevanz in Sachen Deutschrap. Lieb’ es oder hass’ es: Deutschrap findet über Youtube-“Ansagen”, Facebook-Videos und Videoteaser für Musikvideos statt. Genau da tummelt sich Böhmi rum. Sein Browserverlauf ist zum Bersten voll mit Youtube-Stars und Beef-Disstracks. Zahn der Zeit…hatten wir schon.

Competition? Eher schwach…

Jan Böhmermann lebt und liebt den Scheiß mit Leib und Seele. Zumindest lassen seine Social Media Profile und die Neo Magazin Page den Eindruck entstehen. Das kommt bei den Halligallis (Joko und Klaas) nicht so rüber. Auch unterscheidet sich der Grad der Einmischung in die (und Verwebung mit der) Deutschrapszene eindeutig:

Böhmi gibt so wenige Ficks wie sonst kaum jemand auf iiirgendwelche Netzwerke, Lobbys, Entouragen und Promi-Freundschaften. #DoTheyKnowItsScheisse? Selten hat es jemand geschafft, innerhalb so kurzer Zeit so vielen A-C-Promis zu zeigen: Jo, also so nicht. Nicht mit mir.

Bei Halligalli tanzen Haftbefehl, MC FITTI und Cro mit dieser Gimmick-Oma und/oder Palina Rojinski kurz vor und kurz nach der Werbepause. Palina rapt dafür ein Feature für’s Chimperator Camp ein. Alle Hände waschen alle…oder? Tatsächlich ist die Show eher ein Verlustgeschäft für deutsche MCs, vor allem in Sachen Credibility. Rapper kriegen ihre Promo, dürfen aber maximal ‘nen Chorus und/oder drei, vier Bars spitten. Dann ist Schluss. Klaas und Joko benehmen sich im seltenen Talk mit Rappern dann übrigens trotz ihres jungen Alters teilweise so awkward wie David Letterman. Earl Sweatshirt. Hihi.

Promo-related akwardness.

Awkward. Noch “awkwarder” (sorry, die Wortschöpfung hat nun wirklich keiner gebraucht) wird’s, wenn Joko und Klaas selbst anfangen sich einzumischen…mit dem U-Bahn-Ficker-Rap zum Beispiel:

Jan Böhmermann wiederum ist nicht nur popkulturell beängstigend tief und umfassend bewandert, sondern auch in Sachen Rap kein ganz Unberührter. Singt mal eben T-Pains Chorus von DJ Khaleds “All I Do Is Win” in seiner Radiosendung mit, diskutiert fundiert über die aktuellen Beefs von und mit Fler, Kay One etc und mash-upped den Islamischen Staat (hochpolitisch!) mit Cros “Easy” (unpolitischer geht kaum)!

Die zukünftige Live-Band des Neo Magazins wird…

Bevor ich euch drei der deutschrapbezogenen Böhmer-Highlights dieses Jahres präsentiere, mal eben noch ein Fakt und eine These:

2015 geht’s für Jens Bimmelmann ins ZDF Hauptprogramm. Ins Hauptprogramm von und für alte, weiße Männer (und Frauen, ok, ok!). Inwiefern das für alle Beteiligten gut und reibungslos verlaufen wird, wage ich nicht zu prognostizieren.

Aber nicht nur sendertechnisch geht’s bergauf – auch musikalisch bekommt er Dauerverstärkung. Mit eigener Band steigt Böhmermann so endgültig in das Genre und die Sphäre der Late Night Größen auf.

Aber welche Band macht das Rennen?

Es kann nur eine geben. Die deutschen Roots. Die nordischste aller mir bekannten Live-Bands (ich kenn’ allerdings auch sonst nur irgendwelche bayerischen Blasmusikanten). Die rapnahen und souligen “Ruffcats – bekannt spätestens seit Flo Megas Rückkehr dieses Jahr. Moderator im Video zu “Hinter dem Burnout”? None other than John Bommelmensch.

Die werden’s. The Ruffcats. Musikalisch anspruchsvoll untermalte Late-Night-Unterhaltung im Hauptprogramm des ZDF? Yes please. Deutschsprachige Rapper mit Live-Support im Hauptprogramm des ZDF? Yes please. “Evolution Of German Gangsta Rap” Sketch mit Jan Böhmermann und SSIO? Yes please.

Hallo, mein Name ist Jan "Jimmy" Böhmermann und ich bin leicht zerknirscht, dass die Blogrebellen unwissentlich und in unschuldiger Hoffnung den Namen meiner neuen Haus-Band geleakt haben. Fucking fanboys.
Hallo, mein Name ist Jan “Jimmy” Böhmermann und ich bin leicht zerknirscht, dass die Blogrebellen unwissentlich und in unschuldiger Hoffnung den Namen meiner neuen Haus-Band geleakt haben. Fucking fanboys.

2014 war das Jahr, in dem David Letterman die Fackel endgültig losließ, die andere, jüngere Hosts schon lange kopiert und innoviert hatten. 2014 war das Jahr, in dem sich Harald Schmidt und das Late-Night-Publikum auseinandergelebt haben, endgültig. 2014 war aber auch das Jahr, in dem Jan Böhmermann gezeigt hat, dass er Late Night kann wie derzeit kein Zweiter: nicht das klassische Late-Night. Aber das progressive und sozial vernetzte Late Night, das die Scherze Kimmels und Fallons immer öfter auch über den Newsstream deutscher Facebook-Nutzer plätschern lässt. Das erfolgreiche Late-Night.

2014 war ein Jahr, das einem Deutschrap- und Late-Night-Fan rückblickend ein Hosenzelt der Vorfreude auf 2015 beschert.

So Kinders. Und jetzt genug gerückblickt. Auf ein hocherfeuliches Jahr 2014 mit mehr Deutschrap und mehr Böhmermann - gerne in Kombination!
So Kinders. Und jetzt genug gerückblickt. Auf ein hocherfeuliches Jahr 2014 mit mehr Deutschrap und mehr Böhmermann – gerne in Kombination!

Deutschrap Jahresrückblick Teil 1 und Teil 2 verpasst? Hier und hier nachlesen!


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7 KOMMENTARE

  1. Aha.
    Ja, klar. Kimmel und Fallon sind ganz weit vorne. Und sie sind die lange gebrauchte Wachablösung. Und Böhmermann ist mit das Beste, was uns hier passieren konnte. Da bin ich ganz bei dir.
    Aber echt… alte, weiße Männer. Ehrlich?
    Du wirfst nicht allen Ernstes Letterman vor, dass er lieber die Foo Fighters hört als Tyler, the Creator? Natürlich ist Tyler in erster Linie jung für nen alten Sack wie Letterman – der war noch nichtmal geboren, als Dave Grohl bei Nirvana eingestiegen ist. Das sind doch ganz andere Zusammenhänge.
    Zeit für Slayer… Lass die mal in ner auf Rap fokussierten Show auftreten. Wird genauso awkward. Garantiert.

    • Hast Recht, Geschmäcker sind einander bekanntlich unähnlich.
      Ich denke ganz einfach, dass die gesamte Internet- und Rapkultur (Odd Future gehören sicher beidem an) von den alten, weißen Männern nicht für voll genommen wird. Harald Schmidt hat auch letztens in einem seiner Post-Sky-Interviews verlautbaren lassen, dass er Menschen, die bloggen, sowieso nicht ernst nehmen kann – genau wie Männer, die Kleinkinder am Körper durch Berliner Coffeeshops tragen.
      Letterman und Schmidt mögen geniale Late-Night-Hosts sein – aber das Format und die Menschen dahinter müssen einfach generalerneuert werden. Auf Sexismus könnten wir an der Stelle direkt auch noch zu sprechen kommen…bei Schmidt und der alten Garde war die Anmod und der Gesprächsaufmacher grundsätzlich ein Kommentar zum Aussehen der weiblichen Gäste. Bei Männern steht stattdessen “talented, popular, hochgeschätzt” etc…
      Darüber hinaus wäre selbstverständlich ein Slayer-Auftritt in einer Rapsendung awkward. Nun ist aber keine Late-Night-Sendung der Welt “Rap fokussiert”. Höchstens “Gegenwartskultur und Zeitgeist fokussiert”. Und da müssen Odd Future, Grumpy Cat, Breaking Bad, Youtube-Stars und meinetwegen Slayer grundsätzlich gleichberechtigt abgehandelt werden.
      Das ist ‘n bisschen wie im Lehrerzimmer. Die Deutschlehrer, die Erzähl- und Dichtkunst und dementsprechend Analysemöglichkeiten grundsätzlich nur bei Goethe & Fontane wahrnehmen, sind so langsam raus. Das Lehrerzimmer müffelt zwar noch leicht nach diesen konservativen Nostalgikern, aber die nachkommenden Lehrer reden schon lange mit ihren Schülern über Erzählstrategien und Allegorien in The Wire.

      • Ach, Geschmack ist ein Arschloch und lässt einen immer dann awkward rüberkommen, wenn man sich grade so cool fühlt. 😉
        Jetzt lassen wir das mal alles hinter uns und freuen uns auf die Zukunft. Zukunft ist gut für alle!
        (Irgendwas aus der Schmidt-Show musste jetzt noch rein…)

        Guten Rutsch!

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