„Ich bin wütend, weil diese Menschen sagen, der Islam braucht eine Reform“

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„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Wir wissen, wohin dieser Satz geführt hat. Heute, knapp 55 Jahre nach diesem Satz, ist vieles anders und doch auch wieder nicht. Die Mauer ist weg und das ist auch gut so! Dennoch bleibt eine mentale Spaltung in der Gesellschaft. Der schreckliche und feige Anschlag auf „Charlie Hebdo“ erschüttert viele und hält in ihrem Nachbeben genug Zündstoff für zahlreiche Diskussionen bereit. Die Motivation einer solchen Tat ist nicht nachvollziehbar und die Tatsache, dass diese Schlächter mit einem „Allah o Akbar“ das Feuer eröffneten umso trauriger.
Ich habe mit Journalist Hakan Tanriverdi im Chat gesprochen.

 

Hakan
Hakan ist Autor, Journalist und praktizierender Muslime. Er lebt den Islam nach seinem Ermessen und Möglichkeiten.

Niloufar: Das was vorgestern passiert ist, ist nicht in Worte zu fassen. Und gerade jetzt, wo wir in Deutschland über PEGIDA sprechen, passiert so eine Tat. Ist daran der Islam schuld?

Hakan: Der Verweis auf Pegida impliziert ein bisschen, dass es einen „besseren“ Zeitpunkt gegeben hätte. Von daher: Ich würde das absolut davon trennen. Wahnsinnige brauchen keine Gründe, sie erfinden sie notfalls. Die Frage, ob der Islam schuld ist: Es wird bei solchen Terrorattacken stets betont, dass die Attentäter einen winzig kleinen Teil der Gläubigen an sich ausmachen. Ich finde, das ist ein wichtiger Hinweis. Aber das als Antwort allein stellt mich nicht zufrieden, stelle ich immer mehr fest.

Niloufar: Das kling als gäbe es da was anderes, worüber du dir Gedanken machst…

Hakan: Ich habe da jedenfalls noch keine festgelegte Meinung in diesem Punkt, aber: Es ist sehr einfach zu sagen, wir, aus muslimischer Perspektive gesprochen, haben damit nichts zu tun. Diese Menschen beziehen sich auf die gleiche Lehre, das gleiche Buch und kommen zu komplett anderen Ergebnissen. Und ja, ich habe gerade eben gesagt, dass sich Fanatiker ihre Weltsicht zurechtreden, das gilt auch in diesem Fall. Trotzdem sind in den vergangenen Jahren so viele Terrorangriffe passiert, dass ich mich frage, ob es ausreicht, diese Distanzierung zu ziehen. Nach der ganzen Debatte um den Islamischen Staat und den Enthauptungen haben Imame während der Freitagsgebete angefangen, diese Taten öffentlich zu verurteilen (so wie überhaupt die Art dieser Verurteilungen stark zugenommen hat). Das fühlt sich gut an. Das heißt nicht, dass ich finde, Muslime müssten sich für Terrorattacken entschuldigen. Es heißt aber sehr wohl, dass ich mich freue, wenn sie sich davon distanzieren. Sich da festzulegen, finde ich inhaltlich schwierig.

Distanzierung zu fordern heißt ja auch immer, den anderen zu unterstellen, dass sie es gut finden, wenn Menschen ermordet werden. Das ist eine Unverschämtheit. Von sich aus zu sagen: Wir leiden mit euch, das ist eine andere Qualität. Es ist keine Distanzierung, in dem Sinne, sondern kollektive Trauer. Vielleicht trifft es das ganz gut. ob es ausreicht, diese Distanzierung zu ziehen. -> sich davon abzugrenzen, so zu tun, als ob das einen nicht betrifft. Meinte ich.

Niloufar: Du redest davon, dass sie sich öffentlich von diesen Taten abgrenzen und dabei sollte dies nicht geschehen, weil es erwartet wird, sondern weil es von innen kommt?

Hakan: Ich glaube nicht, dass jemand diese Angriffe sehen kann und davon unberührt bleibt. Journalisten wie Nick Kristof haben das ja auch wunderbar beschrieben. Auch meine Timeline ist voll gewesen mit Menschen, offensichtlich Muslime, die in klaren, einfachen Worten gesagt haben: Fuck. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber diese Sichtbarkeit darüber, wie sehr solche Angriffe in muslimischen Communities beredet werden, ist wichtig.

Niloufar: Wie es aussieht, steht Merkel für eine plurale Gesellschaft. Ist das aufgesetzt? Es gibt Menschen, die behaupten könnten „Die hat doch nur Angst“.

Hakan: Ich glaube, Angela Merkel hat in den vergangenen Tagen, auch mit ihrer Pegida-Rede, sehr eindrucksvoll geklärt, wie sie zu diesen Dingen steht. Ich nehme sie auf jeden Fall erst einmal bei ihrem Wort. Sie hat ja bereits 2012 gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Daher wirkt das konsistent auf mich.

Niloufar: Daher vielleicht der Frust einer rechten (im Sinne von konservativ) Gruppe, die nun fordert sich vom Islam zu distanzieren?

Hakan: Erst gestern kam eine Studie raus, die belegt, dass Deutschland immer islamfeindlicher wird. Das Klima in Deutschland, in Europa allgemein, ist derzeit schon so, dass ich es als islamfeindlich bezeichnen würde.

Niloufar:  Viele sehen ihre Werte durch DEN ISLAM bedroht. Gibt es eigentlich DEN ISLAM? Und heute hattest du davon gesprochen, dass du wütend wirst, weil viele davon sprechen, der Islam müsse sich ändern…

Hakan: Den Islam gibt es nicht. Das ist ja das Problem daran. Du kannst Hunderte Millionen Menschen haben, die chillen. 30 000 Freaks reichen aus. Nennen sich Moslems. Beten auch. Ich bin nicht wütend, weil Leute sagen, der Islam müsse sich ändern. Natürlich muss er sich das. Natürlich tut er das – nonstop. Ich habe mit einer Biologin gesprochen, die mir gesagt hat, ich sehe, dass ich die Evolution wissenschaftlich nicht widerlegen kann – sie ist ein Fakt. Also stimmt was in unserer Auslegung des Korans nicht. Ich bin wütend, weil diese Menschen sagen, der Islam braucht eine Reform. Das setzt Christentum und Islam in eine Art Wettbewerb – und setzt „Meilensteine“ voraus, die man passieren muss. Das ist absoluter Quatsch.

Niloufar: Kann gerade nur grinsen. Ist nämlich sehr treffend. Kampf der Werte sozusagen. Der eine beansprucht die Deutungshoheit über eine Entwicklung, wo es hinzugehen hat und der andere fühlt sich missverstanden und unterdrückt. Dabei ist aus Europa längst Eurasien geworden und das nicht erst seit gestern.

Ich danke dir Hakan für dieses tolle Gespräch und deine Zeit!

Hakan: Sehr gerne.

 

Hakan hat im Gemeinschaftsblog @kleiner_3 (danke an @marthadear für den Hinweis)  heute einen Beitrag veröffentlicht, der seine Sicht als Journalist und Muslim nach dieser Tat darstellt:

„Gleich bei der ersten Eilmeldung („Schießerei in Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘: Elf Tote und vier Schwerverletzte bei Angriff auf Satirezeitung in Paris“) musste ich an den Comedian Maz Jobrani und seinen TED-Talk denken (ab 5:20). „Als dieser eine weiße Typ mit einem Flugzeug in das Gebäude geflogen ist“, sagte er 2010, „ich weiß, dass alle meine Freunde aus dem Mittleren Osten und alle meine muslimischen Freunde, die in den USA leben und das im Fernsehen gesehen haben, dachten: ‚Bitte komm‘ nicht aus dem Mittleren Osten! Bitte heiß’ nicht Hasan! Bitte heiß’ nicht Hüseyin! Und dann wurde der Name genannt – JACK! – und ich brüllte: ‚WOOOO!’ Das ist keiner von uns!“

Ich sitze also in der Redaktion von Süddeutsche.de und hoffe, dass das auch so ein Jack-Moment wird. Ich weiß natürlich, dass ich falsch liege. Wissen im Sinne von: es wird keine Überraschung sein – weder für mich, noch sonst für irgendjemanden. Es sind welche von ‚uns‘.“
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4 Kommentare

  1. Könnte man dann die Salafisten, der dschihadistischen Ideologie europäischer Prägung als terroristische Vereinigung bezeichnen?

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