Berlin: karnevalsarm und sehr unsexy

1

Ich erinnere mich noch gut an den ersten Karneval vor 19 Jahren… Damals war ich gerade weg von Berlin, zum Studieren, in einen eher überschaubaren Ort (Einwohnerzahl gefühlte 500, aber in Wirklichkeit 30.000) und genoss daher jede City-Auszeit, die ich kriegen konnte.

Utopie ist machbar, Herr Nachbar!

Der Karneval, das waren und sind drei Tage Idealzustand. Nennt es von mir aus Utopie, aber an diesen drei Tagen findet – im Kleinen, okay – statt, wovon wir alle träumen, auch wenn viele das aus Angst für naiv gehalten zu werden nicht zugeben: Menschen von überall her feiern das Leben gemeinsam. Mit Musik, Essen, Tanzen, ein bisschen Alkohol. Mit dem fast schon obligatorischen Pfingst-Regenguss, auch wenn dieser in den letzten drei Jahren ausblieb. An diesen drei Tagen ist es de facto schietegal, was für eine Farbe deine Haut hat, welcher Religion dein Onkel frönt oder wo deine Mudda geboren wurde und welche Sprache dein Bruder spricht. Juckt absolut niemanden. Wildfremde Menschen mit bunt bemalten Gesichtern fallen sich in die Arme und bestreuen sich gegenseitig mit Glitter, geben von ihrem Essen ab und teilen bereitwillig auch die Caipi, nehmen dich spontan mit auf eine Party in einem Club und am Ende kommst du mit einer Blumenkette um den Hals und zwanzig neuen Freunden nach Hause, die du vor 24 Stunden noch nicht kanntest.

Der Karneval der Kulturen ist beispielhaft.
Und jetzt soll er – vielleicht – nicht stattfinden.

Can’t buy me kulturelle Vielfalt

Grund ist mal wieder das liebe Geld, obwohl das keiner zugeben will. Nachdem 2014 1,3 Millionen Besucher zum Karneval kamen, bedürfe es jetzt einem ausgefeilten Sicherheitskonzept, so der Berliner Senat. Die 380.000 Öro, die hierzu von Nöten wären, will aber keiner ausgeben, bzw. dachte der Senat lange (denn dass das Geld gebraucht wird, ist nicht erst seit gestern klar) die Werkstatt der Kulturen, die wuppt das schon. Die Werkstatt wuppt das aber nicht, kann das gar nicht wuppen; ist als Veranstalter also leider raus, weil sie es sich schlicht nicht leisten kann. Dafür kann sie allerdings nichts, das ist halt so. Ich hab selber mal mitgemacht und im Jahr 2007 mit ein paar Freunden das Baskenland repräsentiert, von daher weiß ich aus erster Hand, dass es nicht am fehlenden Engagement der drei Werkstatt-Ladies liegt (jawohl – es sind im Großen und Ganzen drei Frauen gewesen, die das Karneval-Ding in den letzten Jahren gestemmt haben, nur mal so am Rande).

Lieber Senat! Ihr seid keine brasilianischen Sambatänzerinnen! Also schmückt Euch nicht mit fremden Federn!

Wer gepennt hat, war der Senat, der sich die letzten neunzehn Jahre schlicht nicht gekümmert hat. Für die war der Karneval ein Selbstläufer und gleichzeitig ein Touristenmagnet. Klar hat er die Veranstaltung auch ein bisschen bezuschusst (zum Schluss waren das 250.000 €, was nicht eben soviel ist für eine Veranstaltung dieser Größe), aber streng genommen war es für den Senat eine ziemlich bequeme Angelegenheit, die hauptsächlich vom Engagement der Veranstalter und der Teilnehmer getragen wurde. Den Image-Boost (denn welche Stadt steht heutzutage nicht gern für Internationalität und Weltoffenheit?) schrieb sich Wowi-Mäusjen aber auf die eigene Fahne, wenn er dann beim Umzug auf der Ehren-Tribüne saß. Ja nee, is klar. Bla bla bla. Raed Saleh (SPD-Fraktionsvorsitzender) hat es recht treffend formuliert: Es reicht nicht, dass Berlin zeigt, dass es Lust auf Multikulti hat – es muss auch mal was dafür tun.
Ein bisschen was können wir auch tun: Diese Petition unterschreiben. Damit die Politik sich endlich auch mal kümmert und nicht nur das Prestige genießt, um das sich andere verdient gemacht haben.

Vor sechs Jahren haben sie Radio Multikulti plattgemacht. Jetzt soll der Karneval sterben? F*#%ing seriously?!
Andere Städte gehen mit gutem Beispiel voran. Nicht so Berlin.
Gerade jetzt in Zeiten von Pegida/Legida und der ganzen anderen reaktionär-rechten Kackscheiße sollte der Senat mal aufstehen. Ein Zeichen setzen.
Berlin muss bunt bleiben. Ein graues Berlin ohne kulturellen Karneval wäre verdammt unsexy.


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

1 KOMMENTAR

  1. So sehr ich den Karneval wahrscheinlich auch vermissen würde (und so sehr mir troz SPD-Mitgliedschaft Wowi schon lange auf die Nüsse ging), befürchte ich, daß – so wie der Karneval sich die letzten Jahre auf der Gneisenau entwickelt hat – es sich kein Stadtrat leisten kann und leisten wird, hinsichtlich der Sicherheit (und Finanzen) irgendetwas zu riskieren. Sozialromantik und Touristeneinnahmen hin oder her. Das ganze errinnert mich stark an die Love Parade. Und so wurden es auch beim Karneval immer mehr Menschen und am Schluss ist es eben keine süße Subkultur mehr, sondern bitterer Komerz. Neu-Berlin halt. Mit easyjet billig hin, saufen, fressen, Party und tschüss. Da profitieren ‘ne Menge Leute gar nicht so sehr, wie es immer den Anschein macht. Im Gegenteil. Und einer muss es halt bezahlen, aber die Stadt ist pleite. Mal ganz abgesehen von dem Geschrei, welches losgehen würde, wenn sicherheitstechnisch tatsächlich etwas schief gehen sollte.
    Der Senat wird es schon bezahlen, wenn es sich für die Stadt in irgendeiner Form rechnet, und wenn nich, jut, pech. Berlin erfindet sich stetig neu, heisst es doch immer. Auch und offensichtlich gerade wegen der oft dummen Politik in dieser Stadt. Wir haben ernstere Probleme im Wedding und in Neukölln, als den Titelverlust coolste Partyhauptstadt Europas zu sein. Vielleicht normalisiert sich dann auch wieder dieses ganze anstrengende (völlig uncoole) Hippstergedöns….

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.