PONO – Der heiße Shice für HiFi-Esoteriker mit viel zu viel Geld

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Im Unterschied zum Hauptkonkurrenten iTunes, werden via Pono hochaufgelöste und vor allem unkomprimierte Audiofiles verkauft. Weil Qualität, versteht sich. Und natürlich wegen der eckigen Wellenformen, der klassischen Lüge schlechthin, wenn es um Musik und Digitaltechnik geht.
Das ist wirklich ganz großer Deppenfang. Der Player kostet lockere 400 $ und hat angeblich voll total edle Komponenten eingebaut, die die Musik bestimmt gleich viel “luftiger” klingen lassen. Anstatt “luftiger” könnt ihr an dieser Stelle auch ein anderes, der vielen tollen Bullshit-Adverbien einsetzen, die unter Hifi-Esoterikern so üblich sind. Wichtig ist nur, dass sie mit keinem objektiv messbaren Kriterium verknüpfbar sind. “Offen” ist zum Beispiel auch so ein nichtsagender Shit-Hifi-Fans-Say. Außer natürlich, ihr hört Streichermusik. Streicher müssen -so will es das Gesetz- immer und auf jeden Fall “seidig” klingen.

Wer “seidig” klingende Streicher mag, wird PONO lieben

OK, und was ist jetzt so schlimm daran, einen Audioplayer so zu bauen, dass er möglichst gut klingt? Im Prinzip nichts. Das kann man schon machen. Ob es etwas bringt, ist allerdings eine ganz andere Frage, denn der Klangqualität-Flaschenhals beim mobilen Hören ist sicher nicht der Player. Es ist ungefähr drölfzig Mal sinnvoller, das Geld in einen besseren Kopfhörer zu stecken. Ausserdem könnte man sich die Frage stellen, ob mobiler Musikgenuss wirklich die richtige Gelegenheit ist, seinen Hifi-Fetisch auszuleben. Das Quietschen der U2 zum Beispiel ist dem ungestörten High-End-Genuß doch eher abträglich, wenn man mich fragt. OK, bisher haben wir einen massiv überteuerten Musikplayer im Format eines Mini-Toblerone. Denn nur wenn das Ding in der Hosentasche richtig nervt, wird man die ganze Zeit daran erinnert, wie toll der Klang ist. Echt jetzt!

Neil Young, Handlungsreisender in Sachen HiFi-Esoterik
Neil Young, Handlungsreisender in Sachen HiFi-Esoterik

Wer braucht hochaufgelöste Files?

Aber das ist noch lange nicht der Gipfel. Richtig geil wird es, wenn man sich den zugehörigen Shop ansieht. Dort gibt es unkomprimierte und hochaufgelöste Files zu kaufen. Prinzipiell ist die Idee, unkomprimierte Musik zu verkaufen eine sehr gute. MP3 wurde erfunden, weil Speicherplatz und Bandbreite teuer waren. Angesichts heutiger Speicherkapazitäten könnten wir schon lange auf MP3, AAC und Co verzichten und auf WAV bzw. AIFF oder FLAC zu setzen. Hochaufgelöste Files werden z.B. mit einer Abtastrate von 192kHz und einer Bitrate von 24 Bit ausgeliefert. Im Gegensatz zur CD, die auf 44.1 kHz bei 16 Bit kommt.
Ganz extrem kurze Kurzfassung: Die Zahl mit den kHz hintendran beeinflusst die höchste darstellbare Frequenz und die Zahl vor den Bits die maximal darstellbare Dynamik. Bei beiden Werten ist es vollkommener Unsinn, die CD-Spezifikationen zu übertreffen, denn diese wurden den biologischen Grenzen des menschlichen Gehörs ausgerichtet. (Stichwort: Nyquist-Shannon-Abtasttheorem) Wir sind keine Fledermäuse und schon der Dynamikbereich, der auf eine CD passt, ist um Größenordnungen mehr, als unterwegs irgendeinen Sinn ergeben würde. Es gibt, ganz im Gegenteil, sogar Stimmen (und zwar die von Toningenieuren), die sagen, dass Musik, die mit höherer Auflösung aufgenommen wurde, als das menschliche Ohr überhaupt darstellen kann, sich negativ auf den Klang auswirken können.
Sind so hoch aufgelöste Files für Musik überhaupt sinnvoll? Kommt darauf an. Zum reinen Musikgenuss, sind sie überflüssig, verbrauchen jede Menge Speicherplatz (Wesentlich mehr als zum Beispiel WAV. Von MP3 gar nicht zu sprechen.), evtl wirken sie sich sogar nachteilig aus. Im Studiobetrieb und wenn man die Musik noch bearbeiten möchte, ergeben HQ-Musikformate absolut einen Sinn. Das ist in etwas so, wie bei Grafikformaten. Zum ansehen und auf Facebook teilen, sind JPGs allemal gut genug. Für Bildbearbeitung, Auschnitte usw. sollten es schon unkomprimierte Formate sein.

Im PONO-Store gibt es die Lichtnahrung unter den Fileformaten

Was finden wir denn überhaupt im Pono-Store? Natürlich jede Menge Classic Rock, wie ihn Neil Youngs Zielgruppe lieben dürfte. Aber auch richtige Schmankerl wie zum Beispiel das hier: Für lockere 43 $ kann man dort The Whos “Quadrophenia” erwerben. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Dreiundvierzig amerikanische Dollar, um ein Album, das ungefähr jeder Rockliebhaber eh schon zu Hause stehen hat, noch ein Mal in einer angeblichen Audioqualität zu kaufen, die die damalige Aufnahmetechnik meilenweit übertrifft. Das ist nicht mehr dreist, das ist auch keine Abzocke mehr. Das ist die Manifestation genau der gleichen Mischung aus krimineller Energie und menschenverachtender Geschäftstüchtigkeit, die man sonst eher bei den Verkäufern von Heilsteinen oder Lichtnahrung findet.

Das Schöne an Esoterik ist ja, dass sie in aller Regel einer kritischen Überprüfung nicht standhält. David Pogue hat ein paar Menschen eingeladen, an einem ganz simplen Vergleichstest zwischen einem iPod mit im iTunes-Store gekaufter Musik und der Ponovariante teilzunehmen. Das Ergebnis: KEINER der Probanden fand Pono besser, die meisten hörten sowieso keine Unterschiede, einige bevorzugten ganz klar den iPod. Muhahaha!

Fazit

Also nochmal zusammengefasst: Eine der erfolgreichsten Kickstarterkampagnen aller Zeiten, sammelte mit der Hilfe einer Menge Rockopas genug Geld zusammen, um ein vollkommen überteuertes System aus potthässlichem Audioplayer und einem Download-Shop mit Wucherpreisen an den Start zu bringen, der Files verkauft, deren klangliche Vorteile maximal von Fledermäusen gehört werden können. Initiator und Gallionsfigur des Ganzen ist ein 70jähriger Mann, der seine gesamte Musikerkarriere in unmittelbarer Nachbarschaft von weit in den verzerrenden Bereich aufgerissenen Gitarrenverstärkern verbracht hat, weswegen sein Gehör noch schlechter sein dürfte, als das bei Menschen in seinem Alter sowieso schon ist. Dazu fällt mir echt nix mehr ein.
Ausser vielleicht der Hinweis, dass “Pono” hawaiianisch ist und “Gerechtigkeit” heisst.


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9 KOMMENTARE

  1. Oha… da ist Euch ein kleiner Fehler unterlaufen!
    192 kHz ist die “Abtastrate”.
    Was bedeutet, dass ein Sinuston mit einer Frequenz von 20kHz in etwa in 9 Datenpunkte aufgeteilt wird! Bei einer Abtastrate von 44,1 kHz sind das nur etwa zwei.
    Und rein mathematisch lässt sich ein Sinus mit 2 Punkten nicht beschreiben.
    Fazit: Ein 20 kHz Sinus ist mit einer solch geringen Abtastrate nicht fehlerfrei darstellbar.

    • @MaTiZ: Danke für den Hinweis. Ich habe den Text um das Wort “Abtastrate” ergänzt. Du hast recht, das war missverständlich formuliert. Ausserdem habe ich einen Link zum Nyquist-Shannon-Abtasttheorem gesetzt. Soweit ich das verstehe, besagt es, dass man eben doch alle Frequenzen bis zu 20 kHz sauber darstellen kann, wenn man mit der doppelten Frequenz abtastet. Aber selbst, wenn man das nicht könnte, wäre es egal. Denn bei 20 kHz können (insbesondere, wenn man alles darüber herausfiltert und das tut Digitaltechnik.) nur noch reine Sinusschwingungen auftreten. (Jede andere Form hätte ja Obertöne oberhalb von 20kHz). Also muss man eine 20kHz-Schwingung gar nicht sauber beschreiben. Es reicht vollkommen, zu wissen, dass da überhaupt etwas ist und wieviel Pegel es haben soll.
      Und mal ehrlich: Zwischen 10 und 20 kHz liegt nur eine Oktave und zwar die unwichtigste von allen.

  2. Ich habe damals bei der Kickstarterkampagne den Kopf geschüttelt und auf meinen Cowon Player geschaut… Flac und gute Audioqualität? Habe ich schon lange! Dafür das 4fache zahlen? Warum? Lieber erst mal umsehen: Es gibt doch schon alles. Ach so, ja stimmt: 192Khz Abtastrate kann auch der Cowon nicht. Brauch ich nicht. Hör ich nicht.

    Servus,
    Markus

  3. […] wenn man weiß, dass in einem simplen Vergleichstest mit einem iPod KEINE der Testpersonen der Lichtnahrung unter den Audioplayern den Vorrang gab und die meisten gar keine Unterschiede hörten. Die -wenigen- Hörer, die […]

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