Warum Marketingopfer keine Real-DJs sein können

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KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERADies ist ein Gastbeitrag von Alan Churchill, den ich mit seiner freundlichen Erlaubnis übersetzt habe und hier veröffentliche.
Alan ist der Betreiber von Traktortips.com, wo er unter anderem Online-Kurse anbietet, aber auch sehr gute Artikel wie diesen schreibt, in denen er seine geradezu spirituelle Sicht aufs DJing darlegt.

Es wird viel darüber geredet und geschrieben, welches Equipment das richtige ist und welches man unbedingt braucht, um der nächste heisse Scheiss nach Paris Hilton zu werden. Sorry, das war natürlich ein Scherz. Aber mal im Ernst: Es ist extrem wichtig zu verstehen, warum es so wichtig für DJs ist, flexibel zu bleiben und nicht zu eng auf ein bestimmtes Setup zu fokussieren. Lasst mich erklären, warum das so ist.

Warum ich unabhängig bin

Vorweg: Ich werde von niemandem dafür bezahlt, traktorbezogene Tipps zu veröffentlichen. Ich verdiene kein Geld an Verkäufen von Equipment bis auf eine Handvoll Affiliate Links auf meinen Blog, die bisher nicht ein Mal den Gegenwert eines belegten Brötchens eingebracht haben. Traktortips.com generiert ein wenig Einkommen über meine Onlinekurse. Ein kleines Taschengeld, das meine Liebe zum DJing finanziert und mich ermutigt, die Leser meines Blogs mit mehr Inhalt zu versorgen.

Das ist der Grund dafür, dass ich meine Unabhängigkeit bewahren kann und unabhängig von einem Equipmenthersteller diesen Beitrag schreibe. Meine Ratschläge basieren nur auf meiner eigenen Erfahrung, die ich in 20 Jahren DJ-Dasein gemacht habe.

Das Equipment im Lauf der Jahre

Wie schon erwähnt, währt meine Leidenschaft fürs Auflegen seit vielen Jahren während derer ich das Privileg genossen habe in verschiedensten Locations auf ganz unterschiedlichem Equipment in den unterschiedlichsten Qualitätsstufen zu spielen.

Bevor das Internet uns alle trennte (ironischerweise war es eigentlich dazu gedacht, uns zu verbinden), hingen DJ-Cliquen zusammen ab, schmissen Parties und schleppten dafür ihr Equipment von einer Location zur nächsten. In einer Woche waren Plattenspieler am Start, in der nächsten CDJs, bei anderen Gelegenheiten gab es Ableton und MIDI-Controller.

Wolltest du mit deinen Kumpels spielen, musstest du mit dem Equipment auskommen, das vor Ort vorhanden war. Ansonsten blieb dir nichts anderes übrig, als herumzusitzen und den Hobbit-Tabak weiterzureichen während die Gespräche immer konfuser wurden. Gott sei Dank war ich immer scharf darauf, zu spielen und zu lernen. Unabhängig davon, ob meine Mixe die Ohren meiner Kumpels zum Bluten brachten.

Das ermöglichte mir, das DJing auf jedem Equipment zu lernen.

Während die Setups kamen und gingen, blieben die erlernten Skills. Es ist ein bisschen wie Fahrradfahren. Zuerst fühlt es sich etwas wackelig an, wenn du nach Jahren wieder aufsteigst, aber die Schlangenlinien hören ganz schnell auf. Genauso schnell sind deine Mixe wieder tight.

Flexibilität = Spaß

Um meine Message rüberzubringen, muss ich kurz eine Geschichte erzählen. Keine Angst, ich komme schnell zum Punkt.

Neulich wurde ich gefragt, ob ich das Intro auf einer Halloween-Party spielen würde. Ich war hingerissen und ziemlich scharf darauf, den Gig zu spielen. Es gab allerdings ein Problem: Ich würde vor der Party unterwegs sein und der Umstand, dass ich kein Auto besitze, würde den Transport meines Equipments stark erschweren. Einen Rucksack mit Rechner und Controller herumzuschleppen kann ziemlich nerven wenn man mit Freunden um die Häuser zieht. Ganz besonders, wenn man als Zauberer verkleidet ist.

Traktortips-Wizard

Das auf der Party vorhandene Setup sollten Plattenspieler und Serato sein. „Was soll’s?“ dachte ich mir, zog ein paar Tunes auf einen USB-Stick, legte mir den Kopfhörer um den Nacken und zog los.

Als ich ankam begrüßten mich drei der bekanntesten DJs der Stadt und eine leere Tanzfläche.

In Nordamerika ist es üblich, die Turntables hochkant (Scratch Style) aufzustellen. Das musste ich unbedingt ändern.
Schnell die Plattenspieler um 90 Grad gedreht, meinen USB-Stick angeschlossen und den Kopfhörer angestöpselt. Danach noch kurz einen Blick auf den Mixer geworfen: CUE-Taster, EQs und Crossfaderkurve gecheckt und ich war bereit.

Mein erster Track zog bereits zwei Tänzer auf den Floor und nach ein paar mittelmäßigen Übergängen fühlte ich mich wieder zu Hause und die Tanzfläche begann sich zu füllen. Die Mixe wurden tight und es kümmerte mich nicht, dass mich das ungewohnte Serato auf dem Bildschirm anstarrte, denn ich sah nur hin, um den nächsten Tune auszuwählen.

Am Ende des Sets hatte ich einen vollen Floor und selbst die Beiden, die vom ersten Tune an dabei waren, blieben bis zum Schluss auf der Tanzfläche.

Weil ich so flexibel bin, dass ich verschiedene Setups nutzen kann, konnte ich mein Set durch und durch genießen und hatte sehr viel Freude daran, den Gästen einen gute Zeit zu bescheren. Das ist der Grund, warum ich auflege: Um Andere glücklich zu machen. Wenn wir die Dinge loslassen können, an die uns unser Ego, unsere Wünsche und Begierden fesseln und stattdessen als Medium wirken um unsere musikalische Inspiration an andere durchzuleiten, können wir uns mit etwas verbinden, das wesentlich größer ist, als die benutzte Technik. Man muss durch das Equipment hindurchsehen um das Ziel zu sehen: Tanzende Menschen.

Ist das Equipment wichtig?

Ja und nein.

Wenn du viel zu Hause spielst, ist es wichtig, das Equipment zu nutzen, das dir den meisten Spaß bringt. Das ist wie mit der Couch. Wenn du viel Zeit darauf verbringst, sollte sie bequem sein. Aber letztendlich erfüllen alle Couchen ihren Zweck. Die Entscheidung für das spezifische Modell ist völlig individuell und hängt nur von deinen Vorlieben ab. Wann hast du das letzte Mal jemanden gefragt, welche Art Couch er bevorzugt?

Das Beispiel passt für dein DJ-Setup ganz genauso. Wen interessiert es, was jemand anderes benutzt? Kauf, was du willst, nutze, was dir am besten in den Kram passt!

Ich empfehle, mit anderen DJs abzuhängen. Sieh sie nicht als Konkurrenz. Wir sind hier, um uns gegenseitig zu helfen.

Teile dein Equipment. Tausche dein Setup für eine Woche oder zwei mit jemandem. Lern dazu, aber zieh nicht gleich los und kaufe den Kram, um die Gier zu stillen und dem Kapitalismus zu frönen. Das ist wie Carsharing. Teilen ist gut. Es spart Geld und Energie, rettet den Planeten und hilft, eine Community aufzubauen.

Sei offen, andere Marken als die übliche zu nutzen. Du musst das Zeug nicht besitzen, aber habe auch keine Angst davor. Wir sollten versuchen, Dinge zusammenzubringen und weniger Trennendes zulassen. Wenn wir eine „die“-und-„wir“-Mentalität zulassen, bringen wir die Balance durcheinander und schaffen Leiden anstatt Leichtigkeit.

Ich würde vorschlagen, zu lernen mit Plattenspielern, CDJs, Traktor und Serato aufzulegen. Das sind die 4 aktuellen Standards und es kann extrem hilfreich sein, zwischen diesen wechseln zu können. Wenn du nur Automatik fahren kannst, wirst du dir nie das Auto mit Schaltgetriebe deines Kumpels ausleihen können.

Indem du anderes Equipment ausprobierst, schaffst du dir neue Skills drauf und verbesserst dein Können in Richtung dessen, was man einen „Real-DJ“ nennen könnte.

Real DJing

Ja, wir alle haben diesen Unsinn vom #realdj gehört und wir werden alle unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was das ist. Nur weil DJ Craze scratchen kann, ist er noch lange nicht in der Lage, ein smoothes Deep-House-Set zu spielen. (Vielleicht kann er das, aber wen interessiert das?)
Er wird uns einfach nur so verkauft.

Die Frage, die wir uns stattdessen stellen sollten, lautet:
Was macht einen echten Menschen aus?

Wenn wir das verinnerlicht haben, können wir anfangen, von unserer egozentrischen trennenden Art wegzukommen. Und von dem was ich „brutales Marketing“ nennen würde.

Lass dich nicht von Unternehmen drangsalieren, mehr Kram zu kaufen, weil du sonst kein „Real DJ“ sein kannst.

Scheiss auf sie!

Es ist genau das gleiche Prinzip, das auch hinter Werbung für Kosmetik oder Diäten steckt. Sie wollen, das du dich minderwertig fühlst. Damit du Zeug kaufst, dass dafür sorgen soll, dass du dich besser fühlst. Du wirst dich nie besser fühlen, denn sie werden nicht damit aufhören, dir zu erzählen, dass du ohne Produkt X wertlos bist.

Bleib flexibel!

Also zurück zum Thema:

Vergiss Markentreue. Sei loyal zu dir selbst und folge deiner Liebe zum Auflegen ohne dich zu sehr auf dein Equipment zu konzentrieren. Sei flexibel, erlaube dir die Freiheit, neues zu entdecken ohne den Zwang Dinge zu kaufen und anzuhäufen.

Setze dir Ziele basierend auf dem, was dir selbst wichtig ist und lass dann die Dinge laufen. Offen dafür zu sein, ganz verschiedenes Equipment zu nutzen, eröffnet dir die Möglichkeit, mehr Gigs zu spielen und wird dir das Selbstvertrauen geben, auf jedem Setup und bei jeder Gelegenheit aufzulegen.

Behalte die Erinnerung im Herzen, wie es sich anfühlt eine Tanzfläche voll tanzender und lächelnder Menschen zu haben. Nicht ein einziger davon hat jemals seinen Kopf in die DJ-Kanzel gesteckt, um zu sehen, welches Setup ich nutze. Es ist ihnen egal.

Und jetzt, geh üben und rock den Floor!

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