Interview mit Audio88 & Yassin – Konsens ist Nonsens

4
BILD: AUDIO88 & YASSIN 2 Credit: Robert Winter
BILD: AUDIO88 & YASSIN 2 Credit: Robert Winter

Rückblende: 2010 haben Audio88 und Yassin mit “Zwei Herrengedeck, bitte” noch Stammtischmusik gemacht. Gute Stammtischmusik, von einem Stammtisch, an dem man selbst gerne teilgenommen hätte. Heißt: Alles was man eben ab der siebten Runde bespricht und Aufregerqualitäten hatte wurde auf Platte gepresst. Die Spaßgesellschaft war schon immer ein ernstes Problem: Konsum, Nazis, Hypes. Eine Platte voller Feindbilder, aber auch voller weingeistiger Wahrheiten, du Spast. Der Kater danach kam, aber diese Stadt hatte mehr Alkoholvorräte als Katzen. 2015 ist das Glas zwar immer noch gerne mal voll, aber es gibt neue Themen. Man wird ja nicht jünger.

Audio88: Ganz ehrlich: Ich trinke nicht mehr so viel. Außerdem hatten wir das Gefühl zu dem Themengebiet Alkohol, in all seinen Facetten, alles gesagt zu haben. Und das Themengebiet an sich hat jetzt auch nicht wirklich Neues hervorgebracht.

Yassin: Alkohol war früher schon auch ein verbindendes Element zwischen uns. Wir kannten uns noch nicht so gut, da hat der Alkohol ein geselliges Vertrauen simuliert. Mittlerweile haben wir ein festes Urvertrauen zueinander, da braucht es jetzt kein Herrengedeck mehr.

Ihr habt also keine Geheimnisse mehr voreinander?

Yassin: Wer sich über Jahre Hotelzimmer teilt, der hat keine Geheimnisse mehr voreinander.

Audio88: Das ist ja auch eine Rückversicherung für uns beide. Wir sammeln einfach nur alle Informationen für diesen einen, klärenden Disstrack unserer Karriere.

Eure erste Single,“Der Mann im Mond”, richtet sich an rappende Bonzenkinder mit Instagram-Followerschar und schönen Jacken. Wieso habt ihr dieses Thema als erstes Lebenszeichen gewählt?

Yassin: Es geht ja weniger um eine ästhetische Debatte, sondern um Verhältnismäßigkeit. Wenn Drake oder Lil’ Wayne diesen Lifestyle zelebrieren und darstellen, dann kann ich da eine Legitimation erkennen. Weil sie immer noch etwas zusätzlich anbieten: Unterhaltung, Kritik, was auch immer. Es wird für mich kritisch, wenn Humor oder Selbstkritik dabei ausbleibt.

Aber dieser Glitzer-Hedonismus findet nunmal statt. Da ist es nur logisch, dass es musikalische Repräsentanten davon gibt.

Audio88: Ich weiß, aber ich habe nunmal ein Problem mit oberflächlichen Lifestyles. Allein das Aufladen von Konsumgütern mit Emotionen: Schuhe, die dir die Welt bedeuten? Wirklich? Das ist Scheiße.

Es ist ja so: Hinter jeder schönen Fassade steckt Mörtel und Zement. Unansehnlich, aber fundamental. Audio88 und Yassin haben nichts gegen gekonnte Oberflächen. Beide haben eine Vergangenheit bis Gegenwart in zeitgenössischen Werbeagenturen. Man kann ein Handwerk, welches zu doofen Ergebnissen führt, ja auch anders und besser einsetzen. Allein die visuelle Strategie hinter “Normaler Samt” kontrastiert gekonnt die Codes der Großstadtästhetik. Ballonseide. Viel Samt. Tote Tiere an der Wand. Zitate aus Twittergold. Sie sind ja nicht blind, sie wissen was da draußen passiert. Aber deshalb muss man es ja nicht gut finden.

Bei den geschätzten Kollegen von All Good hat Jan Wehn neulich eine Wunschliste erstellt. Er wünscht sich für 2015 weniger Menschen, die alles gut finden. Einen Punkt hat er ja: In den letzten Jahren fand sich Deutschrap selbst sehr gut. Alle waren lieb zueinander. Ich betrachte das ja als Fortschritt. Und Ihr?

Yassin: Ich kenne diesen inneren Konflikt gut, er wird auch tatsächlich auf dem Album behandelt. Was tun, wenn du die Musik von jemandem scheiße findest und der Kerl ist aber eigentlich nett? Aber da ist ja schon das erste Problem: Nett sind sie alle! Aber dadurch geht das Problem ja nicht weg.

Dissens muss man aushalten. Konsens aber auch. Schwer für Euch?

Yassin: Nimm doch mal den Backstagebereich vom Splash. Natürlich ist es mittlerweile viel besser, weil man sich nicht mehr in die Ecke stellt, böse kuckt und mit niemandem redet. Das freut mich. Aber wenn man auf anderen Veranstaltungen mit sog. Hip Hop-Größen in Kontakt kommt, und die sich dann privat auch noch wie Arschlöcher benehmen, dann muss ich das aussprechen können. Und da bin ich dann froh, dass wir Rap machen und ich nicht, wie beim Echo, den Arschlöchern auch noch die Hand schütteln müssen.

Audio88: Genau. Wir sagen einfach ‘Du bist ein Arschloch’ und bringen das auf Platte.

Ich habe neulich ein Bild gesehen, welches einen Pinguin zeigt. Er schaut versonnen nach oben und sagt: Es gibt mehr Sterne als Idioten. Das Ganze soll vermutlich beruhigen. Wie wirkt das auf Euch?

Audio88: Ich finde Pinguine süß.

Yassin: Nur weil es verhältnismäßig wenig Menschen gibt, sind dennoch verhältnismäßig viele Idioten darunter zu finden. Aber der Pinguin an sich ist sehr beruhigend.

Sprechen wir von diesen Idioten. In den letzten Monaten wurde euch ja eine ganze Springflut von Idiotie frei Haus geliefert. War das gut für die Fertigstellung des Albums, oder eher kontraproduktiv?

Audio88: Ja, das letzte halbe Jahr war schon sehr produktiv. Das stimmt.

Yassin: Ich finde es immer schwieriger sich zu entscheiden wogegen man jetzt eigentlich ist. Andererseits musst du dich mittlerweile, um richtig kritisieren zu können, ernsthaft mit der Materie auseinandersetzen. Im Idealfall erhöht das die Qualität der Kritik. Manchmal aber auch nicht.

Schweigen ist aber weiterhin keine Option?

Audio88: Nein.

Yassin: Wobei sich hin und wieder die Menschen so viel selbst Recht geben, dass Schweigen wirklich die beste Option sein kann.

 

Audio_Yassin_Artikelbild
AUDIO88 & YASSIN. Photo-Credit: Robert Winter

 

So lange das Konzept “schweigender Rapper” allerdings noch nicht serienreif ist, hassen die Beiden weiter. Und zwar so lange bis der Asphalt explodiert. Normaler Move, Bruder. Laktoseintoleranz ist das AIDS des kleinen Mannes. Prinz Pi macht Musik, die so klingt wie ein Fahrrad mit dreieckigen Reifen. Überhaupt: Glückliche Menschen machen schlechtere Musik. Der Rest wütet auf “Normaler Samt”: Grim104 von Zugezogen Maskulin besucht das Restaurant der Hölle, bis ihm die Fontanelle bricht. Mädness beklagt die Preisstruktur des horizontalen Gewerbes. Und auf dem vermutlich wildesten Possecut des Jahres beschimpfen 12 Rapper, von Dexter bis Sylabill Spill, eigentlich alles und jeden. Normaler Move, Bruder. Normaler Move.

Ich möchte euch etwas unterstellen.

Yassin: Du hältst uns für Pinguine?

Ich unterstelle Euch eine Portion Altersmilde.

Yassin: Ach, ja.

Audio88: Vielleicht. Es ist richtig, dass “Normaler Samt” nicht nur eine Hasstirade geworden ist. In großen Teilen ist dieses Album auch eine Liebeserklärung. Es gibt ja auch Dinge, die uns positiv beeinflusst haben. Sei es ein Sample, oder ein textlicher Querverweis, den wir bringen. Wir sind, und das ist dann vielleicht diese Altersmilde, an einem Punkt an dem wir auch zugeben können, dass uns etwas gefreut hat.

Yassin: Unsere Lebensumstände haben sich in den letzten fünf Jahren verändert. Misanthropie ist weiterhin ein Thema, aber es haben sich neue dazu gesellt.

Audio88: Und es ist wieder die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Ein schlechter Rapper regt mich einfach nicht so sehr auf wie Rassismus. Heißt: wir haben Abstufungen gefunden, die wir für wichtig und richtig halten.

Wer will, der kann das auch auf die Musik anwenden. “Normaler Samt” ist erstaunlich melodiös. Es wird sogar regelmäßig gesungen. Wer hat damit angefangen?

Yassin: Das war ich.

Audio88: Ich gröhle besser, als ich singe.

Yassin: Das ist dann wohl das, was man unter künstlerischer Weiterentwicklung versteht. Mir haben schon damals, zu Darmstädter Zeiten, die Gesangsparts von Manges sehr gut gefallen. Das trat bei unseren letzten Releases nicht wirklich in Erscheinung, aber Gefallen an Melodien hatte ich schon immer.

Audio88: Ich gebe gerne zu, dass es am Anfang wirklich befremdlich war. Aber es fühlte sich eben auch richtig an. Ein Ohrwurm ist nichts Verkehrtes.

 

“Normaler Samt” enthält 15 misanthropische Ohrwürmer zum gehässigen Mitpfeifen, erscheint am 13.03.2015 auf Heart Working Class und kann hier bestellt werden.

 

 


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

4 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.