Essen? Davon wird man dick und blöd. Guck dir lieber nen Foodporn an

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Artikelbild basiert auf "Burgers x Brunch" von Jonathan Lin (CC BY-SA 2.0)
Artikelbild basiert auf "Burgers x Brunch" von Jonathan Lin (CC BY-SA 2.0)

Neulich will ich mir gediegen einen Porno reinziehen, da stoße ich auf Attila Hildmann. Macht der jetzt also auch in Sex, denke ich mir, und ekel mich schon ein bisschen. Mit Grausen denke ich an „Two girls one cup“, stelle mir Hildmann vor, mit eingeöltem, fleischfreiem, Oberkörper, auf seinem Porsche-Ledersitz, wie er züngelnd einen Becher veganer Schokolade ausschlürft. Hockt der doch sowieso schon in jeder Talkshow und vermiest mir den Spaß am Essen, nun will er mir also auch noch meine Libido zerstören.

Okay, zugegeben, das ist nur halb wahr. Ich gucke mir natürlich keine Pornos an, wer macht denn sowas? Ich wollte mir also gediegen ein Rezept reinziehen, da stoße ich auf Attila Hildmann. Und der macht wirklich in Sex. „Foodporn“ heißt seine neueste Video-Kreation, und die geht so: „Vegangsta“ Hildmann stellt auf Henglisch (das ist sowas wie Englisch, nur Deutsch ausgesprochen, und mit einer affektierten ämerikänischen Intonation) seine abgefahrenen Gerichte vor, die 1. mega sexy machen, 2. mega sexy machen und 3. die Bitches einen loven lassen. Weil Kochen damit immer noch nicht krass aufregend ist und Detlev D! Soost einen ja schon sexy macht, wird nun alles mit zuckenden Kameramoves und uuuultraaaalaaaangsaaaaameeeeen Zeitlupenszenen untermalt. Diiiiieeee Zwiiiiiiiieeeeebeeeeeln faaaaaalleeeeen iiiiiiiiiin deeeeeen Toooooopf. Aaaaaaaatttiiiiiilaaaaaa beeeeeeißt iiiiiiiiin eeeeeeeiiiineeeeen Buuuuuuurgeeeeeer. Ungefähr wie beim echten Sex. Aber seht selbst:

VEGANGSTA FOODPORN #2 Komplette Folge

Jetzt alle 2 Wochen eine neue Vegangsta Folge 🙂 Eure Vorschläge fürs nächste Rezept? Fanpage liken: www.facebook.com/pages/Vegangsta/145027925615850Du möchtest bei der Vegangsta Show mitmachen? Bewirb dich mit deiner coolen Story oder mit überzeugenden Bildern? 😛 vegangsta@attilahildmann.com ??kostenlose Rezepte: http://goo.gl/iF2zGj??Kostenlose Android-App: http://goo.gl/SPhuo7??Foodporn Gruppe: http://goo.gl/8E9Q1e

Posted by Attila Hildmann on Donnerstag, 8. Januar 2015

 

Keine Ahnung, wie’s euch geht, aber mir wird dabei schlecht.

Zwar habe ich mir das in diesen skurrilen Zeiten des medialen Nonsense schon fast abgewöhnt, aber nun überkommt’s mich: Ich frage nach dem Sinn. Ich frage mich, warum wir heute Foodporn brauchen, um Appetit zu bekommen, warum Kreti und Pleti mich mit ihren ständig wechselnden Essensreligionen nerven, warum man alle vier Wochen zu einer neuen konvertieren muss, die mal Fett verteufelt, mal die Kohlehydrate, mal das Salz, mal Gluten, mal Laktose, mal Histamin und mal alles, was irgendwie lecker schmeckt. Ich finde, diese Nahrungsbestandteile können gar und überhaupt nichts dazu, dass uns langweilig ist. Lebensmittel-Rassismus macht sich breit. Essen wird aber nicht nur eingeteilt in gut und schlecht, gesund und gefährlich, sondern auch in ethisch und unethisch.

„Pass auf, wenn du darüber schreiben willst“, warnt mich meine Freundin Vamessa Z. (Name geändert), „Die Essensfanatiker sind nicht zu unterschätzen.“ Vamessa möchte unerkannt bleiben. Also spricht sie nur mit verzerrter Stimme und als Silhouette im gleißenden Licht eines Hotelzimmerfensters mit mir. „Ich musste schon so viele Anfeindungen über mich ergehen lassen. Ich bin für diese Menschen Veganerin zweiter Klasse“, erzählt sie, dann kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten, wir müssen die Schreibarbeiten abbrechen. Vamessa isst nämlich vegan, nicht weil sie Tiere liebt, sondern weil sie gesund und fit sein will. Sie trinkt manchmal Wein, der mit Gelatine gefiltert ist. Und gönnt sich sogar ab und an Chips mit Tieraromen. Egoistisch statt ethisch. Das finden manche so abartig, dass sie Vamessa dafür verachten. Selbstgeißelung wird verlangt, moralische Entsagung, nicht Foodporn-Lifestyle.

Versteht mich nicht falsch, ich will mich gar nicht über Menschen lustig machen, die sich für eine nachhaltige, weitsichtige, faire und tierfreundliche Esskultur stark machen. Ich bewundere das, und versuche auch meinen Teil dazu beizutragen. Nicht umsonst haben mich meine knorken Eltern wöchentlich auf den Biobauernhof geschleppt und mit der Öko-Abo-Kiste gequält, wegen der man manchmal tagelang nur eine Sorte Gemüse essen durfte – Mangold-Auflauf, Mangold-Suppe, Mangold-Eintopf, Mangold-Pasta, Mangold-Salat, Mangold-Brei, Mangold-Bratlinge. Nächste Woche: Pastinaken. Pastinaken-Auflauf, Pastinaken-Suppe, Pastinaken-… Ihr wisst schon. Aus Trotz habe ich manchmal heimlich Chickenburger bei Mäckes gegessen. Es tut mir leid, Mama.

Ich will mich auch nicht über Menschen lustig machen, die sich gesund ernähren wollen, die fit und attraktiv und knackig sein wollen wie eine frische Karotte. Nein, ich bewundere auch das. Dieser Lebensstil geht nämlich einher mit Disziplin und Härte und oft einem beeindruckend detaillierten Wissen über Trophologie und die komplexen Stoffwechselvorgänge des Körpers. Man muss schon richtig asketisch sein, um bei jeder Mahlzeit seinen bibeldicken Ernährungsplan im Auge zu behalten. Solange ihr mich nicht missioniert, bin ich auch damit einverstanden. Lasst mich nur ohne schlechtes Gewissen nach 20 Uhr meine Schokocreme verputzen. Und bleibt mir fort mit eurer Steinzeit-Diät, solange ihr nicht im Lendenschurz mit Speer bewaffnet durch den Park schleicht und Karnickel jagt. Das wäre mal konsequent.

Den Nahrungs-Rassismus befördern übrigens oftmals Produzenten verschiedener Lebensmittelgruppen (über die altbekannte Lügenpresse) oder auch Forscher, die von Geldquellen aus der Industrie abhängig sind (das nennt man dann wohl Lügenforschung), sagt Harvey Levenstein, Autor des Buches „Fear of Food“. Nach der Fett-Diskriminierung stieg beispielsweise der Absatz von Margarine, nach der Entdeckung von Vitaminen wurden allerlei Pillen an Mann und Frau gebracht, mit dem vegetarisch-veganen Hype steigt der Konsum von Soja-Produkten und alternativen Eiweißquellen. Mal ist dies böse, mal das böse, und am schlimmsten ist, dass wir alle davon sterben.

Ich komme so langsam dahinter, warum wir Foodporn brauchen: Wir behandeln Lebensmittel nicht mehr leidenschaftlich und herzlich, sagen ihnen nicht mehr, dass sie sexy und lecker sind und wir sie gern haben. Stattdessen mäkeln wir an ihnen herum, finden sie fett, behaupten, dass wir von ihnen Alzheimer, Krebs oder Pickel bekommen, dass wir allergisch auf sie sind und blöd von ihnen werden, ersetzen sie alle paar Wochen durch neue Partner, die noch gesünder, noch schlanker, noch attraktiver, noch vitaler sind, kurz: Wir lieben sie nicht mehr. Und wer hat schon guten Sex mit jemandem, den er nicht mehr liebt? (Den Schokocreme-Quicky aus dem Kühlfach mal ausgenommen, aber nach dem fühlt man sich auch schlecht)

Warum ist das so? Wissen wir zu viel? Oder haben wir zu viel? Ich glaube, beides. Wir können uns vor gefährlichem Halbwissen nicht retten und gleichzeitig ein Pfund Fleisch für ein paar Cent kaufen. Verzicht wird zum Ersatz-Luxus.

Es gab mal eine Generation, die strotzte vor Liebe zum Essen. Meine Oma zum Beispiel, die wäre wohl heute ein Pornostar. Aber sie möchte mit ihren 89 Jahren nicht mehr so viel Publicity. Dabei kommt sie ganz ohne Wackelkamera, versaute Sprüche und Zeitlupenszenen aus. Seht selbst:

Ömmsche beim Foodporn
Ömmsche beim Foodporn
Ömmsches Foodporn “Russischer Hackfleischtopf”: 2 Zwiebeln, 3 Esl Öl, 500 g geh. Rindfleisch, 1 Stange Lauch, 1 kleine Dose Tomatenmark, 1/4 bis 1/2 l Fleischbrühe, 1 Esl Senf, 1 Tel Paprika, 1 Tel Salz, 1/2 l saure Sahne. Zubereitung; Öl im flachen Topf erhitzen, Fleisch darin anbraten, die gehackten Zwiebel und Lauch …

Artikelbild basiert auf “Burgers x Brunch” von Jonathan Lin (CC BY-SA 2.0)


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7 KOMMENTARE

  1. der soll sich seine big-ass-burger ja genau…
    ich bleib bei toten tieren, erdäpfeln, nudeln, frischem gemüse aus dem eigenen garten, chilis…
    und koche (und geniesse) auch weiterhin so, wie ich es von meiner oma gelernt hab…

  2. Wollte nach dem Lesen vieler deiner Artikel endlich mal ein dickes Lob da lassen. Ich stimme zwar in vielen zum Teil grundlegenden Punkten nicht mit dir überein, aber ich bewundere und schätze unglaublich deine ausgesprochen differenzierte Herangehensweise an die Themen, über die du schreibst.
    Deine Blogeinträge biegen die Welt angenehm wenig so hin, dass sie in ein bevorzugtes Weltbild passen.
    Mach weiter so!

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